Gegen Kopftuch, “Söhnchenkult” und patriarchalische Strukturen: Wie eine Lehrerin als Buchautorin für eine gelingende Integration kämpft

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KASSEL. Eine Lehrerin schreibt ein Buch über das Scheitern von Integration im Schulalltag. Ihr Bericht ist provokant. Noch radikaler sind allerdings die Schlüsse, die sie daraus zieht.

Wenn das Kopftuch schon in jungen Jahren angelegt werde, verändere sich die Wahrnehmung der Mädchen – meint Lehrerin Julia Wöllenstein. Foto: Shutterstock

Sie befürwortet ein Kopftuchverbot an Schulen, kritisiert einen «Söhnchenkult» muslimischer Familien und spricht von «falscher Toleranz»: Die Kasseler Lehrerin Julia Wöllenstein hat schon vor Erscheinen ihres Buches «Von Kartoffeln und Kanaken» für Schlagzeilen gesorgt. Seit dieser Woche ist es nun erhältlich und zeigt: Zur Galionsfigur für rechte Kritik an verfehlter Integrationspolitik taugt die 43-Jährige nicht. Politisch setzt sie sich bewusst zwischen alle Stühle.

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Wöllenstein ist Lehrerin an einer Gesamtschule. Nur 3 von 20 Schülern ihrer Hauptschulklasse hätten keinen Migrationshintergrund, sagt sie. Die dreifache Mutter ist in keiner Partei oder Gewerkschaft. «Eigentlich bin ich ein unpolitischer Mensch.» Doch nach einer ZDF-Reportage über ihren Berufsalltag kam ein Münchner Verlag auf sie zu. So entstand das Buch mit dem Titel «Von Kartoffeln und Kanaken. Warum Integration im Klassenzimmer scheitert. Eine Lehrerin stellt klare Forderungen».

Der Titel ist eine Anspielung auf Berichte, wonach sich Spieler der Fußballnationalmannschaft mit und ohne Migrationshintergrund sich gegenseitig als «Kartoffeln» und «Kanaken» verspottet hätten. Für Wöllenstein berührt das eine wichtige Frage: «Wann ist man wirklich integriert: Wenn man sich als “Kartoffeln” und “Kanaken” beschimpft oder wenn man bei “Idiot” und “Blödmann” ist?» Ihre Meinung: Solche Begriffe ziehen immer Trennlinien.

Das Buch

Julia Wöllenstein ist eine engagierte Lehrerin an einer Gesamtschule. Die Mehrzahl ihrer Schüler hat einen Migrationshintergrund, was nicht nur aufgrund der oft nur rudimentären Deutschkenntnisse zu Problemen führt. Unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe führen zu Konflikten untereinander, die einen Lehrer vor Aufgaben und Herausforderungen stellen, die weit über das normale Unterrichten hinausgehen. Dennoch muss und kann Integration in der Schule funktionieren. Die Autorin zeigt, wie Kinder mit unterschiedlicher Herkunft und Begabung besser miteinander lernen können. Gleichzeitig gibt sie einen Ausblick auf eine Schule, wie sie einmal sein muss – mit klaren Regeln und einer gelungenen Integration.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Im Buch beschreibt die 43-Jährige eigene Erlebnisse, wie sie sagt: muslimische Familien, die ihre Söhne zu kleinen Paschas erziehen und jeden Versuch einer Verhaltenskorrektur untergraben; Kinder, die im Ramadan Mitschüler auffordern, Brot und Getränke wegzupacken; die «Dauerschleife Hurensohn», durch die Streitereien bei Beleidigung der Mutter automatisch eskalieren. Wöllenstein betont: «In Schul-Einzugsgebieten mit besonderen Herausforderungen, in denen wir vermehrt Familien mit Migrationshintergrund und bildungsferne Familien finden, ist das unser Alltag.»

Der muslimische Glaube sei nicht Ziel ihrer Kritik. «Es geht um patriarchalische Strukturen, die nicht in ein demokratisches System passen», sagt sie. Diese Strukturen fänden sich aber oft in muslimischen Familien. Von der Gesellschaft fordert sie, solchen Auswüchsen konsequent entgegenzutreten: «Ich stehe in der Mitte der Gesellschaft und glaube, dass uns falsche Toleranz nicht weiterbringt.»

Wöllenstein plädiert beispielsweise für ein Kopftuchverbot an Schulen. Wenn das Kopftuch schon in jungen Jahren angelegt werde, verändere sich die Wahrnehmung der Mädchen, und die eigene Unfreiheit werde zur Normalität. Die Zuwanderung stellt sie nicht infrage: «Wir brauchen diese Kinder dringend als Teil der Gesellschaft.»

Zentral ist für Wöllenstein eine Forderung: die Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts. «Wollen wir in 20 Jahren wirklich da sein, dass jede religiöse Gruppierung ihren eigenen Religionsunterricht an Schulen hat?», fragt Wöllenstein. Damit vertue man eine große Chance, Kinder über Religion ins Gespräch zu bringen. «Statt Religionsunterricht sollten wir ein Fach wie “Werte und Normen in meiner Klasse” einführen.»

