Albtraum Lehrermangel: Zwei Drittel der neu eingestellten Lehrer sind gar keine richtigen – immer mehr Seiteneinsteiger in Berlin

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BERLIN. Berlin wächst und wächst, an den Schulen lernen immer mehr Kinder. Deshalb werden dort auch neue Lehrer gebraucht. Doch woher nehmen? Weil ausgebildete Lehrkräfte fehlen, kommen immer mehr Menschen ohne pädagogische Qualifikation in den Schuldienst. Fit gemacht werden sollen sie dann parallel zur Arbeit in der Schule.

Der Lehrermangel in Deutschland treibt Blüten. Foto: Shutterstock

Der Lehrermangel bleibt eine Herausforderung für Berlins Schulen: Fast zwei Drittel der 2734 zum neuen Schuljahr eingestellten Lehrkräfte sind Quer- oder Seiteneinsteiger – eine der bundesweit höchsten Quoten. Immerhin sei es dadurch gelungen, alle freien Stellen zu besetzen, teilte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Donnerstag mit. Dazu seien besonders große Anstrengungen nötig gewesen. Hinzu kämen 250 Pensionäre, die zeitweise in den Schuldienst zurückkehrten.

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Insgesamt stieg die Zahl der Lehrer um rund 500 auf etwa 32.800. Allein 3750 Quereinsteiger hätten sich beworben, davon seien aber nicht alle geeignet gewesen, so Scheeres. Neben Lehrkräften wurden auch 380 Erzieher und 120 pädagogische Helfer eingestellt. Die Gesamtzahl der Erzieher an den Schulen in Berlin blieb mit 7473 etwa konstant.

Ein Plus gibt es auch bei den Schülern: Das neue Schuljahr beginnt nach den Sommerferien an diesem Montag für 363.640 Schüler. Das sind fast 6700 mehr als im vergangenen Schuljahr. Die Zahl der Schulanfänger sank leicht um 161 auf 33 820. Für sie beginnt der «Ernst des Lebens» erst am 12. August.

GEW: Überdurchschnittlich viele Seiteneinsteiger in Brennpunktschulen

Die Zahlen bei den Neueinstellungen von voll ausgebildeten Lehrern (1085), Quer- (711) und Seiteneinsteigern (938) wie auch Erziehern bewegen sich etwa auf Vorjahresniveau. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte, in Bezirken mit sozialen Brennpunkten seien wie schon in den Vorjahren überdurchschnittlich viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden. «Die Bildungsverwaltung ist mit ihrem Vorhaben, die Quereinsteiger fair zu verteilen, gescheitert», sagte GEW-Landeschef Tom Erdmann.

CDU-Fraktionschef Burkard Dregger erklärte, der Lehrermangel verdeutliche einmal mehr die Bildungskrise in Berlin. «Der Notstand wird von Senatorin Scheeres nur noch verwaltet, nicht gelöst.» FDP- Bildungsexperte Paul Fresdorf meinte: «Der Senat bekommt den Lehrermangel einfach nicht in den Griff.»

Quereinsteiger sind Menschen, die ein Studium in einem sogenannten Mangelfach haben, etwa in Mathematik, Naturwissenschaften, Sport oder im künstlerischen Bereich. Ihnen fehlt aber eine pädagogische Ausbildung, deshalb müssen sie sich parallel zu ihrer Tätigkeit qualifizieren. Als Seiteneinsteiger werden Menschen mit unterschiedlichsten Hochschulausbildungen in anderen Bereichen bezeichnet, viele von ihnen haben schon als Vertretungslehrer oder in Willkommensklassen für Flüchtlinge gearbeitet. Laut GEW bekommen sie in befristeten Verträgen weniger Gehalt. «Für uns ist das prekäre Beschäftigung. Da gibt es nichts zu beschönigen», sagte Erdmann.

Scheeres: Länder machen sich im Werben um Lehrer gegenseitig Konkurrenz

Scheeres verwies darauf, dass Lehrermangel ein bundesweites Problem sei und sich die Länder im Werben um Fachkräfte gegenseitig Konkurrenz machten. In der Kultusministerkonferenz sei es bisher leider nicht gelungen, eine gemeinsame Linie zu finden. Berlin habe die Ausbildungskapazitäten ausgebaut und setze darauf, die meisten Lehramtsstudenten nach dem Abschluss auch in der Stadt zu halten.

