Die Deutschen interessieren sich für Naturwissenschaften und Technik – aber: Viele Bürger sorgen sich vor schädlichen Folgen der Forschung

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NEUSS. Die Deutschen haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Naturwissenschaften und zur Technik. Einerseits finden fast alle den Fortschritt faszinierend – andererseits ist die Anteil derjenigen, die negative Auswirkungen der Innovationen fürchten, in Deutschland besonders hoch. Immerhin: Vier von fünf Deutschen würden ihren Kindern empfehlen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle internationale Vergleichsstudie eines Technologiekonzerns.  

Das Interesse an Forschung ist in Deutschland groß – die Skepsis ihr gegenüber allerdings auch. Foto: Shutterstock

Mit wem würden Sie  lieber zu Abend essen und ein Gespräch führen – mit dem Torhüter der Nation, Manuel Neuer, oder mit dem Wissenschaftsjournalisten und Physiker Ranga Yogeshwar? Immerhin: 55 Prozent der Deutschen würden die akademische Unterhaltung einer Fachsimpelei über Fußball vorziehen. Und wenn die Wahl bestünde zwischen dem Mediziner und Moderator Dr. Eckart von Hirschhausen und der Schlagersängerin Helene Fischer? Dann fiele das Ergebnis noch eindeutiger aus: 69 Prozent würden dem Arzt den Vorzug geben, 31 Prozent der Musikerin.

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“German Angst”

Wissenschaft, genauer: Naturwissenschaft, ist in Deutschland populär. Das Interesse an Naturwissenschaft ist hierzulande sogar besonders groß, wie eine internationale Vergleichsstudie nun ergab: 90 Prozent der Deutschen finden sie faszinierend und ein Großteil traut ihr sogar zu, die Welt besser zu machen. Andererseits hat die Untersuchung des Multitechnologiekonzerns 3M eine spezifische „German Angst“ ausgemacht: Jeder vierte Bundesbürger sorgt sich, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse negative Folgen haben könnten – im internationalen Durchschnitt sind das nur 14 Prozent. Merkwürdiger noch: Unser Alltag ist geprägt von Technik. Dass Wissenschaft „sehr wichtig“ sei in ihrem täglichen Leben, meinen dennoch nur 33 Prozent der Deutschen (im internationalen Durchschnitt immerhin 46 Prozent).

Insgesamt 14.000 Menschen aus 14 Staaten wurden zu ihrem Wissen und ihrer Wertschätzung in Bezug auf Naturwissenschaften befragt. Offensichtlich ist das Verhältnis der Bundesbürger zur Naturwissenschaft zweischneidig: Einerseits sind sie noch stärker fasziniert als Menschen in anderen Ländern, andererseits betrachten sie die Folgen von neuen Erkenntnissen in Wissenschaft und Technik mit größerer Skepsis. Dementsprechend liegt Deutschland im ersten jährlichen „3M State of Science Index“ (SOSI) mit 50,2 Punkten unter dem globalen Durchschnitt (56,1 Punkte). Dabei sind sich zwei Drittel (67 Prozent) der Bundesbürger des durchaus großen Einflusses von Wissenschaft und Technik auf die Gesellschaft bewusst.

Etwa drei von vier Menschen erwarten von den Naturwissenschaften Lösungen für die großen globalen Herausforderungen. Dabei sind die Deutschen (74 Prozent) nicht ganz so optimistisch wie der globale Durchschnitt (77 Prozent). Aber auch sie erhoffen sich positive Auswirkungen beim Zugang zu günstigen erneuerbaren Energien (77 Prozent), zu sauberem Wasser und zur Abwasseraufbereitung (71 Prozent) sowie bei der Behandlung von Krankheiten (70 Prozent). Dass es noch zu ihren Lebzeiten gelingen wird, Krebs zu heilen, davon sind mehr als zwei Drittel der Studienteilnehmer weltweit (67 Prozent) überzeugt, in Deutschland sind es 49 Prozent.

Viele Menschen betrachten Wissenschaft zudem als etwas, das nicht jedem offensteht: Jeder dritte befragte Deutsche (36 Prozent weltweit) stimmt der Aussage zu, dass nur Genies als Wissenschaftler Karriere machen können. Dass es gut war, auf eine eigene wissenschaftliche Karriere zu verzichten, davon sind sogar 63 Prozent der Deutschen überzeugt (global sind es 53 Prozent). Allerdings würden 81 Prozent (82 Prozent weltweit) ihren Kindern dazu raten, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.

Die Studie zeigt deutliche Unterschiede bei den Einstellungen in Schwellen- und Industrieländern. So sind Studienteilnehmer aus Schwellenländern hinsichtlich zukünftiger wissenschaftlicher Fortschritte optimistischer als Teilnehmer aus den Industrieländern: Dort hoffen mehr Menschen, fliegende Autos (58 Prozent gegenüber 43 Prozent in den Industrieländern) und die Kontrolle über das Wetter (43 Prozent gegenüber 22 Prozent) selbst noch zu erleben.

Auch zwischen den Einstellungen von Frauen und Männern gibt es markante Unterschiede: Frauen sind weniger in der Naturwissenschaft tätig und haben weniger Interesse daran. Bei der weltweiten Befragung räumten sie eher als Männer ein, nichts über Naturwissenschaft zu wissen (21 Prozent gegenüber 15 Prozent) und finden eine Karriere in Technik und Ingenieurswesen nicht so erfüllend wie Männer (9 Prozent gegenüber 25 Prozent). Frauen interessieren sich jedoch mehr für Medizin (20 Prozent gegenüber 14 Prozent) und Biowissenschaften (15 Prozent gegenüber 10 Prozent) als Männer.

Diese Unterschiede in den Einstellungen der Menschen zu erkennen und zu verstehen, war nach eigenem Bekunden ein wesentlicher Grund für den Multitechnologiekonzern 3M, die „State of Science Index“ Studie durchzuführen. Erfährt die Wissenschaft Wertschätzung und Vertrauen oder ist sie unterbewertet? „Die Welt erlebt täglich mehr technischen Fortschritt und die Wissenschaft bringt diesen voran. Wir wollen die Daten aus der Studie öffentlich verfügbar machen und hoffen, dass wir damit Verfechter der Naturwissenschaft und zukünftige Naturwissenschaftler auf der ganzen Welt inspirieren und zu einer größeren Wertschätzung der Naturwissenschaften beitragen können,“ so 3M-Forschungschef John Banovetz. Das Unternehmen beschäftigt weltweit mehr als 8.000 Forscher. Agentur für Bildungsjournalismus

DALK: Was Ranga Yogeshwar auf Schule und Ausbildung zukommen sieht – in Zeiten einer Digitalisierung, die alles durchdringt

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1 KOMMENTAR

  1. Der Unterricht in den MINT-Fächern ist ja leider auch am schlechtesten. Da, wo es um Genauigkeit ankommt. wird leider zu viel geschlampt. Die schlechten Lehrbücher tragen noch dazu bei. Und mit 45 ist man als MINTler, wenn entlassen, eh weg vom Fenster des Arbeitsmarktes.

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