“Quatsch”: Wissenschaftsminister sieht keinerlei Anzeichen für einen “Akademisierungswahn”

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MAINZ. Immer wieder geistert der Begriff “Akademisierungswahn” durch die Debatte – jetzt hat ihn die AfD in Rheinland-Pfalz aufgegriffen. Sie behauptete unlängst eine “Akademisierung ins Nichts” und forderte, mehr junge Menschen in eine Berufsausbildung zu bringen. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Wolf, selbst von Hause aus ein Physik-Professor, widerspricht. Der Arbeitsmarkt zeige deutlich, dass von einer Überakademisierung keine Rede sein kann.

Wolf war Professor für Halbleitertechnologie und mikroelektronische Bauelemente an der Hochschule Kaiserslautern, bevor er Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz wurde. Foto: Sven Teschke / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) sieht kein Problem einer Überakademisierung – also zu vieler Menschen mit einem Hochschulabschluss. Bei der Bewertung sei letztlich der Arbeitsmarkt entscheidend, sagte Wolf in Mainz. «Bei Akademikern haben wir 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit. Das ist normale Fluktuation.» Man könne also von Vollbeschäftigung sprechen. Daher sei das Gerede von einer Überakademisierung oftmals «Polemik und Quatsch».

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Einen Fachkräftemangel gebe es sehr stark im nicht-akademischen Bereich, aber auch in vielen akademischen Bereichen. Insofern brauche es den Zuzug ausländischer Studenten. «Im Prinzip ist ein Studium die beste Integrationsvariante», sagte Wolf mit Blick etwa auf englischsprachige Bachelor- und Masterstudiengänge hierzulande. «Dann kann die Zeit des Studiums für weitere sprachliche Qualifizierung genutzt werden und für eine gesellschaftliche Integration.»

Das Problem, überhaupt genügend ausländische Studenten nach Deutschland und Rheinland-Pfalz zu locken, sieht Wolf nicht. «Das ist nicht die Schwierigkeit. Die deutschen Hochschulen haben international einen sehr guten Ruf. Das sieht man auch an ihren hervorragenden internationalen Partnerschaften.»

Laut Statistischem Landesamt waren im Wintersemester 2017/18 von den rund 123 000 Studenten an rheinland-pfälzischen Hochschulen 11,4 Prozent Ausländer. 20 Jahre vorher – im Wintersemester 1997/98 – hatte der Anteil unter den seinerzeit insgesamt rund 81 000 Studenten noch bei 8,8 Prozent gelegen.

Ohne die im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge hätte es nie die schon erreichte Steigerung bei internationalen Studenten gegeben, sagte Wolf. An der Technischen Universität Kaiserslautern kämen mittlerweile in englischsprachigen Masterstudiengängen 70 bis 80 Prozent der Studierenden aus dem Ausland. «Wir hätten die alten Diplom- und Masterstudiengänge nicht ganz auf Englisch umstellen können.»

Duale Studiengänge weiterentwickeln

Wichtig seien angesichts des Fachkräftemangels auch duale Studiengänge mit Phasen an Hochschulen und Unternehmen. «Wir sind dabei, die dualen Studiengänge weiterzuentwickeln», sagte Wolf. Derzeit seien es 75 Studiengänge und rund 2800 Studierende an den staatlichen Hochschulen. Als Option würden künftig Masterstudiengänge dazukommen. «Ich gehe davon aus, dass wir in einigen Jahren über 100 Studiengänge und deutlich mehr als 3000 Studierende haben.»

Berufsbegleitende Studiengänge helfen Wolf zufolge, die berufliche Bildung und die Hochschulbildung miteinander zu verknüpfen. «Damit stärken wir gerade auch die berufliche Bildung, weil wir zeigen: Es ist keine Grundsatzentscheidung zwischen Ausbildung und Studium.» Eine Trennung von Ausbildung und Studium sei gerade angesichts des Fachkräftemangels der völlig falsche Ansatz.

Ein Problem der heutigen Zeit ist nach Einschätzung von Wolf, dass viele Studenten die Regelstudienzeit permanent im Kopf haben. «Ein Auslandssemester, ein Auslandsjahr, irgendwelche Kompetenzen, die man auf anderem Wege erwirbt, sind letzten Endes für einen selbst, aber auch im Lebenslauf wesentlich wertvoller als die Frage, ob ich in der Regelstudienzeit fertig werde», betonte Wolf. Dass Studenten so viel über die Regelstudienzeit grübelten, liege indes daran, dass vor dem Bologna-Prozess jahrzehntelang über vermeintlich zu lange Studienzeiten diskutiert worden sei. «Diese Diskussion wirkt jetzt.» dpa

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24 KOMMENTARE

  1. “Bei Akademikern haben wir 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit.”
    -> Sagt nichts aus, weil es die altbestände berücksichtigt. Die Quote bei Berufsanfängern fehlt.

