Stufenbezogene Lehrerausbildung? Philologen: Nein, danke!

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ERFURT. Der Thüringer Philologenverband hat sich gegen Überlegungen gewandt, eine stufenbezogene Lehrerausbildung einzuführen. „Die Stufenlehrerausbildung ist aus unserer Sicht kein Weg aus der Krise in der Nachwuchsgewinnung im Lehrerbereich“, meint Landesvorsitzende Heike Schimke. „Diese Form der Ausbildung würde perspektivisch mehr Probleme schaffen, als sie vermeintlich lösen würde.“

Angesichts des zunehmenden Lehrermangels gerät die Lehrerausbildung in die Diskussion. Foto: Universität Salzburg (PR) / flickr / CC BY 2.0

Fünf Argumente listet Schimke auf:

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  1. „Wer bisher Gymnasiallehramt studiert hat, studiere dann Lehramt für die Sekundarstufe II. Oder man geht dahin, wo man Gymnasiallehramt studieren kann – in andere Bundesländer. Resultat: Kein einziger Bewerber mehr für die Regelschulen in Thüringen als bisher auch.“
  2. „Es wird definitiv mehr Studienabbrecher geben, wenn das Lehramtsstudium für die Sekundarstufe I sich künftig am Niveau des bisherigen Lehramtsstudiums für Gymnasiallehrkräfte orientieren soll. Resultat: weniger Absolventen.“
  3. „Nach Aussagen der Universitäten ist für die Änderungen ein größerer personeller Aufwuchs notwendig. Auch der strukturelle Umbau verschlingt Geld. Woher nehmen…?“
  4. „Mangel an Geld und Personal führt zu Engpässen in Seminaren und Praktika an den Unis und dadurch zu einer Absenkung des fachlichen Ausbildungsniveaus. Resultat: Qualitätsprobleme…“
  5. „Das Lehramtsstudium in Thüringen wird unattraktiv, wenn der Einsatz später flexibel nach Bedarf (vielleicht auch gegen den Willen der Lehrkraft) erfolgen soll. Resultat: Abwanderung in andere Bundesländer.“

Fazit des Verbands: „Die Zahl der Absolventen für die Regelschulen steigt nicht.“ Es sei auch heute bereits möglich, Gymnasiallehrer an Regelschulen einzustellen, wenn sie dies wollten. „Man sollte einmal hinterfragen, weshalb die Anzahl der Interessenten für das Regelschullehramt so gering ist“, so heißt es. Einziges Resultat der Stufenlehrerausbildung sei eine „Entspezialisierung“ der Lehrer. „Es ist schon paradox“, sagt Schimke. „In nahezu allen Bereichen gibt es eine Zunahme von Spezialisierungen – nur im Schulbereich will man sie abschaffen!?“

Die Universitäten in Erfurt und Jena hatten sich unlängst offen für eine schulstufen-bezogene Lehrer-Ausbildung gezeigt. „Man muss das ernsthaft und seriös prüfen“, sagte der Präsident der Uni Erfurt, Walter Bauer-Wabnegg. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hatte zuvor  vorgeschlagen, die Lehramtsstudiengänge an den Universitäten nicht mehr streng nach der Schulart wie Gymnasium oder Regelschule auszurichten, sondern nach Altersstufen. News4teachers

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22 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Schulformbezogene Lehrerausbildung? Philologen: Nein, danke!”

    Ist das nicht etwas irreführend? Die Philologen sprechen sich doch für die Beibehaltung der bisherigen schulformbezogenen Lehrerausbildung aus.

    • Grundsätzlich finde ich die Ausbildung nach Schulstufen (Primar, Sek I, Sek II) richtig, wobei ich die Sek-II-Befähigung eher als zusätzliche Ausbildung der Sek-I-Lehrer sehe. Hat man dann und darf dort arbeiten oder hat man nicht und darf nur in Klasse 5 – 10 arbeiten.

      Die Gegenargumente finde ich seltsam. Primarstufenlehrer sind dann wie bisherige Grundschullehrer an Grundschulen einsetzbar. Sek-I-Lehrer an allen weiterführenden Schulen von Klasse 5-10. Die Sek-II-Lehrer bzw. Sek-I-Lehrer mit Sek-II-Befähigung sind an allen weiterführenden Schulen einsetzbar und – je nachdem – zusätzlich auch in Klasse 11-13.

      • Sek II nur als Zusatzausbildung sehe ich aus fachlichen Gründen kritisch, wenn man nicht gleichzeitig die Anforderungen des Sek I-Studiums massiv anhebt.

        • Ich nicht. Als Lehrer “lernst” du immer mehr als das, was du den Schülern beibringst. Deshalb sollten Sek-I-Lehrer gut an jeder weiterführenden Schule arbeiten können und in der Praxis ist das ja auch so.

          Wer in der Sek II arbeiten will, sollte natürlich noch mehr “lernen” müssen. Wie tiefgründig das dann sein muss (Zusatzausbildung), müssen andere entscheiden.

