Studie: Die „Fibel“ führt zu besserer Rechtschreibung – VBE ist skeptisch

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BONN. Wie Grundschüler am besten schreiben lernen ist heftig umstritten. Besonders die Methode „Lesen durch Schreiben“ ist stark in die Kritik geraten. Psychologen der Universität Bonn haben jetzt verschiedene Methoden verglichen.

Der „Fibelunterricht“ führt bei Grundschülern zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen als mit den Methoden „Lesen durch Schreiben“ oder „Rechtschreibwerkstatt“. Das haben Psychologen um Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn in einer groß angelegten Studie herausgefunden.

Altbewährtes Hilfsmittel für Kinder um Lesen und Schreiben zu lernen: Die Fibel Foto: Oxfordian Kissuth Wikimedia Commons(CC BY-SA 3.0)
Altbewährtes Hilfsmittel für Kinder um Lesen und Schreiben zu lernen: Die Fibel. Foto: Oxfordian Kissuth Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
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Seit etlichen Jahren machten sich viele Eltern Sorgen, weil ihre Kinder auch im dritten und vierten Schuljahr kaum die Regeln der Rechtschreibung beherrschen. „Sie fragen, ob dies auch mit der eingesetzten freien Lehrmethode zusammenhängen könnte, nach der die Kinder nur nach ihrem Gehöreindruck schreiben sollen“, berichtet Professor Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn. Zusammen mit Tobias Kuhl hat die Wissenschaftlerin ein Team geleitet, das die Rechtschreibleistungen von mehr als 3.000 Grundschulkindern aus Nordrhein-Westfalen systematisch untersucht hat.

Die Wissenschaftler verglichen dabei die Rechtschreibleistungen der Kinder, die mit drei unterschiedlichen Ansätzen das Schreiben erlernt haben, der Fibelmethode, „Lesen durch Schreiben“ und der „Rechtschreibwerkstatt“. Grundschüler lernen demnach Rechtschreibung am besten kklassisch mit der Fibel.

Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt und jeder Laut einem Buchstaben zugeordnet. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Kinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf vom Einfachen zum Komplexen erlernen und einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson gehören dazu.

Das lange gängige Fibel-Lernen war mancherorts vor allem vom «Lesen durch Schreiben» nahezu verdängt worden, bis sich daran immer mehr Kritik entzündete, wie Bildungsforscherin Nele McElvany von der Universität Dortmund erläutert. «Tatsächlich ist problematisch, dass es praktisch keine empirischen Studien gibt, was die Wirksamkeit dieser Methode angeht.»

Beim Ansatz „Lesen durch Schreiben“ (von Jürgen Reichen) werden Kinder angehalten, möglichst viel frei zu schreiben und das Lesen dabei mitlernen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sollen unterbleiben, weil das die Kinder demotiviere.

Dabei könne man Schüler sehr wohl Regeln und Prinzipien einüben lassen und sie zugleich mit positivem Feedback ermutigen, erklärt McElvany. Das Fibel-Lernen sei regelgeleitet, baue strukturiert aufeinander auf und setze auf Übungsphasen. Das Ergebnis der Psychologen mit der Top-Note für den Fibel-Ansatz hält sie für «nicht unplausibel».

Auch die „Rechtschreibwerkstatt“ (von Norbert Sommer-Stumpenhorst) gibt den Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.

Die Wissenschaftler testeten die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres mit der Hamburger Schreib-Probe. Sie erfasst als Standardverfahren die Rechtschreibleistungen von Schülern in Form eines Diktats. „Die Fibelgruppe hat sich gegenüber den beiden anderen Didaktikgruppen als überlegen erwiesen. Zu allen fünf Messzeitpunkten haben die Fibelkinder bessere Rechtschreibleistungen erbracht“, fasst der Doktorand Tobias Kuhl die Ergebnisse zusammen. So machten Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder. In der „Rechtschreibwerkstatt“ unterliefen den Schülern sogar 105 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkindern.