    “Einen Fachkräftemangel gebe es sehr stark im nicht-akademischen Bereich, aber auch in vielen akademischen Bereichen.”
    -> Ersteres ist Zeichen der Überakademisierung und Überalterung, letzteres Zeichen, dass man wenn überhaupt MINT statt Medien oder Geisteswissenschaften studieren sollte. Das kann aber nicht jeder.

    “Wichtig seien angesichts des Fachkräftemangels auch duale Studiengänge mit Phasen an Hochschulen und Unternehmen.”
    -> Also doch Überakademisierung.

    “Berufsbegleitende Studiengänge helfen Wolf zufolge, die berufliche Bildung und die Hochschulbildung miteinander zu verknüpfen. […] Eine Trennung von Ausbildung und Studium sei gerade angesichts des Fachkräftemangels der völlig falsche Ansatz.”
    -> Also doch Überakademisierung und zu viele nicht studierfähige Menschen an der Uni.

    Fazit: Ziemlich viel Bullshit bis der Minister seine Aussagen nachvollziehbar belegt. Er hat die Beweislast.

    • Die Quote bei Berufsanfängern fehlt? Die Aussage ist klar: Es herrscht bei Akademikern Vollbeschäftigung = alle finden einen Job. Die genannten 2,5 % sind Fluktuation, also kurze Pausen im Zuge eines Jobwechsels.

      Duale Studiengänge sind wichtig und gut, weil sie eine enge Verzahnung zwischen Studium und betrieblichen Anforderungen schaffen – was das mit Überakademisierung zu tun haben soll, bleibt Ihr Geheimnis.

      Ihr elitärer Ansatz, den Sie ja hier immer wieder betonten – nämlich möglichst viele Schüler klein zu halten, um das Abitur wieder aufzuwerten – ist Bullshit (um Ihre Diktion zu verwenden). Genauer: Sie vertreten hier eine Privmitiv-Pädagogik, für die Förderung offenbar nur aus dem (Aus-)Sortieren von Kindern besteht.

      Finnland beispielsweise hat eine Abiturientenquote von 70 Prozent (die Deutsche liegt derzeit bei etwa 45 % – und Sie hätten wahrscheinlich lieber 25 %) – auf höherem Niveau. Die finnischen Schüler sind aber wohl kaun schlauer als die deutschen. Ergo: Mit einer besseren Förderung lässt sich auch mehr erreichen. Das setzt natürlich entsprechende Ressourcen voraus. Allerdings auch einen guten Willen von Lehrern – wer meint, dass beim Gros der Kinder und Jugendlichen ohnehin nichts Gescheites herauszuholen ist, muss sich ja selbst nicht anstrengen. Dann sind immer die Schüler schuld, wenn’s mit dem Unterricht nicht funktionert.

      • Jaja, Finnland ist das Wunderland der Bildung. Aber eine höhere Zahl von Akademikern führt nicht automatisch zu mehr adäquaten Jobs:
        https://www.finn-land.net/finnland-news/archiv/2009/august2009/junge-akademiker-1508091.htm
        Zu befürchten ist vielmehr, dass nach dem Motto “man darf halt nicht wählerisch sein” eine Verdrängung nach unten stattfindet, d.h. nicht-akademische Jobs werden von Akademikern eingenommen, die dann natürlich auch unter Wert bezahlt werden. Leidtragende dieser “Inflation” sind auf jeden Fall diejenigen, die kein Abitur haben. Spöttisch heißt es ja schon “der Mensch fängt beim Abitur erst an, alles andere sind nur embryonale Vorstufen”.

        • Dann schicken Sie doch Ihre Kinder und Enkel auf die Hauptschule., wenn’s auf das Abitur nicht ankommt. Komischerweise tut das keiner von denjenigen, die (natürlich nur bei anderen) eine stärkere Auslese fordern.

          Verdrängung? Ja, die findet statt – aber anders als Sie meinen: Es geht Mensch vs. Maschine. Diejenigen, die nicht über ein gutes Qualifizierungsniveau verfügen, fallen hinten runter. So wie früher – wenn’s in der Schule nicht klappt, dann gibt’s halt genügend Jobs für Ungelernte – funktioniert das Spiel nicht mehr. Deshalb sind die einfachen Rezepte von früher auch untauglich.

          • Das ist billige Polemik, dass die Auslese angeblich nur für die anderen gelten soll. Sie soll fair und nachvollziehbar sein. Ich denke, auf die Gymnasien gehören diejenigen Kinder, die auch was im Kopf haben, ohne Ansehen der Herkunft. In der Schweiz hat man eine Gymnasialquote von ca. 20 %. Teilweise gibt es Aufnahmeprüfungen (je nach Kanton). Und was ist nun so schlecht an der Schweiz und ihrem Bildungssystem? Bei PISA waren jedenfalls auch die Schweizer Nicht-Gymnasiasten gut.
            “Diejenigen, die nicht über ein gutes Qualifizierungsniveau verfügen, fallen hinten runter,”
            Genau so hatte ich das gemeint. Wenn mehr und mehr Abiturienten Azubis werden, dann haben es die mit anderen Schulabschlüssen schwerer und schwerer. Den letzten beißen die Hunde. Und worin liegt nun der Gewinn dabei? Der liegt — höchst unsolidarisch — bei einer Minderheit, so wie vorher auch. Verkauft wird uns das aber als “Bildungsgerechtigkeit”.

