Jungen tun sich mit dem Lesen besonders schwer – neues Projekt soll gegensteuern

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MAINZ. Viele Jungen sind nach Auffassung von Experten schwerer für das Lesen zu begeistern als Mädchen. Eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest etwa betonte, dass neben der Bildung auch das Geschlecht einen starken Einfluss auf die Lesehäufigkeit hat. Mädchen zeigten eine höhere Affinität zu Büchern, konkret greife knapp jedes zweite Mädchen und nur jeder dritte Junge in der Freizeit regelmäßig zum Buch. In Rheinland-Pfalz wird nun im rheinhessischen Oppenheim ein Projekt vorgestellt, das Jungs für das Schmökern begeistern soll – mit Hilfe des Fußballs.

Im Ganztag - hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt "Ganz In" teilnimmt - können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)
Ein eher seltenes Bild: Lesende Jungen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Nach Angaben der Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz nimmt das Interesse an Büchern und Lesen vom Übergang der Grundschule zur weiterführenden Schule bei Kindern ab. Dieser Leseknick sei bei Jungen stärker ausgeprägt als bei Mädchen. Der Fachreferent für den Sekundarbereich beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz, Frank Handstein, sagte der Deutschen Presse-Agentur in Mainz: «Jungs sind eher auf Bewegung und Action getrimmt. Mädchen könnten sich noch eher auf ruhige, eigenkreative Tätigkeiten einlassen.»

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Das zeigen auch Erkenntnisse einer weiteren Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Demnach lesen unter den Sechs- bis 13-Jährigen 16 Prozent überhaupt nicht in ihrer Freizeit. Mädchen zählen demnach mit 59 Prozent deutlich häufiger als Jungen (39 Prozent) zu regelmäßigen Lesern. Analog gibt es unter Mädchen (11 Prozent) viel weniger Nichtleser als bei Jungen (21 Prozent).

In Oppenheim wird Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) am (heutigen) Freitag an der dortigen Integrierte Gesamtschule das Projekt «kicken und lesen» vorstellen. Beteiligt sind daran die Stiftung Lesen, das Pädagogische Landesinstitut sowie der 1. FSV Mainz 05. Vergleichbare Projekte laufen schon in Baden-Württemberg mit dem VfB Stuttgart und in Nordrhein-Westfalen mit dem 1. FC Köln.

«Kicken & lesen» in Rheinland-Pfalz richtet sich der Stiftung Lesen zufolge vor allem an Jungs der fünften und sechsten Klassen. Über den Fußball sollen sie zum Buch gebracht werden. Ein halbes Jahr lang wechseln sich Fußball- und Leseeinheiten ab, Teilnahmen an Einheiten werden in Fußball- und Lesepässen festgehalten. Am Ende treten Klassen bei einem Fußballturnier und «Book-Slam» gegeneinander an.

VBE-Referent Handstein, der Deutsch- und Englischlehrer an der Freiherr-vom-Stein-Realschule plus in Nentershausen im Westerwald ist, sieht grundsätzlich, dass Kinder weniger als früher mit dem Lesen in Berührung kommen. Seiner Meinung nach lesen Eltern ihren Kindern deutlich seltener vor als in früheren Jahren. «Dabei ist sich die Forschung einig, dass das Vorlesen das A und O ist – schon im Säuglingsalter.» In vielen Familien seien beide Elternteile berufstätig, könnten nicht auf ein zweites Gehalt verzichten. «Wir erleben heute eine Art gesamtgesellschaftliche Lese-Diaspora.»

“Das Lesen muss man sich erarbeiten”

Kinder beschäftigten sich heute viel mit elektronischem Spielzeug, sagte Handstein. «Das wird oft als Lern-Spielzeug verkauft, ist aber eigentlich das Gegenteil.» Es bediene das Kind, diese Berieselung lasse die Kreativität verkümmern. Die brauche es aber beim Lesen, das lebe von eigenen Bildern im Kopf. «Das Lesen muss man sich erarbeiten, man muss eigene Kreativität entwickeln.»

Doch warum ist das Lesen überhaupt so wichtig? Es helfe später in vielen Lebensbereichen und bei vielen «Schaffensprozessen», sagte Handstein. Probleme könnten mit Kreativität eher gelöst werden. «Lesen ist die wichtigste Kulturkompetenz, die wir haben», findet Handstein. Bei jedem Vertrag und bei jedem Formular werde Lesekompetenz vorausgesetzt. «Sie können in der heutigen Zeit nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft funktionieren, ohne zu lesen.» Ähnlich formulieren es Bildungsministerium und Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz: «Lesen ist bekanntermaßen der Schlüssel zu persönlicher Entfaltung und beruflichem Erfolg.» dpa

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4 KOMMENTARE

    • Nein, das glaube ich nicht. Unsere Schulen unterliegen keinen matriarchalen Strukturen.
      Außerdem kann ich in unserer Grundschule, in der es einen recht hohen Anteil an Männern gibt (die auch den Deutschunterricht erteilen), wahrnehmen, dass auch die Jungen aus deren Gruppen wenig lesen.
      Das Jungen in dem Alter durchschnittlich mehr toben als Mädchen und diese deswegen mehr Zeit zum Lesen haben, kann ich, d’accord zum Artikel, hingegen sehr wohl bestätigen.
      Ich beziehe mich dabei nicht auf die Lesefähigkeit, nur auf die Lesemenge.

      • Es geht nur bedingt um die Grundschule.
        Im Artikel wird ausgeführt, dass es um die SekI geht.
        “Nach Angaben der Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz nimmt das Interesse an Büchern und Lesen vom Übergang der Grundschule zur weiterführenden Schule bei Kindern ab. Dieser Leseknick sei bei Jungen stärker ausgeprägt als bei Mädchen.”

        In der Grundschule hängt m.E. sehr viel von der Unterstützung im Elternhaus ab.
        Kinder, mit denen dort gelesen wird, deren Eltern das Lesen unterstützen, sind deutlich im Vorteil. Da kann ich nicht ausmachen, dass Mädchen oder Jungen mehr Unterstützung erhalten.

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