Digitale Bildung in Schule: „Wichtig ist, dass man Lehrer unterstützt und ihnen die Vorteile zeigt”

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HANNOVER. Die digitale Bildung in Deutschland kommt, aber sie kommt – so der Eindruck – extrem langsam. Warum ist das so? Wir sprachen darüber mit jemandem, der es wissen muss: Stephanie Kleta-Bohmann, promovierte Sprachwissenschaftlerin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Digitale Bildung. Sie berät Schulen bei der Digitalisierung.

“Die Digitalisierung erspart Lehrern viel Zeit und Arbeitsaufwand in der Selbstverwaltung”, sagt Expertin Stephanie Kleta-Bohmann. Foto: Shutterstock

Was sind die größten Probleme bei der Digitalisierung für die Schulen vor Ort?

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Kleta-Bohmann: Als erster Punkt sind die Kosten zu nennen. Klar, die Einführung der Digitalen Bildung ist nicht umsonst zu haben. Dann geht es um die Netzanbindung. Vor allem die ländlichen Regionen haben dabei einen großen Nachholbedarf. Darüber hinaus ist es nach wie vor eine Herausforderung, die Lehrerinnen und Lehrer vom Sinn der Digitalen Bildung zu überzeugen. Die Kollegien mit ins Boot zu holen, das wäre extrem wichtig. Selbst wenn die Ausstattung top ist und das Internet wunderbar schnell, heißt es eben noch lange nicht, dass alle Lehrer dann „Hurra“ schreien, wenn sie mit digitalen Lernmitteln unterrichten sollen. Wichtig dabei ist es, dass man sie nicht alleine lässt – dass man ihnen also zeigt, wie sie die Geräte sinnvoll einsetzen können.

Ist denn wirklich so viel Geld nötig, um eine Schule zu digitalisieren?

Kleta-Bohmann: Wie hoch die Kosten für die Digitalisierung einer Schule tatsächlich ausfallen, ist von Standort zu Standort sehr unterschiedlich – und auch eine Frage der Ansprüche. Natürlich braucht man eine Internetanbindung. Aber muss es Glasfaser sein? Oder reichen andere Verbindungen? Überhaupt: Soll alles Wünschenswerte auf einmal realisiert werden, oder geht’s auch nach und nach? Etwa beim WLAN – muss gleich das komplette Schulgelände versorgt werden oder reicht erstmal ein Gebäude oder nur ein paar Klassenräume? Vielleicht ist es ja sogar sinnvoll, wenn erst mal nur einzelne Klassen im Unterricht mit digitalen Endgeräten einsteigen. Das sind Fragen, die auf die Schulleitung, das Kollegium und den Schulträger zukommen. Antworten sollten in einem Medienentwicklungsplan gefunden werden, einem mit allen wichtigen Parteien abgestimmten Einführungskonzept also. Wichtig ist: Man kann mit relativ wenig Geld starten. Die Schutzbehauptung „Wir haben kein Geld“ stimmt einfach nicht.

Gibt es eine Hausnummer, die als Mindestsumme gelten kann, wenn eine Schule erst mal nur mit einer Klasse starten möchte?

Kleta-Bohmann: Wenn die Schule eine einigermaßen brauchbare Internetverbindung hat, dann benötigt sie einen Router und ein Präsentationsmedium im Klassenraum – ob nun eine digitale Tafel, einen Bildschirm oder einen Beamer. Mit einer Innenausstattung zwischen 3.000 und 5.000 Euro für das digitale Klassenzimmer kann eine Schule also schon starten. Früher hat man dann ja auch noch PC-Kabinette benötigt, die dann in der Regel der Schulträger zu finanzieren hatte. Aber das ist vorbei. Heute gehen wir davon aus, dass jedes Kind ein eigenes Endgerät in den Händen halten sollte. Und das läuft dann in über 90 Prozent über eine Finanzierung durch Eltern.

Wie sieht ein solches Modell in der Praxis aus?