          • die schweiz holt sich sicherlich eher Mediziner, Ingenieure u.ä., keine Journalisten, Soziologen, Linguisten. Dazu kommt die Mentalität gegen das dortige Abitur.

            Die 20% Abitur halte auch ich für zu wenig, 30% aber wirklich studierfähige Abiturienten reichen aus. Dann braucht es die dualen Studiengänge nicht mehr und die berufliche Ausbildung an der Hochschule (viel mehr sind etliche neu erfundene bachelors nicht) entfällt.

          • Der Link überzeugt nur bedingt. Es kommt offenbar auch auf die Fächer an, in denen Hochschulabschlüsse erworben werden. Das entspricht oft nicht dem Bedarf. Dazu wird aber nichts gesagt. Zum Vergleich:
            https://www.stern.de/wirtschaft/job/stern-jobampel-diese-studiengaenge-sind-zukunftssicher-3675486.html
            “Für viele dieser Stellen fehlen den Eidgenossen die Fachkräfte. In den Spitälern kommt daher nach wie vor meist ein deutscher Arzt zur Visite.”
            Tja, aber in Deutschland fehlen diese Mediziner doch auch, trotz der hohen Abiturquote. Es muss also noch was anderes sein. Und Akademiker aus dem Ausland anzuwerben, was soll darin nun schlimm sein? Das ist m.E. besser als ein akademisches Prekariat in Massenfächern zu schaffen und gleichzeitig bildungsferne Unterschichten aus dem Ausland zu holen. Sind Sie nicht hier der uneingeschränkte Migrantenfreund?
            Nebenbei: die USA haben eine hohe Quote von Leuten, die einen Bachelor erwerben, und dennoch holen sie Akademiker aus Europa, China und anderswo ins Land, speziell für ihre vielen Universitäten. Oft sogar die besten.
            Noch was: Wenn 20 % Abiturienten alle studieren und abschließen, dann ist das fast äquivalent dazu, dass 40 % Abiturienten studieren, aber nur jeder zweite abschließt. Schwache Abiturienten schließen bekanntlich oft nicht ab. Die Zahl der klugen Köpfe scheint nicht beliebig steigerbar zu sein.

        • Und Sie setzen die Grenze par ordre du mufti? Planwirtschaft hat schon im Kommunismus nicht geklappt.

          Lassen Sie ruhig mal den Arbeitsmarkt entscheiden – und der spricht eine deutliche Sprache: Vollbeschäftigung. Auch wenn’s nicht ins ideologische Konzept passt, wonach ja alles immer schlimmer und dümmer wird.

          • Sie wissen, dass die Arbeitslosenstatistik alles mögliche abbildet, aber nicht die Realität? Wenn Sie ehrlich sind, müssten Sie alle Fortbildenden (= häufig sinnlose Parkmaßnahme für Arbeitslose), Aufstocker, Kranken, über 57-jährigen, 1€-Jobber usw. zu den Arbeitslosen zählen. Dann kämen Sie auf etwa 4-5 Millionen Menschen.

          • Aber es gibt in Deutschland doch gar kein Problem …

            So lassen sich Probleme natürlich auch an den Haaren herbeiziehen – der eine glaubt den Statistiken nicht, und der andere erzählt von Spanien. Wir leben aber in Deutschland.

  2. Na ja. Gerade Akademikerinnen arbeiten, wenn sie Kinder bekommen nicht mehr, weil sie keinen Job gefunden haben. Für viele ist das Kinderkriegen dann hilfreich, zu erklären, warum sie nicht arbeiten. Zu erklären, dass man die Arbeit wegen Kinder aufgegeben hat, ist einfacher zu erklären, als dass man keine Stelle gefunden hat. Viele Akademiker arbeiten auch im Niedriglohnbereich auf Stellen, für die es nicht einmal das Abitur erfordert. Und zahlreiche Ingenieure und Informatiker wandern aus, weil sie in Deutschlands nur Zeitarbeit finden. Ingenieure und Informatiker über 45 haben sowieso größte Schwierigkeiten, überhaupt irgendetwas zu finden.

  3. Bernd: In dem von mir verlinkten Artikel aus der Welt ist keineswegs nur von Forschern, sondern auch von Ärzten und Ingenieuren die Rede.

    • Ferner bezieht sich die Überakademisierung nicht auf Ärzte und Ingenieure, sondern auf Geisteswissenschaftler, Journalisten u.ä.

  4. Es gibt auch zu viele Absolventen der ingenieurswissenschaftlichen Studiengänge. Dafür spricht, dass viele Ingenieure in der Zeitarbeit landen und Ingenieure über 45 große Schwierigkeit haben, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen, wenn sie entlassen wurden.

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