Digitale Grundkenntnisse: „Wie ein weltweites Zentralabitur für digitale Fertigkeiten“

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Allein in Deutschland gibt es mehr als 300 anerkannte Ausbildungsberufe und über 20.000 Studiengänge. Doch trotz der fortschreitenden Spezialisierung und Individualisierung der Arbeitswelt lässt sich ein Trend erkennen, der alle Berufe gleichermaßen betrifft: Digitale Techniken verändern zunehmend den Arbeitsalltag. Welche Bedeutung hat diese Entwicklung für die Aus- und Weiterbildung? Und welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Schulen, Unternehmen, Auszubildende und Beschäftigte? Diese Fragen wurden in Bonn zum Launch des „ICDL Workforce“ („International Certification of Digital Literacy“) in Deutschland diskutiert.

Welche digitalen Grundkenntnisse brauchen Heranwachsende sowie Beschäftigte in der heutigen Welt? Foto: Fancygrave1 / pixabay (CC0)
Welche digitalen Grundkenntnisse brauchen Heranwachsende sowie Beschäftigte in der heutigen Welt? Foto: Fancygrave1 / pixabay (CC0)

Seit über 20 Jahren gehören Computer beziehungsweise Laptops und Tablets in allen Berufsfeldern selbstverständlich dazu. Kein Wunder, dass digitale Kompetenzen neben Rechnen, Lesen und Schreiben längst als „Vierte Kulturtechnik“ bezeichnet werden. Man könnte also erwarten, dass gewisse IT- und Anwenderkenntnisse heute zum Grundwissen für Jugendliche gehören und auch in der Schule vermittelt werden. Doch tatsächlich ist es gerade die Gruppe der sogenannten Digital Natives, die Expertinnen und Experten Sorge bereitet.

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„Die Mediennutzung findet vor allem in der Freizeit statt“, stellte Professor Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, in seiner Rede zum Thema „Wirtschaft 4.0“ fest. Er konstatierte: „Den Jugendlichen fehlt eine gewisse Struktur, die es ihnen ermöglicht, mit den neuen digitalen Technologien professionell umzugehen.“ Eine Einschätzung, die Thomas Michel, Geschäftsführer der Dienstleistungsgesellschaft für Informatik (DLGI), bestätigte: „Jugendliche texten zwar mit ihrem Smartphone, sie hören Musik oder drehen Videos, doch all das sind Lifestyle-, aber keine Workplace-Kompetenzen.“ Das Problem: Unternehmen würden, so Esser, inzwischen bestimmte Kompetenzen und Kenntnisse im Umgang mit Medien voraussetzen.

Einheitliche Regeln im digitalen Straßenverkehr

Anlass dieser Diskussion über die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt war die Auftaktveranstaltung zum „ICDL-Launch“ am Donnerstag, 10. Oktober, in Bonn. Der ICDL soll den bisherigen Europäischen Computerführerschein (ECDL) im kommenden Jahr in Deutschland ablösen (siehe Infokasten). Dahinter steckt die Idee, dass in einer globalisierten Welt – ähnlich wie im Straßenverkehr – jeder Mensch bestimmte Verhaltensweisen kennen und allgemeine Regeln beachten muss, wenn er am digitalen Leben teilnehmen will. Sozusagen ein „weltweites Zentralabitur für digitale Fertigkeiten“, präzisierte Thomas Michel.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, sprach beim „ICDL-Launch“ in Bonn über Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt. Foto: Katrin Cürük / Dienstleistungsgesellschaft für Informatik mbH
Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, sprach beim „ICDL-Launch“ in Bonn über Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt. Foto: Katrin Cürük / Dienstleistungsgesellschaft für Informatik mbH

Gleichzeitig gehe es darum, den Jugendlichen Teilhabe zu ermöglichen, ergänzte Johannes Landvogt in seiner Rede mit dem Titel „Kritische Herausforderungen in der digitalen Arbeitswelt“. Der Ministerialrat beim Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit machte deutlich, dass technischer Fortschritt nur gelingen könne, wenn die Heranwachsenden das nötige Wissen hätten, um informierte Entscheidungen zu treffen und zudem selbst über ihre Daten bestimmen könnten. „Für all das braucht es digitale Kompetenzen“, so Landvogt.

