Forscher: Lesestoff für Jungen wird zu wenig berücksichtigt

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NÜRNBERG. In Kitas und Schulen werden nach Ansicht eines Forschers zu wenig Bücher vorgelesen, die Jungen interessieren. «Jungen lesen anders als Mädchen», sagt der Nürnberger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Tischner. Während sich Mädchen gerne in Charaktere einfühlten, bevorzugten Jungen in der Regel Abenteuer- und Heldengeschichten mit viel Action. Doch in Kitas und Schulen dominierten Erzieherinnen und Lehrerinnen, die unbewusst eine eher weibliche Bücherauswahl träfen. Auch Zuhause lesen vor allem die Mütter vor, wie Tischer sagt. Den Jungen fehlen dadurch die Rollenvorbilder. «Bei ihnen prägt sich ein: Lesen ist weiblich.»

Im Ganztag - hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt "Ganz In" teilnimmt - können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)
Immerhin: Mit Comics scheinen sich manche Jungen leichter anfreunden zu können. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Fast ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern nach Angaben der Stiftung Lesen selten oder nie vor. Doch gerade das Vorlesen fördert die Sprachentwicklung der Kinder und hilft ihnen später beim Lesenlernen. Darauf macht die Stiftung Lesen, die Wochenzeitung «Die Zeit» und die Deutsche Bahn Stiftung seit 2004 am dritten Freitag im November mit einem bundesweiten Vorlesetag aufmerksam. Mehr als eine halbe Million Freiwillige werden in diesem Jahr am 15. November zum Beispiel in Kitas, Schulen, Kulturzentren, Büchereien oder Museen Geschichten präsentieren. dpa

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Experten schlagen Alarm: Die Jungen werden in der Schule abgehängt! Aber woran liegt das?

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16 KOMMENTARE

  1. Für alles Mögliche gibt es Studien und hier wird behauptet: “Doch in Kitas und Schulen dominierten Erzieherinnen und Lehrerinnen, die unbewusst eine eher weibliche Bücherauswahl träfen. ”
    Dabei könnte man das wirklich einfach abfragen und kategorisieren, indem man z.B. ermittelt, welches die letzten 5 vorgelesenen Bücher waren.

    Davon abgesehen finde ich es beschämend, dass man nicht generell Lust auf Bücher macht, sondern auch bei diesem Thema transportiert, dass Jungen Action und Abenteuer suchen und Mädchen nicht. Stellt doch einfach allen ein breites Angebot zur Verfügung und lasst die Kinder lesen, worauf sie selbst Lust haben … und lest ihnen vor, was sie aussuchen.

    • Wie lässt man Kinder, die noch nicht lesen können, aussuchen, was sie lesen wollen? Ich meine, das herrschende Paradigma der völligen Selbstbestimmung stößt hier an Grenzen.

      • Die völlige Selbstbestimmung hatte ich schon ausgeschlossen, weil ich von einem Angebot schrieb, aus dem gewählt werden kann.

        Aber selbst wenn man es darüber nicht steuern möchte, können Kinder durchaus ohne lesen zu können schon Entscheidungen treffen, indem sie die Cover betrachten, man ihnen die Klappentexte vorliest, einen Kurzen Abriss gibt, man sie nach Themen auswählen lässt… schon für Bücher, die vorgelesen werden.
        Beim eigenständigen Lesen brauchen Kinder eher Beratung hinsichtlich des Textumfanges, manchmal ist der Hunger größer als der Magen und führt dann zu Frust.

        • eben das habe ich befürchtet: nach rein äußerlichen Kriterien des “gut Aussehens” soll ausgewählt werden. Ja, so läuft es in unserer Gesellschaft, outfit ist wichtiger als Inhalt, und darum gibt es bunte Cover, reißerische Klappentexte usw. Genauso machen es die Erzieherinnen dann auch: das was sie gerne vorlesen wollen, muss so spannend und positiv präsentiert werden, dass die Kinder dann völlig freiwillig das wählen … Toll.

          • Sie überlesen merkwürdigerweise zum zweiten Mal, dass ich von einer gegebenen Auswahl gesprochen habe.
            Wenn im Regal der Grundschullehrkraft überwiegend oder nur gute Bücher stehen mit unterschiedlichen Themenbereichen, dann können die SchülerInnen zwischen gut, gut und gut wählen. Vielleicht müssen sie sich auch zwischen langweilig und langweilig und noch langweiliger entscheiden. Das ist dann auch kein freiwilliges Wählen, sondern eher eine Wahlpflicht: so oder so besteht die Aufgabe im Lesen.

            Davon abgesehen ist bei Leseanfängern, die das Prinzip an sich verstanden haben und selbst lesen können, vor allem wichtig, DASS sie lesen .. manch einer hat auch früher mit Texten lesen gelernt, die andere gar nicht haben wollten: Comics, Fachzeitschriften, Handelsblatt, Fußballnachrichten.
            Andere Leseübungen schließt das nicht aus, aber hier ging es ja um den Lesestoff.

            Wie wollten Sie denn entscheiden, wenn Sie einem Kind im 2. oder 3. Schuljahr ein Buch zum Lesen empfehlen oder schenken wollten?

