Nach Abi-Panne – versucht das Kultusministerium, den Lehrern die Schuld zuzuschieben?

13

STUTTGART. Lehrer in Baden-Württemberg haben empört auf eine Panne beim Gemeinschaftskunde-Abitur und das Verhalten des Kultusministeriums reagiert. Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, sagte, dass das Kultusministerium versuche, die Schuld den eigenen Lehrern zuzuschieben. «Bei der GEW melden sich Lehrkräfte, die übereinstimmend berichten: Die Abi-Aufgabe war falsch formuliert.» Das Verhalten des Ministeriums sei eine Frechheit.

aut um: Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg
In der Kritik: Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Die Prüfung im Fach Gemeinschaftskunde soll an 130 Gymnasien wiederholt werden, wie «Mannheimer Morgen» und «Heilbronner Stimme» berichteten. In einer Teilaufgabe wurde nach Informationen der GEW der Begriff «Kategorienmodell» vorausgesetzt. Dieser Begriff sei aber in dem Fach überhaupt nicht üblich und werde auch in der Wissenschaft nicht verwendet, sagten einige Lehrer der GEW. Nach Informationen des Kultusministeriums handele es sich aber um Pflichtstoff aus dem Bildungsplan, trotzdem hätten viele Lehrer den Begriff nicht behandelt. Wie viele Schüler betroffen sind, ist unklar, weil zwei Prüfungsaufgaben zur Wahl standen. dpa

Anzeige


Mathe-Abi fällt wohl schlechter aus – Minister will aber nicht eingreifen

Anzeige


13 KOMMENTARE

  1. Kann vielleicht jemand mal erklären, was “Kategorienmodell” bedeutet? Ich habe nämlich nur Abitur und zwei naturwissenschaftliche Abschlüsse.

  2. Statt dies zu veröffentlichen, hätte man sich absprechen können und die Korrektur-Parameter anpassen können. Dann wäre die Angelegenheit längst vergessen. Das Vorgehen des Kultusministeriums legt offen, wie weit entfernt sich solche Amtsinhaber von der Realpolitik bewegen und wahrscheinlich vom Unterrichtsstoff eh keine Ahnung haben. Man schaut dann in irgendein Dossier, findet dort dieses Wort “Kategorienmodell” und beharrt darauf, weil man sonst eh nichts weiss; was für ein Armutszeugnis. So wird die Inkompetenz offensichtlich, statt souverän zu sein und die Lehrer machen zu lassen.

  3. In Unkenntnis der gesamten Aufgabe, möchte ich dennoch kurz eine Lanze für die Aufgabenstellung brechen. Als Lehrer des Faches Sozialwissenschaften, welches wohl das Pendant zur Gesellschaftslehre in Baden Württemberg ist, sind mir diverse Konzepte der politischen Urteilsbildung bekannt.
    In diesem Zusammenhang ist das Konzept der “kategorialen Urteilsbildung” (Massing) eine Möglichkeit unter vielen, aber sicher eine der bekannteren.

    Nun wurde dieses Konzept der Urteilsbildung sicher nicht von allen Kolleg*innen in Baden Württemberg unterrichtet, geschweige denn den Schüler*innen unter diesem Begriff vermittelt. Kann man also die Kolleg*innen freisprechen und die Gewerkschaft in ihrem Engagement unterstützen?
    Nein. Im Bildungsplan des Landes ist folgende Formulierung zu finden: “Die Schülerinnen und Schüler können politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Sach-, Konflikt- und Problemlagen anhand grundlegender sozialwissenschaftlicher Kategorien untersuchen (zum Beispiel Problem, Akteure, Interessen, Konflikt, Macht, Legitimation).” (Bildungsplan Gemeinschaftskunde S. 11) Schüler*innen haben also eine Analysekompetenz, deren Basis politische Kategorien sind.

    Ob es sich nun um eine Analyse oder ein politisches Urteil handelte – Abiturient*innen sollten in der Lage sein politische Probleme im o.g. Sinn zu bearbeiten. Die Reaktion einiger Kolleg*innen deutet auf andere Problemlagen hin.

    Die gesellschaftliche Situation ist fragiler als in den vergangenen Jahren. Politische Bildung ist wichtig und muss sorgfältig erfolgen. Zeit und Ressourcen dürfen nicht in eine einseitige “Brauchbarmachung” fließen und Jungendliche ausschließlich als zukünftige Wirtschaftsbürger verstehen. Gesellschaftliche Probleme sind komplex und Schüler*innen müssen lernen diese zu verstehen, zu analysieren und zu beurteilen – ohne Überwältigung und ohne einseitige Betrachtungsweisen. Wer die Herausforderungen unserer Zeit beurteilen will, der muss gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Interessen berücksichtigen und Effekte politischen Handelns antizipieren.

    Liebe GEW – lasst euch nicht vor den falschen Karren spannen. Setzt euch für eine bessere Ausbildung der Lehrer*innen ein. Und liebe Lehrer*innen – unterrichtet das Fach im Sinne der Schüler*innen und zum Wohle aller Menschen.

    • Ich stimme Ihnen völlig zu. Auch logische Ableitungen aus “Bestandswissen” sind ein Merkmal für intelligent angewandte Bildung. Alles andere klingt für mich nach “Malen nach Zahlen”. So funktioniert (oder sollte) “Denken 4.0” auf keiner Seiten des Tisches funktionieren. Viele Grüße.

  4. Ich hab mir mal den Bildungsplan im Fach Gemeinschaftskunde (Bildungsplan 2016, Gemeinschaftskunde am Gymnasium; Finale Fassung Gymnasium 4. April 2016) heruntergeladen und dort nach dem Begriff “Kategorienmodell” gesucht – und ihn nicht gefunden. Warum sollten Lehrer Begriffe, die nicht im Lehrplan auftauchen zwingend im Unterricht durchnehmen?
    Vielleicht irre ich mich ja auch und es gibt neben dem Bildungsplan noch einen Plan, nach dem unterrichtet werden muss.

  5. @ SoWi: Es geht nicht um Urteilsbildung, sondern Kategorienmodell ist ein in Stuttgart ausgedachter Begriff für “Theorie der internationalen Politik” oder “Denkschule”. Natürlich haben die Kolleg*innen diese Inhalte vermittelt, nur eben nicht unter diesem auch für die Politikwissenschaft fremden Begriff. Der Bildungsplan sieht auch nicht vor, dass der Begriff an sich gelernt werden muss.
    Der Fehler wurde bei der Erstellung des BPs gemacht. Da IP nun erstmals Schwerpunktthema war, wurde der Begriff erst dieses Jahr zum Problem. Im neuen Bildungsplan, der im Moment bis Klasse 8 hochgewachsen ist, kommt der Begriff auch nicht mehr vor.
    Die weitgehende Reaktion des KuMi und die Möglichkeit des Nachschreibens machen auf mich den Eindruck, dass man sehr wohl weiß, Mist gebaut zu haben. Gleichzeutig versucht man mMn aber in den Sonntagsreden, den LuL die Schuld in die Schuhe zu schieben.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here