Scheeres betonte, trotz der Probleme bei der Lehrergewinnung seien Berlins Schulen sehr gut ausgestattet. «Wir sprechen dabei nicht nur über die Stundentafel.» In den vergangenen Jahren seien viele zusätzliche Ressourcen in das Schulsystem gesteckt worden, darunter allein 6000 Vollzeitstellen für Sprachförderung oder Inklusion.

Berliner Grundschüler schneiden in Leistungsvergleichen schlecht ab

Dem stehen allerdings Parameter gegenüber, die Defizite bei der Schulqualität erkennen lassen. So schneiden Berliner Grundschüler der dritten Klasse bei bundesweiten Vergleichstests etwa in Deutsch oder Mathematik regelmäßig schlecht ab. Außerdem ergab jüngst eine Studie, dass in keinem anderen Bundesland so viele junge Leute die Schule ohne Abschluss verlassen wie in Berlin. Demnach hatten 2017 in der Hauptstadt 11,7 Prozent der Schulabgänger keinen Hauptschulabschluss. Der Bundesdurchschnitt lag bei 6,9 Prozent.

Scheeres sagte, diese Ergebnisse seien nicht zufriedenstellend. Daher investiere der Senat viel in bessere Unterrichtsqualität und individuelle Förderung – das sei ein zentrales Thema. So werde es ab dem neuen Schuljahr in der ersten und zweiten Klasse eine zusätzliche Deutsch-Stunde pro Woche geben – insgesamt sind es nunmehr acht. Zu beachten sei dabei aber auch die besondere Sozialstruktur Berlins mit vielen Kindern aus Haushalten mit wenig Geld oder mit Migrationshintergrund. So lernten an Berlins Schulen aktuell auch 20.000 Flüchtlingskinder. Das sei eine «riesen Herausforderung». dpa

Auch fürs benachbarte Brandenburg wurden heute die Zahlen fürs kommende Schuljahrs präsentiert – dort sieht es offenbar in Sachen Seiteneinstieg etwas besser aus. Hier geht es zum aktuellen Bericht. 

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Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf landen meist an den Schulen, wo die Herausforderungen am größten sind – VBE: “Ein Teufelskreis”

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9 KOMMENTARE

  1. Ein eher theoretischer Gedanke: Wäre es besser, wenn man die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen in ein Flächenbundesland eingliedern würde?
    Auf jeden Fall werden in anderen großen Städten wie Frankfurt, Stuttgart und München solche großen Probleme vermieden.

    • Ja, wäre es. Allerdings würden dann aus Synergieeffekten viele, viele Posten in Politik und Verwaltung wegfallen. Deshalb wird das niemals passieren.

    • Ich verstehe den Sinn dieses Vorschlags nicht, also besser gesagt vielleicht den “Kausalzusammenhang”.

      Hamburg hat doch gar nicht diesen großen Lehrermangel z.B.

    • Nein, es wäre nicht wirklich besser, der Mangel würde sich nur anders verteilen.
      Auch in anderen BL werden Quer- und Seiteneinsteiger gesucht, werden Vertretungskräfte ohne Lehramtsausbildung seit mehr als 10 Jahren dort genutzt, wo ihr eine Mobile Reserve habt…
      Als es mit der Versorgung schon sehr eng war, wollte das niemand wahrhaben. Nun ist es noch enger, quasi unmöglich, Leute zu finden, für die Vertretung und auch für den regulären Unterricht.

