Psychologen: Schule bringt eine andere Persönlichkeit hervor als die Ausbildung – der Weg prägt das Denken

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TÜBINGEN. Die Schulzeit geht in der Regel nicht spurlos an Schülern vorbei. Tatsächlich gehört die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen vielmehr zu den zentralen schulischen Aufgaben. Oft wird in diesem Zusammenhang der Vorwurf laut, Schüler würden die Bildungsanstalten weltfremd verlassen und Ausbildungsbetriebe hätten dann viel zu reparieren. Ob dies so zutrifft konnten Tübinger Wissenschaftler zwar nicht belegen, doch konnten sie zeigen, dass sich die Persönlichkeiten junger Menschen unterschiedlich entwickeln, je nachdem ob sie sich früh für eine Ausbildung oder einen längeren Schulbesuch entscheiden.

Die Schule bietet gegenüber dem Berufsleben eine Reihe von Vorteilen, die die meisten Menschen erst im Nachhinein zu schätzen wissen. Dazu gehört sicherlich die Vielfalt an Themen, mit denen sich Schüler nahezu täglich auseinandersetzen – je nach Sichtweise – müssen oder dürfen. Wie tief dieser Umstand wirkt, haben Wissenschaftler der Universität Tübingen ermittelt.

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Die Anforderungen an junge Menschen in Schule und Berufsleben unterscheiden sich deutlich. Das hat nachhaltigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung. Foto: sweetlouise / Pixabay (CC0 1.0)
Die Anforderungen an junge Menschen in Schule und Berufsleben unterscheiden sich deutlich. Das hat nachhaltigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung. Foto: sweetlouise / Pixabay (CC0 1.0)

Ob Jugendliche nach dem Besuch der zehnten Klasse weiterhin die Schulbank drücken oder sich für eine Ausbildung und damit den Eintritt in das Berufsleben entscheiden, wirkt sich auf ihre Persönlichkeit, aus, fanden sie in einer Studie heraus. Jugendliche, die sich für das Arbeitsleben entschieden wurden demnach zwar gewissenhafter, ihr Interesse an forschenden, unternehmerischen und sozialen Tätigkeiten nahm jedoch ab, verglichen mit Gleichaltrigen, die bis zum Abitur die Schule besuchten.

Mittels komplexer Datenanalysen bestätigten die Wissenschaftler nicht nur die Binsenweisheit, dass die Entscheidung, welchen Weg wir wählen, von unserer Persönlichkeit mitbestimmt wird – oder werden sollte. Indem sie mittels statistischer Verfahren Vergleiche unter verschiedenen Gruppen von Jugendlichen ermöglichten, konnten sie davon unabhängig messen, dass der gewählte Weg stark beeinflusst, wie sich das Denken, Fühlen und Verhalten tief verändern. „Damit konnten wir nun zeigen, dass sich Kernaspekte unserer Persönlichkeit verändern, je nachdem, welchen Weg wir einschlagen“, erklärt Ulrich Trautwein, einer der Autoren der Studie.

Grundlage der Untersuchung war eine Langzeitstudie, bei der Jugendliche zunächst zum Zeitpunkt der Entscheidung für eine weiterführende Schule oder berufliche Ausbildung und dann sechs Jahre später befragt wurden. Knapp 2.100 Schüler aus 46 Realschulen und Gymnasien nahmen zum ersten Zeitpunkt an der Umfrage teil, bei der zweiten Befragung nach sechs Jahren waren es noch 508 Teilnehmer. 224 von ihnen entschieden sich dafür, die Schule bis zum Abitur zu besuchen, 284 für eine berufliche Ausbildung.

Es zeigte sich zum einen, dass sich die Entscheidung für Schule oder Beruf an verschiedenen Faktoren orientierte, insbesondere der Schulleistung, dem schulischen Selbstkonzept und dem familiären Hintergrund. Hatten die Eltern selbst einen niedrigeren Bildungsabschluss, waren die Schulleistungen schlechter und war das Vertrauen in die eigenen schulischen Fähigkeiten geringer, wurde eher der berufliche Weg eingeschlagen.

Zum anderen zeigte sich, dass die beiden verschiedenen Lebenswege einen substanziellen Einfluss auf die Persönlichkeit hatten. Die Jugendlichen, die sich für den Eintritt in das Berufsleben entschieden hatten, wurden gewissenhafter: Die sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin wurden ausgeprägter als bei denjenigen, die weiterhin zur Schule gingen.

