Warum wir für eine erfolgreiche Inklusion die multiprofessionelle Schule brauchen: das Beispiel Ergotherapie

18

KARLSBAD. Einige Bundesländer verzeichnen einen rückläufigen Anteil von Schülern mit Behinderung in den Regelschulen; es scheint, als ob sich die deutschen Schulen mit der Inklusion schwertun – kein Wunder angesichts der personell meist unzureichenden Ausstattung. “Inklusion bedeutet eben, jeden Einzelnen mitzunehmen und alle einzubeziehen. Heißt, alle am Prozess der Inklusion beteiligten Kinder, Eltern, Lehrer vorzubereiten, zu befähigen und professionell beim Miteinander zu unterstützen”, sagt Roswitha Hoerder vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten (DVE). Ihr Berufsstand könne dabei eine wichtige Rolle spielen.

Ergotherapeuten unterstützen Schüler mit Behinderungen beim Alltag in der Regelschule – und damit auch ihre Lehrkräfte. Foto: Shutterstock.

Die Inklusion verlangt den Schulen einiges ab. “Dabei könnte Inklusion leichter gehen”, findet die Ergotherapeutin Hoerder, die an einer Ganztagsschule arbeitet. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist in den unteren, vorwiegend in den ersten Klassen, denn der Übergang in die Schule stellt für alle Erstklässler ein Umgewöhnen, für einige eine Herausforderung dar.

Anzeige


Viele Kinder haben anfangs ähnliche Schwierigkeiten, müssen lernen, sich im Schulalltag zurechtzufinden, sich für die Pause oder den Sport umzuziehen. Anschluss und Freunde zu finden, sich sozial zu integrieren. Aber auch das Geschehen in der Mensa – immer mehr Schulen sind Ganztagesschulen – ist für einige Kinder eine Hürde. Sie geraten unter Druck, vor allem die Kinder, die körperlich eingeschränkt sind oder diagnostizierte oder bis dahin nicht erkannte Entwicklungsverzögerungen und andere Störungen haben. Das sind die meisten.

Schritt eins: Kinder mit Schwierigkeiten identifizieren

Ergotherapeuten wie Roswitha Hoerder sitzen vom ersten Schultag an mit in den Klassen. Sie beobachten zunächst einmal sehr genau; das ist ein typisches ergotherapeutisches Analysemittel, das äußerst aussagkräftig ist – Verhalten ist im Vergleich zu Befragungen ungefiltert. In ihren Betrachtungen berücksichtigt die Ergotherapeutin, was einzelne Tätigkeiten und Handlungsabläufe den Kindern in der Schule abverlangen. Also wie sie innerhalb der Klasse, im Umgang mit Lehrern und den Mitschülern oder Materialien zurechtkommen, wie sie selbst strukturiert sind und sich im System Schule zurechtfinden.

Dabei stützt sie sich auf ergotherapeutische Modelle wie das sogenannte Person-Environment-Occupation Model (PEO) oder das Canadian Model of Occupational Performance & Engagement (CMOP-E), ein kanadisches Modell, das Aspekte wie die Persönlichkeit und den Charakter, kognitive und körperliche Fähigkeiten aber auch den gesundheitlichen oder kulturellen Hintergrund des jeweiligen Kindes beleuchtet. Denn in all diesen Faktoren finden sich die Gründe für die Schwierigkeiten, die von außen sichtbar sind.

Ergotherapeutischer Blick auf vermeintlich Banales

Oft sind es die vermeintlich banalen Dinge des Schulalltags, die übersehen und deren Auswirkungen meist unterschätzt werden. Klappt das Anziehen für die Pause nicht, kommt das Kind verspätet auf den Pausenhof. Dann sind die anderen Kinder schon in Gruppen, im Spielen. “Das ist eine Situation, in der das Kind isoliert ist, also keine Inklusion erlebt, und eine schlechte Pause hat. Wie geht das Kind danach in den Unterricht? Wie kann es folgen, wenn es sich in der Pause nicht erholt hat?”, bebildert die Ergotherapeutin Hoerder, weshalb sie ihren Blick auf sämtliche Handlungen im Schulalltag richtet.