    • stufenbezogene Ausbildung hat nur dann einen Sinn, wenn man die Gymnasien abschaffen will. Viele Lerninhalte, die am Gymnasium gebraucht werden (z.B. rund um Beweise), werden in anderen Schulformen nie zum Einsatz kommen. Umgekehrt brauchen Lehrer an Hauptschulen (synonym gebraucht für die Fülle an neueren Schulformbezeichnungen, welche dieselbe Schülerzielgruppe unterrichten) Kenntnisse und Fähigkeiten, die im Gymnasium selten nötig sind. Es ist kaum vorstellbar, dass beide Seiten in einer Stufenlehrerausbildung vermittelt werden können, da man ja kaum die Studienzeit verlängern wird. Also wird es unter einer Regierung, die von der Linken angeführt wird, wohl eher eine Ausbildung mit Gesamtschulschwerpunkt geben. Und sobald kein Lehrer mehr die gymnasialen Unterrichtsgänge kennt, ist das “Problem” gelöst …

    • Der traditionelle “schulformbezogene Lehrer” ist der Gegenbegriff zum neuerdings propagierten “stufenbezogenen Lehrer”, und der Philologenverband favorisiert den ersteren vor dem letzteren. Also ist die Überschrift “Schulformbezogene Lehrerausbildung? Philologen: Nein danke!” ein Widerspruch in sich, nicht ganz untypisch für die Art der Diskussion zu diesem Thema.
      Was man aber mal machen könnte: In Bremen gibt es bereits die Ausbildung zum Stufenlehrer. Wie ist denn die vorläufige Evaluation davon?

  2. Sehr geehrte Redaktion, die Überschrift widerspricht dem Text. Ist das nun fake news oder war’s der Praktikant oder ein Mausrutscher?

    • Zitat (S. 3): “Kurzes Gesamtresümee: Lehramtsstudierende des gymnasialen Lehramts sind nicht nur die besseren Fachwissenschaftler, sondern auch die besseren Pädagogen.”

      Das dürfte einigen der hier mitkommentierenden Grundschullehrern nicht gefallen, auch wenn sich das Resümee nur auf mathematisch-naturwissenschaftliche Studiengänge bezieht. Das ist auch insofern bemerkenswert, als dass die harten Naturwissenschaftler den gängigen Vorurteilen zufolge als wenig empathisch gelten.

      • Definieren Sie einmal, was “bessere Pädagogen” für Sie bedeutet.
        Nach Definition ist Pädagogik die Kunst der Kindesführung oder “Erziehungswissenschaft sind Bezeichnungen für eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt.”
        (siehe wikipedia)
        Ich finde es schon vermessen, wenn behauptet wird, dass Gymnasiallehrer Bildung und Erziehung Kindern besser vermitteln zu können als Lehrer anderer Schularten. Auch ein Affront gegenüber allen Diplompädagogen.
        Vielleicht sollte man mit den Begriffen sorgsamer umgehen. Wahrscheinlich ist nicht Pädagoge, sondern Didaktiker gemeint.
        Doch auch da kommt es immer darauf an, mit welchen Schülern man es zu tun hat. Je schwieriger die Schülerklientel, desto höher die pädagogische Herausforderung. Je schwerer die Schüler in der Lage sind, etwas kognitiv zu umreißen, desto höher die didaktische Herausforderung, so meine Ansicht. Hat je einmal jemand untersucht, was die Sonderpädagogen leisten?

        Bessere Fachwissenschaftler ist logisch, Gymnasiallehrer sind speziell auf ihre Fächer bis in höhere Kompetenzstufen ausgebildet. Die besseren Didaktiker bezweifle ich, da gibt es in allen Schularten solche und solche. Das kommt auf die Ausbildung, das persönliche Interesse und die Fortbildungen an. Die besseren Pädagogen bezweifle ich stark – weil ich nicht denke, dass man am Gymnasium noch groß erziehlich agieren kann.
        Wir haben an der Schule eine Gymnasiallehrkraft, die umschult. Ihre Aussage: “Hier, an der Grundschule, kann ich Lehrerin sein, am Gymnasium ging es darum, immer fachwissenschaftlich fit zu sein, weil man nicht alles im Studium hatte und sich auch da in gewisse Themen einarbeiten musste.” Außerdem ist für sie die Einmischung von Eltern in banale Sachen völlig neu.

        • Dass Gymnasiallehrer auch die besseren Didaktiker sind zeigen die COACTIV-Studie und die TEDS-M-Studie. Diese beiden Studien zeigen Korrelation von Fachwissen und didaktischem Wissen. Je mehr Fachwissen, desto besser die didaktische Vorgehensweise.

          Bessere Pädagogen meint:
          “Studierende des Gymnasiallehramts erzielen in den vier Skalen Lehren, Lernen und Entwicklung,
          Klassenführung und Innovieren signifikantbessere Ergebnisse als Studierende der anderen Lehrämter.”
          Zu finden in der Zeitschrift für Pädagogik vom Januar/Februar 2017. Die Studienmacher wunderten sich:
          “Dieser Befund erscheint zunächst kontraintuitiv, da oft angenommen wird, dass in gymnasialen Lehramtsstudiengängen eher weniger pädagogisches und psychologisches Wissen vermittelt wird als in anderen Lehramtsstudiengängen.” Die Autoren der Studie wollen nun prüfen, “wie es zu die-
          sen Leistungsvorteilen im gymnasialen Lehramtsstudium kommt.”

