Mit Lernvideos können Lehrer einen leichten Einstieg in die Digitalisierung finden – ein Interview

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BERLIN. Lernvideos sind “in”. Wie eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung aktuell ergab, nutzt mittlerweile fast die Hälfte der Schüler zwischen zwölf und 19 Jahren Youtube-Videos mit Unterrichtsinhalten. Das Bundesland Bremen hat bereits auf den Trend reagiert – und seinen Schulen einen freien Zugang zum Angebot von Sofatutor eingerichtet, einem Produzenten von Online-Lernvideos mit geprüften Inhalten. Wir sprachen mit Gründer und Geschäftsführer Stephan Bayer.

“Digitales Unterrichten sollte Lehrkräfte nicht zusätzlich belasten”: Sofatutor-Geschäftsführer Stephan Bayer. Foto: Sofatutor

News4teachers: Eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung zur Youtube-Nutzung von Schülern hat unlängst eine hohe Affinität der Jugendlichen zu Lernvideos ergeben (News4teachers berichtete). Was macht das Lernen mit Videos für junge Menschen so attraktiv?

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Stephan Bayer: Ein gutes Lernvideo fühlt sich allein durch seine Länge anders beim Lernen an, als etwa ein Buch, durch das man sich erstmal durchackern muss. Denn die große Stärke eines Videos liegt darin auch komplexe Themen in wenigen Minuten anschaulich erklären zu können. Da die Erklärung nicht nur auf der Textebene, sondern auch auf der Ton- und Bildebene abläuft, kann die Erklärzeit besonders effektiv genutzt werden. Das Video ähnelt darin der Lehrkraft, die an der Tafel etwas erklärt. Anders als diese kann man ein Lernvideo allerdings beliebig oft zurückspulen, bis man den Stoff verstanden hat. Erklärvideos eignen sich daher besonders gut, um ein bestimmtes Thema nochmal zu wiederholen oder um den Zugang zu einem Thema zu finden, das man bislang nicht verstanden hat.

Bei sofatutor verpacken wir die Erklärung eines Problem zudem oft in humorvolle Geschichten. Dadurch kann der/die Schüler/-in die Fragestellung nicht nur besser nachvollziehen, sondern es steigert auch noch den Unterhaltungswert. Schließlich ist Spaß einer der besten Antriebsmotoren und sollte beim Lernen deshalb nicht zu kurz kommen.

“Bereits im Planungsprozess kommen bei uns ausgebildete Lehrer/-innen zum Einsatz”

News4teachers: Die Studie ergab allerdings auch, dass die Schüler die Inhalte von frei verfügbaren Lernvideos auf Youtube kaum hinterfragen – eine Gefahr?

Stephan Bayer: Um gut lernen zu können, muss ich der Quelle, die ich dazu verwende, vertrauen können. In der Regel ist es die Lehrkraft, die den Schüler/-innen das Wissen vermittelt und eine Vorauswahl an Quellen trifft. Wird also ein Video von der/dem Lehrer/-in empfohlen, können Schüler/-innen sich darauf verlassen, dass der Inhalt stimmt. Eine solche Vorauswahl kann die Lehrkraft bei individuellen Wissenslücken meistens nicht leisten, da sie nicht immer auf das Lerntempo jedes Einzelnen eingehen kann. Da wird es dann für Eltern oder Schüler/-innen schon schwieriger, die richtige Auswahl zu treffen. Denn teilweise ist bei einem Video auf den ersten Blick nicht zu erkennen, ob alle Fakten stimmen oder nicht. Zudem sollte der Stoff auch fachlich korrekt und mit den richtigen Vokabeln vermittelt werden, damit das Kind an den Schulstoff anschließen kann und nicht verwirrter ist als zuvor.

Wie schwer das ist, kennt jeder der einige Jahre nach der Schule versucht hat, einem Schulkind mal eben etwas zu erklären. Das kann jedoch gerade schwache Schüler/-innen noch mehr verunsichern und im schlimmsten Fall in der nächsten Klassenarbeit durchaus für eine böse Überraschung sorgen.

News4teachers: Wie stellen Sie sicher, dass die Materialien von sofatutor nur verifiziertes Wissen beinhalten?

