Neues Projekt: Kretschmann will Schüler fürs Mundart-Sprechen begeistern

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STUTTGART. Mundartsprecher Winfried Kretschmann will Dialekte nicht der Vergessenheit preisgeben. Mit Wissenschaftlern will der baden-württembergische Regierungschef ausloten, wie die Dialekte wieder belebt und beliebt werden könnten.

Wahlsieger: Winfried Kretschmann (Grüne). Foto: BÜNDNIS 90/Die Grünen/Flickr CC BY 2.0
Ein Mann der süddeutschen Worte: Winfried Kretschmann (Grüne). Foto: BÜNDNIS 90/Die Grünen/Flickr CC BY 2.0

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat nie ein Hehl aus seinem schwäbischen Dialekt gemacht – im Gegenteil. Jetzt will der Grüne sich für den Erhalt der Mundart aktiv einsetzen. «Der Dialekt ist ein erhaltenswertes Kulturgut», betont der Regierungschef aus Sigmaringen im Interview.

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Warum möchten Sie Dialekte erhalten?

Kretschmann: Der Dialekt ist keine Schwundstufe der Standardsprache, kein Ausdruck mangelnder Sprachkompetenz. Durch seine Vielfalt und Originalität ermöglicht er vielmehr eine differenziertere Verständigung, die die Hochsprache an manchen Stellen nicht immer zu leisten vermag. Der Dialekt ist zudem eine mobile Heimat, die man überall hin mitnimmt, eine Heimat, die man hören kann, die unseren sprachlichen Reichtum bezeugt und ein Gemeinschaftsgefühl herstellt. Daraus folgt ein Auftrag an uns Mundartsprecher, den Dialekt zu hegen und zu pflegen.

Wie kann das ganz konkret bewerkstelligt werden – insbesondere, wenn man junge Leute ansprechen will?

Kretschmann: Ich wünsche mir, dass wir den Dialekt und seine vielfältigen Erscheinungsformen in unserem kulturellen Gedächtnis verankern und dass wir uns stärker überlegen, an welchen Orten und in welchen Institutionen dies geschehen kann. Denn dies kommt auch unserer Standardsprache zu Gute. Mit der Dialekttagung am kommenden Freitag (7. Dezember) werden wir hierfür einen ersten Grundstein legen und gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Schule, Kultur und Medien nach dem Stand und der Zukunft der baden-württembergischen Dialekte fragen. Auf der Grundlage der Tagungsergebnisse werden wir auch überlegen, wie wir junge Leute für den Dialekt begeistern können.

Welcher ist Ihr Lieblingsdialekt?

Kretschmann: Meine Familie floh aus Ostpreußen. Zu Hause habe ich Hochdeutsch und außerhalb Schwäbisch gesprochen – als erstes Kind der Familie. Für mich als Kind war der Dialekt also eine wunderbare Möglichkeit der sozialen Integration. Diese Erfahrung von Zugehörigkeit und Heimat verbinde ich bis heute mit dem Schwäbischen, das mir deswegen natürlich sehr am Herzen liegt.

Können Ihre Kinder Dialekt verstehen, vielleicht auch selbst sprechen?

Kretschmann: Meine Kinder können Dialekt verstehen und sprechen. Allerdings lebt meine Tochter inzwischen in Schottland und ein Sohn ist mit einer Frau aus Norddeutschland verheiratet, während mein anderer Sohn sich als Sprachwissenschaftler auch berufsmäßig mit Dialekt befasst. Interview: Julia Giertz, dpa

Zur Person

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (70) ist der deutschlandweit einzige Grünen-Politiker in diesem Amt. Mit seiner kauzigen Art, seinem schwäbisch gefärbten Humor und seiner philosophisch fundierten Bodenständigkeit fährt der frühere Gymnasiallehrer aus Sigmaringen höchste Popularitätswerte ein. Dem Vater von drei Kindern kommen konservative Begriffe wie «Heimat» leicht über die Lippen – ein Wert, den die CDU immer für sich reklamiert hatte. Im Augenblick sorgt er mit seiner strikten Ablehnung einer Grundgesetzänderung für den Digitalpakt für Schlagzeilen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

