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100 Jahre Grundschule: „Unzureichende Finanzierung, schlechte Arbeitsbedingungen“ – Lehrerverbände schlagen zum Jubiläum Alarm

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BERLIN. In diesen Tagen jährt sich die Einführung der Grundschule in Deutschland zum 100. Mal. Mit der neuen Reichsverfassung nach Ende des Ersten Weltkriegs sollte mit einer Schule für Kinder aus allen Schichten die Grundlage für ein demokratisches Gemeinwesen gelegt werden. Die GEW und der VBE würdigen die Bedeutung der Institution für den Bildungsprozess junger Menschen und ihre integrierende Kraft – und beklagen gleichzeitig eine bis heute spürbare Geringschätzung, die sich in einer mangelhaften personellen Ausstattung und geringerer Bezahlung bemerkbar mache. „Die Eingangsbesoldung A 13 muss für Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer bundesweiter Standard werden. Hier ist die Politik gefordert, endlich entsprechende Grundlagen zu schaffen“, so fordert VBE-Chef Udo Beckmann.

Der Unterricht in der Kaiserzeit war nicht immer so idyllisch wie auf diem Gemälde “Schulspaziergang'” von Albert Anker (1872). Illustration: Wikimedia Commons

Am 31.Juli 1919 wurde in Deutschland die Grundschule eingeführt. Alle Kinder sollten fortan vom ersten bis zum vierten Schuljahr gemeinsam lernen. Ziel dieser Reform war es, das Schulsystem demokratischer und gerechter zu machen. Reformer forderten damals sogar das gemeinsame Lernen aller Kinder bis zum Ende der Pflichtschulzeit. Dies ließ sich jedoch gegen den Widerstand gesellschaftlicher Eliten nicht durchsetzen. Von diesem Ziel sei das heutige Schulsystem deshalb immer noch weit entfernt, kritisiert GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann.

Hoffmann weiter: „Internationale Studien kommen immer wieder zu dem Schluss, dass die frühe Aufteilung der Kinder auf verschiedene Schulen zu sozialen Benachteiligungen führt. Die mit der Einführung der Grundschule verbundene Idee, durch längeres gemeinsames Lernen zu mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen, ist somit von ungebrochener Aktualität. Deshalb fordert die GEW weiterhin eine Schule für alle bis zum Ende der Pflichtschulzeit.“

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“Grundschule wird noch immer stiefmütterlich behandelt”

Als „völlig unverständlich“ bezeichnet die Schulexpertin der GEW, dass die Politik die Grundschule „noch immer so stiefmütterlich behandelt“. Ausgerechnet in der Schulform, in der die Grundlagen für die weitere Bildungslaufbahn gelegt würden, werde das wenigste Geld pro Schulkind ausgegeben. So hätten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Ausgaben für öffentliche Grundschulen 2016 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) bei 6200 Euro pro Schülerin und Schüler gelegen, während die öffentlichen Schulträger beispielsweise für Gymnasien 8100 Euro pro Kopf investiert hätten.

„Der hohen Verantwortung der Grundschulen stehen eine unzureichende Finanzierung, schlechte Arbeitsbedingungen, eine hohe Unterrichtsverpflichtung und die im Vergleich schlechteste Bezahlung der Lehrkräfte gegenüber. Dies hat den Beruf unattraktiv gemacht und mit zu dem dramatischen Lehrkräftemangel beigetragen, unter dem die Grundschulen in besonderem Maße zu leiden haben“, so Hoffmann. Die Grundschulen müssten endlich „entsprechend ihrer Bedeutung für unsere Gesellschaft und die geistige Entwicklung der Kinder gewürdigt und finanziert werden“. Dies müsse auch bedeuten, „dass die Grundschullehrkräfte genauso bezahlt werden wie ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Schulformen“.

“Keine andere Schle verwirklicht den Anspruch auf Inklusion derart”

Der VBE stößt in das gleiche Horn – er würdigt die Grundschule als „demokratische Institution“ und sieht sie drastisch unterfinanziert. „Klare Maxime der Grundschule war damals wie heute, die eine Schule für alle zu sein. Keine andere Schule verwirklicht den Anspruch auf ein inklusives Bildungssystem derart wie die Grundschule. Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen, mit und ohne Migrations- oder Fluchthintergrund, mit Elternhäusern, die ihnen schlechtere oder bessere sozio-ökonomische Bedingungen bieten können, sie alle lernen hier zusammen“, betont VBE-Bundesvorsitzender  Udo Beckmann.

