Nach Spott aus Bayern: heftiger Länder-Streit über Zentral-Abitur

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BERLIN/MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Die Diskussion bleibt ein Dauerbrenner in Deutschland: Sollen alle Abiturienten das gleiche Abi schreiben? FDP-Chef Lindner hat sich jetzt auf die Seite der Zentralabi-Befürworter geschlagen und damit richtig Öl ins Feuer gegossen.

Der Streit um das Zentral-Abi in Deutschland geht weiter. Foto: Shutterstock

In der Diskussion über ein einheitliches Abitur in Deutschland sind sich Bayern und Nordrhein-Westfalen in die Haare geraten. Der in NRW geborene FDP-Chef Christian Lindner sprach sich am Freitag, 19. Juli, für ein Zentralabitur aus. Er halte den Bildungswettbewerb zwischen 16 Bundesländern, so wie er praktiziert werde, für aus der Zeit gefallen, sagte Lindner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Eine böse Spitze kam daraufhin aus Bayern – der Freistaat ist gegen ein Zentralabitur.

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«Dass Christian Lindner ein Zentral-Abi fordert, ist verständlich, denn er selbst hat ja NRW-Abi», sagte CSU-Generalsekretär Markus Blume der Deutschen Presse-Agentur. «Wir wollen die beste Bildung für unsere Schüler und keinen deutschen Durchschnitt. Wir sind für Leistung und Wettbewerb und gegen sozialistische Gleichmacherei.»

Der Bayern-Spott wiederum brachte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) auf die Palme. «Trotz eines bayerischen Abiturs scheint Herr Blume nicht vor Hochmut gefeit zu sein», keilte sie aus Düsseldorf zurück. Gebauer forderte eine Entschuldigung des Generalsekretärs bei den rund 75.000 Schülerinnen und Schülern, die jährlich in NRW ihr Abitur ablegten, und nun von Blume «in dieser Art und Weise diskreditiert» würden.

Die Debatte über ein einheitliches Abitur in Deutschland läuft seit Jahren und war im Frühjahr wieder neu in Gang gekommen, nachdem Schüler sich über zu schwere Mathe-Aufgaben in den Prüfungen beschwert hatten. Seitdem gibt es immer neue Wortmeldungen zu dem Thema.

KMK-Präsident Lorz: Zentralabitur ist unrealistisch

Nach Ansicht des Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz, ist ein Zentralabi keine Lösung. Der CDU-Politiker und hessische Bildungsminister warnte am Freitag davor, mit der Forderung nach einem Zentralabi unrealistische Erwartungen zu wecken. Zur Ehrlichkeit in der Debatte gehöre auch, dass die Abiturnoten zwar so vergleichbar wie möglich sein sollten, «aber das wird man wohl nicht mit letzter Perfektion hinbekommen», sagte Lorz.

Ist turnusmäßig für 2019 als Präsident der Kultusministerkonferenz benannt: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: HKM / Manjit Jari
KMK-Präsident Alexander Lorz verteidigt die bereits bestehenden Anstrengungen zur Vereinheitlichung des Abiturs in Deutschland. Foto: HKM / Manjit Jari

Lorz ist in diesem Jahr Vorsitzender der KMK, in der die Bildungsministerinnen und Minister der Länder zusammenarbeiten. Man habe in der KMK in den vergangenen Jahren bereits massive Anstrengungen zur Vereinheitlichung des Abiturs unternommen, sagte er. «Der (…) von allen Ländern genutzte gemeinsame Abituraufgabenpool, aus dem die Länder Aufgaben für das schriftliche Abitur entnehmen, hat sich bewährt.» Die Aufgaben hätten vergleichbare Anforderungen und müssten deshalb nicht zwingend identisch sein. Es brauche Zeit, bis der Aufgabenpool seine Wirkung entfalten könne.

FDP-Chef Lindner hatte gesagt, es müssten endlich gemeinsame Bildungsstandards umgesetzt werden, dabei könne ein Zentralabitur ein Element sein. Auch OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hatte sich mit deutlichen Worten für ein Zentralabi ausgesprochen: «Ein Abitur auf Landesebene macht genauso wenig Sinn, wie dass jeder Provinzfürst seine eigene Währung druckt», sagte er vor wenigen Tagen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (wir berichteten). «Denn am Ende bewerben sich die Schüler um die gleichen Hochschulen und Ausbildungsplätze.» Die OECD organisiert unter anderem die internationale Schul-Vergleichsstudie Pisa.

Pro Zentralabi hatte sich auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) geäußert (wir berichteten). Rückendeckung bekam sie dafür von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Die stellvertretende Chefin der Linken, Martina Renner, sagte der dpa am Freitag: «Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass es noch Abiturprüfungen gibt, die nicht bundesweit gleichwertig anerkannt sind». Die Bildungshoheit der Bundesländer sorge Jahr für Jahr für Unmut und gehe zulasten der Schüler.

