Was Schulen auf dem Land und Schulen in der Stadt benötigen – Bildungsforscher legen Gutachten zu regionalen Unterschieden vor

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MÜNCHEN. Ist es in Deutschland entscheidend, ob ein Kind eine Schule auf dem Land oder in der Stadt besucht? Gibt es in Deutschland regionale Unterschiede in den Bildungschancen? Diesen immer wieder diskutierten Fragen geht der Aktionsrat Bildung – ein Zusammenschluss von renommierten Bildungsforschern in Deutschland – in seinem jüngsten Gutachten nach. Wir sprachen mit Professorin Nele McElvany, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund, die für das Thema Grundschule zuständig war. Sie fordert unter anderem, Schulen mit besonderen Herausforderungen besonders auszustatten.

Plädiert für jahrgangsübergreifenden Unterricht in kleien Landschulen: Professorin Dr. Nele McElvany. Foto: IFS

News4teachers: Die Studie beschäftigt sich mit den Mythen um Stadtschule und Landschule – wie ist denn die verbreitete Vorstellung? Dass in der Stadt sich ein Brennpunkt neben dem anderen reiht und auf dem Land alles noch beschaulich zugeht?

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McElvany: Ja, das ist ein Teil davon. Wobei es zum Beispiel auch den negativen Mythos über das Land gibt, dass dort kaum mehr jemand lebt, weil ja die meisten weggezogen sind. Tatsächlich muss man genauer hinschauen. Wir dachten am Anfang – und sind dabei wohl auch selbst auf den Mythos hereingefallen –, dass wir auf dem Land durchgehend fallende Grundschulzahlen finden würden, in den städtischen Regionen ansteigende. Das haben wir geraderücken müssen. Wir haben städtische Regionen, wo die Grundschulzahlen abnehmen und wir haben ländliche Regionen, wo sie ansteigen. Das Mittel hilft einem im Zweifelsfall nicht viel.

Schon das zeigt, wie wichtig eine präzise Beschreibung der Situation ist, um die Probleme angemessen angehen zu können. Das Grundgesetz schreibt ja vor, dass in Deutschland eine Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen herrschen soll,  unabhängig davon, in welcher Region die Menschen leben. Die Fragen lauten deshalb zunächst einmal: Ist das momentan im Bildungsbereich gegeben? Und was sind mögliche Handlungsempfehlungen, die die Bildungsforschung der Bildungspolitik mit auf den Weg geben kann?

News4teachers: Wie lauten die Antworten?  

McElvany: Das Bild ist differenziert, je nach Bildungsbereich. Wir am IFS haben uns die Primarstufe angeschaut. Handlungsempfehlungen beziehen sich auf den gesamten Schulbereich, also Primar- und Sekundarstufe zusammen. Die erste betrifft die ländlichen Regionen – und betont die Notwendigkeit, gezielte Strategien zu entwickeln, um den Erhalt von Schulstandorten sicherzustellen. Den Trend des Rückgangs von Schülerzahlen auf dem Land wird sich nicht aufhalten lassen. Die Frage ist jedoch, wie darauf zu reagieren ist. Die Politik vor Ort muss klären: Wie lange können Schulen aufrechterhalten werden? Welche Ressourcen werden dafür zu Verfügung gestellt?  Es geht um Strategien, die Verlässlichkeit mit sich bringen.

News4teachers: Sie sprechen sich also für den Erhalt möglichst vieler Schulstandorte aus?

McElvany: Ja, aus verschiedenen Gründen. Für die Kinder ist es einfach wichtig, ihre Schulkarriere in ihrem Lebensumfeld zu starten. Für die Familien sind lange Pendelwege eine Belastung – und für den Wirtschaftsstandort ist es fatal, wenn am Ort die Grundschule zumacht. Denn das führt dazu, dass Familien sich nicht ansiedeln oder wegziehen. Der Punkt, dass es vor Ort eine Grundschule gibt, die eine vernünftige Qualität aufweist, ist ja zentral für die Wohnortwahl. Fehlt die gute Grundschule, dann fehlen auch Fachkräfte. Das Bild sieht für die Sekundarschule ein bisschen anders aus. Auch da sollten die Wege zwar im akzeptablen Bereich bleiben, aber älteren Kinder und Jugendlichen lässt sich mehr zumuten als den Kleinen in der Grundschule.

