Warum Eltern glauben, dass ihr Kind nicht allein zur Grundschule radfahren darf

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MÜNCHEN. Dürfen Grundschüler allein zur Schule radeln? Eine Frage mit vielen Antworten. Dabei gibt es eine eindeutige rechtliche Vorgabe.

Manche Schulen warnen dafür, Kinder alleine zur Schule radeln zu lassen, bevor sie ihre Fahrradprüfung abgelegt haben. Foto: Shutterstock

Für die Mutter zweier radlbegeisterter Kinder war klar: Sobald sie es ihrem Nachwuchs zutrauen würde, dürfte dieser auch alleine zur Grundschule radeln. Entsprechend überrascht war sie, als auf einem Infoabend für Eltern von Erstklässlern verkündet wurde: Kinder dürfen erst dann alleine mit dem Radl kommen, wenn sie die Fahrradprüfung in der vierten Klasse gemacht haben. «Es hieß, dass vorher entweder Erwachsene mitradeln oder die Kinder eben anders zur Schule kommen müssen. Beispielsweise zu Fuß oder mit dem Roller», erinnert sich die Mutter.

Viele Eltern glauben an ein striktes Verbot der Grundschule

So wie ihr geht es vielen Eltern: Sie glauben an ein striktes Verbot und berichten ebenfalls von Grundschulen, die das Alleine-Radeln vor der Fahrradprüfung ausdrücklich untersagen und teilweise auch keine abgestellten Räder auf dem Schulgelände zulassen. Einige Eltern glauben sogar, den Versicherungsschutz zu verlieren, sollte ihr Nachwuchs trotzdem alleine losradeln.

«In der Tat werden wir gelegentlich mit solchen „Verboten“ konfrontiert», bestätigt Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands. «Allerdings glaube ich nicht, dass Schulleitungen oder Lehrkräfte sie aussprechen, sondern dass Eltern sie als solche verstehen.» Die Rechtslage sei jedenfalls klar: «Natürlich können Schulen nicht verbieten, dass Kinder vor der Fahrradprüfung schon mit dem Rad zur Schule fahren – es kann sich immer nur um eine Empfehlung handeln.»

Auch ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums betont, dass die Schulen nicht vorschreiben dürfen, wie die Kinder zur Schule kommen: «Die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder bereits vor dem erfolgreichen Ablegen der Fahrradprüfung in der vierten Jahrgangsstufe den Schulweg mit dem Fahrrad zurücklegen.» Auch auf den Versicherungsschutz habe die Wahl des Fortbewegungsmittels keinen Einfluss. Die Kinder seien auf dem Weg von und zur Schule sowie in der Schule gesetzlich unfallversichert. Träger ist die Kommunale Unfallversicherung Bayern beziehungsweise die Bayerische Landesunfallkasse.

Sowohl Peade als auch das Ministerium betonen allerdings, dass es sinnvoll sein kann, die Fahrradprüfung abzuwarten, bevor der Nachwuchs alleine in die Pedale tritt. Die besagte Radprüfung besteht aus einem praktischen und einem theoretischen Teil: geübt wird in den Schulen, die Betreuung übernehmen meist Polizeibeamte, am Ende steht eine kleine Prüfung. Angeboten wird sie meist für Viertklässler, teilweise auch schon in der dritten Klasse.

Lehrerverband: Verständnis für die Warnungen der Schulen

Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) hat Verständnis für die Ansagen der Schulen. «Da prallen zwei Welten aufeinander», sagt sie. Manche Eltern wollten ihre Kinder so früh wie möglich alleine radfahren lassen – die Schulen wiederum warteten, bis der Radlführerschein gemacht wird. Ihrer Ansicht nach gibt es gute Gründe dafür, die Prüfung erst in der vierten Klasse zu machen: Hier spielten Fragen der Wahrnehmung, der Konzentrationsfähigkeit und der Einschätzung von Geschwindigkeiten eine Rolle. Schulen hätten die Pflicht, den Radlunterricht anzubieten. «Aber wir haben auch das Recht, Kinder und Eltern darauf hinzuweisen, dass es gefährlich ist, vor der Fahrradlprüfung am öffentlichen Straßenverkehr teilzunehmen.»

Anders lautet die Einschätzung von Stephanie Krone, Sprecherin beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. «Kinder, die das Radfahren regelmäßig mit ihren Eltern trainieren, können oft schon in der ersten oder zweiten Klasse sehr gut Fahrrad fahren», sagt sie. Die Fahrradprüfung als Startschuss für das Alleine-Fahren hält sie für falsch: «Manche sind auch nach abgelegter Prüfung noch unsicher, wenn sie im Alltag wenig Gelegenheit zum Radfahren haben.»

ADFC: Problem der Elterntaxis vor den Grundschulen verschärft sich

Grundschulen, die versuchen, das Radfahren zu unterbinden, machen aus Krones Sicht auch pädagogisch einen Fehler: «Sie tragen mit dazu bei, dass sich das Problem der Elterntaxis weiter verschärft – und sie unterbinden die positiven Effekte, die das Radfahren auf die Kinder hat.» Eltern empfiehlt Krone, das Radeln so früh wie möglich in den Alltag zu integrieren und schon vor Beginn der Schulzeit den Schulweg einzuüben. «Wenn es gefährliche Stellen gibt, kann man gemeinsam einen Umweg suchen oder das Kind eine Weile begleiten», sagt sie. Oder es werden «Rad-Busse» gebildet: «Da begleitet eine erwachsene Person eine ganze Gruppe von Kindern auf dem Rad zur Schule.»

Elternsprecherin Paede wiederum empfiehlt, dass sich die Eltern innerhalb eine Jahrgangsstufe abstimmen – und sich dann auch alle Kinder daran halten. Für sie habe das Warten bis nach der Fahrradprüfung einen großen Vorteil: die Verkehrstüchtigkeit der Kinder werde mit objektiven Sachverstand eingeschätzt – «und nicht von jemandem, bei dem die Liebe zum Kind im Vordergrund steht und objektive Fähigkeiten möglicherweise verschleiert». Von Elena Koene, dpa

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