Debatte nach umstrittenen Abi-Prüfungen: Beginnen die Probleme beim “Hass-Fach” Mathematik schon in der Grundschule?

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MÜNCHEN. Mathematik gilt als eines der unbeliebtesten Schulfächer. Die Kritik am diesjährigen Abitur landauf, landab ist zwar eher eine Momentaufnahme. Aber sie offenbart grundsätzliche Probleme.

«An Grundschulen hatte man bei der Modernisierung des Mathematikunterrichts nicht immer eine glückliche Hand», sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Shutterstock

Lassen Sie sich von den folgenden beiden Sätzen nicht abschrecken, sie sind Anlass einer größeren Debatte: Eine Geothermieanlage fördert durch einen Bohrkanal heißes Wasser an die Erdoberfläche. Der Kanal besteht aus zwei Abschnitten, die im Modell vereinfacht durch die Strecken [AP] und [PQ] mit den Punkten A(0|0|0), P(0|0|1) und Q(1|1|3,5) beschrieben werden.

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Das ist Teil einer Aufgabe aus dem Mathematik-Abitur 2019 – jener Prüfung, die in mehreren Bundesländern Debatten über Notenschlüssel und Schwierigkeitsgrade ausgelöst hat. Bis hin zu Online-Petitionen mit Zehntausenden Unterstützern. Doch hinter der Diskussion steckt mehr: die Frage, wie zeitgemäß der Mathe-Unterricht ist.

«Unsere Schülerinnen und Schüler berichten fast ausnahmslos von Angstgefühlen im Matheunterricht», sagt die Pädagogische Leiterin der Berliner Nachhilfeschule Lernwerk, Swantje Goldbach. Angst, nichts zu verstehen oder zu versagen. Der Landesschülersprecher der Gymnasien in Bayern, Joshua Grasmüller, Klasse 11, bestätigt die Einschätzung: «In letzter Zeit hat der Angstcharakter zugenommen.»

Immer wieder wurde am Matheunterricht herumgedoktert

Mathe gilt als unbeliebt, Grasmüller spricht gar von einem Hassfach. Manch einer kokettiert mit seinem Unwissen. Da werde aus einer Alles-egal-Haltung Angst, weil die Prüfungen nicht einfacher würden, sagt Grasmüller. Der sächsische Landesschülersprecher Noah Wehn, vor wenigen Tagen die letzten Abiprüfungen absolviert, meint: Mathematik sei nach wie vor ein Fach, das besondere Ansprüche habe, wofür mehr zu Hause getan werde als etwa für Deutsch. Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Matthias Weingärtner, noch mitten im Abistress, stellt fest: «Mathematik ist der Schlüssel zur Welt.» Kopf- und Bruchrechnen seien elementar. «Das muss jeder beherrschen.»

Es ist immer wieder am Matheunterricht gedoktert worden. Die Quintessenz klingt im Gespräch mit Experten aus der Praxis ein bisschen nach: gut gemeint, aber nicht besonders erfolgreich.

Wahrscheinlichkeitsrechnung, Algorithmen, Statistik, Zinsrechnung, Informatik seien wichtiger geworden, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. «Dafür sind andere Gebiete eher in den Hintergrund getreten, etwa das Kopfrechnen in der Grund-, Unter- und Mittelstufe, Binomialverteilung, Simulationen, Differentialgleichungen in der Oberstufe.» In einigen Ländern wurden Leistungskurse abgeschafft, andernorts schrumpfte der Umfang des Unterrichts im Zuge der G8-Reformen. Nun fehle Zeit zum Vertiefen.

Früher stand der Umgang mit «symbolischen, fachlichen und technischen Elementen der Mathematik» im Vordergrund. In neuen Bildungsstandards der Länder sind laut bayerischem Kultusministerium Kompetenzen wie Kommunizieren und Argumentieren verankert. «Ziel ist es, sowohl im Unterricht als auch in Prüfungen den Schülerinnen und Schülern beide Facetten der Mathematik – Mathematik als eigene Wissenschaft auf der einen Seite, angewandte Mathematik auf der anderen – aufzuzeigen.»

Heraus kommen neue Aufgabenformate, wie Meidinger sagt. Mathematische Fragestellungen sollen «in konkrete Lebenszusammenhänge» eingebettet werden. Ein Beispiel ist besagte Geothermie-Aufgabe, in der Theorie mehr oder weniger elegant in ein Praxisproblem gepresst wurde.

Einigen Studien zufolge erzielen Schüler bessere Leistungen, wenn sie die praktische Relevanz der Aufgaben erkennen, sagte Meidinger. Doch das habe unerwünschte Nebeneffekte: «Oft klingen die Fragestellungen sehr konstruiert.» Das lenke vom mathematischen Kern ab. Schwächere Schüler würden gleich zu Prüfungsbeginn verunsichert, bekämen nicht selten einen Blackout. Solche mit Sprachdefiziten hätten Nachteile.

Sachsens Landesschülersprecher Wehn verweist auf Online-Medien zum Lernen: «Kanäle wie “The Simple Maths” oder der “DorFuchs” auf Youtube schaffen es ganz gut, den Stoff mit ausführlichen und gut strukturierten Beispielen zu veranschaulichen, dabei auch durchaus Humor besitzen oder mittels einprägender Melodien einen Ohrwurm für beispielsweise die pq-Formel (bei quadratischen Funktionen) generieren.» Immer öfter bauten Lehrer das in ihren Unterricht ein.

«Gerade in der Mathematik ist die Kluft zwischen Kindern mit Verständnisproblemen und mathematischen “Durchblickern” besonders groß», sagt Meidinger. Da müssten Lehrer besonders darauf achten, dass schwächere Schüler ihre Verständnisprobleme und Fragen äußerten, ohne beschämt zu werden. Positiv vor allem für Mädchen sei, dass zunehmend Lehrerinnen das Fach Mathematik unterrichteten (Mehr zu Meidingers Statement: siehe Beitrag unten).

Mathe-Professor Reinhard Oldenburg von der Uni Augsburg sagt, beim Abspecken der Lehrpläne seien Themen aus Algebra und Geometrie wie Kegelschnitte weggefallen. «Diesen Prozess könnte man weitertreiben. Man sollte neu bewerten, welchen Bildungswert beispielsweise der Kathetensatz hat oder die Flächenberechnung unter irgendwelchen Funktionsgraphen.» Das findet auch Weingärtner. Angesichts der Klimademonstrationen schlägt er vor, zu berechnen, wie schnell ein Gletscher schmilzt. «Das hätte einen deutlich näheren Bezug als das exponentielle Wachstum von Seerosen in einem Teich.»

