Wie ein ehemaliger Schulleiter Lehrern beibringt, “Glück” zu unterrichten

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HEIDELBERG. Glück kann man lernen – dieser Überzeugung ist der Pädagoge Ernst Fritz-Schubert. Und das von Kindesbeinen an. Dafür müssen aber erstmal glückliche Lehrer her.

«Die Schüler sollen Gestalter ihres Lebens, nicht Erdulder ihres Schicksals werden.» Die Lehrer auch. Foto: Shutterstock

Ob in der Antike oder heute – die Menschen waren schon immer auf der Suche nach dem Glück. Zahlreiche Ratgeber für Selbstfürsorge, Lebensfreude und Achtsamkeit zeigen, dass das Thema noch genau so aktuell ist wie vor mehr als 2000 Jahren. Solche Hilfen wären womöglich gar nicht nötig, wenn das Thema Glück einen festen Platz im Fächerkanon aller Schulen hätte, sagte Ernst Fritz-Schubert vor dem internationalen Tag des Glücks (20. März). Er gilt als Wegbereiter des Faches Glück in Deutschland. «Schüler brauchen mehr Orientierung und weniger Sachwissen. Gute Kenntnisse in Mathe und Deutsch sind keine Garantie für ein gelingendes Leben», findet der ehemalige Rektor einer beruflichen Schule in Heidelberg. Dort führte er erstmals in Deutschland 2007 Glück als Fach ein.

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Seit 2009 bildet er Multiplikatoren für seine Idee eines Unterrichts fort, in dem die jungen Menschen ihre Stärken entdecken, Ziele formulieren und Wege dorthin erkennen sollen. Der Wunsch des Oberstudiendirektors für die Kinder und Jugendlichen: «Die Schüler sollen Gestalter ihres Lebens, nicht Erdulder ihres Schicksals werden.» Dem Glück könne jeder selbst auf die Sprünge helfen.

Der 70-Jährige mit Schnauzer erläutert seinen Ansatz: «In meinem Unterrichtskonzept geht es nicht darum, das Glück direkt anzustreben. Ich möchte aber, dass jeder junge Mensch die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben erwerben kann.» Der beste Vermittler sei ein gestandener Lehrer – kein Faktenschleuderer oder Profilneurotiker. «Es mag altmodisch klingen, doch die antiken Tugenden gelten immer noch: Mäßigung, Gerechtigkeit, Mut, Weisheit und Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.» Wenn der Lehrer diese Werte verkörpere, sei schon viel gewonnen, sagt der in Jeans und Pulli gekleidete Pädagoge.

Im Glücksunterricht gehe es um Vertrauen und Wertschätzung abseits des «üblichen Hauens und Stechens» zwischen den Schülern. Dazu tragen etwa Gespräche über die eigenen Wünsche anhand von Fotos bei oder die «menschliche Hängebrücke», die Schüler mit Holzlatten für ihre Mitschüler bilden. Im Schulfach stelle sich heraus, dass die jungen Menschen vor allem von einer intakten Familie träumten. Eine Untersuchung der Universität Mannheim mit Schülergruppen mit und ohne Glücksunterricht ergab, dass das Schulfach Glück einen positiven Effekt auf das subjektive Wohlbefinden der Schüler hatte.

“Glück” wird an bundesweit 100 Schulen unterrichtet

Im 2009 gegründeten Fritz-Schubert-Institut zur Persönlichkeitsentwicklung haben der 70-Jährige und seine Referenten 500 bis 600 Lehrer in Seminaren ausgebildet. An mehr als 100 Schulen in Deutschland, 40 in Österreich und einzelnen in der Schweiz und Italien weisen laut Fritz-Schubert die so qualifizierten Pädagogen ihren Schülern den Weg zum Glück.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht das Fach eher skeptisch. Lehrer aller Fächer sollten Gelegenheiten schaffen, die Schülern Hochgefühle ermöglichten – etwa im Sport oder durch Gemeinschaftserlebnisse, sagt Gerhard Brand vom VBE-Bundesvorstand.

Im baden-württembergischen Kultusministerium hält man ebenfalls nicht viel von einem eigenen Fach. Es solle nicht suggeriert werden, Glück sei erlernbar. Der Begriff sei vielschichtig. «Deshalb gibt es auch in zahlreichen Fächern – etwa Religion, Ethik oder Deutsch – die Möglichkeit, über solche Fragen zu diskutieren», heißt es weiter aus dem Ressort von Ministerin Susanne Eisenmann (CDU). Die Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Doro Moritz, geht nicht davon aus, dass die Stundentafel um das Fach erweitert wird. «Ich hoffe aber, dass in der Schule der Gedanke aufgenommen wird, mit Schülern zu reflektieren, wie es ihnen geht und was positiv ist in ihrem Leben.»

Fritz-Schubert lehrt nicht nur Glück, er lebt es nach eigenen Worten auch. Der promovierte Philosoph, der in einer Villa am Heidelberger Philosophenweg lebt, betrachtet sich als glücklichen Menschen. «Ich fühle mich sehr wohl – was passiert ist, war gut und hat in meinem Leben Bestand», sagt der Vater zweier Töchter und Großvater zweier Enkelinnen. Sport ist die Leidenschaft des leistungsorientierten Mannes, doch jüngst musste er einen Rückschlag verdauen. Im vergangenen Jahr hat der Triathlet erstmals den Iron Man abgebrochen. Doch das war für ihn völlig in Ordnung: «Auch das Scheitern hat seinen Sinn. Es hilft, meine Grenzen zu erkennen, meine Emotionen zu regulieren und neue Herausforderungen zu suchen – es ist der Schlüssel für die Hintertür zum Glück.» Von Julia Giertz, dpa

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