Bildung ist in Deutschland Ländersache. Würde man das ändern wollen, wäre eine Grundgesetzänderung notwendig mit Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat – die gibt es nicht. dpa

Philologen-Chefin Lin-Klitzing lehnt bundesweites Zentralabitur ab, fordert aber mehr Vergleichbarkeit – „und mehr Niveau“

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8 KOMMENTARE

  1. Interessante Koalitionen:
    GEW zusammen mit CSU, Linke, KMK-Generalsekretär und Philologenverband gegen Zentralabitur und auf der anderen Länderminister wie Eisenmann und Tullner, Bundesbildungsministerium, Hochschulverband und FDP für Zentralabitur. Lustig ist der FDP-Twitter-Konter von Lindner gegen die CSU,- ein Bayern-Abi habe Scheuers Mautdesaster nicht verhindert …

  2. Kann mir mal bitte jemand erklären, wie solch ein Zentralabitur mit identischen Aufgaben ablaufen soll, wenn die einzelnen Bundesländer gestaffelt von Ende Juni bis Anfang September mit den Sommerferien beginnen? Die frühen Niedersachsen dürfen dann bis September den späten Bayern nix verraten, diese haben allerdings noch locker zwei Monate länger Zeit für die Vorbereitung?
    Ich kapiers nicht.

    • Da hast du absolut recht, klexel!

      Die ungleichen Voraussetzungen wären nicht nur beim Abitur gegeben.
      Uns geht es bei den Vergleichsarbeiten ebenso. Wir können noch gar nicht so viel Stoff durchhaben. Angeblich werden da allgemeine Fähigkeiten abgeprüft. Das ist im 2. und 3. Schuljahr für Mathematik, Rechtschreibung und Grammatik reine Augenwischerei!

    • Die unterschiedlichen Ferientermine sind offenbar kein Problem. Schon jetzt schreiben 13 der 16 Bundesländer an den gleichen Terminen ihr Mathe-, Englisch und Deutschabitur, übrigens eben wegen des Aufgabenpools. Es gibt zwar dadurch eine leichte Benachteiligung der Länder, bei denen das Schuljahr später beginnt wie etwa von Bayern und Baden-Württemberg, das ist aber vernachlässigenswert gegenüber anderen Ungleichgewichten wie beispielsweise, dass manche Abiturienten je nach Bundesland acht und andere neun Jahre Zeit haben, um ihr Abi abzulegen.

    • zu “klexel”:

      Welches Bundesland beginnt Anfang September mit den Sommerferien? Ist mir da etwas entgangen?

  3. Da haben einige Südstaatler – speziell die Bayern – es noch lange nicht überwunden, dass zu längst vergangegen Zeiten, als die ZVS noch das Regime führte, für einige Bundesländer im Zuteilungsverfahren eine Malus-Regelung galt, um die Abiturnoten denen anderer Bundesländer anzugleichen.

    Dass NRW die schiere Masse der Abiturienten vorgehalten wird, ist mathematisch schon als unehrlich zu bezeichnen. NRW stellt 22% der bundesdeutschen Bevölkerung. Wer eine an Fakten orientierte Diskussion will, der vergleicht bitte die Quoten – je Geburtsjahrgang abgelegte Abiture in den einzelnen Bundesländern. Dabei muss dann aufgeschlüsselt werden, an welcher Schulform die Hochschulzugangsberechtigung erworben worden ist und ob sie in Form der FHR oder der AHR erreicht worden ist.

    In Bayern und Baden-Württemberg hat die FHR, die an kaufmännischen oder technischen GY abgelegt wird, eine zahlenmäßig größere Bedeutung als z.B. in NRW.

    das Zentralabi ist nur dann eine sinnvolle Alternative, wenn die sonstigen Bedingungen z.B. Lehrpläne und die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen für die gymnasialen Oberstufen bundesweit einheitlich wären.

  4. Meine bisher noch unbeantwortete Fragen:
    Hat das bayerische Abitur wirklich so viel mehr Niveau als die aus anderen Bundesländern? Sind die Studium-Abbrecher-Quoten bayerischer Abiturienten wirklich geringer als die aus anderen Bundesländern?
    Bevor eine Forderung nach einem Zentralabitur gestellt wird, sollten diese Fragen erst mal ehrlich beantwortet werden. Wären die Bayern wirklich studierfähiger als die Studenten aus anderen Bundesländern, müssten sich diese an Bayern orientieren. Ansonsten an dem Bundesland, dessen Abbrecher-Quoten für gewöhnlich am niedrigsten sind.

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