Ähnliche Situationen können sich beim Mittagessen entwickeln, das in einem festgelegten Zeitfenster stattfindet. Verschüttet das Kind täglich etwas, lässt es sein Tablett fallen oder hat es beim Essen Schwierigkeiten, weil es das Besteck nicht handhaben kann oder aus körperlichen Gründen Probleme bei der Nahrungsaufnahme hat, dann sorgt das für Stress, was wiederum die anderen Bereiche beeinflusst. Denn unter Stress kann sich kein Kind konzentrieren, Neues aufnehmen, sich am Unterricht beteiligen.

Je nach Charakter, Herkunft oder Fähigkeiten machen Kinder, die sich derart unwohl oder unter Druck fühlen, auf sich aufmerksam, indem sie stören oder ihre Sitznachbarn ablenken. Und beeinträchtigen so den Rest der Klasse. Daher kümmert sich die Ergotherapeutin um alles, was ihr auffällt. Häufig reichen einfache Veränderungen (wie dem Kind einen anderen Platz zuweisen, der nicht mitten im Getümmel ist oder für die Mensa Besteck anpassen oder eine rutschfeste Unterlage für das Tablett besorgen). Hat das Kind hingegen Probleme beim Anziehen, vermitteln Ergotherapeuten Strategien, die ihm helfen, selbst besser zurecht zu kommen, Alternativen zu finden oder wie es Hilfe von anderen erhält.

Inklusion bedeutet auch Beziehungsarbeit

Für die Ergotherapeutin Hoerder ist es selbstverständlich, das gesamte System zu betrachten und einzubinden. “Ich bin bereits beim ersten Informationsabend für Eltern dabei. Den Eltern der neuen Erstklässler erkläre ich meine Funktion und, noch wichtiger: Ich kläre auf und nehme die Furcht”, betont sie, denn Vorurteile und das Nicht-Wissen, sowohl bei Eltern als auch bei Lehrern, sind oft der Grund, warum Inklusion so schwerfällt.

Dem treten Ergotherapeuten mit ihrem Background, unter anderem aus medizinischem Wissen, entgegen. Roswitha Hoerder weiß aus ihrer langjährigen Berufserfahrung, wie hilfreich es ist, die Auswirkungen einer Erkrankung oder einer Störung zu kennen. Wenn die Kinder zuhause berichten, was bestimmte Klassenkameraden tun oder wie sie sich verhalten, wissen die Eltern, warum das so ist und können ihr von der Ergotherapeutin erworbenes Wissen an das eigene Kind weitergeben. “Wenn Kindern und Eltern klar ist, dass beispielsweise ein Mitschüler mit Autismus nicht mag, wenn andere Kinder sich an ihn heranpirschen oder ihn berühren, gibt es weniger Irritationen im Miteinander und letzten Endes läuft es dadurch auch besser im Unterricht”, berichtet Hoerder.

Verständnis, Empathie und der Wille, Andere und Andersartigkeit zu akzeptieren, sind grundlegend für Inklusion. Und das vermitteln Ergotherapeuten eben auch. Und tragen so dazu bei, dass das, was an Schulen an erster Stelle steht – das Lernen – für alle besser klappt. News4teachers

Hintergrund

Der Deutsche Verband der Ergotherapeuten (DVE) definiert die Ergotherapie folgendermaßen:

„Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jedes Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.“

Wozu ist Inklusion in der Schule überhaupt gut? Eine Erinnerung zum Tag der Menschen mit Behinderungen

Anzeige


18 KOMMENTARE

  1. Ich schließe mich Pälzer an. Von der Seite habe ich die Inklusion noch nicht gesehen. Meine Meinung zur derzeitigen Umsetzung der Inklusion wird dadurch noch negativer, weil gerade die ergotherapeutischen Aspekte durch ausgebildete Förderschullehrer kaum, wenn sie nur stundenweise anwesend sind überhaupt nicht geleistet werden können, von den Regelschullehrern noch viel weniger, weil sie sich auch noch um die Regelschüler kümmern müssen und im Rahmen ihrer Ausbildung die Wissensvermittlung gelernt haben.