BLLV: Mundarten im Unterricht stärken – “zusätzlicher Sprachreichtum, von dem Kinder profitieren”

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27 KOMMENTARE

  1. Schön, nur zu spät. Das Aussterben der Dialekte wird wohl kaum aufzuhalten sein.

    Und welchen Sinn macht das? Dialekte fördern, aber immer mehr Deutsch durch Englisch ersetzen?!? Sollen das dann irgendwann deutsche Dialekte einer englischen Umgangssprache werden?

    • Die verschiedenen Dialekte halten sich unverändert, weil diese im umgangssprachlichen Bereich weiterhin eine weite Anwendung finden. Selbst der Mensch Ruhrgebiet oder im ländlichen Raum spricht Dialekt geprägte Mundart. Warum sollte man diese Sprachunterarten vernachlässigen?

      • Das ist völlig falsch. Vielleicht sollten Sie doch nicht glauben, auf allen Gebieten Experte zu sein (Anlauttabelle, AfD)?!?

        Es sind kaum noch Dialekte, die da gesprochen werden (Ausnahmen mag es geben), sondern Umgangssprache, die je nach Region und sozialer Schicht oder auch je nach Person mundartnäher oder mundartferner ist, also noch ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger regionale Färbung hat. Oft ist es sogar nicht mehr als ein Akzent.

      • Der Schweizer Dialekt des Deutschen unterscheidet sich so stark von der Schriftsprache, dass die Schulkinder Hochdeutsch wie eine Fremdsprache lernen. Manche (auch akademisch gebildete Leute) fremdeln zeitlebens damit. Das ist dann das entgegengesetzte Extrem von “ein bisschen regionale Färbung”. Spötter sagen seit langem: Das Indogermanische ist eines schwierige Sprache wegen der vielen Dialekte: Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch, Griechisch, … Die europäische Einigung fördern viele Dialekte jedenfalls nicht. Sie trennen in die einen und die anderen.

        • Da lachste dich kaputt, kommste mal nach Kölle und hörste da mal zu.
          Et kütt wie et kütt, nix blevt wie et is, aba mir stonn z´samme.

          • So ein Quatsch. Ich war übrigens mehrfach in Köln.

            Die allermeisten Kölner sprechen keinen Dialekt im Alltag. Was sie sprechen, ist nicht mehr als regionale Umgangssprache. Sie haben anscheinend keine Ahnung, was Dialekte sind bzw. was sie mal waren.

            Fast jeder kann ein paar Wortfetzen aus dem Dialekt seiner Heimatregion präsentieren. Das ist noch lange kein Beleg dafür, dass man dort im Alltag Dialekt spreche.

            Bleiben Sie mal llieber bei Ihren Lieblingsthemen Anlauttabelle und AfD. 😉

        • Das Schweizer Deutsch ist ein Sonderfall. Der Dialekt war auch in der Schweiz bis zum 2. Weltkrieg im Schwinden begriffen; er erlebte eine Renaissance danach. Man kann sich sicherlich denken, warum. Ähnlich ist es mit dem Luxemburgischen. Ich sagte ja, es gibt auch Ausnahmen. Kommt jetzt gleich einer mit dem Zipser Sächsisch aus dem einzigen Dorf der Zipser Sachsen, das mit einer nennenswerten deutschen Minderheit nach dem 2. Weltkrieg erhalten blieb? Oder folgt jetzt ein Verweis auf die Amischen in Amerika? Ich setze schon mal drei Pünktchen …

          Das ändert nämlich alles nichts daran, dass kaum noch jemand wirklich 100% Dialekt spricht in Deutschland. Das ist alles nur noch regionale Umgangssprache mit mehr oder weniger Einfluss aus dem Dialekt.