Zu den Gedanken, die man sich in der Primarstufe machen muss, gehört dann die Frage des jahrgangsübergreifenden Lernens.

News4teachers: Also zurück zur alten Dorfschule, in alle Altersstufen gemeinsam im Klassenraum saßen?

McElvany: Ich denke, da sollte man keine Scheuklappen haben. Bevor man die Grundschule zumacht, mit allen negativen Nebenwirkungen, die das eben hat, denke ich, dass jahrgangsübergreifendes Lernen – 1. und 2. Klasse zusammen, 3. und 4. Klasse zusammen – eine gute Möglichkeit bietet, Standorte zu erhalten. Dies darf allerdings nicht auf Kosten der pädagogischen Qualität gehen. Zu unseren Handlungsempfehlungen gehört deshalb, dass Ansätze wie jahrgangsübergreifender Unterricht  auch in der Lehrerausbildung vermittelt werden müssen, damit die angehenden Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereitet werden.

News4teachers: Was empfehlen Sie für städtische Schulstandorte?

McElvany: Eine Handlungsempfehlung bezieht sich auf die Notwendigkeit, pädagogische Konzepte für den Umgang mit herausfordernden Schülerinnen und Schülern und Elternschaften zu entwickeln und die dann auch im Lehramtsstudium zu vermitteln. Denn vieles in der Lehramtsausbildung ist doch noch  auf den durchschnittlichen Schüler in der durchschnittlichen Schule ausgerichtet, was ein Stück weit am Bedarf vorbeigeht. Allerdings ist es natürlich nicht nur eine Frage pädagogischer Kompetenz, Mindeststandards in herausfordernden Lagen sicherzustellen, sondern auch eine Ressourcenfrage.

Wir halten es für unverzichtbar, Schulen mit besonderen Herausforderungen besonders auszustatten. Und zwar in einer Form, in der die Mittel nach Bedarf einsetzbar sind – bei der die Schulen selbst entscheiden können, ob sie mit zusätzlichen Mitteln professionelle Netzwerke erweitern möchten, weil das für sie Sinn macht, oder ob sie kurzfristig kleinere Klassen einrichten möchten, weil sie in irgendeinem Jahrgang bestimmte Problemlagen haben, oder ob es ein besonderes didaktisches Konzept gibt, das ein Kollegium umsetzen möchte. Unsere Idee ist also, nicht für alle von oben herab die gleiche Strategie vorzusehen, sondern  einen flexiblen Einsatz von Mitteln vor Ort zu ermöglichen.

News4teachers: Also: Abschied von der Gießkanne, dem Prinzip also, alle Schulen gleich auszustatten?

McElvany: Ja – aber selbstverständlich nach transparenten Kriterien in Bezug darauf, was für Ausgangslagen in den Schulen vorzufinden sind. Eine herausfordernde Lage kann dann sprachlich begründet sein oder sozioökonomisch. Es könnten natürlich auch mehrere Kriterien zusammenkommen. Eine zusätzliche Förderung kann dann durchaus mal zeitlich befristet erfolgen. Wichtig ist uns aber eben auch, damit die quartierbezogene Schulautonomie zu erhöhen, um ein adaptives und flexibles Agieren der Schulen in Abhängigkeit von ihren unterschiedlichen Schülerschaften möglich zu machen und das dann mit einer Rechenschaftspflicht der Schulen zu verbinden. Also: Die Idee ist, nicht nur einfach nur mehr Ressourcen von oben auszuschütten, sondern eine Kombination aus gezielter Steuerung und Autonomie der Quartiere anzustreben.

News4teachers: Ist denn die Schülerschaft in städtischen Lagen tatsächlich schwieriger als auf dem Land? Auch Landlehrer klagen, dass bei ihnen längst nicht mehr alles rosig sei. 

McElvany: Anhand der IGLU-Daten, die ja repräsentativ für Deutschland sind, können wir klar sehen, dass wir in der Demografie einen systematischen Unterschied haben zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Wir haben mehr Kinder alleinerziehender Elternteile in den Städten. Wir haben deutlich weniger deutsche Muttersprachler in den Städten. Und wir haben einen deutlich erhöhten Anteil von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf. Daraus resultieren bei IGLU für die Lesekompetenz am Ende der Grundschulzeit signifikante Leistungsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen und die lassen sich praktisch vollständig auf die Unterschiede in der Zusammensetzung der Schülerschaft zurückführen.

