Tullner muss einräumen: Lehrermangel ist noch größer als im letzten Schuljahr

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MAGDEBURG. Dass in Sachsen-Anhalt Lehrermangel herrscht, ist keine neue Erkenntnis. Allerdings war das aktuelle Ausmaß bislang nicht klar. Der Bildungsminister hat jetzt nachgerechnet, wie viele fehlen, um regulären Unterricht zu organisieren – und muss einräumen: Es reicht wieder nicht, um die Unterrichtsversorgung zu sichern. Nominell liegt sie bei gerade mal 96,3 Prozent.

Muss sich etwas einfallen lassen: Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner. Foto: Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

An Sachsen-Anhalts Schulen fehlen 600 Vollzeitlehrkräfte, um alle Unterrichtsangebote wie geplant abzudecken. Das sagte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) am Dienstag in Magdeburg. Die errechnete Unterrichtsversorgung hat sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Derzeit sucht das Land 850 weitere Kolleginnen und Kollegen. Es gebe derzeit jedoch mehrere Trends, die trotz Neueinstellungen dazu führten, dass sich der Lehrermangel nicht entschärfe, so Tullner. Die Lehrergewerkschaft GEW warf dem Bildungsminister vor, bei der Personalsuche zu wenig zu tun.

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Angestrebte Unterrichtsversorgung: 103 Prozent – aber die Lehrer fehlen…

Im landesweiten Schnitt liegt die Unterrichtsversorgung bei 96,3 Prozent, wie Tullner sagte. Rechnerisch können bei 100 Prozent Unterrichtsversorgung alle Stunden wie vorgesehen erteilt werden. Im vorherigen Schuljahr war mit einem Wert von 99 Prozent erstmals die 100-Prozent-Marke unterschritten worden. Sachsen-Anhalt strebt eine Reserve an und will einen Landesschnitt von 103 Prozent erreichen.

«Wir sind in der Lage ein stabiles Schulnetz zu erhalten», versicherte der Bildungsminister. Schulen reagierten flexibel auf die Situation. Es gebe befristete Einstellungen, angehende Lehrer im Referendariat gäben Stunden, Klassen würden zusammengelegt. Zudem habe das Land die Möglichkeit geschaffen, dass Lehrkräfte sich zusätzliche Unterrichtsstunden bezahlen lassen können.

GEW rechnet damit, dass jede zehnte Unterrichtsstunde ersatzlos ausfällt

Die Lehrergewerkschaft GEW sieht die Situation düsterer. «Die offiziell verkündeten 96 Prozent Unterrichtsversorgung bedeuten, dass durch Krankheit, Klassenfahrten und andere Vakanzen real jede zehnte Unterrichtsstunde ersatzlos ausfällt», hieß es.

Tullner beschrieb eine Reihe von Hindernissen im Kampf gegen den Lehrermangel. Ältere Kolleginnen und Kollegen gingen häufig früher in Rente als vorgesehen. Dazu kämen 400 Langzeitkranke. Sprunghaft steigend sei die Zahl der werdenden und frischgebackenen Eltern. Fehlten vor einem halben Jahr 350 Vollzeitlehrkräfte wegen Mutterschutz und Elternzeit seien es jetzt 420. Zudem würden viele neue Kolleginnen und Kollegen lieber Teilzeit als Vollzeit arbeiten. Rechnerisch fehlen deshalb noch einmal 150 Vollzeitlehrer.

Es fehle nicht an Geld oder Stellen, es fehle an geeigneten Bewerbern, sagte Tullner zum wiederholten Male. In diesem Jahr seien mehr als 800 neue Lehrerinnen und Lehrer eingestellt worden, bis Jahresende sollen es mehr als 1000 sein. Doch ausgeschrieben waren weit mehr Stellen. Am Dienstag startete eine weitere Runde, in der gut 850 Nachwuchskräfte gesucht werden.

Wann wird das mit dem Personalmangel endlich besser? Tullner rechnet damit, dass es erst 2024 leichter wird. Dann kommen die verstärkten Studierenden-Jahrgänge von den Unis. Sachsen-Anhalt stockte die Zahl der Plätze seit 2016 stufenweise von 550 und 800 auf jetzt mehr als 1000 auf. dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Schon wieder “mein” (leidiges) Spezialthema. Seit über 10 Jahren weise ich auf das Problem der fehlenden und unzureichenden Lehrkräfteausbildung hin. Jetzt – endlich (!?) – wird schon ab und zu das Problem “zugegeben”. Wie lange braucht es nun noch, bis die üblichen Standardargumente (“Wir holen uns Lehrkräfte aus anderen Bundesländern”, oder “Wir bezahlen jetzt den Lehrkräften in unserem Bundesland mehr”) als absolut unzureichend erkannt werden? Wieder zehn Jahre? Es muss endlich damit angefangen werden, die Lehrkapazitäten an den Unis und Hochschulen auszubauen (nicht nur mit wiss. Mitarbeitern!). Wann bloß???

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