Schulplatzmangel: 86 schulpflichtige Kinder werden in Berlin einfach nicht unterrichtet

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BERLIN. Im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg werden 86 Kinder und Jugendliche nicht unterrichtet, obwohl für sie Schulpflicht gilt. Zwar soll für das akute Problem möglichst schnell eine Lösung gefunden werden. Aber: Es zeichnet sich bereits ein sehr viel größerer Schulplatzmangel in der Hauptstadt ab.

Alle Schulplätze „besetzt“ – Berlin hat ein Kapazitätsproblem. Foto: Petra Bork / pixelio.de

„Der Schulplatzmangel hat eine neue Qualität angenommen“, so berichtet der Berliner „Tagesspiegel“ und schreibt von einem „Vorgeschmack auf das kommende Schuljahr“. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg könnten zurzeit bereits knapp 90 potenzielle Schüler nicht unterrichtet werden, obwohl sie schulpflichtig seien. In allen Fällen handele es sich um Kinder und Jugendliche, die mangels Deutschkenntnissen Anspruch auf Förderung in Kleinklassen mit bis zu zwölf Kindern hätten. Es habe sich allerdings herausgestellt, dass sich unter den rund 60 Schulen im Bezirke keine einzige gefunden hat, die bereit wäre, diese zusätzlichen Kinder aufzunehmen. Die Schulleiter hätten mit Platzmangel und vereinzelt auch mit fehlendem Personal argumentiert.

Bettelbrief an die Schulleitungen schon vor Weihnachten – vergeblich

Wie die Zeitung weiter berichtete, hat der zuständige Fachbereichsleiter aus dem Schulamt zum Ende der Weihnachtsferien an alle Schulen des Bezirks geschrieben und auf die schwierige Situation aufmerksam gemacht. «Wir standen in den vergangenen Jahren noch nie zu einem solch frühen Zeitpunkt vor der Herausforderung, mit einer Warteliste arbeiten zu müssen», zitiert ihn die Zeitung.

Klar sei, dass die Schulpflicht gelte, sagte ein Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Er bestätigte: In dem Bezirk gehen derzeit 86 schulpflichtige Kinder und Jugendliche nicht zur Schule, die wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnisse Anspruch auf Unterricht in kleineren Klassen hätten. Für das Problem solle «ganz ganz kurzfristig» eine Lösung gefunden werden. Das Schulamt im Bezirk habe zugesagt, weitere Schulplätze zu schaffen, sagte der Sprecher.

Der für Schulen zuständige Bezirksstadtrat Oliver Schworck untermauerte das: «Wir sind sehr sicher, dass wir es schaffen, noch in dieser Woche zusätzliche Schulplätze einzurichten.» Derzeit gebe es bereits 51 Willkommensklassen. Der Bedarf sei eine Zeitlang zurückgegangen, zuletzt aber wieder gestiegen. «Wir wollen nach wie vor den Weg gehen, die Schulen zu motivieren, solche Lerngruppen einzurichten», sagte Schworck.

Scheeres‘ Sprecher wies darauf hin, dass mehrere Willkommensklassen im Bezirk noch freie Kapazitäten hätten. Es sei zudem geplant, auf das Angebot freier Schulträger einzugehen, zusätzliche Willkommensklassen einzurichten. Außerdem müsse das zuständige Schulamt die entsprechenden Kinder und Jugendlichen gerechter als bisher verteilen. Bisher gebe es an einzelnen Grundschulen eine überdurchschnittliche Zahl von Willkommensklassen.

Keinen Schulplatz für schulpflichtige Kinder? Grüne „fassungslos“

Martina Zander-Rade, schulpolitische Sprecherin der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, kritisierte: «Es macht mich fassungslos, wenn ein großer Bezirk mit knapp 60 Schulen wie Tempelhof-Schöneberg es nicht schafft, die Schulpflicht umzusetzen. Zumal die Senatorin sich noch zum Jahresende damit gebrüstet hatte, dass alle Kinder in Berlin einen Schulplatz erhalten.»

Dass die Senatsschulverwaltung über Jahre hinweg davon ausgangen sei, die Zahl der Kinder ohne genügend Deutschkenntnisse würde schon zurückgehen, müsse geradezu als Ignoranz gegenüber der realen Entwicklung gesehen werden.

Kritik an den fehlenden Schulplätzen übte auch der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Paul Fresdorf: «Aus dem Hause Scheeres wurde Ende 2019 noch gemeldet, dass die Problematik der fehlenden Schulplätze in Berlin vorerst gelöst ist. Die Realität sieht aber anders aus, obwohl der Senat eigentlich alle Daten für die zu erwartenden Schulplatzzahlen haben müsste», so der FDP-Politiker.

Dem boomenden Berlin droht ein dramatischer Schulplatzmangel

Im rasant wachsenden Berlin droht in den nächsten Jahren ein dramatischer Schulplatzmangel. Nach Scheeres‘ Darstellung vom August fehlen auf Basis einer realistischen Annahme zum Schuljahr 2021/2022 bis zu 9.500 Schulplätze, wenn Senat und Bezirke nicht umgehend gegensteuern. Es gehe dabei um 5.900 Plätze in Grundschulen, 2.900 in integrierten Sekundarschulen und 700 in Gymnasien. Um diese Lücke zu schließen, will Scheeres mehr Tempo beim Schulbau. Allein im Zuge eines 100 Millionen Euro schweren «Schnellbauprogramms» sollen 2000 bis 3000 zusätzliche Plätze entstehen. Auch das im Bezirk Tempelhof-Schöneberg erprobte Konzept des «Fliegenden Klassenzimmers 2.0», einem Holzbau-Provisorium, soll ausgeweitet werden. News4teachers / mit Material der dpa

Scheeres räumt ein: 9.500 Schulplätze fehlen 2021 – wenn nicht…

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