News4teachers: Bietet die Digitalisierung Chancen, das Stadt-Land-Gefälle in der Bildung ein Stück weit auszugleichen?

McElvany: Durch die Digitalisierung wird sich in allen Schulen sehr, sehr viel ändern, egal ob Stadt und Land – und das bringt Herausforderungen, bietet aber auch Chancen. Wenn wir zum Beispiel an den Fachunterricht in der sechsten Klasse in Brandenburg denken (in Brandenburg umfasst die Grundschule ja die Jahrgangsstufen eins bis sechs), dann stoßen wir dabei mit unserem jahrgangsübergreifenden Dorfschulkonzept an Grenzen. Die Schulen sind ja verpflichtet, im Fachunterricht ein Niveau zu erreichen, das einen Übergang beispielsweise auf ein Gymnasium ermöglicht. Hier bieten digitale Medien eine Chance, ein hohes Niveau zu erreichen. In einer hochbelasteten Stadt-Schule wiederum lässt sich mithilfe digitaler Lernmedien eine größere Differenzierung im Unterricht erreichen, wodurch auch leistungsschwächere Schüler besser einbezogen werden können.

Wichtig ist aber: Die Digitalisierung wird aber nicht dazu führen, dass wir weniger Lehrpersonal brauchen. Häufig schwingt beim Stichwort Digitalisierung in der Schule die Vorstellung mit, dass Computer Lehrerinnen und Lehrer in den eher unbeliebten Standorten auf dem Land oder in den städtischen Ballungsgebieten ersetzen könnten. Das ist eine Illusion. Die digitalen Medien müssen ja ausgewählt und sinnvoll eingesetzt werden.

Das Gutachten

Der Aktionsrat Bildung sieht keine großen Bildungsunterschiede zwischen Stadt und Land in Deutschland. «Vielmehr geht der Trend hin zu eher quartiersbezogenen Unterschiedlichkeiten», heißt es in seinem am Dienstag in München veröffentlichten Gutachten. Die Experten haben in ihrer diesjährigen Analyse unter anderem untersucht, wie sich der Wohnort auf die Bildung von Kindern, Jugendlichen und Berufstätigen auswirkt.

Das Fazit des von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ins Leben gerufenen Aktionsrates: Einen simplen Stadt-Land-Gegensatz gibt es nicht. Eine bildungsbezogene Benachteiligung ländlicher Regionen lasse sich nicht belegen. Zwar gebe es auf dem Land weniger Abiturienten, dafür sei aber das Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten größer. Außerdem zielten Eltern von Kindern in diesen Regionen nicht im gleichen Ausmaß auf höhere Abschlüsse. «Übrigens sind die Bildungsunterschiede innerhalb einer Stadt nicht selten höher als zwischen Stadt und Land.»

Aus Sicht der Experten muss das Bildungssystem künftig flexibler auf die regionalen Bedingungen und die Bedürfnisse vor Ort zu reagieren. Zumal sich die Rahmenbedingungen derzeit gravierend ändern: Viele Menschen zieht es vom Land in die Städte, vor allem aus dem Osten ziehen viele weg. Flüchtlinge wiederum werden gezielt auch in kleinen Ortschaften angesiedelt, hinzu kommen strukturelle Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Die Experten haben klare Handlungsempfehlungen für die Politik entwickelt. So sollten Kindertagesstätten ausgebaut und mehr Personal gewonnen werden, Grundschulen auf dem Land auch durch die Zusammenlegung von zwei Jahrgängen gezielt erhalten werden. In allen Kitas und Schulen solle verstärkt auf die Unterschiedlichkeit der Schüler geschaut werden, mahnen die Fachleute.

Hier lässt sich das Gutachten des Aktionsrats Bildung herunterladen.

„Region und Bildung. Mythos Stadt – Land“: Das Institut für Schulentwicklungsforschung sieht nach Gutachten des Aktionsrat Bildung Handlungsbedarf

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