    • Sorry, aber jeder Grundschullehrer kann, weiß und macht das. Eine Doppelbesetzung mit zwei ausgebildeten Lehrern wäre daher wesentlich sinnvoller als ein Ergotherapeut, der ja auch wieder nur stundenweise durch die Klassen tingelt.

      • Widerspruch. Nahezu alle Grundschullehrer, deren Referendariat mehr als 5-10 Jahre her ist, haben im Rahmen der Ausbildung nichts von Inklusion mitbekommen. Wie gut die derzeitige Ausbildung darin ist, weiß ich nicht. Viel kann es aber nicht sein, weil echte Ergotherapeuten dafür mehrere Jahre in Vollzeit brauchen. Zwei (wegen mir auch fünf) Seminare zur Inklusion, selbst wenn sie komplett ideologiefrei sind, reichen dafür nicht aus, die Lehrerfortbildungen nach Dienstschluss oder Samstags erst recht nicht.

          • Danke für die Korrektur. So oder so kann Ihre Ausbildung in Inklusionsfragen und Ergotherapie nicht mit spezialisierten Förderschullehrern und Ergotherapeuten mithalten. Muss sie auch nicht, weil Sie in erster Linie als Wissensvermittler tätig sein sollen (aber aus den unterschiedlichsten Gründen oftmals daran gehindert werden).

  2. Danke für den Artikel und die ehrliche Einschätzung von Pälzer und xxx.

    Mir geht es wie emil: Ich sehe das, was da beschrieben wird, als Alltag an.
    Umso interessanter, dass andere in diesen Ausführungen eine ganz neue Sichtweise finden.

    Es ist normal, dass Kinder zu Beginn der Schule viele Hürden nehmen müssen, dass man sich um vieles kümmern muss, dass nicht als “Wissensvermittlung” angesehen werden kann.

    Vielmehr geht es zum einen darum, dass die Kinder lernen müssen, den Alltag in der Schule selbstständig zu bewältigen. Meiner Meinung nach benötigen immer mehr Kinder dabei Hilfe: sie können sich nicht selbstständig anziehen, haben häufig Probleme, ihre Schuhe zu schließen (trotz Klett- oder Reißverschluss), sie können ihre Handlungen nicht planen, verlieren Ziel und Aufgabe aus dem Blick, manche sind mit ganz alltäglichen Aufgaben überfordert, manche mit der Gruppe, mit Kontakten unter den Schülern, damit, dass man gesagt bekommt, was man tun und lassen soll.

    Zum anderen geht es um das Lernen an sich, bei dem die SuS einen Zugang benötigen, einen Einstieg finden müssen und viele Einzelheiten erlernen müssen, z.B. das Einheften eines Blattes, das Aufschlagen einer Buchseite ohne Zahlkenntnisse, die Orientierung im Arbeitsheft gleichzeitig zu Erläuterungen vorne in der Klasse, Orientierung im Raum und im Gebäude, Unterrichtssprache, aber auch genaues arbeiten, strukturiertes Vorgehen… Es sind alles scheinbare Kleinigkeiten, die aber vieles beeinflussen.
    Das muss einem als Grundschullehrkraft bewusst sein, da man recht wenig voraussetzen kann und die grundsätzlichsten Aufgabenstellungen und Herangehensweisen erläutern und einüben muss.

    Hinzu kommen Schwierigkeiten, die schon in den ersten Wochen deutlich werden, z.B. in unterschiedlichen Bereichen der Wahrnehmung oder der Grob- oder Feinmotorik, Fähigkeiten, die für das erfolgreiche Lernen notwendig sind und an denen man arbeiten muss. Auch das ist Alltag in der Grundschule.