Zudem sollte Unterricht besser individuellen Werdegang und Interessen der Schüler berücksichtigen, so Weingärtner. Oldenburg sagt, moderne Bildung sollte Fragen etwa nach kürzesten Wegen (Navigationssysteme) und mathematische Grundlagen von Bild- und Videoverarbeitung berücksichtigen. So lernten Schüler, mit digitalen Werkzeugen umzugehen, die in ihrer Lebenswelt wichtige Rollen spielten.

Relevant sei zudem Computerwissen auf Basis schulüblicher Mathematik- und Naturwissenschaftskenntnisse, sagt Oldenburg. Schüler könnten dann selbst prüfen, ob die Erhöhung der CO2-Konzentration auf den Einfluss des Menschen oder doch eher auf Vulkane zurückzuführen ist. «Wenn Schule Digitalisierung dafür nutzen würden, dann wären nicht nur die Freitage “for future”, sondern die ganze Woche.» Von Marco Krefting, dpa

Meidinger: Mathe-Probleme beginnen schon in der Grundschule

MÜNCHEN. Die Gründe für Probleme vieler Schüler im Fach Mathematik liegen aus Sicht des Deutschen Lehrerverbandes schon in der Grundschule. «An Grundschulen hatte man bei der Modernisierung des Mathematikunterrichts nicht immer eine glückliche Hand», sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger im Gespräch.

Zeigt sich besorgt angesichts des Lehrermangels: Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Deutscher Philologenverband
Beklagt eine geringere Wertschätzung des Einmaleins: Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (und selbst Leiter eines bayerischen Gymnasiums). Foto: Deutscher Philologenverband

Änderungen von Additions- und Subtraktionsmethoden seien unnötig und hätten mitunter zu Problemen mit den weiterführenden Schulen geführt, sagte Meidinger. Und es bleibe abzuwarten, ob die geringere Wertschätzung von Einmaleins und Kopfrechnen in der Grundschule im Vergleich mit sogenannten Näherungsaufgaben wirklich einen Zuwachs an mathematischer Kompetenz bringe. «Beispielsweise zeigt sich dann später, wenn es um die Zerlegung von Zahlen geht (Bruchkürzungen), dass viele Schüler nicht mehr erkennen, welche Zahlenprodukte in einem Bruch stecken.»

Die Abschaffung von Mathe-Leistungskursen in einigen Bundesländern und die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) in den alten Ländern haben nach Meidingers Einschätzung dazu geführt, dass das Unterrichtsvolumen gerade an Gymnasien deutlich reduziert wurde. Dadurch seien Klagen lauter geworden, dass zu wenig Zeit für Übung und Vertiefung bleibe. Vor allem leistungsschwächere Schüler litten darunter, dass besonders in der Mittelstufe die Zeit für die Einübung von Routinen fehle. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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Die Deutschen, ein “Volk von Zahlenblinden”: Mathematik durchzieht alle Lebensbereiche – aber kaum jemand versteht sie

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47 KOMMENTARE

  1. Die Mathebücher sind leider zu schlecht und erklären den Stoff nicht richtig, und sie enthalten keine Musterlösungen. So lernt man den Stoff natürlich nicht. Warum lernt man eigentlich die p-q-Formel, die Mitternachtsformel ist doch viel sinnvoller?

    • Aus Büchern können die allerwenigsten Schüler (und Studenten) Mathematik lernen. Es braucht jemanden mit viel Ahnung, der das den Schülern erklärt. Ob das bei in Mathematik kaum vernünftig ausgebildeten Grundschullehrern der Fall ist, muss man hoffen. Bei den Verfahren zur schriftlichen Multiplikation, die ich schon in Klasse 5 gesehen habe, scheint das nicht immer der Fall zu sein. In Mathematik muss man halt immer am Ball bleiben, weil sich jede warum auch immer verpasste Stunde sofort negativ bemerkbar macht.

  2. Nach meiner Beobachtung mögen die SuS in der Grundschule Mathe mehr als Deutsch. Liegt vllt. auch an dem handelnden Umgang, der möglich ist, was ja bei den Themen in den höheren Klassen wahrscheinlich nicht so geht.

  3. Wo soll ich anfangen? Gut ich bin kein Lehrer an einem Gymnasium, trotzdem glaube ich, dass hier erneut die falschen Personen befragt wurden.

    1. Mathe ist kein Hassfach! Mathe wird zwar, wenn es gehasst wird meist total gehasst, aber es ist mittlerweile durchaus beliebter als zum Beispiel Deutsch. Meiner Meinung nach liegt das vor allem daran, dass man für ein Fach wie Mathematik einfacher lernen kann als für ein Fach wie Deutsch.

    2. Die Berechnung eines Gletschers ist für die Schüler genauso uninteressant, wie das Beispiel mit den Seerosen. Man wird übrigens kein Thema finden, dass immer ALLE Schüler interessieren wird, weil das bei 30 Schülern pro Klasse einfach nicht möglich ist!

    3. Natürlich entwickeln viele Schüler vollkommen irrationalen Ängste, wenn sie das erste Mal im Leben auf ein Problem und eine Enttäuschung treffen. Ich glaube, dass es grundsätzlich falsch ist, dass Kinder heute viel zu häufig komplett erzogen werden, ohne dass sie lernen mit Enttäuschungen und Frustrationen umzugehen. Etliche Schüler müssen sich mittlerweile psychologisch Behandeln lassen, weil allen erzählt wird, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur fleißig genug seien (was einfach nicht stimmt!). Sobald sie dann eine wirkliche Enttäuschung erfahren, brechen sie direkt zusammen, weil sie immer in Watte gepackt wurden. Und dann muss man sich auch die Frage stellen, ob man die Kinder mit einem komplett in Watte packen, wirklich auf das richtige Leben vorbereitet.

    4. Es ist falsch, sich immer zu jeder Situation an die Schüler anzupassen. Die Abschlüsse, die vergeben werden, haben etwas mit Reife und Selbständigkeit zu tun, dies lernt man dadurch nicht.

    Über die Aussage mit dem Gletscher muss ich immer noch lachen. Nur weil jemand was von den Freitagsdemonstrationen gelesen hat, heißt das noch lange nicht, dass dies alle Schüler interessieren würde.