Problem: Fehlende Ausbildung der Ausbilder

Somit waren sich die Redner in Bonn einig: Der Erwerb digitaler Grundkompetenzen wäre dringend nötig. Die Frage ist also: Woran hakt es? Warum starten Jugendliche und junge Erwachsene mit so unterschiedlichen digitalen Fähigkeiten in ihr Berufsleben? Dr. Regina Flake vom Institut der Deutschen Wirtschaft glaubt nicht, dass es sich dabei um ein Motivationsproblem handelt. Vielmehr gebe es ein „Orientierungsproblem“, wie sie in der Podiumsdiskussion im Zuge der Veranstaltung feststellte.

Mit dieser Aussage bezog sie sich auf ihre Studie „Digitale Bildung in Unternehmen“ aus dem Frühjahr 2019. Die repräsentative Unternehmensbefragung hatte gezeigt, dass sich nur knapp die Hälfte der Unternehmen überhaupt sicher fühlt, digitale Lernmedien didaktisch sinnvoll einzusetzen (47,8 Prozent). Mehr als zwei Drittel der Unternehmen gaben zudem an, dass ihnen Erfahrungswerte und Praxisbeispiele fehlen. Zudem sagten circa sechs von zehn Unternehmen, dass sie keinen Überblick über den Markt der E-Learning-Angebote hätten oder sie kein passendes Angebot finden könnten.

Flakes Fazit: Es brauche gut qualifizierte Ausbilder, die Lernziele definieren und einen Rahmen geben könnten. Digitale Tools allein würden dafür nicht ausreichen. Damit formulierte die Wissenschaftlerin einen Gedanken, der sich auch in den Beiträgen der anderen Diskussionsteilnehmer und Redner wiederfand. „Wir müssen Lehrerinnen und Lehrer, Ausbilderinnen und Ausbilder fortbilden“, forderte beispielsweise auch BIBB-Präsident Esser ganz deutlich: „Mit ihnen steht und fällt der Fortschritt.“

Podiumsdiskussion: Mitspracherecht und Geschlechterunterschiede

Zusammen mit Regina Flake diskutierten Ministerialrat Johannes Landvogt sowie Professorin Barbara Schwarze, Mitglied des Präsidiums der Initiative D21, und Lena Westhoff, Studentin des European Master in Project Management an der Fachhochschule Dortmund, über notwendige Kompetenzen in einer digitalisierten Welt.

Auf dem Podium diskutierten zum Thema „Kompetenzen in der digitalisierten Welt“ (v.l.n.r): Lena Westhoff, Studentin des European Master in Project Management an der Fachhochschule Dortmund, Dr. Regina Flake vom Institut der Deutschen Wirtschaft, Moderatorin Anna Hückelheim von der Agentur für Bildungsjournalismus, Prof. Barbara Schwarze, Mitglied des Präsidiums der Initiative D21 und Ministerialrat beim Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, Johannes Landvogt. Foto: Katrin Cürük / Dienstleistungsgesellschaft für Informatik mbH
Auf dem Podium diskutierten zum Thema „Kompetenzen in der digitalisierten Welt“ (v.l.n.r): Studentin Lena Westhoff, Dr. Regina Flake vom Institut der Deutschen Wirtschaft, Moderatorin Anna Hückelheim, Prof. Barbara Schwarze, Mitglied des Präsidiums der Initiative D21 sowie Johannes Landvogt, Ministerialrat beim Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit. Foto: Katrin Cürük / Dienstleistungsgesellschaft für Informatik mbH

Professorin Schwarze lenkte den Blick des Publikums dabei auf noch zwei weitere wichtige Punkte. Zum einen forderte sie, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitentscheiden zu lassen, wenn es um Weiterbildungen und Ausstattungsentscheidungen geht. Zum anderen wies sie darauf hin, dass es im Bereich der digitalen Kompetenzen immer noch große Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe, wie man am Digital Index der Initiative D21 deutlich sehen könne. Ihre Kritik: Junge Frauen würden noch immer zu wenig motiviert, sich mit bestimmten Themen wie Programmierung auseinanderzusetzen. „Da müssen wir ran“, so Schwarze während der Podiumsdiskussion. „Wir brauchen langfristig einen nicht diskriminierenden Blick bei dem Thema Digitalisierung, wenn wir Fortschritte machen wollen.“