    Das alles hat mit Inklusion erst einmal noch gar nichts zu tun. Es gehört zu den üblichen Aufgaben in der Grundschule, wobei der Blick hinsichtlich der Voraussetzungen genauer wird, die Lernausgangslagen diagnostiziert und dokumentiert werden müssen. Viele Kinder sind zudem jünger als früher und in etlichen Bereichen weniger vorgebildet oder vorbereitet.

    Die zusätzlichen Aufgaben zur Inklusion kommen dann, wenn Kinder in der Klasse sind, deren Beeinträchtigungen offensichtlich sind und alle betreffen (Autismus- wie beschrieben, Hören, Sprache, Verhalten) oder deren Beeinträchtigungen ihr eigenes Lernen maßgeblich beeinflusst (Lernen, Geistige Entwicklung).
    In beiden Fällen muss man früher oder später die Klasse und die Eltern mit einbeziehen, Verständnis bei allen aufbauen, Störungsbilder und Ausprägungen erläutern, Umgehens- und Verhaltensweisen miteinander finden und absprechen. Tatsächlich muss man das bei den anderen Kindern auch, da fällt es aber weniger stark auf.

    Natürlich wäre es gut, wenn es dafür Hilfe gäbe, und zwar für alle Schüler und als grundsätzliche Möglichkeit innerhalb von Schule oder Bildungssystem.
    Natürlich wäre es gut, wenn es ausgebildete Förderschullehrkräfte gäbe, die den Kindern helfen können und dürfen.
    Natürlich wäre es gut, wenn Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten, manchmal auch Psychotherapeuten, mit ihren Fachkenntnissen helfen könnten – unbürokratisch und schnell.

    Das alles ist im Übrigen auch unabhängig von Inklusion, die Hilfe bräuchten SchülerInnen in allen Schulen und eine frühere Förderung würde m.E. viele spätere Probleme vermindern.

    • Die meisten der von Ihnen genannten Schwierigkeiten der Schüler (Anziehen, Motorik, Sprechen, Verhalten usw.) waren in früheren Jahren Erziehungsaufgabe der Eltern und sollte spätestens im Kindergarten aufgearbeitet werden. Es ist somit kein Wunder, dass die Fünftklässler nicht mehr viel können, wenn Sie, Palim, und Ihre Kolleginnen (m/w) an der Grundschule mindestens ein Schuljahr mit elementarer Erziehungsarbeit verbringen müssen.

      • “wenn Sie, Palim, und Ihre Kolleginnen (m/w) an der Grundschule mindestens ein Schuljahr mit elementarer Erziehungsarbeit verbringen müssen.”

        Das zeigt aber auch mehr als deutlich, dass Lehrkräfte nicht allein “Wissensvermittler” sind, wie Sie es gerne darstellen.
        Erziehen gehörte schon immer mit dazu, das hat heute vielleicht einen größeren Stellenwert eingenommen, weil zum einen elementare und früher als allgemeine uns selbstständige Voraussetzungen angesehene Fähigkeiten bei vielen Kindern noch nicht vorhanden sind, zum anderen sicher auch, weil eine individuellere und pluralere Gesellschaft auch bei den Kindern deutlich wird.

        Schule muss darauf reagieren, da Lernen und Unterricht davon stark beeinflusst werden.

    • “Mir geht es wie emil: Ich sehe das, was da beschrieben wird, als Alltag an.
      Umso interessanter, dass andere in diesen Ausführungen eine ganz neue Sichtweise finden.”
      Dito.