    • Also mein liewer Muggefuus, isch wees jo ned wo Sie wohnen, awwer bei uns iss de Dialekt noch lang ned ausgeschdorb. Annderschder als wie die Schwoobe kennn mir sogar Hochdeitsch wammer wollen. Desweeche misse mir aach ned extra geferdert werre.

      • Endlich, diesen Dialekt habe ich hier einmal rückwirkend vor 2 Jahren mitverfolgen dürfen und genossen. Das erinnert mich an die 2 Jahre, die ich in in Tübingen erlebte und genoss, einschließlich seiner Umgebung und des Dialektes auf aus Albstadt und Gomaringen, der selbst für Tübinger schwer verständlich ist, aber immer ein Erlebnis ist.
        Außerdem ist jeder Dialekt ein Instrument gegen LDS, weil dieses nicht anwendbar ist, wenn Hochdeutsch vermittelt werden soll.

          • Das Sorbische ist aber kein Dialekt des Deutschen, sondern eine andere Sprache, so wie auch das Niederdeutsche (auch Plattdeutsch genannt). Dass man die bewahren will, kann ich verstehen, aber die zahlreichen verschiedenen Aussprachen des Hochdeutschen mit einigen rein lokal bekannten Wörtern — da weiß ich nicht so recht, welchen Wert das langfristig haben soll. Das oben zitierte “Das ist eine regional gefärbte Umgangssprache, die Grammatik ist aber trotzdem Hochdeutsch” wird’s wohl treffen. Dient das nicht auch irgendwie dem Ausgrenzen der anderen und damit dem Abschotten gegen die anderen? Wie soll das eigentlich zu der globalisierten Welt mit den globalen Migrationsströmen passen? In der Schweiz hat man jedenfalls Vorbehalte gegen jede Art von Überfremdung, auch durch den großen deutschen Nachbarn. Daher vielleicht das Beharren auf dem Dialekt. Spötter sagen, die Bewohner mancher Alpentäler würden sich mit den Leuten aus dem Nachbartal nur höchst mühsam verständigen können.

      • Und ausländische Austausch-Schüler und Gaststudenten sowie auch Migranten schätzen deutsche Dialekte auch und fühlen sich nicht ausgegrenzt, wenn die Deutschen untereinander einen Dialekt reden, den selbst Deutsche nicht immer verstehen, gell ??? Wir fördern die internationale Verständigung. Laut Wikipedia werden in dem kleinen afrikanischen Land Togo 39 Sprachen gesprochen, die dann vermutlich auch noch in Dialekte zerfallen. Da gibt’s dann viel zu fördern! Und andere Sorgen haben wir keine, na dann ist’s gut.

  2. Ich finde Kretschmanns Einsatz für den Dialekt gut,
    würde mir aber einen ähnlichen Einsatz für das normale (Hoch-)Deutsch wünschen, in dem noch keine sozialen und rechtlichen Sanktionen das Gendern erzwingen. Heute steht z.B. in der Handwerkszeitung, dass (bei Strafzahlungsandrohung) bei allen Stellenausschreibungen das “dritte Geschlecht” genannt werden müsse. Hoffentlich ist das fake news.

    • “Hoffentlich ist das fake news.”

      Auf Deutsch hätte man ja eigentlich “Falschmeldung” gesagt. Wozu brauchen wir noch deutsche Dialekte, wenn wir eh mehr und mehr Deutsch durch Englisch ersetzen, möchte ich da wieder fragen.

      • Ach, wir schreiben doch um zu kommunizieren! und gehen dabei eben auf den postmodernen medienaffinen Adressaten ein, der “fake news” schonmal gehört hat, sich unter “Falschmeldung” aber nichts vorstellen kann.

  3. Ach herrjeh! Isch bin hie als Saarlännerin unner lauder Schwobe unn ich muss sahn, manchmol verschtehn isch kään Wort… Do hann isch kään Angscht. Die liewe Klääne kinne alles außer hochdeutsch!

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