“In der Summe ein rationales Verhalten”: Studie zeigt auf, nach welchen Kriterien Eltern Schulen auswählen

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FRANKFURT/MAIN / BERLIN. Der Übergang ihrer Kinder auf die weiterführende Schule stellt viele Eltern vor die Qual der Wahl. In Städten oder Ballungsräumen sehen sie sich einer Vielzahl von Schulen gegenüber, die im Sinne marktökonomischer Steuerungsmechanismen mit spezifischen Angebotsprofilen um Schüler konkurrieren. Wissenschaftler haben nun anhand von Berliner integrierten Sekundarschulen untersucht, welche Merkmale für die Wahl einer Schule ausschlaggebend sind.

Wenn Eltern und ihre Kinder eine weiterführende Schule auswählen, sind Schulen stärker nachgefragt, wenn sie bestimmte Merkmale aufweisen: Dazu gehören zum Beispiel MINT- und Sprachschwerpunkte, Ganztagsangebote und eine eigene gymnasiale Oberstufe. Ebenso wichtig ist die Zusammensetzung der Schülerschaft – etwa der Anteil von Schülern mit nicht-deutscher Herkunftssprache. Das belegt eine aktuelle Studie, des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Für ihre Untersuchung verglichen die Wissenschaftler Daten von 114 der insgesamt 123 öffentlichen Integrierten Sekundarschulen (ISS) in Berlin. Die Befunde deuten außerdem an, dass das Angebot der Schulen diese Nachfrage derzeit nicht in vollem Umfang bedienen kann.

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Eltern bevorzugen bestimmte Kriterien bei der Auswahl einer weiterführenden Schule. Foto: TeroVesalainen / Pixabay (CC0 1.0)
Eltern bevorzugen bestimmte Kriterien bei der Auswahl einer weiterführenden Schule. Foto: TeroVesalainen / Pixabay (CC0 1.0)

Bei der Wahl einer weiterführenden Schule haben Familien in Deutschland in der Regel größere Freiheiten als bei der Grundschulwahl, die oft an festgelegte Einzugsgebiete gekoppelt ist. Gleichzeitig sind die Schulen in immer stärkerem Maße zur Schwerpunktsetzung und Profilierung angehalten. Im Sinne von New Public Management herrscht – von der Schulpolitik gefördert – ein Wettbewerb um die Schüler und es gilt, sich von anderen Schulen abzuheben. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Vor- und Nachteilen dieses marktorientierten Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage gibt es bislang allerdings nur in erstaunlich geringer Zahl.

Die jetzt veröffentlichte DIPF-Studie liefert nach Ansicht ihrer Autoren Antworten auf die Frage ob und wie sich Unterschiede der inhaltlichen und strukturellen Angebote der Schulen auf die Schulnachfrage auswirken. Dazu stellten die Forscher die Frage in Beziehung, wieweit sich die Beliebtheit einer Schule durch die Zusammensetzung der Schülerschaft erklären lässt.

Die Datenbasis Daten lieferten 114 der insgesamt 123 öffentlichen Integrierten Sekundarschulen (ISS) Berlins. Diese Schulform ist aus den ehemaligen Haupt-, Real- und Gesamtschulen hervorgegangen. Sie ermöglicht alle Abschlussoptionen, von der Berufsbildungsreife bis hin zum Abitur. Der Weg zum Abitur wird an ISS entweder über eine eigene gymnasiale Oberstufe oder über Kooperationen mit beruflichen Gymnasien oder den Oberstufen anderer ISS eröffnet. Die Nachfrage nach diesen Schulen ermittelten die Forscher über die Erstwunschanmeldungen zur 7. Klasse für das Schuljahr 2014/2015. Die Schulmerkmale, die potenziell dazu dienen können, Nachfrageunterschiede zu erklären, entnahmen sie größtenteils dem Online-Schulverzeichnis der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Es liegt öffentlich vor und ist damit auch allen Familien als Grundlage für ihre Schulwahl zugänglich.

Auf dieser Datengrundlage errechnete das Wissenschaftlerteam zunächst den Zusammenhang zwischen den Schulmerkmalen und der Nachfrage. Im Ergebnis waren Schulen stärker nachgefragt, wenn sie folgende Merkmale aufweisen:

Angebot:
• MINT-Profil
• Sprachliches Profil
• Musisch-künstlerisches Profil
• Mehr als zwei angebotene Fremdsprachen
• Gebundene Ganztagsangebote
• Nach Leistungsniveaus getrennte Lerngruppen in einigen Fächern

Schülerzusammensetzung:
• Geringer Anteil von Schülern mit nicht-deutscher Herkunftssprache
• Geringer Anteil unentschuldigten Fernbleibens vom Unterricht
• Geringer Anteil von Schülern, die aufgrund der sozialen Situation ihrer Familien von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind
• Gutes Abschneiden bei den Prüfungen zum mittleren Schulabschluss

Schulstruktur:
• Die ISS ist aus einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe hervorgegangen.
• Die Schule verfügt über eine eigene gymnasiale Oberstufe.
• Die Schule verfügt über viele Plätze für Neuaufnahmen.