Kleta-Bohmann: Meistens sind das Finanzierungsmodelle, die für zwei, drei oder auch vier Jahre laufen. Dabei zahlen die Eltern im Monat einen Beitrag. Vor einigen Jahren, als das anfing,  wurden Schüler-Notebooks noch für über 30 Euro im Monat finanziert, mittlerweile liegt man bei Tablets bei nur noch rund 15 Euro monatlich. Das heißt: Eltern wenden gerade mal 50 Cent am Tag dafür aus, dass ihr Kind immer mit zeitgemäßen und attraktiven Lernmitteln ausgestattet ist. Und auch für finanzschwache Familien gibt es Lösungen, etwa dass für sie die Kommune einspringt. Wenn ich dann die Kosten für die Schulbücher dagegen rechne, für Arbeitsmaterialien aus Pappe und Papier, die alle vier Wochen ersetzt werden müssen, dann ist das wohl am Ende ein Nullsummenspiel. Das zeigt sich auch an den Schulen, die wir beraten: Mittlerweile ist das Geld für Eltern praktisch kein Thema mehr. Früher gab’s darum immer Diskussionen.

Beim Internetanschluss der Schule kann’s dann aber teuer werden?

Kleta-Bohmann: Glasfaser wäre natürlich schön, ganz klar, aber es muss nicht sein. Man kann auch mit wenig gut arbeiten. Man muss sich halt anders organisieren. Dafür entwickeln wir gemeinsam mit den Schulen pädagogische Konzepte.

Wie sieht ein solches Konzept aus?

Kleta-Bohmann: Wir haben es oft mit Schulen zu tun, in denen nicht gleichzeitig 30 Schülerinnen und Schüler ein YouTube-Video herunterladen können. Das muss aber auch nicht sein. Digital gestützter Unterricht heißt ja nicht „4K Dauerstreaming“. Und wenn mal ein Video geladen werden muss, dann kann das auch von zu Hause aus geschehen. Oder Inhalte werden in der Schule in einem Caching Server gespeichert, von wo sie sich dann abrufen lassen. Es gibt auch Lernplattformen, bei denen der Lehrer sich das Internet zum Beispiel für eine oder mehrere Schulstunden für seinen Kurs in der Schule reservieren kann, wenn er es dringend benötigt, als Ressourcen Management. Es gibt so viele Möglichkeiten – wenn ich in Physik einen Versuch gefilmt habe, dann brauche ich kein Internet, um ihn mir anzuschauen. Ich muss den Unterricht halt nur anders organisieren.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Kolleginnen und Kollegen die Einführung der digitalen Bildung als eine weitere Zumutung – neben täglichen Herausforderungen wie Inklusion, Integration und Lehrermangel – verstehen?

Kleta-Bohmann: Ja, natürlich. Wir müssen auch ehrlich sein: Bei der Einführung ist die Digitalisierung sicher eine Mehrbelastung. Aber danach ist die Technik eine enorme Entlastung. Sie erspart Lehrern viel Zeit und Arbeitsaufwand in der Selbstverwaltung.

Konkret – wie sparen Lehrer Zeit durch Digitalisierung?

Kleta-Bohmann: Klar, die meisten haben jetzt schon zu Hause einen privaten PC, den sie zur Unterrichtsvorbereitung nutzen. Am Ende drucken sie die Arbeitsblätter dann aber doch aus und verteilen die Bögen per Hand im Unterricht. Digital lässt sich alles abspeichern, papierlos an die Schüler schicken und auch wieder einsammeln.

Ich habe die Ergebnisse dann in meinem mobilen Gerät immer bei mir. Ich kann meine Klasse digital verwalten. Ich kann mein Material an einen Kollegen schicken – etwa wenn der für mich eine Vertretungsstunde gibt. Auf einer E-Learning-Plattform kann ich mit anderen Lehrern meine Materialien teilen und muss nicht mehr jede Stunde selbst komplett vorbereiten, sondern kann mir Vorhandenes holen und anpassen. Thema Differenzierung im Unterricht: Arbeitsblätter auf verschiedenen Niveaustufen sind schnell erstellt. Ich kann mit den Kindern individuell kommunizieren und sehe genau, was wer gemacht hat. Differenzierter Unterricht lässt sich so viel einfacher und leichter verwirklichen – ohne Kinder zu stigmatisieren.