  4. Ich beobachte, dass immer mehr Kinder mit einem sehr geringen Zahlverständnis eingeschult werden. Da arbeiten wir in der Grundschule mit manchen ein Jahr lang, bis die Kinder im Zahlraum bis 10 rechnen können. Ein anderes Problem: Oh ja, wir legen Wert auf Kopfrechnen und Einmaleins, wenn das aber nicht (wie Vokabeln) zuhause geübt wird, bleibt es unsicher. Die Rechengeläufigkeit fehlt und damit wird Rechnen, gerade bei den schriftlichen Verfahren, die ja eigentlich alles leichter machen, zäh, langwierig und ungeliebt.

  5. Ich finde sogar, dass Mathe in der Grundschule spannender geworden sind. Durch z.B. das Hinzugewinnen des Themas “Muster und Strukturen”, hat das Ganze einen gewissen Aufforderungscharakter gewonnen. Den Schülern macht es Spaß, gewisse Gesetzmäßigkeiten von Zahlen herauszubekommen. Außerdem beinhalten moderne Mathematikbücher Aufgaben unterschiedlichen Niveaus.

    Was Meidinger behauptet, stimmt nicht ganz. Das Additionsverfahren wurde nie geändert. Das einzige Verfahren, das geändert wurde, ist das Subtraktionsverfahren und in der Folge dann die schriftliche Division. Das 1×1 spielt nach wie vor eine wichtige Rolle im Mathematikunterricht der Grundschule. (Was für mich wieder der Beweis ist, dass selbst Leute an wichtigen Stellen wenig Ahnung vom Unterricht in der Grundschule haben.)

    Allerdings ist man im Vergleich zu früher vom ständigen sturen Üben und der kindlichen Realitätsferne der Textaufgaben (z.B. Ratenzahlung) weggekommen und bietet eher kreativere Aufgaben an. Vom Motivationscharakter in der Grundschule hat der Mathematikunterricht klar gewonnen.

    Was mich prinzipiell leicht stört, ist, dass man vieles möglichst schriftlich erklären muss. Das schaffen eben nur die Guten und sprachlich gewandten (da helfen auch die Wörterspeicher nicht viel) und für die ist so etwas lästig. An manchen Stellen ist es angebracht, aber nicht überall. Das Argumentieren und Erklären wird nach m.E. in der Grundschule in Mathematik übertrieben.

    • Was bringen kreative Aufgaben den schwachen Schülern, die mit den Basisaufgaben (Grundrechenarten im Kopf und schriftlich) schon mehr als ausgelastet sind?

  6. In der Grundschule sind die Mengenvorstellung, das Kopfrechnen (bei größeren Zahlen Überschlagsrechnen) und die Beherrschung der Grundrechenarten das A und O.
    Sach- bzw. Textaufgaben, um die Rechenarten sinnvoll und logisch anzuwenden, gehören bis zu einem gewissen Maß und Schwierigkeitsgrad auch dazu.
    Zur Festigung und Automatisierung muss viel geübt und wiederholt werden, was manche als “stur” ansehen, die Kinder meist jedoch gerne tun. Sie mögen es, Gelerntes immer wieder anzuwenden und ihr Können selbst zu bestätigen oder noch lieber vom Lehrer/der Lehrerin bestätigen zu lassen.
    Heute wird m. E. in der Grundschule oft nicht ausreichend gesichert und geübt. Vor genügender Beherrschung des Pflichtprogramms werden die Kinder schon mit Küraufgaben konfrontiert, obwohl ihnen noch die nötige Sicherheit im Zahlraum, dem Dezimalsystem und seinen Stellenwerten fehlt.

  7. Das kann ich ja überhaupt nicht bestätigen: In den kleineren Klassen, also in den jüngeren, ist Mathematik oft auch ein Lieblingsfach.

  8. In der Grundschule machte Mathe noch den meisten Kindern Spaß, außer denen mit Dyskalkulie. Auf einer Fortbildung habe ich dann erfahren, das jede Hilfe in der Grundschule zu spät ansetzt. Problematisch ist dann der Einstieg in den weiterführenden Schulen, statt die Kinder dort abzuholen wo sie sich befinden (ersichtlich aus den Lehrplänen der Grundschulen) wir häufig (in den Gymnasien) an den Kindern (vor allem Mädchen) vorbei unterrichtet, mit Lehrwerken, die sich seit meiner Schulzeit nicht verändert haben.

    • Dummerweise hat sich die Mathematik auch nicht verändert. 1 plus 1 ergibt noch immer 2.

      Natürlich “wird häufig (in den Gymnasien) an den Kindern (vor allem Mädchen) vorbei unterrichtet”, wenn die Probleme in der Grundschule beginnen und die Gymnasien erst verzögert darauf reagieren können mit Niveauabsenkungen und der teilweisen Übernahme von Grundschullernstoff.
      Man sollte jetzt nicht (und so habe ich Sie verstanden) den schwarzen Peter an die Gymnasien weiterreichen und eine neue Schulddebatte unter den Kollegen eröffnen, was allen schadet und nur den Eindruck erweckt, alles läge nur an den Lehrern, egal von welcher Schulform.

      • Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um eine Veränderung der Kindheit und der basalen Fähigkeiten und damit ein einhergehen von Veränderungen in der Schullandschaft die im Gymnasium leider nicht angekommen sind. Auch mit dem G 8 hat man das Problem nur verstärkt. Dazu der Unsinn den Kindern kaum noch Hausaufgaben aufgeben zu dürfen, dabei wäre das bitter nötig zu Festigung und Vertiefung. Das 1×1 muss eben einfach klassisch gelernt werden, da beißt die Maus keinen Faden ab. Die Schullandschaft hat sich auf verschiedenen Ebenen verändert, leider nicht zum Besseren.

      • Nachtrag: früher musste ich in der Grundschule keine Wahrscheinlichkeiten oder Kombinatorik durchnehmen. Auch Zirkel und Geodreieck kam dazu, das ist nicht schlecht, doch ich habe nicht plötzlich mehr Zeit … Also diese Behauptung die Grundschulen würden nicht liefern sind grundfalsch.

      • In Ihren letzten beiden Kommentaren stimme ich Ihnen absolut zu. In der Grundschule sind zu viele Lerngebiete hinzugekommen, die Zeit rauben für die Gründlichkeit (auch im Üben!) dessen, was ABC als “Pflichtprogramm” beschreibt.

        Insofern kann die Grundschule tatsächlich nicht mehr das liefern, was vom Gymnasium erwartet wird. Man verzettelt sich wegen der administrativen Vorgaben und ist gezwungen, vieles zwar anzureißen, das Kerngeschäft aber zu vernachlässigen. Das führt zu Problemen mit dem Programm der weiterführenden Schulen, die ihrerseits über Grundschul-Defizite klagen.