    • Sie sollten sich mal mit Förderprogrammen für Jungen auseinandersetzen, die gibt es durchaus, sodass nicht “alles in die Mädchenförderung investiert” wurde.

      Das Thema selbst kommt immer wieder auf, hier gab es auch schon Artikel dazu:
      https://www.news4teachers.de/2017/10/raufen-fuer-bessere-noten-jungen-zu-foerdern-heisst-auch-lasst-sie-ihren-bewegungsdrang-ausleben/
      Zitat aus diesem Artikel: “Und noch ein Vorurteil widerlegten die Wissenschaftler – nämlich die Behauptung, dass sich die Leistungen von Jungen gegenüber Mädchen verschlechtert hätten. Tatsächlich waren sie schon vor 100 Jahren schlechter.”

      • Das belegt doch erneut, dass die Mädchenförderung überflüssig, nicht notwendig oder falsch war.

        Generell habe ich eher den Eindruck, dass bei gleicher mittlerer Begabung die Streuung bei den Mädchen geringer ist als bei den Jungen, d.h. in der absoluten Leistungsspitze und im absoluten Leistungstief finden sich deutlich mehr Jungen als Mädchen.

        • Herzlichen Glückwunsch, xxx, Sie haben mal wieder ein neues Naturgesetz entdeckt: Das xxx-Gesetz der unterschiedlichen Begabungsverteilungen bei Mädchen und Jungen.
          Oder ist die von Ihnen festgestellte Verteilung nicht eher ein Grund dafür, dass es besondere Förderungen von Jungen und Mädchen in den Schulen geben sollte, um die immer noch existierenden differenziellen Sozialisationspraktiken in unserer Gesellschaft bei den verschiedenen Geschlechtern aufzubrechen. Dies ist doch Aufgabe von Schule. Auch die von Mathematiklehrern.

          • Die Schulabschlüsse, die Abiturquoten, die Abbrecherquoten, die Schulverweigererquoten, die Wahl der Studienfächer usw. belegen mein Naturgesetz.

            Das Aufbrechen unterschiedlicher Sozialisationspraktiken kann man besser den Eltern an die Hand geben. Mit Schuleintritt ist diesbezüglich der Drops schon weitgehend gelutscht.

          • “Das Aufbrechen unterschiedlicher Sozialisationspraktiken…”
            braucht bei etlichen über die Schule als Institution einen Ausgleich oder zumindest Denkanstöße.

            Dass bis zum Schuleintritt einiges schon erfolgt ist, stimmt, dennoch sind Kinder im Grundschulalter durchaus noch offen für ein anderes Rollenverständnis, für andere Vorbilder und durchaus bereit, die erlernten Klischees zumindest zu hinterfragen und Eigenschaften unabhängig vom Geschlecht wahrzunehmen.

            Wenn ein Kind aus der Schule mit Begeisterung erzählt, bekommt ja vielleicht das Mädchen zum Geburtstag den ersehnten Experimentier-Kasten, und zwar nicht den rosa gefärbten, und der Junge das Einrad.

        • Das ist Ihr Eindruck, den ich nicht bestätigen kann.

          Allerdings ist mein Eindruck, dass man bei begabteren Jungen eher zu Überschätzung neigt und ihnen die schwierigere Schulform zugesteht, weniger Fleiß, Sorgfalt etc. eher zugestanden wird,
          während Mädchen selbst zurückhaltender sind, sich stärker an den Freundinnen orientieren, sie sich selbst der Menge anpassen (auch in ihren Leistungen) und man sie dabei auch gewähren lässt. Das sieht dann so aus, als sei die Streuung der Leistungsfähigkeit geringer.
          Und gerade deshalb muss man Mädchen darin fördern, das, was sie können, auch zu zeigen und mutig ihren Weg zu gehen.

          Das schließt die Förderung von Jungen nicht aus.

          • Sie bestätigen damit meinen Eindruck und bringen eine Erklärung, die plausibel ist und keine reine Ideologie wie bei Herrn Möller. Auch ich erfahre die von Ihnen geschilderte unterschiedliche Verhaltensweise bei Jungs und Mädchen.

            Eines ist aber zu bedenken: Wenn die begabten Jungs bei mieser Arbeitshaltung so gut sind, wie die fleißigen Mädchen, dann wären sie den Mädchen bei guter Arbeitshaltung weit, weit voraus. Offensichtlich hat es die Natur gut eingerichtet, dass sich die Eigenschaften Begabung und Fleiß gegenseitig bedingen im Sinne von mehr Begabung führt zu weniger Fleiß.

          • Wenn die begabten Mädchen sich zurückhalten, weil sie sich lieber der Gruppe anpassen, als durch irgendetwas aufzufallen, dann bleiben sie weit unter ihren Fähigkeiten, sind aber tatsächlich viel begabter, als sie zeigen bzw. Lehrkräfte dies wahrnehmen.
            Kann man das über Tests herausfinden?
            Und kann man dabei auch sehen, ob die Jungen eine miese Arbeitshaltung haben und deshalb hinter ihren Möglichkeiten bleiben, ob sie ihr Unvermögen dahinter verstecken oder ob sie schwächere Leistungen womöglich besser verkaufen?
            Attribuierung und Motivation bedingen sich und nehmen Einfluss auf das Lernen, ggf. auch auf die Bewertung.

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