Tobias Kuhl erläutert zu der Forschungsarbeit: «Wir sind wertfrei rangegangen.» Das «Lesen durch Schreiben» und die «Rechtschreibwerkstatt» führten nachweislich zu vielen Fehlern. Ein fest vorgegebener Ablauf vom Einfachen zum Komplexen habe sich als klar überlegen erwiesen.

„Die Studienergebnisse weisen klar darauf hin, dass alle Kinder gleichermaßen vom Einsatz einer Fibel im Unterricht profitieren“, resümmiert Röhr-Sendlmeier. Die Überlegenheit des Fibelansatzes zeige sich sowohl bei Kindern mit deutscher Muttersprache als auch mit anderen früh erlernten Sprachen.

McElvany zufolge lasse die Studie allerdings insgesamt offen, ob es bei der Einschulung schon unterschiedliche Voraussetzungen bei den Kindern gab und inwieweit diese im Schulverlauf erhalten blieben. Angesichts der teils dramatisch schwachen Kompetenzen sei eine Methodendebatte wichtig. Orthografie sei Fleißarbeit und müsse in den ersten Schuljahren geübt werden. «Es ist wie auch das Lesen eine Kernkompetenz, die Grundschüler lernen müssen. Dafür brauchen sie in den Schulen und zuhause den zeitlichen Raum.»

Der Bildungsverband VBE zeigte sich hinsichtlich der neuen Ergebnisse skeptisch. Grundsätzlich sei es «nicht zielführend», die Rechtschreibfähigkeit als einzelnen Aspekt losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Der Vorsitzende Udo Beckmann meint: «Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung.»

Die Bonner Wissenschaftler hätten ihre Studienergebnisse bereits der nordrhein-westfälischen Bildungsministerin mitgeteilt. Offiziell vorgestellt wird die Studie beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt am Main. (News4teachers mit Material von dpa)

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12 KOMMENTARE

  1. Danke für den den Bericht über die Studie mit 3 x 1000 Schülern, stützt diese doch die von vielen betroffenen Schülern, Eltern und Lehrern gemachten Beobachtungen.
    Am Anfang steht die direkt Instruktion, die dann schrittweise von einer mehr begleitenden und dann einer mehr selbstständigen Methode des Schreibens und des Lesens abgelöst wird.

  2. Komische Studie.
    Es werden keine Umwelteinflüsse wie Computer, Fernsehkonsum etc. berücksichtigt und es wird nicht gleichzeitig untersucht, wie gern Kinder im Zusammenhang mit der jeweiligen Methode Geschichten etc.schreiben.
    Schon vor 40 Jahren gab es Untersuchungen aus den USA die Rechtschreibkenntnisse beeinträchtigen.
    Vor 30 (minus) Jahren lernten meine Kinder nach der Lesen-durch-Schreiben-Methode und sind alle 3 perfekt in Rechtschreibung.

    • @Cornelia Bemelman
      Handelt es sich um eine valide Studie, so sind die übrigen Einflussfaktoren auf den Lernerfolg der Schüler gleich gehalten, so dass sich die Gruppen nur in Bezug auf die drei verschiedenen Lernmaterialien unterscheiden.
      So wird jedenfalls im Bereich der Medizin wissenschaftlich gearbeitet, un bei der Studienleiterin gehe ich auch davon aus, dass sie diesen wissenschaftlichen Standart eingehalten hat.
      Die Stichproben von jeweils 1000 Schülern sind sehr groß und vermindern den Einfluss des Zufalls b, der bei kleinen Stichproben sich bemerkbar machen kann.