        • Teils, teils. Ich sehe es eher so, dass sich die Schwerpunkte verlagert haben. Der Lehrplan ist nun spiralförmig. Die Grundschulen machen von sehr vielen Themen die Basis, die weiterführenden Schulen bauen darauf auf. Das heißt aber, dass wir in manchen Gebieten nicht mehr so weit kommen wie früher (z.B. schriftliche Division, großes 1×1). Dafür legen wir mehr Grundlagen wie z.B. in der Stochastik und Geometrie. Früher war Geometrie ein total vernachlässigtes Gebiet in der Grundschule, von Schaubildern keine Spur. Tabellenrechnen, Tabellenzeichnen war unterentwickelt. Die grundlegenden Spielereien mit der Wahrscheinlichkeit und der Kombinatorik kann man genauso in der Grundschule machen. So viel Zeit muss man dafür nicht veranschlagen. Außerdem werden hier systematisches Vorgehen und systematische und logische Denkweisen (wie schreibe ich kombinatorische Zusammenhänge übersichtlich auf, wann gibt es faire Gewinnchancen usw.) grundgelegt. Mathematik ist eben nicht nur die Arithmetik.
          Dennoch ist zu viel reingepackt in die Grundschule, weil zu wenig im Gegenzug gestrichen wurde. Außerdem scheinen die Grundschüler im Gesamten mit weniger Vorwissen in die 1. Klasse einzusteigen.

          • Doofe Frage, aber wieso packt man immer mehr in die Grundschullehrpläne, wenn die Schüler weniger Grundlagen mitbringen, mehr Zeit als früher zum Üben brauchen, zuhause nicht mehr ausreichend geübt wird und generell stures Üben als Teufelszeug angesehen wird?

          • Wenn zu viel reingepackt wurde in die Grundschule, “weil zu wenig im Gegenzug gestrichen wurde”, stellt sich die Frage, was denn sinnvoller Weise hätte gestrichen werden müssen.

            Außerdem sollte in der Grundschule vielleicht von weniger vielen Themen eine nur wacklige Basis gelegt werden und dafür von wenigen eine verlässliche und solide. Auf den weiterführenden Schulen gibt es noch genügend Schuljahre für Themenerweiterungen.
            Wenn die weiterführenden Schulen nicht mehr auf einem bestimmten, klar umrissenen und soliden Basiswissen aufbauen können, müssen sie letztlich mit allem wieder neu anfangen. Unsolides Basiswissen ist eine ungünstige Ausgangslage.
            Zu viele Themen in der Grundschule bergen die Gefahr einer zu großen Zersplitterung von Zeit und Kraft. Vieles wird angerissen, nichts aber richtig gelernt und gefestigt.
            Ob man da noch zu Recht behaupten kann, “Die Grundschulen machen von sehr vielen Themen die Basis”, ist die Frage.

          • Danke für die vielen guten Kommentare. Sie bringen vieles auf den Punkt, v.a. der Kommentar von F.H. Gerade die veränderten Lehrpläne habe ich in früheren Kommentaren auch schon angesprochen. Kleine Änderungen können große Auswirkungen haben, weil vielen Schülern schon mit ein wenig mehr Übungszeit für die Grundlagen geholfen wäre. Auch leichtere Teilleistungsschwächen würden sich dann nicht so gravierend auswirken.
            Ich bin nicht sicher, ob die Schüler heute mehr Zeit zum Üben brauchen als früher, ich glaube, viele brauchten sie schon immer. In sehr großen Klassen, z.B. in den Sechzigern, kamen die Lehrer gar nicht umhin, viel zu üben. Sie hätten sonst den größten Teil der Klasse angehängt.
            Auch wundere ich mich, wenn es oft heißt, die Kinder würden weniger basale Fähigkeiten beim Schuleintritt mitbringen. Da wird doch in den Kindergärten und Krippen angeblich so viel gefördert wie noch nie, Defizite werden möglichst frühzeitig diagnostiziert und korrigiert, Entwicklungsgespräche geführt usw. Manche Kinder besuchen einen Waldkindergarten, auch so was gab es früher leider nicht. Für mindestens eines meiner Kinder wäre es eine gute Sache gewesen. Wann haben junge Eltern überhaupt noch Zeit, ihre Kinder zu erziehen und zu fördern, wenn diese fast nur noch zum Schlafen daheim sind? Kleine Kinder können nur da erzogen und gefördert werden, wo sie sind. Das ist jetzt kein Vorwurf an Erzieher, sondern ein Impuls zum Nachdenken, wie unsere kleinen Kinder aufwachsen, und was man von ihnen erwarten kann zu Schulbeginn.

    • Das mit den Schulbüchern stimmt nicht. Die aktuellen haben viel mehr und bunte Bilder, zum Ausgleich aber auch größere Schrift, weniger Aufgaben und weniger Inhalt (Anspruch). Besonders die dringend erforderlichen Päckchenrechnungen wurden als böse angesehen und abgeschafft.

      • Das stimmt, doch das Buch meiner Tochter ist noch genau so wie es vor 20 Jahren war… Dafür bleibt aber für Übungen und zur Festigung keine Zeit.

  9. Momentan finde ich den Lehrplan von Klasse 2 in Mathe übervoll. Themen sind z.B.: Erweiterung des Zahlenraums bis 100, Addition und Subraktion (ZE und ZE mit Überschreitung), das komplette kleine Einmaleins (Multiplikation, Division, auch mit Rest), Kalender, Uhr, Zeitspannen, Rechnen mit Geld, Geometrie, Wahrscheinlichkeit, zu allen Themen jeweils Sachaufgaben…. Man schafft das schlichtweg kaum, wenn man die ganze Klasse einigermaßen mitnehmen will. Schade, dass man bei den Grundlagen so hetzen muss. Früher wurde z.B. ein Teil des Einmaleins (3,7,6,9) erst in der 3. Klasse eingeführt und es konnte länger geübt werden.

    • Bei uns geht der Lehrplan immer über 2 Jahre, da kann man sich das einteilen. Unsere Mathematikbücher machen das 1×1 schwerpunktmäßig in der 3. Klasse.