Stephan Bayer: Bereits im Planungsprozess der Videoproduktion kommen bei uns ausgebildete Lehrer/-innen zum Einsatz. Diese teilen den Stoff des Lehrplans sinnvoll auf einzelne Videos auf, damit jedes Video als thematische Einheit gut zu einer Unterrichtsstunde passt und nicht zu viel in einem einzelnen Film erklärt wird. Das kann sonst schnell überfordern. Aus diesen Einheiten erstellt ein Team aus Lehrer/-innen dann ein Drehbuch. Dabei legen wir großen Wert darauf, dass der Stoff altersgerecht erklärt wird, d.h. dass die Konzentrationsspanne, die Geschwindigkeit und das Vokabular zur Klassenstufe passen.

Natürlich muss auch die Rahmengeschichte auf das Alter abgestimmt sein, damit sie die Schüler/-innen anspricht und sie sich den Stoff dadurch besser merken können. Illustrator/-innen und Motion Designer erwecken diese Geschichten dann zum Leben und sorgen dafür, dass immer genau das im Bild ist, was die Sprecherin gerade erklärt. Bis zur Veröffentlichung muss ein Video bei uns mehrere Kontrollschleifen in unserer Fachredaktion durchlaufen, bis sichergestellt ist, dass alle Kriterien erfüllt sind. Da unsere Plattform bereits seit 2009 existiert, werden ältere Videos zudem auch regelmäßig auf Aktualität und Qualität geprüft. Das ist ein nie endender Prozess.

News4teachers: Youtube lebt von Werbung, mit der die Schüler angesprochen werden sollen. Gibt es Werbung im sofatutor-Angebot? Wovon leben Sie?

Stephan Bayer: Schon bei der Gründung, vor über zehn Jahren, war uns klar, dass Werbung und Lernen nicht zusammenpassen, denn jede zusätzliche Information beim Lernen lenkt ab und wirkt sich negativ auf die Konzentration aus. Auch heute ist sofatutor.com ein werbefreies Angebot, welches von Eltern erworben wird, die Ihren Kindern ermöglichen möchten, mit uns zu lernen. Bei den Preisen haben wir darauf geachtet, dass wir sowohl unsere Plattform mit qualitativ hochwertigen Inhalten weiter ausbauen können, sich aber gleichzeitig auch einkommensschwache Familien einen Zugang leisten können. Damit jeder erstmal ausführlich testen kann, ob unser Angebot auch wirklich zu den eigenen Kindern passt, kann man unsere Plattform erstmal einen Monat lang kostenlos testen. Es soll schließlich niemand die Katze im Sack kaufen.

“Allein mit neuen Geräten und einer Internetverbindung lässt sich noch kein guter Unterricht machen”

News4teachers: Die meisten Bundesländer forcieren zwar – angetrieben durch den Digitalpakt – Investitionen in digitale Technik. Für digitale Inhalte wird jedoch wenig ausgegeben. Immerhin: Rheinland-Pfalz hat kürzlich den Online-Brockhaus für seine Schulen bestellt, Bremen bietet seinen Schulen it’slearning und sofatutor an. Warum sollte das Schule machen?

Stephan Bayer: Der Ausbau von Breitband, W-Lan und die Grundausstattung mit Geräten ist etwas, worauf die Schulen in Deutschland viele Jahre gewartet haben. Wir sind sehr glücklich darüber, dass der Digitalisierung unserer Schulen nun so ein Schub ermöglicht wird. Doch allein mit neuen Geräten und einer Internetverbindung lässt sich noch kein guter Unterricht machen. Wir lernen immer wieder in Gesprächen mit Lehrer/-innen, die schon digital unterwegs sind, wie wichtig es ist, den Kolleg/-innen geprüfte Inhalte an die Hand zu geben, mit denen sie tatsächlich digital unterrichten können. Es wird weder Lehrkäfte noch Schüler/-innen langfristig befriedigen, das Lehrbuch einfach als PDF-Datei auf dem Bildschirm zu lesen.

In Bremen loben Lehrer/-innen besonders, dass bei sofatutor alles zu finden ist: Videos und Übungen für jedes Fach und jede Klassenstufe – alles in einer Plattform. Wenn zu viele unterschiedliche Lösungen genutzt werden, kann das digitale Unterrichten das Kollegium schnell überfordern. Essentiell für das Gelingen beim flächendeckenden Einsatz in Bremen war zudem, das gesamte Kollegium durch Schulungen über Angebote zu informieren und Orte zum Austausch zu schaffen. Auf diese Weise finden auch Lehrkräfte, die weniger digital-affin sind, leicht einen Zugang.

News4teachers: Was sagen Sie einem der vielen Lehrer, denen die Digitalisierung wie eine große weitere Herausforderung erscheint – neben Inklusion, Integration und allem anderen, was den Schulalltag belastet. Können Sie Hoffnung machen, dass die Digitalisierung auch ihnen hilft?

