Schule? Nein danke! 30 Prozent der Lehramtsstudenten wollen gar nicht Lehrer werden. Verschärft das den Lehrermangel nochmal drastisch?

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BERLIN. Um den Nachwuchs wird derzeit hart gerungen. Nordrhein-Westfalen beispielsweise, wo aktuell rund 4.000 Stellen im Schuldienst nicht besetzt werden können, hat eigens eine Werbekampagne entwickeln lassen, um junge Menschen für den Lehrerberuf zu begeistern (News4teachers berichtete). Tatsächlich scheint das Interesse am Bereich Bildung zu wachsen, wie eine Umfrage unter Studenten ergab. Gleichzeitig liefert die Studie allerdings auch einen alarmierenden Befund: Danach geben 30 Prozent der Lehramtsstudierenden an, gar nicht Lehrer werden zu wollen.

Der Schuldienst ist nicht für alle derzenigen, die aufs Lehramt studieren, attraktiv. Foto: Shutterstock

Die gute Nachricht: Der Bereich „Bildung, Erziehung & Forschung“ ist für den Berufsnachwuchs in Deutschland die attraktivste Branche schlechthin. 15,3 Prozent aller Studierenden möchten später darin arbeiten – gefolgt vom „Gesundheits-, Pflege- & Sozialwesen“ mit 11,3 Prozent. Das geht aus einer Studie hervor, die der Personaldienstleister Studitemps gemeinsam mit der Universität Maastricht vorgelegt hat. Danach hat der Sektor „Bildung, Erziehung & Forschung“ unter jungen Menschen sogar noch an Attraktivität gewonnen: 2016 waren es lediglich 14,4 Prozent der Studierenden, die angaben, später in diesem Bereich arbeiten zu wollen.

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In Zeiten des Lehrermangels wird mit jedem Studienabsolventen gerechnet

Dass ein großer Teil der Studenten aus dem Bereich „Bildung, Erziehung & Forschung“ später mal an einer Schule arbeiten möchte, ist erst einmal keine große Überraschung: Tatsächlich studieren die meisten, die „Bildung, Erziehung & Forschung“ als Zielbranche auswählten, auf Lehramt. Die Befragung zeigt aber auch: Eine signifikante Anzahl dieser Lehramtsstudenten möchte nach dem Abschluss gar nicht an einer Schule beziehungsweise im Bildungsbereich arbeiten. „Einen Dämpfer erhält die Euphorie um die guten Zahlen durch die Berufswünsche der Lehramtsstudierenden: Über 30 Prozent von ihnen wollen nach dem Studium nicht an einer Schule arbeiten, sondern streben eine anderweitige Karriere an“, erklärt Eckhard Köhn, Geschäftsführer von Studitemps. In Zeiten des Lehrermangels, in denen in den Schulen mit jedem Studienabsolventen gerechnet wird, ist das eine äußerst schlechte Nachricht.

Was sind die Gründe? Darüber lässt sich nur spekulieren. Das Magazin „bento“ hat Lehramtsstudenten befragt. Antworten:

  • „Ich liebe die Arbeit mit Kindern, stumpfes Unterrichten ist aber nicht so mein Ding. Das habe ich während der Praktika, die zum Studium gehören, gemerkt. Vor der Klasse an der Tafel zu stehen, macht mir einfach keinen Spaß.“
  • „Verbeamtet zu sein, ist schon cool, aber es gibt kaum Flexibilität. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, mal für eine längere Zeit im Ausland zu leben – als Lehrerin ist das aber sehr schwierig, da sich unsere Ausbildung nach dem deutschen Schulsystem richtet.“
  • „Ich wollte nie wirklich Lehrerin werden. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich studieren sollte. Ich habe mich dann im Arbeitsamt beraten lassen. Da mich Geographie und Englisch schon immer interessiert haben, haben sie mir geraten, mich für Gymnasiallehramt einzuschreiben.“

Die Politik müsse die Arbeitsbedingungen für Lehrer wieder attraktiver machen, meint Personalexperte Köhn. Hier gelte es zwar, nicht nur am Lohn anzusetzen. Dass bei der Berufswahl allerdings auch das Gehalt eine Rolle spielt, steht zu vermuten: Fast doppelt so viele Studierende (nämlich 21,9 Prozent derjenigen aus dem Sektor „Bildung, Erziehung & Forschung“) möchten der Studitemps-Erhebung zufolge später an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule arbeiten – wo Lehrkräfte in der Regel nach der Stufe A13/E13 bezahlt werden –, als an einer Grundschule (12,1 Prozent), wo in den meisten Bundesländern nur nach A12/E12 gezahlt wird.