      • Bei uns war die Erarbeitung schon immer in Klasse 2, die Festigung in 3 und in 4 muss man es wiederholen. Das hat sich eigentlich nicht geändert, aber es brauchen viele Kinder länger, bis es sitzt. Der Lehrplan geht auch über 2 Jahre, aber gerade in Klasse 1+2, da stimme ich mississippi zu, ist er übervoll und die Differenzierung muss immens sein.
        Bei den Schulbüchern klafft meiner Meinung nach schon im Übergang von Klasse 2 nach Klasse 3 eine Lücke: Das 1×1 wird in Klasse 2 erarbeitet, in Klasse 3 wird es quasi als bekannt und gesichert vorausgesetzt und ist notwendig für die weiteren Themen.
        Außerdem gibt es Themen, die nun sehr früh aufgegriffen werden sollen und zum Teil nich altergemäß sind, z.B. räumliches Sehen und perspektivisches Zeichen in Klasse 1/2.

        Es gibt Kinder, die das 1×1 schon in Klasse 2 beherrschen, das sind aber nicht diejenigen, die Probleme mit dem Fach Mathematik haben, sondern die, die sich gerne mit den weiteren Themen beschäftigen und schon sehr früh viel Freude daran finden.
        Anders ist es mit Kindern, die zur Einschulung nicht sicher bis 5 oder 10 zählen, die von Beginn an viel Förderung in grundlegenden Fähigkeiten UND in Wahrnehmungsbereichen benötigen, dann aber trotzdem den ZR20 erfassen müssen und überblicken sollen. Für diese Kinder bräuchte es ganz andere Möglichkeiten der Förderung, gerade weil sie selbst die Strukturen nicht erkennen, sondern mühsam trainieren müssen und sich sonst aufs Zählen verlassen.
        Die sprachlichen Defizite sind zudem erheblich und gerade für das Fach Mathematik bedeutend, da die Kinder Erläuterungen oder Sachverhalte nicht verstehen können. Niedersachsen spart sich die Sprachförderung vor der Einschulung, sodass in Zukunft noch mehr Kinder keine Vorstellung von vor-zurück oder mehr/weniger haben… und davon waren bei uns auch sehr viele Kinder mit deutscher Muttersprache betroffen.
        Soweit, sogut.

        Was das aber nun mit den Aufgaben im Abitur zu tun haben soll, ist mir nicht verständlich.
        Tatsächlich haben die SuS weitere 8 oder 9 Jahre Mathematik im Gymnasium und es sind gerade nicht die Kinder mit erheblichen Störungen in den Wahrnehmungsleistungen und der Sprache, die den Rückstand, den sie zu Schulbeginn schon hatten, locker aufholen und nach 4 Jahren zum Gymnasium wechseln.
        Trotz freiem Elternwillen gehen in unserer Region überwiegend die Kinder zum Gymnasium, die begabt sind, die lernen können, die Unterstützung von zu Hause erhalten, die gute Noten in Deutsch und Mathematik haben – am Ende der 4. Klasse.

        Wenn die sprachlichen Anforderungen im Abitur gestiegen sind, sollte dies in den vorherigen Jahren auch schon so sein. Darauf sind die SuS dann doch durch den Unterricht der 8-9 Jahre zuvor vorbereitet.

        Vielleicht schaut man sich zudem die Aufgabenstellungen im Abitur an, ie ja auch ständigem Wandel unterliegen und reflektiert, ob Aufgaben und Unterricht zusammenpassen.

        Differenziert zu sehen wäre auch, welche Aufgaben denn nun tatsächlich in den verschiedenen Bundesländern im Abitur waren, wie das Verhältnis zu Landes- und Bundesaufgaben war, ob es zu einem zeitlichen Ungleichgewicht gekommen ist angesichts anderer Anforderungen, die mehr Zeit beim Erlesen oder Erläutern von Ergebnissen erfordern oder wodurch sich sonst Veränderungen oder Benachteiligungen ergeben könnten.

  10. Zitat:
    “Lassen Sie sich von den folgenden beiden Sätzen nicht abschrecken, sie sind Anlass einer größeren Debatte: Eine Geothermieanlage fördert durch einen Bohrkanal heißes Wasser an die Erdoberfläche. Der Kanal besteht aus zwei Abschnitten, die im Modell vereinfacht durch die Strecken [AP] und [PQ] mit den Punkten A(0|0|0), P(0|0|1) und Q(1|1|3,5) beschrieben werden.”

    Abschrecken??? Es geht um zwei Strecken, deren Endpunkte gegeben sind. Übrigens waren diese Strecken auch noch auf einer Abbildung im Koordinatensystem dargestellt. Wenn Schüler damit Probleme haben, dann dürfen die keinen Stadtplan mehr vorgelegt bekommen.

    • Übrigens:
      Laut einem Bericht hier auf news4teachers meint Herr Schleicher, dass gerade diese Aufgabenstellungen wichtig und richtig seien.

  11. Zitat:
    “Angesichts der Klimademonstrationen schlägt er vor, zu berechnen, wie schnell ein Gletscher schmilzt. «Das hätte einen deutlich näheren Bezug als das exponentielle Wachstum von Seerosen in einem Teich.»
    Zudem sollte Unterricht besser individuellen Werdegang und Interessen der Schüler berücksichtigen, so Weingärtner. Oldenburg sagt, moderne Bildung sollte Fragen etwa nach kürzesten Wegen (Navigationssysteme) und mathematische Grundlagen von Bild- und Videoverarbeitung berücksichtigen. So lernten Schüler, mit digitalen Werkzeugen umzugehen, die in ihrer Lebenswelt wichtige Rollen spielten.”

    Wo leben diese beiden Professoren eigentlich? Kennen die reale Schüler? Meine Schüler (die meisten von ihnen) interessieren sich nicht für Binärzahlen, kürzeste Wege, nicht mal für das einfache RGB-Farbsystem, Schmelzen von Gletschern – zumindest dann nicht, wenn sie da was berechnen müssen.

  12. @alle
    Das Eigentlich Interessante an dieser Diskussion ist, dass die Beschwerden der Schüler das Abitur betreffen, nach 8 Jahren Gymnasialunterricht.
    Und wer ist Schuld? Die Grundschule! Paradoxer geht’s nimmer …..

    • Sie sollten nicht wieder Schulen und Lehrer gegeneinander in Stellung bringen! Diskussionen um Schuldzuweisungen führen zu nichts und schaffen nur böses Blut.
      Den Grundschulen selbst und ihren Lehrern wird ja kein Vorwurf gemacht, sondern nur der zu großen Themenfülle, die Lehrer und Schüler zunehmend in Bedrängnis bringt. Dass hier mal durchforstet und gestrichen statt immer nur draufgesattelt werden müsste, ist doch ein Gedanke, der allen Schulen etwas bringt. Nicht zuletzt auch den Grundschulen!

