Hintergund: Wo Deutschland bei der Bildung steht – 17 Jahre nach dem PISA-Schock

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BERLIN. Der PISA-Schock war gestern – bis heute hat Deutschland bei der Bildung deutlich aufgeholt. Trotzdem ist das Land von Spitzennoten zumindest in einigen Bereichen noch weit entfernt.

Sind falsche Lehrmethoden die Ursache für den Leistungsabfall im IQB-Viertklässler-Test? Grundschullehrer wehren sich. Foto: Shutterstock
Deutschlands Lehrer haben in den vergangenen 17 Jahren einen guten Job gemacht. Foto: Shutterstock

Vor 17 Jahren schockte die erste PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte auf, dass die Leistungen der deutschen Schüler unterdurchschnittlich waren. Die Schulleistung war besonders in Deutschland stark an die soziale Herkunft gekoppelt. An diesem Dienstag stellt die OECD eine neue Bildungsstudie vor. Was sind die Perspektiven heute?

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Hat die OECD Deutschland zuletzt immer noch ein schlechtes Zeugnis ausgestellt?

Nein, zumindest nicht durchgängig. Eine neue PISA-Auswertung im Februar zeigte: In kaum einem anderen Land ist der Anteil sozialschwacher Schüler mit soliden Leistungen so deutlich gewachsen wie in Deutschland – von 25,2 im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent 2015.

Warum holte Deutschland hier auf?

Die Gründe liegen laut den OECD-Experten auf der Hand: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht mit bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas.

Sind damit die Probleme bei der Bildung in Deutschland nun gelöst?

Nein. Noch immer schneidet Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit schlechter ab als der OECD-Durchschnitt. Laut dem Bildungsbericht 2018 einer unabhängigen Forschergruppe im Auftrag von Bund und Ländern gibt es eine verfestigte Spaltung zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern. Fast jeder zehnte Jugendliche in Stufe 9 verfehlt den Mindeststandard beim Lesen. Dagegen stieg der Anteil der Schulabsolventen mit Abitur binnen zehn Jahren von 34 auf 43 Prozent 2016.

Welche Probleme gibt es noch?

Etwas mehr Grundschüler können heute Texte nicht gut verstehen als um die Jahrtausendwende. Ob bei Mathe, Zuhören oder Rechtschreibung – auch hier wurden sie binnen fünf Jahren im Schnitt schlechter. Das zeigten Schulstudien im vergangenen Herbst (Iglu und IQB-Bildungstrend).

Was plant die Große Koalition?

Unter anderem eine Investitionsoffensive für Schulen und deren flächendeckende Digitalisierung, mehr Ganztagsangebote für Grundschüler und mehr Geld für den Kitaausbau, wobei Eltern auch bei den Gebühren entlastet werden sollen.

Was fordern die Gewerkschaften?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt eine gezielte Förderung von Schulen in Brennpunktbezirken. «Die Kinder in den hier gelegenen Schulen brauchen mehr Unterstützung und Förderung», sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. «Deshalb müssen dort mehr Lehrkräfte eingestellt werden, so dass die einzelnen Lehrer weniger Pflichtstunden unterrichten müssen. Es sind oft Kinder, die zuhause keine Bücher vorgelesen und keinen Zugang etwa zu klassischer Musik bekommen. Für sie sind etwa künstlerische Projekte wichtig, Rollenspiele, die Erarbeitung beispielsweise von Theater- oder Zirkusprojekten.»

Was kann noch getan werden?

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher meint: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht von schlechter- und bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas. «Lehrer werden oft allein gelassen im Klassenzimmer», sagt er. Ihre Deputate sollten sinken, sie sollten mehr Zeit haben für fächerübergreifendes Lehren, für die Förderung schwächerer Kinder, für Teamarbeit.

Was erschwert Verbesserungen in Deutschland?

Unter anderem der Lehrermangel. Deswegen gibt es immer mehr Seiteneinsteiger. Tepe sagt, die Länder täten viel zu wenig dagegen. «Dass viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, ist in der Not richtig», meint sie. Diese müssten aber pädagogisch nachqualifiziert werden – und zwar bevor sie das erste Mal vor einer Klasse stehen, in der Schule und berufsbegleitend. «Zudem muss nun endlich die Zahl der Studien- und Referendariatsplätze für Lehrkräfte kräftig erhöht werden.» Sie erwarte, dass sich die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Hochschulrektorenkonferenz darauf verständigen. Von Basil Wegener, dpa

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