Lag Eisenmann mit ihrer Kritik an Grundschulen falsch? Bericht: Mindestens jedes 4. Kind hat Sprachprobleme schon vor dem Schulstart

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STUTTGART. Der Landesbildungsbericht Baden-Württemberg weist auf Stellschrauben in der Bildungspolitik hin, an denen die grün-schwarze Landesregierung drehen kann. Ergebnis: Die Defizite fangen schon vor der Schule an. Das ist bemerkenswert, hatte Kultusministerin Eisenmann doch zuletzt vor allem die Grundschulen für schlechtere Schülerleistungen verantwortlich gemacht – und die Methode „Lesen durch Schreiben“ verboten. Auch muss die Ministerin eine Steigerung der Zahl der Schulabbrecher um mehr als 20 Prozent erklären.

Auf Schulbesuch: Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg
Hatte harsche Kritik an den Grundschulen geübt: Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Mindestens jedes vierte Kindergartenkind in Baden-Württemberg kann für einen erfolgreichen Schulstart nicht gut genug Deutsch sprechen. Etwa 28 Prozent dieser Kinder zeigten bei der Einschulungsuntersuchung zusätzlichen intensiven Sprachförderbedarf, geht aus dem am Donnerstag in Stuttgart vorgestellten Bildungsbericht Baden-Württemberg hervor. Bei 25 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Südwesten entspreche der Entwicklungsstand nicht dem Alter, sagte Daniela Krämer vom Landesinstitut für Schulentwicklung. Auch die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Land ist demnach zum ersten Mal seit Jahren wieder gestiegen.

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Nachdem die Baden-Württembergischen Viertklässler beim IQB-Vergleichstest 2017 in ihren Leistungen abgestürzt waren, hatte Eisenmann die Grundschulen massiv kritisiert. „Es nützt nichts, einfach mehr Geld in die Schulen zu stecken. Viel hilft nicht immer viel“, erklärte sie damals – und richtete den Blick auf die Lehrmethoden. „Welcher Lehrer unterrichtet wie? Und was? Und mit welchem Erfolg?“ Schon zuvor, nach ebenfalls schlechten Ergebnissen bei den Vergleichsarbeiten VERA, hatte sie Grundschullehrern die Methode „Lesen durch Schreiben“ verboten. Die ständige Kritik der Ministerin an den Grundschullehrkräften sei kontraproduktiv, meinte die GEW. Hilfreich wären bessere Arbeitsbedingungen.

Der Bildungsbericht scheint der Gewerkschaft jetzt recht zu geben. Trotzdem sieht sich auch Eisenmann auf dem richtigen Weg. „Die Zahlen bestätigen erneut unseren Handlungsbedarf: Wir müssen uns noch mehr darum kümmern, dass der Start in der Grundschule für alle Kinder optimal ist“, sagt sie im Gespräch. «Deshalb weiten wir die Sprachförderung in den Kitas aus und stellen sie auf neue Beine.» Mit dem neuen Konzept zur sprachlichen und elementaren Förderung würde man dem Förderbedarf der Kinder noch besser entsprechen können. Ab dem Kindergartenjahr 2019/20 sollen Kitas den Eltern etwa verbindlich ein Entwicklungsgespräch im Anschluss an die Einschulungsuntersuchung anbieten. Zusätzlich investiere das Land in die Qualifizierung von Sprachförderkräften, die Anfang 2019 starte. Eisenmann sagte, sie wolle an den Schulen eine «Kultur des Hinschauens» etablieren.

Zahl der Schulabbrecher gestiegen

Der Bildungsbericht legt weitere Defizite im Schulwesen im Südwesten offen – an den weiterführenden Schulen. Die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss ist demnach zum ersten Mal seit Jahren wieder gestiegen. Von den allgemeinbildenden Schulen gingen im Jahr 2017 mehr als 7400 Schüler ohne Hauptschulabschluss ab – das waren etwa 1300 mehr als im Vorjahr. Ihr Anteil lag damit bei 6,6 Prozent. 2016 waren es mit 5,2 Prozent noch rund 20 Prozent weniger, 2013 noch 4,6 Prozent. «Das wird im Wesentlichen auf den Zuzug von Schutz- und Asylsuchenden zurückgeführt», sagte Krämer. Der Bildungsbericht verweist auf Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse, die die Vorbereitungsklassen ohne Abschluss verlassen.

Unter den Schülern, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sind mit 62,2 Prozent überdurchschnittlich viele männliche Jugendliche. Ein fehlender Schulabschluss häufig einher mit mangelnden Fähigkeiten beim Lesen und in Mathematik, heißt es im Bericht. Und: Der Bildungserfolg hänge nach wie vor von der sozialen Herkunft ab. Die Probleme hingen mit dem sozioökonomischen Hintergrund der Familie und auch migrationsbedingten Faktoren zusammen. So schneiden Schüler mit Migrationshintergrund beziehungsweise einer anderen Alltagssprache als Deutsch in allen Bereichen der Erhebungen demzufolge deutlich schlechter ab.

Der Landesbildungsbericht wird seit 2007 alle drei bis vier Jahre vom Landesinstitut für Schulentwicklung und dem Statistischen Landesamt veröffentlicht. Er gibt auf mehr als 300 Seiten eine Übersicht über Aspekte vorschulischer und schulischer Bildung. Die Daten dienen dem Land auch als Basis für seine bildungspolitischen Planungen. News4teachers / mit Material der dpa

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4 KOMMENTARE

  1. Ja, sie und all die Anderen, die zwar nie in der Grundschule sind, aber trotzdem genau wissen, was dort passiert, sorry, was dort falsch gemacht wird, auch. Haben die Grundschullehrer immer schon gesagt, nur will es keiner hören ….

    • Die Grundschulen haben derzeit zu viele Nebenkriegsschauplätze. Einige sind im falschen Lehrplan verortet, andere in Versäumnissen von KiTa und Eltern. Die Lehrer sind für beides nicht verantwortlich, so lange sie ihren Bildungsauftrag ernst nehmen und den Kindern auch das Lernen beibringen.

    • Mit den Methoden der Selbstalphabetisierung wird und wurde man den Risikogruppen noch nie gerecht, da diese Schülergruppen eben mit dem eigenständigen Erarbeiten von Lerninhalten, wie etwa beim Spracherfahrungsansatz und dem überwiegend materialzentrierten Unterricht, sowie dem selbst erforschendem Lernen, weitgehend überfordert sind.
      Eine vermeintliche Vereinfachung und Simplifizierung von Arbeitsmaterialien und Lerninhalten, wie die etwa die Einführung der Grundschrift, eine reine Druckschrift, aus der dann die Schüler selbstständig noch eine verbundende Handschrift, also eine Schreibschrift entwickeln sollen, tragen ihr übriges an der Entstehung chaotischer Schriftbilder der Schüler bei, und diese fördern nicht gerade die Automatisierung eines flüssigen und lesbaren Schriftbildes , weil eine klein segmentierte und auflautierende Schreibung der Wörter, weiter die Grundlage des Schreibens bildet.

  2. Zum Verständnis der Zahlen würde ich mir weitere Daten wünschen. Wieviel % der Schulanfänger sind in einer anderen Sprache als Deutsch sozialisiert? Würde das den Anstieg der Problemfälle erklären helfen?
    Weitere Frage: gibt es eine Korrelation zwischen Entwicklungsverzögerung und der familiären Situation? Man mag hier ungern spekulieren; objektive wissenschaftliche Erkenntnisse wären hilfreich.

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