Schon jetzt fehlen bis 2025 mehr als 26.000 Lehrer in Deutschland

Würde tatsächlich fast ein Drittel der Lehramtsstudierenden für den Schuldienst ausfallen, dürfte das drastische Konsequenzen haben – der Lehrermangel, der sich nach einer aktuellen Berechnung der Bertelsmann Stiftung ohnehin in den nächsten Jahren drastisch auswächst, dürfte sich weiter verschärfen. Schon jetzt wird bis 2025 ein Fehlbedarf von mindestens 26.300 Lehrern (vor allem an Grundschulen) prognostiziert (News4teachers berichtete). „Die Länder müssen daher wohl weiter auch auf Quereinsteiger hoffen, die den Lehrberuf erst noch nach dem Studium für sich entdecken“, meint Köhn. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht’s zur Studitemps-Studie.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Die Themen Bezahlung und Arbeitsbedingungen von Lehrern bestimmen die Diskussion auf der Facebook-Seite von News4teachers.

Immer mehr Seiteneinsteiger kommen in den Lehrerberuf – der VBE spricht schon von einem “Albtraum für alle Beteiligten”

 

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6 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Danach geben 30 Prozent der Lehramtsstudierenden an, gar nicht Lehrer werden zu wollen.”

    Ich würde sagen, das verschärft den Lehrermangel nicht wirklich, denn das war wahrscheinlich immer so. Ich erinnere mich, dass ein Großteil der Studenten, mit denen ich anfing, letztendlich auch nicht Lehrer geworden sind.

    Der Lehrermangel wird dadurch nur verschärft, wenn man nicht entsprechend reagiert, d.h., man muss eben z.B. +30% ausbilden, wenn man weiß, dass 30% doch nicht Lehrer werden und man soviel ausbildet, wie man braucht.

    Man muss also eigentlich vor allem die Ausbildungskapazitäten deutlich erhöhen, und zwar über den Bedarf hinaus!

    • Man müsste +50% ausbilden, damit von den 150% dann ca. ein Drittel wegfallen kann, um so auf ca. 100% zu kommen. So ähnlich sind PISA-Aufgaben 🙂

  2. Mich würde einmal interessieren, was diese Absolventen mit ihrem abgeschlossenen Lehramtsstudium anfangen. So viele Möglichkeiten gibt es doch gar nicht.

    • Ich kenne eine, die wurde Bibliothekarin, eine, die wurde DaF-Honorarlehrkraft, einen, der wurde Lektor, einen, der wurde Uni-Dozent, einen, der wurde Museumsdirektor …

  3. Leider gibt es nicht genügend Studienplätze. Hier wird seit Jahren, egal in welchen Bundesländern (obwohl es natürlich auch hier “bessere” und schlimmere gibt), die (Deutsch-)Lehrerausbildung regelrecht an die Wand gefahren. Wenn nicht endlich in der Presse noch mehr darüber berichtet wird, dann geht das so weiter.

  4. Kürzlich lasen wir ja auch bei n4t noch erschreckendere Zahlen zum Thema:

    “Für die Uni Rostock wurde eine Schwundquote von etwa 40 Prozent ermittelt. Nach dem zehnten Semester waren in Greifswald rund 85 Prozent weg, an der Uni Rostock über 70 Prozent. Besonders hoch ist der Schwund in den naturwissenschaftlichen Fächern und am Anfang des Studiums. In den Lehramtsstudiengängen Grundschule und Sonderpädagogik weist die Studie geringere Quoten von etwa 30 Prozent nach dem zehnten Semester aus.”

    https://www.news4teachers.de/2018/10/mecklenburg-vorpommern-hohe-misserfolgsrate-im-lehramtsstudium/

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