Stichwort Diagnose: Wenn ich einen Multiple-Choice-Test schreiben lasse, liefert mir der Rechner in Sekundenschnelle eine Auswertung. Wenn ich 30 Tests auf Papier auswerten will, brauche ich zwei Stunden.

Auch bei den Problemen, die den Lehrerinnen und Lehrern aktuell besonders auf den Nägeln brennen, gibt es große Vorteile. Beispiel Inklusion: Die Technik bietet eine ganze Menge an Möglichkeiten für Kinder mit eingeschränkten Lernmöglichkeiten – ob das nun die VoiceOver-Funktion für Blinde ist, bei der Texte vorgelesen werden, oder Kopfhörer für Hörgeschädigte, die ein lautes Mithören erlauben, ohne andere Schüler zu stören. Diese Kinder können plötzlich viel besser am Unterricht teilnehmen. Oder wenn Kinder nicht dauerhaft aus gesundheitlichen Gründen in der Schule dabei sein können, dann haben sie mit Hilfe diverser Apps die Möglichkeit, den kompletten Unterricht nachzuvollziehen – auch vom Krankenbett aus. Und was die Geräte natürlich noch bieten: Übersetzungsmöglichkeiten. Allein der Google Übersetzer liefert über hundert Sprachen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Der zweite Teil des Interviews, in dem es um den Unterricht und die Lehrerrolle in Zeiten der Digitalisierung geht, bringen wir in den nächsten Tagen.

Zur Person
Stephanie Kleta-Bohmann. Foto: privat

Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Stephanie Kleta-Bohmann war Redakteurin großer Bildungsverlage in Deutschland, bevor sie die Geschäftsführung von adiuvantis übernahm, einem Beratungs- und Unterstützungsdienst für Entwicklung und Aufbau digitaler Lernwelten in Schulen.

Sitz des Unternehmens, das Schulen und Schulträger bundesweit berät, ist Hannover. Der Ansatz der Mutter von drei Kindern ist ein pädagogischer. Sie sagt: „Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Aber sie bietet, sinnvoll angewandt, für die Schulen große Chancen.“ Dr. Kleta-Bohmann ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Digitale Bildung. Kontakt: www.adiuvantis.de

Das Interview wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Digitale Bildung: Worauf es beim Computer-Einsatz im Unterricht wirklich ankommt – ein Interview mit dem Bildungsforscher Klaus Zierer

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4 KOMMENTARE

  1. Komisch: Wo doch alles so günstig und genial ist, dass Lehrkräfte das gar nicht bejubeln?

    Ein bisschen Mehraufwand… klar…
    … ein Konzept muss her
    … eine neue Organisationsform
    … ein bisschen Digitalisierung, um die man sich dann in Listen einträgt
    … Organisation und Verwaltung der Endgeräte
    … Organisation, Verwaltung und Wartung der Netzwerke, Zugänge und Berechtigungen
    … kostengünstig ist das alles, weil Bücher ersetzt werden, die man in den Stunden, in denen man die Ausstattung nicht zur Verfügung hat, aber dennoch benötigt … und digitale Ausgaben von Schulbüchern, deren Lizenzen man ebenso bezahlen muss.

    Wo war eigentlich die Rede davon,
    … dass Lehrkräfte für ihre Arbeit PC bzw. Endgeräte zur Verfügung gestellt bekommen?
    … dass Lehrkräfte für den notwendigen Aufwand Zeit erhalten?
    … dass Lehrkräfte für die Einarbeitung und Erstellung der Materialien für die Nutzung Zeit erhalten?

    Und wo genau waren die Vorteile und die Unterstützung der Lehrkräfte?