Stephan Bayer: Digitales Unterrichten sollte Lehrkräfte nicht zusätzlich belasten, sondern ihnen vielmehr helfen, bestehenden Herausforderungen besser zu begegnen. Die Anfangsphase von etwas Neuem erfordert natürlich immer etwas mehr Anstrengung. Davon sollte sich aber niemand verschrecken lassen. Digitalisierung bedeutet schließlich nicht, dass jede Lehrkraft mehrere Programmiersprachen beherrschen muss. Das Tolle an sofatutor ist, dass sich unsere Videos und Übungen leicht in den Unterricht integrieren lassen, ohne die bestehende Unterrichtskultur massiv zu verändern. Filme sind schon lange im Einsatz – jetzt eben online und nicht mehr per DVD oder VHS. Unsere Online-Übungen gibt es auch als Arbeitsblatt zum Ausdrucken. Dadurch können auch digital noch unerfahrene Lehrkräfte die digitalen Inhalte erstmal mit bekannten Unterrichtsszenarien ausprobieren und z.B. ein Erklärvideo zum Einstieg der Stunde zeigen. Nach und nach kann man sich dann an neuere Unterrichtsmethoden, wie Flipped Classroom, heranwagen.

News4teachers: Inwieweit wird die Digitalisierung den Unterricht in den nächsten, sagen wir, zehn Jahren aus Ihrer Sicht verändern?

Stephan Bayer: Ich bin mir sicher, dass Schule immer ein Ort bleiben wird, an dem Schüler/-innen miteinander und voneinander lernen und Lehrer/-innen diesen Prozess lenken werden. Die Art und Weise wie sie das tun, wird sich durch die Digitalisierung allerdings verändern. Ich denke hier an binnendifferenziertes Lernen, aber auch an neue digitale Wege Wissen zu vermitteln, die sich nicht länger auf die Seiten eines Buches beschränken werden. Wir stehen hier gerade erst am Anfang, aber man kann heute schon erkennen, wie anders erfahr-  und erlebbar Lerninhalte durch diese Darstellungsmöglichkeiten sind und sein werden. Vor 15 Jahren war die Vermittlung von Wissen durch die Lehrkraft essentiell. Heute hat jede/-r Schüler/-in mit einem Klick jederzeit Zugriff auf ein ganzes Wissensuniversum. Die Rolle der Lehrkraft wird sich also automatisch weiterentwickeln. Man wird weniger Zeit auf das eigentliche Erklären aufwenden müssen. Mehr Zeit wird dagegen da sein, um sich mit individuellen Wissenslücken zu beschäftigen, die durch die Weiterentwicklung von Lernmanagementsystemen und einer digitalen Schulverwaltung besser enttarnt und aufgefangen werden können. Agentur für Bildungsjournalismus

sofatutor

sofatutor.com ist eine Online-Lernplattform für Schülerinnen und Schüler von der 1. Klasse bis zum Abschluss. Die Lerninhalte werden durch qualitätsgeprüfte Erklär- und Übungsvideos vermittelt und durch interaktive Übungen sowie Arbeitsblätter zum Ausdrucken gefestigt. Die Lernvideos fassen die jeweiligen Lerninhalte prägnant zusammen und orientieren sich an den aktuellen Lehrplänen der Bundesländer. Insgesamt stehen den Nutzerinnen und Nutzern über 12.500 werbefreie Lernvideos in 13 Fächern zur Verfügung.

Das Berliner Unternehmen arbeitet eng mit Schulen, Landesinstituten und Ministerien zusammen, um den pädagogisch sinnvollen Einsatz digitaler Medien in der Schule zu fördern. So wird sofatutor bereits bundesweit von zahlreichen Lehrerinnen und Lehrern sowie Schulklassen im Unterricht eingesetzt. Im Bundesland Bremen haben beispielsweise, im Rahmen einer Kooperation mit der Senatorin für Kinder und Bildung, alle Schulen jederzeit Zugriff auf die Inhalte der Online-Lernplattform. Insgesamt hat die Plattform in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits über 320.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Weitere Informationen unter: www.sofatutor.com

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Studie: Immer mehr Schüler holen sich ihr Wissen aus Youtube-Videos – die Qualität der Informationen wird kaum hinterfragt

 

 

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2 KOMMENTARE

  1. Für eine wirkliche Alternative müssten Lernvideos darüber hinaus aber besser sein, weil deren Erstellung sehr aufwendig ist. Das Argument “in” reicht mir nicht.

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