  3. Die Studie liegt ja anscheinend noch nicht im Detail vor. Wurden z.B. auch die Leistungen beim Schreiben eigener Texte verglichen (und nicht nur von Diktaten)? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Studie für einen häufig anzutreffenden Unterricht, der verschiedene Methoden kombiniert, z.B. freies Schreiben + Intervention und Aufarbeiten der Fehler durch gezielte und reflektierte Rechtschreibgespräche, bei denen die Kinder auch motiviert werden, zu lernen, sich selbst zu verbessern (vgl. z.B. B. Leßmanns Konzept)?
    Aber wie dem auch sei, meine Grundthese lautet, dass nicht so sehr einzelne Methoden an sich das Problem sind, sondern erstens das fehlende Vorhandensein von Fachwissen über den zu vermittelnden Inhalt, also über die Systematik der Schreibung des Deutschen und ihre Beziehung zur gesprochenen Sprache und zur Grammatik, bei den Lehrkräften und zweitens (gerade wenn man sich auch Schlagzeilen wie “Dauerstress im Schulalltag: ZDF-Dokumentation zeigt ‘Lehrer am Limit'” vor Augen führt) Zeit und Aufwand, die nötig sind, um bestimmte Methoden angemessen im Unterricht umzusetzen! Es mangelt vielfach einfach an Zeit und Geld für eine (dem Lerngegenstand: der geschriebenen Sprache) angemessene Aus- und Fortbildung der Lehrer’innen und für eine gute Vorbereitung des Unterrichts, der allen Kindern gerecht wird! Gerade freiere Methoden brauchen davon mehr (weil mehr Verantwortung bei der Lehrkraft liegt). Umgekehrt gesagt: Arbeit mit der Fibel entlastet die Lehrer’innen, weil schon vieles an Systematik, Unterrichtsideen und Materialien von den Fibel-Autoren vor-bereitet ist – und dann lernen natürlich auch mehr der Kinder besser!
    Unklar ist bislang aber auch, was die Studie genau mit “Fibel-Methode” meint. Denn die Fibeln von heute sind inhaltlich anders strukturiert und oft vielfältiger als vor 40 Jahren.
    Jedenfalls besteht ein großes Manko auch bei den gängigen Fibeln: Sie sind keineswegs frei von Mängeln und Widersprüchlickeiten in Bezug auf das Fachwissen über den zu vermittelnden Inhalt, also über die Systematik der Schreibung des Deutschen und ihre Beziehung zur gesprochenen Sprache und zur Grammatik. Die Fibeln gehen beispielsweise – nicht anders als z.B. “Lesen durch Schreiben”! – im Anfangsunterricht davon aus, dass zunächst ein (angeblich eindeutiges) “lauttreues”/”lautgetreues”/”lautorientiertes” Schreiben zu lernen ist. Der Unterschied ist nur, dass hier nur solche angeblich “lauttreue” Wörter zu schreiben sind, die der orthografischen Norm entsprechen. Das führt im Durchschnitt dann natürlich zu mehr “richtigen” (normgerechten) Ergebnissen als bei freieren Methoden, hilft den Kindern aber genauso wenig, die Systematik zu durchschauen und ein gutes Gefühl auch für das Schreiben unbekannter Wörter zu entwickeln. Wenn z.B. “Mama” und “Limo” (neben “Lama” und “Kino”) als “lauttreue” Wörter gelernt werden, verbaut es in der Anfangsphase geradezu die Wahrnehmung des Unterschieds von “kurzen” und “langen” Vokalen und dieser muss dann später erst mühsam wieder neu gelernt werden (“Hammer” vs. “Lama” usw.). Dies kann ein Fibel-Lehrgang wiederum zwar selbst wieder einfacher ausbügeln, als wenn die Lehrkraft auf sich selbst gestellt ist, macht aber das Grundproblem gängiger Schriftspracherwerbsdidaktik nicht besser.
    Gebraucht wird also m.E. vor allem (in Verbindung mit Zeit und Geld) eine QUALITÄTSOFFENSIVE für die Fachwissenvermittlung für Lehrkräfte, damit diese grundsätzlich und von Anfang an (und im Zweifel ohne Fibel-Vorlage oder auch gegen eine mangelhafte Fibel-Vorlage) sprachliches Wissen angemessen und systematisch vermitteln können (z.B. auch bei spontanen Fragen der Kinder).