Plädoyer für die Gesamtschule

Auch beim Schulsystem plädiert Wöllenstein für Integration und Inklusion statt Separation – weg vom Unterstufengymnasium, hin zur integrierten Gesamtschule. «Denn das ist die einzige Schulform, in der Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam lernen.»

Bei der Bildungsgewerkschaft GEW stoßen solche Forderungen auf Zustimmung. «Alle Maßnahmen, die dazu führen, dass Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle unabhängig von Hautfarbe und Herkunft erhöht werden, sind der richtige Weg», sagt Hessens GEW-Vorsitzende Maike Wiedwald. Wöllensteins Schilderungen über Integrationsprobleme wolle sie nicht widersprechen: Es könne durchaus sein, dass Lehrer das so wahrnehmen.

Das hessische Kultusministerium erklärt, dass Integration keine Aufgabe sei, die nur von Schulen übernommen werden sollte, sondern vielmehr auch von der Gesellschaft. «Frau Wöllenstein beschreibt in ihrem Buch einen gewissen Rückzug der Gesellschaft und der Eltern der Kinder aus der Integrations- und Erziehungsverantwortung», sagt Ministeriumssprecher Philipp Bender. Dabei sei Schule vorrangig ein Ort der Bildung und nur zweitrangig ein Ort der Erziehung. Diese sollte primär im Elternhaus stattfinden.

Dass und wie sich die Lehrerin äußert, ist laut Kultusministerium kein Problem. Es stehe Lehrkräften in Hessen frei, sich als Privatperson zu bildungspolitischen Themen zu äußern. «Diese Ansichten müssen keinesfalls immer deckungsgleich mit denen des Kultusministeriums beziehungsweise des Dienstherrn sein.» Von Göran Gehlen, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Integration beginnt in der Schule. Oder eben nicht. Ein persönlicher Blick des renommierten Historikers Plamper auf das Thema Migration

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14 KOMMENTARE

  1. Was für eine wachsweiche Reaktion der GEW. “Es könnte sein, dass Lehrer das so wahrnehmen.”
    So lange die tagtäglichen Probleme relativiert werden, so lange werden wir auch keine Lösungen finden.

  2. Ralph Giordano im Jahr 2010 zum Kopftuchstreit:
    „Wenn denn das offene Haar der Frau die männliche Begierde weckt, wäre es da nicht besser, den Männern Handschellen anzulegen, als den Frauen das Kopftuch zu verordnen?“

    • Oder man erzieht die heranwachsenden Jungen aus dieser gesellschaftlichen Minderheit zu einem anderen Umgang mit Frauen allgemein, sowie einem anderen Selbstverständnis ohne martialisches Denken im Sinne von “Familienehre”, ohne eine Trennung der Familien in Männer und Frauen bei gemeinsamen Treffen von Angehörigen. Das gibt es wirklich ! In den Moscheen werden dann schon wieder die Geschlechter voneinander getrennt, denn hier beginnt das eigentliche Problem. Es werden eben diese gesellschaftlichen Strukturen als gottgegeben angepriesen. Vorgeblich nach außen lebt man gegenüber der Außenwelt eine Toleranz, lehnt innerlich aber unsere freiheitliche Gesellschaft mit der Betonung des Individuums ab, weil man sich der vorgegebenen islamischen Gesellschaftsstruktur unterwirft. So denken und handeln eben Teile der nordafrikanischen Neubürger, die sich dann auch nach außen abschotten gegen eine Außenwelt, die sie weitgehend ablehnen und so lieber unter sich bleiben. Auch die Nahrungsmittel werden aus koscheren Geschäften bezogen.

      • Wohl wahr, Herr Wrobel, doch die Erziehung zu einem anderen Umgang mit Frauen kann als Aufruf zum Ungehorsam gegenüber den Geboten des Islam ausgelegt werden. Letztlich führt das wieder zum Vorwurf der Islamfeindlichkeit und Unterdrückung der Religionsfreiheit.

        @Maren
        Herrn Giordanos Worte sind köstlich. Ich habe herzlich gelacht. Danke für das Zitat!

        • Eins ist doch wohl klar, nämlich dass wir Ansässigen festlegen und definieren müssen , wen wir uns langfristig als Neubürger mit allen Rechten und Pflichten ins Land holen. Und dafür benötigen wir ein Einwanderungsgesetz.

          • Träumen Sie weiter! Die Probleme mit muslimischen Parallelgesellschaften können gar nicht so groß werden, als dass man in der Politik und der Gesellschaft in diesem toleranten Land dieses Problem (wirklich und nicht nur vorgeblich) angehen würde. Wir finanzieren lieber weiter desintegrierende Verbände wie die Ditib mit Millionen an Steuergeldern, Hauptsache die Probleme lassen sich weiter unter den Teppich kehren.