      • Ich glaube, Sie vertauschen da etwas.
        Weder ich noch ein anderer Grundschullehrer hat sich in dieser Diskussion in irgendeiner Form über den Mathematikunterricht des Gymnasiums geäußert, schon gar nicht kritisch.
        Dagegen haben mehrere Gymnasiallehrer hier die Ursache für ein als schwer empfundenes Abi in Mathematik in der Grundschule gesucht.
        Wer bringt hier wen gegeneinander in Stellung???

        • Ich glaube, Sie bräuchten hier in den Kommentaren auch mal ein zweites Thema neben dem Schimpfen auf die Gymnasiallehrer und damit Stiften von Unruhe. Dieses Mal gab es wirklich überhaupt keinen Grund dafür und sogar von den mitschreibenden Grundschullehrern bekommen Sie keine direkte Unterstützung.

          • “Dieses Mal gab es wirklich überhaupt keinen Grund dafür und sogar von den mitschreibenden Grundschullehrern bekommen Sie keine direkte Unterstützung.”
            Ist das so? Oder lesen Sie selektiv die hier gesetzen Kommentare?
            Offenbar sieht auch Herr Beckmann vom VBE diese Kritik an den Grundschulen ebenso und weist sie zurück.

            Es ist einmal mehr, dass Herr Meidinger eine Diskussion über Schule im Allgemeinen, das Abitur oder anderes entert und fortan nur noch über die Vorgehensweisen in der Grundschule diskutiert wird. Das, was Stefan B. emil unterschiebt, richtet sich m.E. an Herrn Meidinger, da er es ist, der Schulen und Lehrer gegeneinander in Stellung bringt – einmal mehr!
            Und wenn er es tut, muss er darmit rechnen, dass die dortigen Lehrkräfte dies bemerken und zurückweisen oder für absurd erklären.

            Wo sind die Diskussionen über das, was 8 oder 9 Jahre lang im Gymnasium passiert mit den begabteren SuS, die dorthin mit guten Noten nach Klasse 4 wechseln?
            Haben diese SuS alle ab Klasse 5 nur noch schlechte Noten in Mathematik?
            Bleiben sie zwar 8-9 Jahre auf dieser Schule, scheitern aber letztlich im Abitur?

            Wer hat sich die verschiedenen Abituraufgaben und -zusammenstellungen der Bundesländer angesehen und in sich mit den Anforderungen und Bedingungen verglichen, z.B. der zur Verfügung stehenden Zeit?

            Wer hat sich die Mühe gemacht und die Aufgabenstellungen unterschiedlicher Bundesländer nebeneinander gelegt und deren Bearbeitungszeit oder Schwierigkeitsgrad miteinander verglichen?

            Wer fragt danach, ob die Vorbereitung auf diese Aufgaben gegeben war?

            Sind die Lehrwerke und eingesetzten Materialien alle auf den Pool der Abituraufgaben abgestimmt? Haben alle Lehrkräfte und Verlage Zugriff auf entsprechende Aufgaben? Prüft die Landesschulbehöre eines jeden Landes gewissenhaft sämtliche von den Verlagen zur Verfügung gestellten Materialien einschließlich der veränderten Neuauflagen?

            Unterstützt die Landesschulbehörde die Lehrkräfte, indem letztere rechzeitig und ausreichend Hinweise zu den gestellten Themen und Anforderungen gegeben werden? Stellt die Landesschulbehörde allen Lehrkräften ausreichend Zeit zur Verfügung, sich mit neuen Aufgabenformaten oder Anforderungen auseinanderzusetzen und sich für den Unterricht angemessen vorzubereiten?

            Wer hat überprüft, ob die im Abitur erbrachten Leistungen den vorherigen in der Oberstufe entsprachen, ob die dort gestellten Aufgaben angemessen oder vorab zu leicht oder zu schwierig waren, ob sprachlastige und zeitintensive Aufgaben zuvor gewählt oder vernachlässigt wurden? Entspricht die Zusammenstellung der Oberstufenklausuren denen der Abiturprüfungen oder gibt es hier große Abweichungen?

            UND: Wer äußert einen Satz hinsichtlich der Lehrkräfte am Gymnasium mit einem Inhalt wie: “Den Grundschulen selbst und ihren Lehrern wird ja kein Vorwurf gemacht, sondern nur der zu großen Themenfülle, die Lehrer und Schüler zunehmend in Bedrängnis bringt. ”
            Wie wäre es mit: “WENN die Aufgaben im Abitur unverhältnismäßig schwierig oder zeitinentsiv waren, wird den Lehrkräften selbst kein Vorwurf gemacht, sondern nur der schlechten Auswahl, die Lehrkräfte und Schülerschaft zunehmend in Bedrängnis bringt.”?

            Aber zu einem solchen Satz kommt es gar nicht, weil weder die Aufgaben im Abitur noch der dazu erfolgte Unterricht diskutiert werden.
            Lieber sucht man wieder einmal außerhalb der eigenen Schulen und Aufgabenbereiche Kritikpunkte.

            Wird das angemahnt, wird unterstellt, man wolle Lehrkräfte und Schulen gegeneinander in Stellung bringen.
            Nein, will man nicht, auch wenn Herr Meidinger das vielfach bevorzugt.

  13. @ emil: Ausnahmsweise empfinde ich das nicht so. Mich stört dieser Satz aus dem Artikel oben viel mehr: “. Positiv vor allem für Mädchen sei, dass zunehmend Lehrerinnen das Fach Mathematik unterrichteten (Mehr zu Meidingers Statement: siehe ….).” Soll das bedeuten, dass Lehrerinnen, weil fachlich weniger kompetent, mehr Verständnis für Schülerinnen haben, weil fachlich auch nicht so kompetent wie die Jungs? In der Grundschule gibt es da keinen Unterschied. Die Mädchen sind hier in Mathe mindestens genauso gut wie die Jungs. Keine Ahnung, was dann in den weiterführenden Schulen passiert…..

    • Es bleibt zumindest in der Sek I weitestgehend so. Im Durchschnitt kommen die Mädchen mit dem Schulbetrieb besser klar als die Jungs, weshalb tendenziell mehr Mädchen Abitur machen und tendenziell mehr Jungs die Schule ohne Abschluss verlassen. In der absoluten Spitze sind die Jungs allerdings stärker vertreten als die Mädchen. Ich begründe das mit der größeren Streuung in der mathematischen Begabung bei den Jungs.