Den Grund dafür vermuten die Studienautoren darin, dass Auszubildende eine Umwelt erleben, in denen es klar definierte Anforderungen und strengere Verhaltensregeln als in der Schule. Im beruflichen Umfeld ist die Zuverlässigkeit einzelner Personen für das gesamte Team wichtig. Hinsichtlich anderer Persönlichkeitsmerkmale wie emotionaler Stabilität, Verträglichkeit oder Offenheit konnten keine Unterschiede festgestellt werden.

Die Befragung nach sechs Jahren ergab, dass sich die Jugendlichen weniger für bestimmte Tätigkeiten interessierten, wenn sie sich zu einer Ausbildung entschlossen hatten, als ihre Altersgenossen, die in der Schule geblieben waren. Dazu gehörten etwa forschende Tätigkeiten, wie in einem Labor zu arbeiten oder Sachverhalte zu beobachten und zu analysieren. Auch zeigten sie weniger Interesse an sozialen Tätigkeiten, beispielsweise sich um andere Menschen zu kümmern oder sie zu unterrichten.

Auffällig weniger interessiert waren sie überdies an unternehmerischen Tätigkeiten, die man gemeinhin Geschäftsführern oder Managern zuschreibt, So zeigten sie sich beispielsweise wenig aufgeschlossen dafür, ein Team zu führen oder mit anderen zu verhandeln. Diese Entwicklung dürfte in vielen Fällen nicht im Interesse der jeweiligen Arbeitgeber liegen.

„Dass die Gewissenhaftigkeit steigt und sich die Interessen an bestimmten Tätigkeiten verändern, könnte daran liegen, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die plötzlich im Berufsleben stehen, in neue Rollen hineinwachsen müssen, für die bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen erforderlich sind und auch belohnt werden“, erklärt Ulrich Trautwein. „Die Befunde zeigen erneut die Bedeutung der Lernumgebung auf die Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen auf – auch jenseits der erworbenen Fähigkeiten.“ Ein Umstand, den Trautwein noch zu wenig beachtet sieht „Wissenschaft und Praxis sind deshalb gefordert, ein noch besseres Verständnis von der Qualität und den Effekten von Schule und Ausbildung zu bekommen.“ (zab, pm)

• Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht. (kostenpflichtiger Download)

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3 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Schule und Ausbildung prägen unterschiedliche Persönlichkeiten”

    Ich glaube, das kann jeder unterschreiben. Also abgesehen von erblichen Bedingungen und Umwelteinflüssen, zu denen ja die Schule gehört. Ich folge der Theorie, dass beides einen Einfluss hat (siehe auch “Epigenetik”).

    Früher erzog die Schule eher zum angepassten, folgsamen Bürger (Untertanen?); heute zum kritischen, couragierten, auch aufmüpfigen Bürger (Individualisten). Wahrscheinlich wäre eine “Mitte” daraus das Ideal.

    Aber zu hoch darf man den Einfluss der Schule auch nicht bewerten. Ihr Erziehungsideal fällt auf fruchtbaren Boden (Elternhaus, Charakter) oder auch nicht. Sonst wäre es kaum erklärlich, wieso die sozialistische Indoktrination in der DDR-Schule so außergewöhnlich erfolglos war und bald 90% der DDR-Bürger sie 1990 nicht mehr haben wollten.

    • PS: Ach ja, immerhin haben die Ostdeutschen bzw. eine Mehrheit von ihnen 1989/90 schon einmal einen Systemwechsel zustande gebracht – auf friedliche Weise. Die Westdeutschen noch nicht. Die kämpfen eher mit Klagen und Anwälten für mehr Gehalt, aber da endet es auch schon (kleine “Stichelei”, sie sei mir gegönnt bei all den bösen Vorurteilen, die man hier über Ostdeutsche lesen konnte!) 🙂

  2. Es ist immer wieder schön, wenn Tatsachen, die einem Erfahrung und gesunder Menschenverstand sofort zeigen, auch wissenschaftlich bestätigt werden.
    Bleibt die Frage: braucht Deutschland mehr gewissenhafte Menschen oder weniger?

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