Warum Berufe nicht gewählt werden – Geht die schulische Berufsorientierung ins Leere?

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BONN. Geht die Berufswahlorientierung in der Schule an den Bedürfnissen Jugendlicher vorbei? In vielen Berufen ist Nachwuchs händeringend gesucht. Die darin liegenden Chancen scheinen aber nur wenige Schulabgänger in Erwägung zu ziehen, selbst wenn ein Beruf ihren Tätigkeitsinteressen entspricht. In ihrer Dissertation geht die Bonner Soziologin Stefanie Matthes den Ursachen dieses “Mismatch” auf den Grund. Jugendliche neigen offenbar dazu, Berufe aus ihrer Auswahl auszuschließen, wenn sie  nicht genügend soziale Anerkennung zu vermitteln scheinen.

Auch heute noch stehen viele Schulabgänger am Ende eines Jahres ohne Ausbildungsplatz da, obwohl nahezu Vollbeschäftigung herrscht und die Zahl der unbesetzt bleibenden Ausbildungsplätze von Jahr zu Jahr steigt. Angebote der Berufsorientierung, die auf eine Ausweitung des Auswahlspektrums zielen, zeigen nur sehr bedingte Erfolge. Viele Jugendliche klammerten Berufe mit Besetzungsproblemen einfach aus, zum Beispiel in der Gastronomie und in Teilen des Handwerks oder in der Pflege.

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Viele Jobs in der Gastronomie sind nicht besonders beliebt bei Jugendlichen. Foto: Jason Wiese / U.S. Air Force (p.d.)
Viele Jobs in der Gastronomie sind nicht besonders beliebt bei Jugendlichen. Foto: Jason Wiese / U.S. Air Force (p.d.)

Grund genug für die Bonner Soziologin Stefanie Matthes in ihrer Dissertation im Unterschied zu den meisten existierenden Studien zur Berufswahl von Jugendlichen die Frage was Jugendliche motiviert, einen bestimmten Beruf zu ergreifen aus dem Mittelpunkt zu rücken. Statt nach den sogenannten „Attraktionsfaktoren“ fragte sie primär nach den „Aversionsfaktoren“, also danach, warum bestimmte Berufe nicht gewählt werden, beziehungsweise warum Berufe frühzeitig aus dem Feld möglicher Berufsoptionen ausgeschlossen wurden.

Um Einflussfaktoren wie regionale Ausbildungsmärkte und soziale Schichtungen ausschließen zu können befragte Matthes Schüler der Jahrgangsstufen neun und zehn an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in sechs ausgewählten Regionen in Nordrhein-Westfalen. Befragt wurden jeweils alle Schüler der neunten und zehnten Jahrgangsstufen an verschiedenen Schulformen. Insgesamt kamen damit rund 2.000 Schüler an 17 Schulen zusammen.

Als besonders starker Aversionsfaktor, habe sich die Erwartung einer mangelnden sozialen Passung erwiesen: Wenn Jugendliche meinten, in ihrem sozialen Umfeld, insbesondere bei ihren Eltern und im Freundeskreis, mit einem bestimmten Beruf nicht gut anzukommen, bezogen sie diesen Beruf nicht mehr in ihre Berufswahl ein – und zwar auch dann, wenn die Tätigkeiten des Berufes mit ihren eigenen beruflichen Interessen übereinstimmen.

Daneben spielten es auch eine besondere Rolle für Jugendliche einen Beruf links liegen zu lassen, wenn sie mit Schwierigkeiten rechneten, einen Ausbildungsplatz zu finden oder wenn es ihnen an der Sicherheit fehlte, wirklich gut einschätzen zu können, was einen in einem Beruf erwartet.

Keinen Beleg konnte Matthes für die These finden, dass sich die Jugendlichen für bestimmte Berufe einfach zu gut seien. Erwartungsgemäß hatten zwar auch ungünstige Rahmenbedingungen während der Ausbildung oder ungünstige Arbeitsbedingungen (etwa Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten) eine Rolle für Jugendliche, einen zunächst als interessant wahrgenommenen Beruf auszuschließen. Doch wirkten sich hier nur diejenigen Faktoren entscheidend auf den Ausschluss aus, die eng mit den erwarteten Reaktionen des sozialen Umfelds verbunden waren. Gilt dies etwa im Bereich der Pflegeberufe für unzureichende Einsatz- und Verdienstmöglichkeiten, war die mögliche Konfrontation mit unangenehmen Gerüchen oder körperlichen Ausscheidungen kein allein entscheidender Grund für Jugendliche einen potenziellen Beruf von ihrer Liste zu streichen.

Entstanden ist Matthes Dissertationsschrift im Rahmen der Projekts „Bildungsorientierungen“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Nach Ansicht von BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser gelte es mit Blick auf die Ergebnisse in Angeboten der Berufsorientierung künftig stärker Ansehen und soziale Wertschätzung von Berufen zu reflektieren. „Die BIBB-Studie macht deutlich, dass es bei der Berufsorientierung nicht ausreicht, Jugendliche über die Tätigkeiten in den verschiedenen Berufen aufzuklären und ihnen dadurch nahe zu bringen, wie interessant die Arbeit in diesen Berufen sein kann. Denn Jugendliche wollen mehr! Sie nutzen Berufe als Visitenkarte in ihrem sozialen Umfeld und wollen mit ihrem Beruf Anerkennung finden. Wenn Berufe dies aus Sicht der Jugendlichen nicht leisten, ist das ein Alarmsignal, das uns alle herausfordert. Wollen wir in Zukunft mehr Jugendliche für Berufe mit Besetzungsproblemen gewinnen, müssen wir die Rahmenbedingungen und Perspektiven dieser Berufe verbessern.“ Gleichzeitig gelte es, in der Berufsorientierung die Ausbildungsmarktkompetenz von Jugendlichen zu stärken: Auf diese Weise ließen sich Fehler bei der Einschätzung der eigenen Ausbildungsplatzchancen vermeiden, so der BIBB-Präsident abschließend. (zab, pm)

Die Studie kann kostenlos von den Seiten des BIBB heruntergeladen werden:
• Stephanie Matthes: „Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung“, 2019

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3 KOMMENTARE

  1. Eine Ausbildung muss man sich ja auch erst einmal leisten können. In Handwerksberufen ist das Lehrgeld oft so gering, dass man schon in der Nähe des Wohnorts der Eltern wohnen muss, um sich das leisten zu können. Außerdem gibt es da noch die Konkurrenz aus Ostmitteleuropa, die die Preise drückt.

    Köche verdienen nicht genung, um eine Familie zu unterhalten und haben z. T. extrem lange Arbeitszeiten. Warum sollte man da so einen Beruf ergreifen? Richtig ausgebildete Krankenpfleger werden oft nicht angestellt, da sie durch billigere Hilfspfleger ersetzt werden. Da lohnt sich eine Ausbildung also auch nicht.

  2. Zitat:
    “Wollen wir in Zukunft mehr Jugendliche für Berufe mit Besetzungsproblemen gewinnen, müssen wir die Rahmenbedingungen und Perspektiven dieser Berufe verbessern.”

    Was soll die Schule an dieser Situation ändern???

    • Jugendliche mit Besetzungsproblemen gibt es genug. Die Schulen und Firmen sollen sich nicht so anstellen…

      (ich hoffe, die Ironie war deutlich.)

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