    • Ich verstehe diesen Hinweis anders. Sind weibliche Mathematiklehrkräfte für Mädchen nicht auch positive Vorbilder. Wir erleben doch alle, dass sich die Mädchen vor allem in der Unter- und Mittelstufe von den dominantenJungs in den MINT-Fächern oft die Schneid abkaufen lassen. Mathelehrerinnen können Mädchen leichter das Bewusstsein vermitteln, wir können das auch.

  14. Palim: “Es ist einmal mehr, dass Herr Meidinger eine Diskussion über Schule im Allgemeinen, das Abitur oder anderes entert und fortan nur noch über die Vorgehensweisen in der Grundschule diskutiert wird.”

    Ich habe das Gefühl, dass einige hier wie auch Palim etwas vorschnell im Einordnen von Äußerungen sind. Wenn man die Verlautbarung des DL-Vorsitzenden genau liest, sieht man, dass er in seine Kritik alle Schularten einschließt, beispielsweise auch die Mathelehrplankürzungen an Gymnasien durch G8 und die in der Folge fehlende Zeit zur Übung und Vertiefung. Außerdem bricht er eine Lanze für die Pädagogisierung der modernen Mathematikdidaktik, die verstärkt auch die leistungsschwächeren Schüler und die individuelle Förderung in den Blick nimmt.
    Das Gleiche gilt für die in der Überschrift suggerierte generelle Einordnung der Äußerungen von Herrn Beckmann als Generalkritik an Meidinger.
    Wenn man sich Beckmanns Verlautbarungen durchliest, räumt er ja ausdrücklich ein, dass es die heutige Grundschule nicht mehr schafft, die Bildungsstandards in Mathematik zu erfüllen. Allerdings ist die von ihm angemahnte Konsequenz, die Gymnasiallehrkräfte mögen die Schüler wissensmäßig da abholen, wo sie sind und sich nicht mehr darauf verlassen, dass diese die Grundrechenarten beherrschen, natürlich auch nur eine weitere Variante des Schwarzen-Peter-Spiels.
    Wenn ich mir die Ergebnisse der 2016-er IGLU-Studie und der IQB-Studie aus dem gleichen Jahr zur Grundschule anschaue, die beide einen massiven Einbruch sowohl bei den Lese-Rechtschreibkompetenzen als auch bei den Rechenfertigkeiten festgestellt haben, dann wundere ich mich, dass die Bildungspolitik derzeit mehr über die Einrichtung biligualer Klassen und die Einführung von Informatikunterricht an Grundschulen diskutiert als darüber, wie wir sicherstellen, dass nicht 35 Prozent der Grundschulkinder weiterhin die Mindeststandards verfehlen.

    • “Wenn man sich Beckmanns Verlautbarungen durchliest, räumt er ja ausdrücklich ein, dass es die heutige Grundschule nicht mehr schafft, die Bildungsstandards in Mathematik zu erfüllen.”
      Tut er das?

      Der Verfasser äußert:
      “Beckmann stellt fest, dass zum Einüben der Grundrechenarten mehr Zeit als noch vor zehn Jahren benötigt wird. Gleichermaßen unterstreicht er jedoch: „Grundrechenarten, das Einmaleins und das Zerlegen von Mengen sind selbstverständlich Inhalt des Lehrplans in der Grundschule und werden entsprechend eingeübt. Die hohen pädagogischen Fähigkeiten des Grundschulpersonals gewährleisten, dass trotz unterschiedlicher Voraussetzungen die mathematischen Grundlagen gelegt werden.”
      An welcher Stelle sagt er, “dass es die heutige Grundschule nicht mehr schafft, die Bildungsstandards in Mathematik zu erfüllen.”?

      Dass sich die Lehrkräfte der weiterführenden Schule, wie alle Lehrkräfte, auf ihre Schülerschaft einstellen müssen, wird auch geäußert. War das nicht schon immer so?
      Oder gibt es die Vorgaben, dass bestimmte Lehrkräfte das nicht machen müssen?

      Hinsichtlich der Einschätzung der Schülerschaft, das Abitur sei zu schwierig gewesen, stellt sich dann doch die Frage, ob die Gymnasiallehrkräfte dies in der Vorbereitung auf das Abitur geschafft haben und ihre Schülerschaft sowie die Anforderungen im Blick hatten. Die Frage, ob die im Abitur geforderte Kompetenzorientierung auch im Unterricht angekommen ist, stellt sich zu Recht.

      Wenn das der Fall ist, ist immer noch nicht klar, warum die SuS die Arbeiten als zu schwierig einstufen. Waren die Aufgaben fair und zu Vorübungen vergleichbar gestellt oder war es anders als das, was Lehrkräfte und Schüler erwartet hatten?

      • Meidingers Behauptung war ja nur, dass die Mathe-Probleme schon in der Grundschule beginnen, nicht dass sie nur dort angesiedelt sind. Das bestätigt indirekt Beckmann, wenn er sagt: “Wir sehen, dass die Voraussetzungen, mit denen Kinder in die Schule kommen, immer mehr abnehmen. Manche verfügen nicht mehr über die notwendigen Basisfähigkeiten, wie das Abzählen einer Menge, die Vorstellung einer gleichbleibenden Menge solange nichts hinzugefügt oder weggenommen wird, und die Erfahrung, dass zum Beispiel für jede Person am Tisch eine Gabel eingedeckt werden muss.“ Da hat er eindeutig Recht!
        Dass es den Grundschulen immer weniger gelingt, die Bildungsstandards zu erreichen, beweisen die deutschen Ergebnisse bei den letzten internationalen Vergleichsstudien eindrücklich (IGLU 2016). Dass im Gegensatz dazu sich die 15-jährigen an den weiterführenden Schulen (PISA 2015) auch im Fach Mathematik nochmals verbessert haben, ist aber kein Grund, Grundschull gegen Sekundarschule und Gymnasien auszuspielen. Der Leistungsabfall wird sich dort voraussichtlich zeitverzögert bei den nächsten beiden PISA-Studien genauso abbilden. Davon bin ich fest überzeugt.
        Und zur Kompetenzorientierung: Guter Unterricht, der nicht auf nur abfragbares Wissen und das Abspulen hirnloser Routinen ausgerichtet ist, war immer schon kompetenzorientiert, und zwar lange, bevor dieser Begriff von den Didaktikern gehypt wurde. Mit Sicherheit sind unsere Abiturienten durch die Fragestellungen im heurigen Abitur nicht völlig überrascht worden. Was allerdings stimmt: Die wegen der letztes Jahr in Goslar geklauten Matheangaben kurzfristig bereitgestellten Ersatzaufgaben im Abi 2018 waren deutlich leichter als im Durchschnitt der Jahre vorher. Abiturientinnen und Abiturienten, die 2019 vorrangig das letzte Abitur im Blick hatten, bekamen deshalb Probleme.