      Im dritten Schuljahr laufen bei den meisten Schülern zwar grundlegende Dinge, dennoch ist die Tendenz, was mangelnde Arbeitsorganisation betrifft, auch bei nicht inklusiven Schülern steigend.
      Viele meiner Drittklässler benötigen immer noch Unterstützung in ihrer Arbeitsorganisation – das fängt beim Offensichtlichen wie beim Schulranzen und Arbeitsmaterial organisieren an. Immer mehr normal begabte Kinder sind mit mehreren Arbeitsschritten – wie auch immer (Arbeitsblatt einheften, etwas der Lehrkraft zeigen, Hausaufgaben abgeben) überfordert, vor allem wenn es um Pflichtaufgaben geht. Man muss sie mühsam dazu bringen, dass zuerst die Pflichtaufgaben zu machen sind, dann die Kür. Immer mehr sind unorganisiert, entscheiden nach Lust und Laune, vergessen die Hälfte, obwohl die Aufgabenstellungen schriftlich fixiert sind (mehr Jungs als Mädchen).
      Die Tendenz ist, dass man eher einfacher im gesamten Unterrichtsumfeld werden muss statt komplexer. Mehrteilige Arbeitsanweisungen werden gerne überlesen. Beim Unterstreichen mit Lineal z.B. zeigen sich einige Schüler über zwei Jahre lang beratungsresistent.
      Die Prioritäten liegen bei den Schülern eindeutig darauf, was sie sehr gerne machen. Da merken sie es sich. Wenn ich sage, ihr dürft morgen Geld für den Ausflug mitbringen, dann haben es alle dabei ohne es aufzuschreiben.

      • Für mich sind das alles Anzeichen einer sehr egoistischen Spaßgesellschaft. Arbeit und Leistung sind verpönt und der Bildungsforschung fallen derzeit nur Tablets ein, deren Vorzüge auch in erster Linie mit Spaß und nahezu nichts mit Leistung zu tun haben. Wenn man bedenkt, dass Schüler aus der Generation irgendwann mal die Bildungspolitik künftiger Generationen beeinflussen werden, könnte man besorgt werden.

        • Ja, könnte man so nennen, wenn man es extrem ausdrückt.

          Ich sehe die Ursachen vielfältig:
          – Eltern sind überfordert, ihren Kindern Pflichtbewusstsein beizubringen.
          – Eltern erwarten zu viel Selbstständigkeit im frühen Lebensalter und lassen die Kinder damit zu schnell alleine. Da gibt es dann eindeutige Fehlrentwicklungen.
          – Eltern überbehüten das Kind, erziehen es nicht zur Selbstständigkeit und nehmen ihm alles ab. Der richtige Mittelweg fehlt.
          – Eltern erziehen ihre Kinder bedürfnisorientiert. Viele Kinder lernen es nicht mehr, zu warten, bis sie dran sind oder etwas dran ist. Das fängt damit an, dass man vor der Bezahlung an der Kasse etwas aufreißt und den Kindern gibt. Oder man lässt sich im Gespräch von seinem Kind unterbrechen. (Mich unterbrechen gefühlt 70 Prozent meiner Schüler, wenn ich in einem Gespräch mit einem anderen Schüler bin, obwohl ich die Schüler dennoch immer warten lasse und wir dies in den Klassenregeln stehen haben. Die kennen das von zuhause nicht anders, das ist irgendwie “automatisiert”. )

          • Sehe und erlebe ich genauso im Unterricht ab Klasse 1 im anderen Bundesland in einer anderen Region.

            Zu viele Eltern reagieren offenbar auch auf Gejammere oder ein „kann ich nicht“ nicht mit Ermunterung, sondern damit, dass sie dem Kind die Aufgabe aus der Hand nehmen. Das erwarten inzwischen viele SuS auch von der Lehrkraft.

            Damit in Zukunft immer jemand sofort antwortet, gibt es eine Alexa zu Nikolaus (1. Klasse). Um so mehr SuS werden auch in Zukunft auf mich einreden, sobald ich in ihren Dunstkreis gelange, gleich was ich dort mache, ob ich mich mit jemandem unterhalte oder etwas anderem beschäftige. Sie bemerken auch nicht, ob ich mich ihnen zuwende und ihnen zuhöre, sie gehen davon aus, dass ich immer und nur für sie zuständig bin. (Vielleicht kommt ja mal jemand darauf, die Alexa mit anderen Sätzen zu füttern.)