    In der Überschrift steht:
    “Wichtig ist, dass man Lehrer unterstützt und ihnen die Vorteile zeigt”

    Im Text steht:
    “Wichtig dabei ist es, dass man sie nicht alleine lässt – dass man ihnen also zeigt, wie sie die Geräte sinnvoll einsetzen können.”

    Die Wirtschaft, die die Digitalisierung vorantreiben möchte auf Kosten der Eltern- und Lehrerschaft, beteiligt sich an der Unterstützung genau woran?

      • Ist halt wieder einmal eine Vertreterin der Bildungsindustrie, die hier spricht. (“…war Redakteurin großer Bildungsverlage in Deutschland, bevor sie die Geschäftsführung von adiuvantis übernahm, einem Beratungs- und Unterstützungsdienst für Entwicklung und Aufbau digitaler Lernwelten in Schulen.”)

  2. „Heute gehen wir davon aus, dass jedes Kind ein eigenes Endgerät in den Händen halten sollte. Und das läuft dann in über 90 Prozent über eine Finanzierung durch Eltern.“
    Fraglich bleibt, was es dem Unterricht bringen wird, wenn die SuS ihre privaten, mobilen Endgeräte in den Unterricht mitbringen, auf denen sich Spiele, private Post etc. befindet, und auf die LuL wegen des Fernmeldegeheimnisses keinen Zugriff haben.
    Wie soll sichergestellt werden, dass die SuS sich nicht untereinander oder mit externen Experten austauschen – sowohl im Unterricht als auch bei Leistungsüberprüfungen?
    Auch hinsichtlich der Lernmittelfreiheit scheint BYOD nicht dem aktuellen Schulrecht in Deutschland vereinbar. Denn falls eine Schule beschließen sollte, im Klassenverband mit mobilen Endgeräten zu lernen, müssen natürlich alle Schüler mitlernen können. Folglich müssen Eltern ihre Kinder dann verpflichtend mit mobilen Endgeräten ausstatten, diese Geräte instand halten, gegebenenfalls zeitnah reparieren lassen und im besten Falle ein Ersatzgerät vorrätig halten. Dies übersteigt den Eigenanteil an Lernmitteln deutlich. Denn gemäß der Verordnung über die Durchschnittsbeträge und den Eigenanteil nach § 96 Abs. 5 SchulG liegen die Durchschnittsbeträge für den Eigenanteil an Lernmitteln, der an allgemein bildendenden Schulen pro Schüler im Schuljahr entrichtet werden soll, unter 100 €. Damit lassen sich keine geeigneten mobilen Endgeräte kaufen, in Betrieb nehmen und gegebenenfalls instand setzen. I. d. R. reicht das Geld knapp für die benötigten Schulbücher.
    An diesem Eigenanteil an Lernmitteln orientiert sich auch § 28 Abs. 3 SGB II. Zudem finden bei Schülern in Abhängigkeit von ihrem Alter gem. § 6 Regelbedarfs-Ermittlungsgesetz auch noch regelbedarfsrelevante Verbrauchsausgaben für die Nachrichtenübermittlung Berücksichtigung, ca. 70 Prozent von 36,56 € pro Monat. Wenn BYOD an deutschen Schulen verpflichtend eingeführt werden soll, dann müssen die Grenzen des § 28 Abs. 3 SGB II an die veränderte Situation angepasst werden.
    Zudem ist aus der neurobiologischen Forschung bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu Schädigungen in der Gehirnentwicklung führen kann. Irreversible Schäden können speziell die Reifungsvorgänge des Stirnhirns betreffen und die Sozialisierung der Kinder schwer behindern.
    Obendrein beschränken die mobilen Endgeräte die Möglichkeiten der Schüler schriftlich zu denken. Während die Schüler ihre Gedanken auf Papier frei strukturieren, gruppieren und aufschreiben können, setzen ihnen Textverarbeitungs-Programme Grenzen.
    Es gibt mittlerweile sogar Studien, die belegen, dass das mobile Endgerät – auch wenn es nur ungenutzt rumliegt – die Konzentration stört…
    Welche Gründe sprechen für BYOD – bis auf die finanziellen Gründe???

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