DIPF-Forscher Nicky Zunker, fasst zusammen: „Die Schulen mit dem breiteren und höherwertigen Angebot sowie mit einer potenziell günstigeren Zusammensetzung der Schülerschaft werden stärker nachgefragt. In der Summe legt dies ein rationales Wahlverhalten für einen substantiellen Anteil der Eltern nahe: Schulen, die höhere Bildungschancen für die Kinder erwarten lassen, werden überproportional häufig gewählt, während Schulen, die mit niedrigeren Bildungschancen assoziiert werden, tendenziell gemieden werden – auch wenn die Wahl im Einzelfall nach ganz anderen Logiken erfolgen kann.“

Die Analyse habe zudem ergeben, dass die Effekte der Schulmerkmale nicht unabhängig voneinander sind. Daher führten die Forscher zusätzliche Berechnungen durch, um Merkmale zu identifizieren, die einen von den anderen unabhängigen Effekt haben. Diesen fanden sie bei den Prüfungsresultaten, bei der unentschuldigten Fehlquote, dem Vorhandensein einer eigenen Oberstufe, der Platzkapazität und der ehemaligen Schulform. „Zumindest in der von uns untersuchten Stichprobe von Berliner Schulen scheinen diese Faktoren im Vergleich zu den anderen untersuchten Merkmalen von etwas größerer Bedeutung für die Nachfragesituation einer Schule zu sein“, ordnet Zunker ein.

Inwieweit kann aber nun das Angebot der Berliner Integrierten Sekundarschulen die Nachfrage der Eltern decken? Um diese Frage zu beantworten zählte das Forschungsteam zunächst die Erstwunschanmeldungen an Schulen zusammen, die über ein jeweiliges, nachgefragtes Merkmal verfügen. Diese Zahlen stellten sie den Plätzen an Schulen mit dem entsprechenden Angebot gegenüber. In keinem Fall standen genügend Plätze zur Verfügung. Allerdings sei das nur eine grobe Annäherung an das tatsächliche Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Ob die Familien aufgrund der Merkmale ihren Erstwunsch formuliert hatten, könne aus den Daten nicht eindeutig festgestellt werden.

Zunkers Fazit: „Es deuten sich zwar Differenzen zwischen dem Schulangebot und der Nachfrage nach Schulen mit spezifischen Angebotsmerkmalen an. Dieser Befund ist auf Basis der von uns verwendeten Daten allerdings vorsichtig zu bewerten. Wirklich belastbare Aussagen wären nur zulässig, wenn man individuelle Eltern- und Schülerangaben zu entscheidungsrelevanten Schulmerkmalen miteinbezieht.“

Insgesamt sehen die DIPF-Forscher ihre Studie als einen ersten Schritt. Die relativ geringe Anzahl von Schulen sowie die Konzentration auf die spezifische Situation in Berlin etwa schränkten die Aussagekraft der Befunde ein. Auch bleibe die Frage offen, inwieweit der Besuch einer stärker nachgefragten Schule zu besseren Lernleistungen führt. Neben dem Einbezug von Individualdaten seien daher nach Ansicht der Autoren weitere Untersuchungen in anderen Städten oder Bundesländern notwendig, um die Ergebnisse zu erhärten. Trotz dieser Einschränkungen gebe die Studie aber schon jetzt deutliche Hinweise für die Politik und die Schulen, wie man besser auf den Bedarf der Familien eingehen könne. (zab, pm)

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4 KOMMENTARE

  1. Diese Ergebnisse sind keine Überraschung. Immerhin haben die Autoren die sehr kleine Stichprobe relativierend erwähnt. Man muss in weiteren Forschungen die Stichprobe deutlich erhöhen und natürlich auch die Gymnasien berücksichtigen. Viele der genannten Punkte insbesondere zur Schülerzusammensetzung gelten auch dort.

  2. Die Darstellung bevorzugt eine Auswahl an Kriterien
    und vernachlässigt andere Gründe:
    – gute Erreichbarkeit
    – ein Elternteil war bereits auf der Schule
    – ein Geschwisterkind besucht die Schule
    – ein Freund/ eine Freundin besucht die Schule

    Während im städtischen Gebiet und womöglich in BL mit wenigen Schulformen offenbar verschieden Schulen gleicher Art ausgewählt werden können, wird die Auswahl im ländlichen Gebiet vermutlich auch durch die Schulform an sich determiniert, wobei es zu jeder Schulform teilweise nur einen Standort gibt. Man entscheidet also auch anhand der Schulform und deren Ausrichtung, ob das Kind zur Realschule, zur IGS oder zur Oberschule gehen soll. Dabei gibt es Aspekte, die der eigenen Vorstellung von Schule eher entsprechen und solche, die dem eigenen Kind entgegenkommen.

  3. In der ganzen Betrachtungsweise liegt ein gewisser Widerspruch:
    Einerseits sollen die Schulen doch unverwechselbare Profile haben. Es gab schon immer sprachliche und math.-nat. Gymnasien, heute gibt es noch mehr verschiedene Profile, jetzt eben auch bei den Sekundarschulen.
    Wenn es dann aber mehr Bewerbungen als Plätze gibt, dann darf die Schule die Schüler nicht nach eben diesem Profil aussuchen, sondern dann wird — jedenfalls in Berlin — neben anderen Kriterien auch gelost. Das stört doch die Entwicklung des Profils eher.
    Wäre es nicht sinnvoll, die Schüler nach den Leistungen in eben diesen Profil-Fächern zu “sortieren” statt zu losen, wenn man schon diese Profile so wichtig findet? Realisiert ist das nur beim musischen Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Gymnasium in Berlin. Dort hat man offenbar so elitäre Aufnahmeprüfungen, dass sozusagen der potentielle Philharmonikernachwuchs unter sich ist. Natürlich gibt’s auch die von Palim genannten Kriterien, aber die kann die Schule nicht steuern.
    Dass man den Anteil des unentschuldigten Fernbleibens oder den Hartz-IV – Anteil im Internet finden kann, kann ich nicht verifizieren, aber das Schwänzen ist erheblich, gerade bei den Sekundarschulen:
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule-berliner-schueler-schwaenzen-exzessiv/19201590.html

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