      • Sind Sie sicher, Palim? Wenn das so umgesetzt werden würde, gäbe es eine neue Sau, die durchs Dorf bzw. die Grundschulen getrieben wird und damit einen neuen Grund, sich über massive bürokratische Zusatzarbeit zu beschweren.

        • Zunächst einmal habe ich mich für den BEITRAG bedankt, u.a. weil er eine andere Sichtweise anbietet zu der Mär, die Rechtschreibleistungen seien so schlecht, weil alle Schulen LdS umsetzen würden.

          Zudem finde ich einige Aussagen gut, nämlich
          – dass es an Zeit im Unterricht und im Lehreralltag mangelt, um bestimmte Methoden angemessen umzusetzen.
          – dass das Abarbeiten einer Fibel nicht der Königsweg sein muss.
          – dass neuere Fibeln durchaus Freies Schreiben aufgreifen, Übungen zur phonologsichen Bewusstheit schon länger und nach 20 Jahren fast durchgängig auch Silbenorientierung
          – dass es also nicht allein um eine Methode geht, sondern um einen vielfältigen Ansatz
          – dass es dazu Fachwissen benötigt, bei allen Wegen, AUCH beim Einsatz der Fibel, gerade weil in diesen Materialien durchaus Fehler enthalten sind, dass es einen als Lehrkraft schüttelt

          Ich bin allerdings der Meinung, dass es keine Qualitätsoffensive und intensive Fortbildung braucht, weil die Inhalte im Studium durchaus vermittelt werden, wurden und weiterhin werden können.

          Es braucht keine Qualitätsoffensive FÜR die Fachwissensvermittlung im Sinne von Fortbildung, sondern eine Qualitätsoffensive DURCH die Fachwissensvermittlung, angesichts derer Unterricht entsprechend konzipiert und sehr frühzeitig Lernschwierigkeiten und Probleme beim Schrifterwerb erkannt werden und im Anschluss angemessene, zeitnahe Förderung durch Fachlehrkräfte erteilt werden kann.
          Es ist, lieber xxx, übrigens genau das Fachwissen, das m.E. die Spezialisierung für den Erstunterricht ausmacht, das man für den Schrifterwerb, das Lesen und ebenso für den Erstunterricht in Mathematik benötigt und dem man entsprechende Anerkennung zollen sollte.

          Die Qualitätsoffensive, die es braucht, ist also keine, die eine „neue Sau durchs Dorf treibt“, sondern eine, die qualifizierten Lehrkräften Zeit und Entlastung beschert, Unterricht vernünftig vor- und nachbereiten zu können, statt aus Not durch das immense Arbeitspensum und angesichts des Deckeneffektes auf das Abarbeiten vorgefertigten Materials auszuweichen.

    • Das ist ein gut durchdachter und differenzierter Beitrag; in den Medien und in der Politik wird das wahrscheinlich wieder viel weniger sachlich und fachlich oft halbwahr diskutiert. Problematisch wird das dann, wenn von Seiten der Bildungspolitik Vorgaben gemacht werden, die zeigen, dass das Thema eigentlich nicht wirklich durchdrungen wurde…