        • Übrigens:
          Das ist nicht meine private Meinung. Das sind Ergebnisse, wie diverse Studien sie zeigen. Gegenteilige Ergebnisse anderer Studien sind mir nicht bekannt. Mich kotzt es nur an, wenn Gymnasiallehrern immer wieder unterstellt wird, sie seien nur Fachidioten und pädagogische Pfeifen. Wie oben genannte Studien zeigen, ist das Gegenteil der Fall.

          • Bei der KiL, die genannt wird, wurden offenbar Studierende unterschiedlicher Lehrämter befragt, den Fächern nach eher alles SekI-Studierende.

            Aus den im Internet zu findenden Veröffentlichungen ist ersichtlich, dass zum einen theoretische Fragen zur Pädagogik gestellt wurden (Herr XY hat ein Modell Z veröffentlicht. Was beinhaltet das?).
            Zum anderen Fragen hinsichtlich der Einschätzung von SuS, deren Lernausgangslage oder möglicher Fehlleistungen.
            Genaueres konnte ich nicht finden.

          • … und genau da würde wieder der Hinweis passen, dass Studien im Hinblick auf Fachliches, Pädagogisches und Psychologisches, die an den Universitäten des Landes entstehen, den Lehrkräften des Landes zur Einsicht zur Verfügung gestellt werden könnten.

            Ebenso sind Lehrkräfte des Landes manchmal zur Durchführung oder auch zur Teilnahme an Studien verpflichtet.

          • Wenn man aufgrund einer solchen Befragung dann auf solche Ergebnisse kommt, dann kann man diese Studie als nicht realistisch vergessen.
            Hätte man Lehrer im Unterricht über einen großen Zeitraum beobachtet, Schüler und Eltern befragt, Vorwissen und Unterrichtsergebnisse verglichen, die Schülerausgangslage berücksichtigt, dann wäre das schon etwas aussagekräftiger.

          • Ich finde es schwierig, eine solche Studie zu beurteilen, wenn man nur ein Bruchstück davon betrachten kann.
            Für eine Auswertung der pädagogischen Arbeit von Lehrkräften würde ich aber genau das analysieren, was du vorschlägst.
            Als Möglichkeit kann ich mir auch vorstellen, dass Lehrkräften Situationen geschildert werden oder Lernergebnisse vorliegen, zu denen die Lehrkräfte dann die nächsten Handlungsschrittte aufzeigen.

            Dabei sind fertig ausgebildete Lehrkräfte einzubeziehen, denn die Unterrichtserfahrung samt -reflexion dürfte den Studierenden zumeist fehlen. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Universitäten inzwischen auf ein Praxismodell umgestiegen sind, bei dem schon im 1. oder 2. Semester Unterrichtserfahrungen gesammelt werden und wie stark diese Praxisphasen begleitet werden.

          • Solche Studien sollten nur mit erfahrenen Lehrkräften gemacht werden, dann sind sie aussagekräftig.
            Wenn Studenten befragt werden, dann kann man nur Rückschlüsse auf die Qualität des Studiums ziehen. Ob die Studenten sich in der Praxis bewähren, steht auf einem anderen Blatt.

          • Verweisen nicht gerade Grundschullehrkräfte immer auf ihre bessere pädagogische Ausbildung an den Universitäten?

        • Zitat:
          “Wir haben an der Schule eine Gymnasiallehrkraft, die umschult. Ihre Aussage: “Hier, an der Grundschule, kann ich Lehrerin sein, am Gymnasium ging es darum, immer fachwissenschaftlich fit zu sein, weil man nicht alles im Studium hatte und sich auch da in gewisse Themen einarbeiten musste.””

          Eigentlich ein Armutszeugnis für eine Lehrerin, die sich darüber beschwert, dass sie sich in gewissen Themen einarbeiten muss. Das ist ja gerade er Reiz an dieser Schulart, dass man fachlich UND pädagogisch gefordert wird.

  3. Dass Grundschullehrer eine “bessere pädagogische Ausbildung an den Universitäten” hätten, ist meiner Meinung nach nicht ernst zu nehmen und als Verteidigungsargument gegen das fachlich (didaktisch) bessere Wissen der Gymnasiallehrer zu sehen.
    Grundschullehrer sind Allrounder, was die berufliche Tätikeit auf eine andere Art als die der Gymnasiallehrer ebenfalls anstrengend und anspruchsvoll macht.
    Was ich als Grundschullehrern an Psychologie, Pädagogik und Methodik gelernt habe, hat mir im Berufsleben kaum geholfen. Mehr fachliches (didaktisches) Wissen, das ich mir später mehr oder weniger selbst aneignen musste, hätte mir mehr geholfen als die oftmals ideologisch durchsetzte pädagogische Ausbildung, die ich nicht als “besser” bezeichnen kann und möchte.

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