      In Berlin sind es Schulen mit Brennpunkt, in Nds. sind es ebensolche in den Städten und auf dem Land die Schulen, die besonders schlecht zu erreichen sind, weil die jungen Lehrkräfte lieber in die Stadt wollen. In Bremen ist es Bremerhaven, aber sicher auch bestimmte Schulen in Bremen, aber das Umland von Bremerhaven sucht auch und es ist schwierig, dort auf dem Land die Stellen zu besetzen.
      In BY werden die Anfänger nach München gesetzt, um dort die Versorgung zu verbessern, weil die Landesschulbehörde es steuert.
      In Nds. bleiben diesen Sommer die Gym-Stellen an den IGS übrig, weil die jungen Lehrkräfte nach dem Ref. lieber 1 Jahr überbrücken, statt jetzt – also für länger – an die Gesamtschule zu gehen. Im kommenden Sommer wird der Bedarf durch Rückkehr zu G9 immens sein (2020 in Nds), in anderen Ländern steht es auch noch bevor BY (2025), NW und SH (beide! 2026), da wird es für Nds. wohl nicht ausreichen, dass in den letzten 2 Jahren schon vermehrt Gym-LuL-Stellen ausgeschrieben und, wenn möglich, über Bedarf eingestellt wurde. Im nächsten Sommer stehen alle diese Lehrkräfte dann womöglich auch nicht mehr für die Abordnungen und Vertretungen in den umliegenden Schulen zur Verfügung. Ob sich schon jemand überlegt hat, wie das dann gehen soll?

      Zahlen dazu gibt es in Prognosen der KMK, aufgeschlüsselt nach Ländern, Lehrämtern, Ost-West bis 2030.
      siehe https://www.kmk.org/dokumentation-statistik/statistik/schulstatistik/lehrereinstellungsbedarf-und-angebot.html

      Davon abgesehen, dass eine Lehrkraft aus BY vermutlich seltener an die Nordsee oder nach Berlin umsiedeln möchte, und es auch innerhalb aller BL beliebtere und unbeliebtere Schulen/Regionen gibt, reicht das Angebot für den Bedarf nicht aus.
      Um den Unterricht gewährleisten zu können, müssen damit Unterrichtsstunden von anderen übernommen werden.

    • Das wäre sinnvoll, allerdings werden sich die Bevölkerungen der Flächenstaaten rund um die Stadtstaten gegen eine Vereinigung wehren.

    • Die Brandenburger wollten sie aber nicht und werden auch zukünftig den Zusammenschluss per Volksabstimmung mMn. verhindern wollen.

      Und die beiden hanseatischen Kaufmannsstädte haben kein besonderes Interesse an einem Zusammenschluss mit den umgebenden Nachbarn. Die Hamburger hätten sogar die Wahl zwischen “niederen Sachsen und den Hedwig-Schlosssteinern”, wenn sich nicht die Idee eines “Nordstaates”, der die Küstenländer – also MV, SH, HH, HB und Nds. – vereinigt, durchsetzen könnte.

  2. Zwei Drittel der neuen Lehrer in Berlin sind eigentlich keine, hm ………

    Was waren noch die Maßnahmen dagegen? Mehr Geld (Gehalt). Seit 2013 alle Neueingestellten mit Erfahrungsstufe 5; seit 2018 alle Neueingestellten mit A/E 13 …… macht das höchste Lehrereinstiegsgehalt Deutschlands: rund 5300,- Euro brutto.

    Nützt aber nichts. Warum denn? Geht’s vielleicht doch nicht immer nur ums Geld?

  3. Es sind alles Lösungen aus der Not heraus geboren. So lange es so funktioniert, wird man keinen radikalen Schritt gehen. Ich denke, viele Seiteneinsteiger können sich gar nicht ausmalen, was auf sie an pädagogischen und erzieherischen Aufgaben zukommt und dass einfache Lösungen nicht funktionieren.
    Es gab einmal eine Zeit, wo Lehrer wegen des Großstadtflairs gerne nach Berlin gingen. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es dort viele Brennpunktschulen gibt. Irgendwann wird es auch an Seiteneinsteigern mangeln.
    Die Arbeit muss wo ganz anders angesetzt werden, nämlich an den sozialen Brennpunkten. Gibt es überhaupt Konzepte, wie man diese entschärfen kann?

    • Zitat: “Ich denke, viele Seiteneinsteiger können sich gar nicht ausmalen, was auf sie an pädagogischen und erzieherischen Aufgaben zukommt und dass einfache Lösungen nicht funktionieren.”

      Ich denke, das trifft auch auf die meisten Lehramtsstudenten zu.

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