Akzeptanz der Inklusion sinkt in Schulen: Lehrer fühlen sich im Unterricht mit behinderten Kindern alleingelassen

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STUTTGART. Zunehmend gehen behinderte Kinder auf Regelschulen. Doch eine neue Umfrage aus Baden-Württemberg zeigt: Lehrer fühlen sich mit ihrer anspruchsvollen Aufgabe von der Politik im Stich gelassen.

Lehrer kritisieren die unzureichenden Rahmenbedingungen für die Inklusion in Regelschulen. Foto: Shutterstock

Lehrer klagen über schlechte Bedingungen für die Einbeziehung von behinderten Kindern in den regulären Schulunterricht. Der baden-württembergische Vorsitzende des Lehrerverbandes VBE, Gerhard Brand, zeichnete am Montag in Stuttgart ein dramatisches Bild der Situation an den Schulen im Südwesten. Er stützte sich dabei auf eine neue Umfrage des Forsa-Instituts unter rund 500 Lehrern in Land. Das Kultusministerium in Stuttgart räumte ein, dass es noch viel zu tun gebe.

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In der Forsa-Umfrage bewerteten 61 Prozent der befragten Lehrer die personelle Ausstattung mit mangelhaft oder sogar ungenügend. Insgesamt vergaben die Lehrer hier die Durchschnittsnote 4,7 – das ist etwas schlechter als in einer vergleichbaren VBE-Umfrage von 2017. Damals hatten die Lehrer die personelle Ausstattung für die Einbeziehung behinderter Kinder in den regulären Schulunterricht (Inklusion) im Durchschnitt mit 4,5 bewertet.

Viele Schulen seien nicht barrierefrei, kritisierte Brand. Oft unterrichteten Lehrer, die keine sonderpädagogischen Kenntnisse hätten. Sie hätten keine Möglichkeit, sich kurzfristig qualitativ hochwertig fortzubilden. Brand forderte mehr Sonderpädagogen, die den inklusiven Unterricht begleiten sollen. Zudem dürften die Klassen nicht zu groß werden. Nach Ansicht der Gewerkschaft GEW droht die Inklusion sogar zu scheitern. GEW-Landeschefin Doro Moritz sagte, die grün-schwarze Landesregierung gehe stiefmütterlich mit dem Thema um.

VBE-Verbandschef Brand meinte, inklusiver Unterricht werde im Schulbetrieb und auch für die Bildungspolitik immer wichtiger. Aber: «Wir müssen darauf achtgeben, dass Inklusion nicht zur Schaufensterauslage ohne Inhalt verkommt.» Die Rahmenbedingungen an den Schulen seien «absolut unzureichend». Ein Alarmzeichen ist für ihn, dass die Akzeptanz der Inklusion unter den Lehrern gesunken ist. In einer Umfrage von 2015 hielten rund zwei Drittel der Lehrer den gemeinsamen Unterricht für sinnvoll – jetzt sind es noch 56 Prozent.

Die baden-württembergische Politik hatte vor rund vier Jahren die Weichen für mehr inklusiven Unterricht gestellt. Bis 2015 mussten Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Südwesten grundsätzlich Sonderschulen besuchen. Seit dem Sommer 2015 können Eltern wählen, ob ihr Kind in einen inklusiven Unterricht an einer allgemeinen Schule oder auf ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ – frühere Sonderschulen) gehen soll.

Ein Problem: der Mangel an Sonderpädagogen

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) räumte ein, der Fachkräftemangel in der Sonderpädagogik sei ein Problem – und werde es in den nächsten Jahren auch bleiben. Man habe aber bereits die Studienplätze für das Lehramt Sonderpädagogik erhöht und ein zweijähriges Aufbaustudium für Haupt- und Werkrealschullehrer geschaffen. Von 2011 bis 2016 hatte die SPD das Kultusressort inne. Deren Schulexperte Gerhard Kleinböck forderte die Regierung auf, das Prinzip, nach dem zwei Pädagogen inklusive Klassen betreuen sollen, umzusetzen und dafür auch genug Sonderpädagogen auszubilden.

FDP-Bildungsexperte Timm Kern meinte, es verstehe sich eigentlich von selbst, dass Inklusion nur gelingen könne, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Er forderte die Regierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) auf, sowohl den Fortbestand der SBBZ zu sichern, als auch die Qualität der Inklusionsangebote im Auge zu behalten.

Seit dem Sommer 2015 können Eltern wählen, ob ihr Kind in einen inklusiven Unterricht an einer allgemeinen Schule oder in ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ – frühere Sonderschulen) gehen soll. Nach Angaben des baden-württembergischen Kultusministeriums steigt die Zahl behinderter Kinder im Land, die reguläre Schulen besuchen: Im Schuljahr 2017/2018 seien es 8624 Kinder gewesen – 678 Kinder mehr als im Schuljahr zuvor. Im Schuljahr 2015/2016 gab es noch 6453 sogenannte Inklusionskinder. Der VBE lässt regelmäßig Lehrer zum Stand der Inklusion befragen. dpa

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5 KOMMENTARE

  1. ZITAT: “Lehrer fühlen sich im Unterricht mit behinderten Kindern alleingelassen”

    So ist es ja auch.

    Da gibt es dann bspw. 8 Stunden, in denen ein zweiter Pädagoge mit dabei ist, und die restlichen ca. 20 Stunden ist man wieder alleine mit den Kindern. Wer hat sich denn sowas ausgedacht in der Meinung, man täte etwas Gutes für Kinder und Kollegen?

  2. Hier bei 4Teachers wurde all das, was in dieser Umfrage herauskommt, sehr ausführlich diskutiert und kam etwa auf dieses Ergebnis. Besteht nun eine gewisse Hoffnung, dass die Fakten anerkannt werden und es entweder genug Lehrerstellen oder der Wirklichkeit gemäße Konzepte gibt?

  3. Und weil Politiker aller genannten Parteien unbedingt für gute Bedingungen der Inklusion einstehen, haben sie schon längst eine gemeinsame Verpflichtung zur Umsetzung dieser Bedingungen gefasst und unterzeichnet, die über die Legislaturperiode hinaus Bestand hat und Vorrang vor anderem gewährt.

    • Und was bringt eine Verpflichtung auf dem Papier, außer die Gemüter zu beruhigen durch wohlklingende Willensbekundungen?
      Jeder Protest und jede Verhinderung einer weiteren Förderschulschließung helfen mehr als die Bekundung schöner Absichten, auch wenn sie schriftlich niedergelegt werden.
      “Gute Bedingungen”, d.h. konkurrenzfähige Bedingungen im Vergleich zu Förderschulen, wird es nie geben, weil das Konstrukt Inklusion mit zu vielen Nachteilen behaftet ist. Diesen stehen nur fromme Moralsprüche gegenüber, die ihren Vertretern zwar viel, den Schülern und Lehrern aber wenig bringen.

  4. Ja, ich finde schon, dass sich die gesamtgesellschaftliche Kritik an der Inklusion auswirkt, nur eben sehr unterschiedlich je nach politischem Lager, aber z.B. derart, dass mancherorts nicht mehr alle Förderschulen geschlossen werden sollen.

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