  4. Leider hat es sich eingebürgert, dass viele ” Pädagogen” neue “richtungsweisende” Wege beschreiten. Dabei geht es viel weniger um die Verbesserung der Schülerleistungen, sondern vielmehr um die eigene Ego-Pflege. Wie kann es sonst sein, dass völlig dämliche Methoden in Schulen erlaubt und sogar von Kultusministern – die teilweise völlig pädagogisch und lernpsychologisch unbeleckt sind- unterstützt werden.
    Besonders Grüne und SPD-Länder sind da sehr aktiv. Egal, ob gut – Hauptsache was anderes!
    Jetzt zeigt eine Studie, dass die Lernmethoden „Lesen durch Schreiben“ bzw. „Rechtschreibwerkstatt“
    jämmerlich versagen. Unbestritten ist, dass unterschiedlich talentierte Kinder auch unterschiedliche Methoden benötigen. Also sind unterschiedliche Methoden auch nur differenziert anzuwenden und nicht zu verallgemeinern. Fest steht, ein Kind mit einem IQ von 80 wird kein Einstein, trotz Norbert Sommer-Stumpenhorst, Jürgen Reichen und pädagogischen Größen ähnlichen Kalibers! Jeder weiß, dass es viel mehr Anstrengung braucht, um falsch gelernte Dinge zu korrigieren, als es gleich richtig zu lernen. Trotzdem wurde nach der Methode Schreiben, wie hören unterrichtet. Und natürlich dürfen dann auch nicht die Fehler bemängelt werden. Das stresst nämlich das Kind und demotiviert es.
    Die Quittung bei einer Bewerbung für eine Arbeit gibt’s dann später. Wann kommen wir eigentlich dazu, dass Erziehung und Bildung wieder in den Händen von fachlich versierten Leuten liegt, und nicht jeder Idiot rein quatschen oder sogar mitbestimmen darf?

    • Wie viele SuS mit einem IQ von 80 haben Sie denn schon im Erstlesen unterrichtet?
      Welche Methode soll dabei dämlich sein?
      Bei einem so geringen IQ wird man auch mit einem Fibellehrgang und der in den Lehrermaterialien vorgeschlagenen Zeitspanne keinen Erfolg haben. Genau deshalb nutzt es nichts, auf einzelnen Methoden oder gar Lehrwerken zu bestehen, sondern braucht Lehrkräfte, die sich auskennen. Man wird bei diesen Kindern nicht umhin kommen, sehr individuelle Wege zu finden, die sich nach Vorkenntnissen, Basiskompetenzen und persönlichem Leistungsspektrum ausrichten.
      Angesichts der Beschulung von Kindern mit geringem IQ bedeutet dies die Norwendigkeit einer entsprechende Aus- oder Fortbildung auch für diesen Bereich.