Diese Einschätzung konnte Lena Westhoff aus ihrer eigenen Erfahrung als Studentin bestätigen. Auch sie würde sich wünschen, dass das Selbstbewusstsein der Frauen in diesem Bereich gestärkt würde. Insgesamt gelte beim Thema Digitalisierung: „Die Leute müssen wirklich abgeholt werden, um auf ein gemeinsames Level zu kommen.“

Kompetenzen der Zukunft

Westhoff selbst hat den ECDL im Masterstudium absolviert, nach ihrem Auslandssemester. „Ich habe in Chile einen Kurs zum Thema Excel belegt und dabei gemerkt, wie wichtig bestimmte Grundlagen vor allem im Anwendungsbereich sind“, so die Studentin. Denn auf einer soliden Basis könne man weiteres Wissen ganz anders aufbauen. Als sie dann vom ECDL erfahren hat, hat sie sich sofort dazu entschieden, die verschiedenen Module zu absolvieren.

Auf die Frage, welche Kompetenzen wohl in fünf Jahren wichtig sein werden, wusste sie – wie auch die anderen Diskussionsteilnehmer – keine konkrete Antwort. Schließlich verändert sich alles rasend schnell und ständig kommen neue Technologien hinzu: Künstliche Intelligenz, Cloudcomputing, Blockchain Technologien, das Internet der Dinge und so weiter. Wer soll dabei Veränderungen noch voraussehen können? Ziemlich sicher ist sich Lena Westhoff aber bei zwei Punkten: Zum einen, dass soziale Kompetenzen wieder wichtiger werden und zum anderen, dass man zugleich aber ohne digitale Grundkenntnisse auch in Zukunft nicht weit kommen wird.

Diesen Gedanken griff auch Thomas Michel in seiner Abschlussrede auf: „Den Basiskompetenzen sowie den Themen IT-Sicherheit und Datenschutz kommt eine immer wichtigere Bedeutung zu, um die soziale und politische Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und jedem die Chance zu geben, die wirtschaftliche Zukunft zu gestalten.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Vom ECDL zum ICDL – ein international ankerkanntes Zertifikat

2020 wird der „ICDL Workforce“ in Deutschland eingeführt und löst den bisherigen europäischen „ECDL Standard“ ab. Damit wird der zunehmenden Internationalität dieses Zertifizierungssystems Rechnung getragen, denn inzwischen arbeiten weltweit über 100 Länder mit denselben einheitlichen Standards. „Wir haben heute ein ganz anderes Produkt als noch vor 20 Jahren“, erklärt Tony Franke, Vorsitzender des ICDL-Foundation. „Erfahrungen aus der ganzen Welt gehen ständig in die Weiterentwicklung der Inhalte ein.“ Die alten Zertifikate behalten jedoch weiterhin ihre Gültigkeit, wie der DLGI-Geschäftsführer Thomas Michel versichert.

In Deutschland gehört der ECDL bereits an über 400 berufsbildenden Schulen zum Standard, teilweise ist er sogar verpflichtend. „Für die Auszubildenden ist es ein Vorteil, wenn sie ihre Qualifikationen offiziell nachweisen können“, so Oberstudienrat Martin Gehlert, der an der Werner-Heisenberg-Schule für den Bereich Berufsvorbereitung und ECDL-Zertifizierung zuständig ist. Dies sei definitiv ein Vorteil für kommende Bewerbungssituationen. „Es ist ein unabhängiger Beweis für einen gewissen Kenntnisstand im Bereich Digitalisierung“, so Gehlert.

Das Zertifikat kann jedoch auch auf anderem Wege erlangt werden. So gibt es in Deutschland über 1.500 autorisierte Prüfungszentren. Viele von ihnen bieten auch freiwillige Vorbereitungskurse an. Zudem ist es möglich, sich das nötige Wissen über einen Moodle-Kurs oder im Selbststudium anzueignen. Die Prüfungsinhalte sind länderübergreifend identisch und bilden somit einen internationalen Standard ab.

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