          • In einigen Jahren werden Sie die eine oder andere Alexa und Siri bei sich in der Klasse sitzen haben. Nur werden die beiden die gestellte Frage nicht beantworten …

    • Mag alles sein. Trotzdem frage ich mich, wie denn früher Schule auch ohne diese mutliprofessionellen Teams (und mit größeren Klassen sowie schlichter ausgebildeten GS-Lehrern) funktionieren konnte. Waren die Kinder so gänzlich anders als heute? Es sieht doch so aus, als ob die Zahl der Kinder mit Förderbedarf ständig zunimmt. Und woran zum Teufel liegt das nun präzise? Und wieviele Kinder sind heute als “normal” einzustufen? Haben wir die Definition von “Normalität” vielleicht verändert?

      • Die möglichen Antworten finden Sie in den Beiträgen der Grundschullehrer und auch Artikeln über kleine Kinder und Grundschulkinder der letzten Jahre, die hier zu lesen waren/sind. Es hat auch etwas mit der Veränderung der Erziehungsmethoden und der Gesellschaft zu tun, wie xxx schreibt. Das bekommt das Schulsystem zu spüren und es muss darauf reagieren.
        Bezugnehmend auf “Normalität”. Heute würde ich die Normalität in Bezug auf Schule viel gedehnter definieren als 1990.
        Es ändert sich so rasant, dass junge Erwachsene oft nicht mehr das Verhalten der Kinder von heute verstehen und diese ganz anders begreifen als sie selbst waren. “Das hätten wir uns nicht getraut” — obwohl sie höchstens 10 Jahre älter sind. (Hören wir immer wieder von Praktikanten.)

      • Die Frage ist, was WIR als “normal” einstufen und was andere als das ansehen.

        Gilt ein Kind, das selbstständig ist, weil es vieles alleine schafft (anziehen, Schuhe schließen- von Binden gar nicht zu sprechen, frühstücken, Arbeit organisieren), als “normal” in einer Gesellschaft, in der sehr viele Kinder davon überfordert sind?

        Mir schwebt vor, dass die Eltern untereinander vergleichen, was ihre Kinder bereits können, und sich gegenseitig darin bestärken, auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn also viele Kinder im Alter von 4-6 Jahren noch nicht trocken oder nicht selbstständig sind oder noch nicht richtig sprechen, könnte dies als “normal” angesehen werden, obwohl vorherige Maßstäbe dies anders einschätzen würden.

        Wann und wodurch verschiebt sich “normal” und wann und wodurch ändert sich die Gesellschaft in kurzer Zeit so stark, dass vieles innerhalb weniger Jahre so stark verändert wird, dass Grundsätzliches, wie die Voraussetzungen zur Einschulung, nicht mehr dem entspricht, was man noch vor 10, 15 oder 20 Jahren angenommen hat?

        • Ich meinte hier “normal” eigentlich als komplementären Gegenbegriff zu “mit Förderbedarf”. Wenn wir nicht mehr wissen, was normal ist, wie können wir definieren, wo Förderbedarf besteht (das ist ja dann offenbar nicht normal) ? Im übrigen, im PISA-Wunderland Finnland ist das mit der Einschulung so (Wikipedia): “Die allgemeine Schulpflicht beginnt in dem Jahr, in dem das Kind das 7. Lebensjahr vollendet hat.” Wenn dann noch ein Kind zurückgestellt wird, dann wird es halt mit 8 Jahren erst eingeschult. Das dürfte wohl einen Unterschied machen gegenüber der Einschulung z.T. schon mit 5,5 Jahren. Im übrigen könnte man bei Einschulungstests doch testen, ob ein Kind sich alleine was aus- und anziehen kann. Warum macht man das nicht?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here