    • @de Montechelle: “Jeder weiß, dass es viel mehr Anstrengung braucht, um falsch gelernte Dinge zu korrigieren, als es gleich richtig zu lernen.” Das hört sich erst einmal sehr klar und unbestreitbar an. Und – richtig verstanden – sehe ich es genauso. Allerdings frage ich mich dann, warum ich in den sozialen Medien und Kommentarspalten noch niemand über die gängigen Fibeln schimpfen gehört habe, obwohl, wie ich oben kurz angedeutet und beschrieben habe, dort ebenso im Anfangsunterricht viel Falsches den Kindern beigebracht wird. Zwar keine Schreibungen, die nicht der Norm entsprechen, aber eben doch falsche Einsichten über die geschriebene Sprache, die dann beim Schreiben freier Texte auch fatale Folgen haben können und später wieder mühsam umgelernt werden müssen! Wer am Anfang “Mama” als normale Schreibung (und nicht als Ausnahme) kennenlernt, wird später (gelinde gesagt) irritiert sein, “Hammer” schreiben zu müssen und am Anfang dazu tendieren, “Hamer” oder gar “Hama” zu schreiben! Man könnte einwenden: dann sollen eben im Fibelunterricht am Anfang gar keine (freien) Texte mit unbekannten Wörtern geschrieben werden. Aber das wäre auch fahrlässig: Denn gerade im Smartphone-Zeitalter beginnen die Kinder sowieso sehr zeitig, eigene “freie” Texte zu schreiben/zu posten/zu whatsappen. Auch deswegen ist es gut, wenn frühzeitig im Unterricht auch geübt wird, eigene Texte (mit noch nie geschriebenen Wörtern) zu schreiben. Und DABEI liegt der Hase im Pfeffer: Es lässt sich nicht vermeiden, dass Kinder hier auch Fehler machen (weil sie am Anfang nicht alles auf einmal lernen können). Aber dabei müssen Kinder gut begleitet werden und aus ihren Fehlern lernen können. DARIN (und nicht im “freien Schreiben” an sich) liegt die Krux der “reinen” Reichen-Methode, dass sie die Arbeit am Fehler ziemlich ausblendet und fast gar nicht interveniert wird. Dain liegt aber auch die Krux vieler Fibel-Lehrgänge, dass sie nicht versuchen, bestimmte Fehlerquellen erst gar nicht aufkommen zu lassen, sondern die Kinder leider zunächst auf manchen unsystematischen Holzweg führen! Gut wäre es daher, wenn vor allem die Lehrkräfte mit mehr Zeit, Unterstützung und vor allem qualifiziertem sprachlichen Know-How die Kinder beim Schriftsprachelernen per Fibel, wie auch beim “freien Schreiben” mit passenden Inputs zur Seite stehen können. (Solche methodischen Mischformen sind meines Erachtens ohnehin schon verbreitet, es fehlt eben an der genannten Qualitätsoffensive für diesen Unterricht!)
      Zweiter Gedankengang zu dem Zitat: Was heißt eigentlich “gleich richtig lernen”? Es kann ja wohl nicht heißen, dass ein Kind von Anfang an, alles über die Rechtschreibung auf einmal lernen kann. In jedem Fach lernt man ja zunächst nur (einfacher zu verstehende) Teile des Ganzen, Komplexeres kommt Stück für Stück dazu. Und das kann dann sogar heißen, dass man am Anfang Dinge lernt, die man später wieder umlernen muss. So erinnere ich mich gut an meinen eigenen Mathe-Unterricht, wo wir am Anfang gelernt haben, dass ungerade Zahlen “nicht durch 2 geteilt werden können”. Ich fand das als Kind schon etwas befremdlich, auch wenn mir dann bewusst wurde, dass die Lehrer’innen das so sagen müssen, weil “Teilen” (Bruchzahlen) ja noch nicht “dran war”. So ist es für mich durchaus nachvollziehbar, dass man auf die Idee kommt, sich, wenn man Schriftspracherwerb lehren möchte, zunächst auf die (einfacher zugängliche) phonetisch-phonologische Ebene zu konzentrieren (also wie Gehörtes/Gesprochenes in Geschriebenes/Buchstaben verwandelt wird), bevor dann auch die morphologische Ebene (Verwandtes wird nach bestimmten Regeln ähnlich oder gleich geschrieben) und die syntaktische (Satz-)Ebene eingeführt wird. Allerdings sollte das schrittweise Lernen (wo natürlich Fehler vorkommen!) dann tatsächlich so aussehen, wie es ja eigentlich bei meinem Mathe-Beispiel war, dass das noch nicht gelernte, komplexere Wissen auf das einfachere Wissen aufbaut und die Kinder schon ahnen dürfen (und auch freudig erwarten), dass es noch mehr (Komplexeres) zu lernen gibt, um damit dann später noch besser das zu können, worauf es beim Schreiben ankommt: dem Lesenden etwas leicht verständlich mitteilen zu können. Zu einem solchen aufeinander aufbauenden Vorgehen gehört übrigens auch, auf der phonetisch-phonologischen Ebene nicht künstlich eine “lauttreue” Ebene von einer “orthografischen” Ebene (z.B. “Doppelkonsonanten”) zu trennen. Wenn man “Doppelkonsonanten” erst später behandeln möchte, darf man dann eben davor am Anfang auch keine Wörter verwenden, die ein “kurzen” Vokal mit potenzieller “Doppelkonsonanten-“Position (wie “Mama”, “Limo”, “Ananas”, “Kakadu”, “Roboter”, “Januar”, “Pony”) beinhalten!

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