  3. @Sophia und Wayne:
    Die Autorin des Buches verwendet ihre Worte weise und versucht Pauschalisierungen zu vermeiden, die Gruppen betreffen. So spricht sie von Familien mit patriarchalischen Strukturen, die sie für problematisch hält.
    Sie merkt an, dass der Islam als Religion in diesen Familien häufiger vorkommt, aber das bedeutet nicht, dass es ausschließelich Familien mit dieser Religionszugehörigkeit sind oder diese Religionszugehörigkeit gleichbedeutend mit patriarchalischen Strukturen ist.
    Wenn Menschen eine Religion für niedere Zwecke missbrauchen, dann sind die Menschen das Problem.
    Wenn Menschen ihre Kultur zur Legitimation und Aufrechterhaltung von Unrecht verwenden, dann sind die Menschen das Problem.
    Ihr Wortwahl deutet aber ein Problem mit der Religion an, dass man so nicht formulieren sollte.
    Ich stimme Ihnen zu, dass die Bevölkerung von Politik und Gesellschaft in die Pflicht genommen werden muss, damit die Werte des Grundgesetzes gelebt und die rechtlichen Gesetze eingehalten werden und dass dies für alle Menschen gilt – ohne Ausnahmen aufgrund von falsch verstandener Toleranz aufgrund von Religion oder Kultur. Das darf man aber nicht auf Religion oder Herrkunft beschränken oder darauf fokussieren, da man sonst pauschal vorverurteilt.

  4. Sie haben meinen Beitrag bewusst falsch ausgelegt, denn die Prallelgesellschaften, welche ich als als Problem dargestellt habe, entstehen nicht durch den Islam als solchen, sondern durch muslimische Menschen. Konkret und differenziert von denen sprach ich und von sonst niemandem. Also nichts mit pauschaler Vorverurteilung, sondern Besserwissertum von jemandem, der sich für moralisch überlegen hält. Aber das kennt man heutzutage ja zu genüge.

    • Danke für Ihre Klarstellung. Sie haben nichts gegen den Islam. Sie haben mit Probleme mit Parallelgesellschaften mit muslimischen Menschen. Das ist konkret und viel stärker differenziert. Ich dachte schon, sie hätten etwas gegen Menschen einer speziellen Herkunft, aber es hat nichts mit Herkunft oder Religion zu tun. Es sind nur die muslimischen Problemmenschen, die Sie hier ansprechen wollen. Sie sind nicht rechts und was Sie sagen, wird man doch mal ansprechen dürfen oder?
      Könnten Sie vielleicht noch ein bischen konkreter werden?
      Gibt es noch andere Parallelgesellschaften oder nur die der Muslime oder geht es nur darum, dass man die muslimischen in der Öffentlichkeit nicht ansprechen darf?

  5. Vor allem geht es um arrogante Debatten- und Problemlösungsverweigerer, welche gerne den moralisch überlegenen Moderator spielen und sich anmaßen, darüber zu bestimmen, was gesagt und worüber debattiert werden darf.

  6. Tut mir leid, aber Ihre vor Polemik strotzenden “Beiträge” erlauben es mir nicht, Sie ernst zu nehmen. Sie bestätigen nur abermals, was ich oben bereits geschrieben habe und ich wiederhole mich nur ungerne. Das, was ich Ihnen zusätzlich gerne mitteilen würde, gehört nicht hierher. Daher ist die Diskussion für mich hiermit beendet.

  7. @Wayne: Danke für Ihren Entschluss, Ihre Beiträge in dieser Diskussion zu beenden. Diesen kann ich nur unterstützen, da Sie alle relevanten Eckpunkte einer rechtspopulistischen “Argumentationslinie”, sofern man das so nennen kann, erfüllt haben.
    Zunächst stellen Sie haltlose Behauptungen in den Raum und schimpfen nur auf Problemviertel, Muslime und Ignoranz, ohne Ihre Probleme genau zu beschreiben.
    Dann behaupten Sie missverstanden worden zu sein. Sie greifen dabei nicht meine Argumente an, sondern nur die von Ihnen identifizierten Motive für meine Ausführungen.
    Schließlich gehen Sie in inhaltsleere Anschuldigungen über, die weder begründet, noch näher ausgeführt werden – wie die zuvor geäußerten Behauptungen.
    Ich bewundere die besondere Art der Ironie:
    Sie sprechen Probleme mit muslimischen Menschen in Problemvierteln an, bestreiten aber Probleme mit Religion oder Vorurteilen.
    Sie greifen mich in Ihren letzten drei Beiträgen nur noch persönlich an und verlieren jeglichen Bezug zum Artikel oder zur Sachebene, um mir abschließend Polemik vorzuwerfen.
    Sie haben sich wahrscheinlich nicht einmal die Mühe gemacht, den von mir gelinkten Artikel zu lesen, der sich der von Ihnen angesprochenen Problematik widmet.
    Besonders der Hinweis, dass Sie mir gerne zusätzlich noch etwas mitteilen möchten, was nicht hierhin gehört, erinnert stark an den Konflikt zwischen FPÖ und ORF. Rechte Ansichten, die kritisch hinterfragt werden, führen zu Ablehnung und Aggressivität, wenn sie inhaltlich nicht begründet werden können.

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