        • Letzteres war in NRW vergleichbar. Während das Mathe-Abitur 2018 nicht wirklich schwierig war, die Aufgaben bei einer den Mathelehrern aus fachlicher Sicht vernünftigen Dokumentation und Vorgehensweise zeitlich kaum zu schaffen waren (bei unvernünftiger Dokumentation und extremer Verwendung des Taschenrechners schon), war es 2019 anders, weil kürzer. Außerdem wurde uns Lehrern eingetrichtert, die Schüler zum Taschenrechner zu zwingen, auch wenn sie quadratische Gleichungen gerne mit der pq-Formel lösen würden.

          À propos Kompetenzorientierung an Gymnasien: Die Taschenrechnernutzung läuft unter Kompetenzorientierung. Mit tatsächlicher Mathematik hat diese aber überhaupt nichts zu tun. Im Abitur wurde die Mathematik im Wesentlichen durch Abfrage von Lesekompetenz und Taschenrechnerkompetenz ersetzt, ergänzt durch einige Kochrezepte.

  15. Ist die Kompetenzorientierung am Gymnasium überhaupt schon bei den derzeitigen Abiturienten angekommen? D.h., wurde auch so unterrichtet? Oder ist der Unterricht immer noch auf das Nachvollziehen von Aufgabenstellungen gerichtet? (Lehrer macht vor, Schüler müssen verstehen…)
    An den Rechenfertigkeiten kann es ja nicht unbedingt liegen. Meines Wissens dürfen die SuS irgendwann Taschenrechner benutzen. Den Grundschulen wird ja immer vorgeworfen, sie würden zu wenig die Rechenfertigkeiten üben.
    Außerdem gehen in der Regel nur die Besten auf das Gymnasium. Zum Abitur ist dann alles so ausgesiebt, dass nur die besten der Jahrgänge auch Abitur machen.
    Weiter oben schrieb ich, dass der Mathematikunterricht jetzt viel mehr darauf ausgelegt ist, dass das kreative Denken nicht zu kurz kommt. Das würde den zukünfitgen Gymnasiasten sogar zum Vorteil gereichen.
    Ich halte den Mathematiklehrplan der Grundschule für besser als er früher war, weil er eben auch die Guten fördert und man besser differenzieren kann. Allerdings gehört noch Stoff ausgemistet, weil zu viel – da gebe ich einigen Schreibern recht – angerissen wird. Man muss sich darüber unterhalten, wie die Verteilung von arithmetischen, geometrischen und stochastischen Themen aussehen soll.
    Ich finde es auch weit hergeholt, der Grundschule, die die Besten auf das Gymnasium empfiehlt eine “Mitschuld” am schlechten Abitur zu geben. Ich glaube eher, dass die Kompetenzorientierung am Gymnsaium noch nicht richtig angekommen ist, weil diese eben von vielen Lehrkräften dort kritisch gesehen wird – so ist zumindest mein Eindruck.
    Meidinger äußert sich immer wieder mit fachlichen Fehlern über die Grundschule. Ich würde ihm einmal raten, sich entweder vorher bei Fachkräften aus der Grundschule besser zu informieren oder lieber ruhig zu sein, bevor man Falsches oder Halbwahrheiten in die Welt setzt.

    • “Ich finde es auch weit hergeholt, der Grundschule…….eine “Mitschuld” am schlechten Abitur zu geben.”

      Ja, das sehe ich ganz genauso.

      Trotzdem sind deshalb die Aussagen Herrn Meidingers nicht grundsätzlich falsch. Ich finde es überhaupt mal gut, dass so eine Debatte stattfindet. Was macht Sinn in den Grundschullehrplänen? Was brauchen die Schüler, was muss mehr gefestigt werden, für alle Schüler? Auch für die, die später auf Realschule, Gemeinsamschaftschule etc. gehen? Was kann aus den Lehrplänen raus, was bleibt drin, ohne dass die Vertiefung der Grundrechenarten gerade auch für schwächere Matheschüler gefährdet wird? Wie kann man auch den Schwächeren Erfolgserlebnisse bieten?
      Was ist mit den Schülern mit unausgewogenem Intelligenzprofil? Was mit den Begabten, aber Konzentrationsschwachen ? Was mit den Begabten, aber Unpraktischen, die sich schwer tun mit der Entwicklung von Lernstrategien? All die brauchen manchmal nur etwas mehr Zeit zum Üben, und nicht unbedingt Vorübungen, die die Gymnasiallehrer gerne schon in das Grundschulalter vorverlagert sehen wollen, und die die meisten Grundschüler vom wesentlichen ablenken.

  16. Vielleicht sollte man einmal erwähnen, dass der bayerische LehrplanPLUS fürs Gymnasium, der die Kompetenzorientierung enthält, gerade schrittweise eingeführt wird. Wenn ich richtig nachgerechnet habe, müsste jetzt in der Sekundarstufe bis zur 6. Klasse einschließlich im neuen Lehrplan unterrichtet werden.
    Wie kann man dann eigentlich im bayerischen Abitur kompetenzorientierte Aufgaben abfragen? Die Schüler wurden ja noch nach dem alten Lehrplan und alten Büchern unterrichtet.

    • Ah, interessante Frage.
      In Nds. sind die CuVo für die gymnasiale Oberstufe seit 2010 gültig und in diesem Jahr das letzte Mal gesetzt, neue befinden sich in der einjährigen Einführungsphase und gelten dann für die Rückkehr zu G9.

      Bundeseinheitliche Bildungsstandards gelten seit Oktober 2012,
      zudem gibt es einen Aufgabenpool sowie Aufgaben von 2017 und 2018, die zum Üben zur Verfügung stehen.
      Eine genannte Kritik war aber auch, dass SuS diese Aufgaben zum Üben eingesetzt hatten, die diesjährigen Aufgaben aber nicht vergleichbar gewesen seien.
      Eine Evaluation der Aufgaben von 2017 findet sich unter https://www.iqb.hu-berlin.de/abitur/evaluation

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