Beckmann weiter: „Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer nehmen Kinder in besonderem Maße in ihrer Verschiedenartigkeit an. Sie begegnen unterschiedlichen Bildungsständen, Erziehungserfahrungen sowie physischen und psychischen Voraussetzungen, immer mit dem Ziel, jedes Kind individuell und bestmöglich mit Blick auf dessen weiteren Bildungsweg zu fördern.“

Insbesondere in Anbetracht der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit würdigt der VBE-Chef die enorme Verantwortung, die Grundschullehrkräfte übernehmen: „Die Grundschule ist die erste schulische Institution, die Antworten auf drängende und wichtige gesellschaftliche Fragen finden und leben muss. Das, was Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer in puncto Adaptionsfähigkeit leisten, sei es im Hinblick auf Integration, Inklusion oder bei der Vermittlung demokratischer Werte und Normen in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft, all das kann gar nicht hoch genug gewertschätzt werden.“

“Die Grundschule ist im internationalen Vergleich unterfinanziert”

Zwischen Ansprüchen und Aufgaben, die an Grundschule herangetragen werden und Anerkennung und Gelingensbedingungen, auf die Grundschule zurückgreifen kann, sieht Beckmann dagegen ein eklatantes Missverhältnis: „Die Grundschule ist im internationalen Vergleich unterfinanziert – und das in einem so reichen Land wie Deutschland. Das muss sich ändern. Um Grundschulen in die Lage zu versetzen, die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können, müssen Lerngruppengrößen möglichst klein gehalten werden. Kinder mit Förderbedarfen verlangen nach einer intensiveren Betreuung. Dies muss Lehrkräften entsprechend angerechnet werden. Es müssen Unterstützungssysteme etabliert werden, etwa durch den Aufbau multiprofessioneller Teams sowie durch administrative Entlastung und einen technischen Support im Zuge der Digitalisierung. Auch Schulgebäude müssen in einen Zustand versetzt werden, der zukunftsgerechtes Lernen und Lehren erst ermöglicht. Zudem gibt es keine tragfähige Begründung, warum Grundschulkräfte immer noch schlechter bezahlt werden, als Lehrerinnen und Lehrer anderer Schulformen.“ News4teachers

Zum Herunterladen: Eine Bestandsaufnahme

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Grundschule in Deutschland hat der VBE in Nordrhein-Westfalen eine aktuelle Bestandsaufnahme der Situation der Grundschulen in dem Bundesland herausgegeben – und an verantwortliche Politiker verschickt.

Das Titelbild des “Denkanstoßes”. Screenshot

„Einige Wortbeiträge in aktuellen Landtagsdebatten zeugen von großer Geringschätzung für die Arbeit der Lehrkräfte in den Grundschulen. Diese Haltung wirkt sich leider sehr negativ auf nötige haushaltspolitische Entscheidungen aus“, so erklärt Anne Deimel, stellvertretende Landesvorsitzende und Autorin der Broschüre dazu. „Im Heft ‚Denkanstoß‘ ist das komplexe System der Schulform mit ihren vielen Herausforderungen dargestellt. Ich hoffe, dass wir Denkschranken durchbrechen können. Das brauchen die Lehrkräfte, aber auch die Schülerinnen und Schüler. ‚100 Jahre Grundschule‘ wäre ein guter Anlass für die Landesregierung, endlich positive Zeichen in Richtung der Grundschulen in NRW zu setzen und in diese Schulform nachhaltig zu investieren“, sagt Deimel.

VBE-Landesvorsitzender Stefan Behlau erklärt: „Auf den Anfang kommt es an. Das grundlegende Verständnis und die erlernten Kompetenzen, besonders in den Fächern Mathematik und Deutsch, ermöglichen erst, weitere Bildungswege erfolgreich zu gehen. Um auf die Unterschiedlichkeit der Kinder eingehen zu können, fördert und fordert die Grundschule individuell mit differenzierten Methoden. Die Kolleginnen und Kollegen leisten täglich eine unverzichtbare Arbeit. Immer mehr Aufgaben kommen hinzu. Die Vermittlung von Werten und Normen sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit in den Grundschulen. Die Pädagoginnen und Pädagogen an den Grundschulen verdienen höchste Anerkennung.“

Hier lässt sich die Denkschrift herunterladen.

Wie Politiker die Wut der Eltern auf die Grundschulen anheizen – und damit allen Lehrern schaden

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