Tablet, Tastatur oder Stift und Papier? Kinder lernen Schreiben am besten mit den klassischen Werkzeugen – noch

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ULM. Mit Bleistift und Papier oder mit Touchstift und Tablet? Die Digitalisierung befeuert auch die pädagogische Diskussion um das Schreibenlernen. Die Lösung in Zukunft könnten raue Tablet-Oberflächen sein, haben Ulmer Wissenschaftler herausgefunden. Allerdings: Heute ist das Schreiben mit Stift und Papier (noch) mit den meisten Vorteilen und den wenigsten Nachteilen verbunden.

Klassisches Schreibenlernen auf Papier hat seine Vorteile. Aber die Unterschiede zwischen den verschiedenen Testgruppen waren klein, resümieren die Ulmer Wissenschaftler. Foto: Shutterstock

Die Digitalisierung fordert mehr und mehr auch die Schulen heraus. In der Frage, wieweit digitale Werkzeuge analoge ergänzen oder ersetzen sollen, stehen sich an den Meinungsfronten zwei extreme Positionen gegenüber: Die einen sehen im Tablet-Computer ein Allheilmittel, um deutsche Schüler fit für die Zukunft zu machen. Die anderen glauben fest an die didaktische Überlegenheit klassischer Werkzeuge wie Stift und Papier. Die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Interventionsstudie mit Vorschulkindern sprechen für einen Mittelweg. Forscher der Universität Ulm kamen zu dem Ergebnis, das analoge und digitale Schreibwerkzeuge ihre jeweils eigenen Stärken haben.

Das Forschungsteam um den Ulmer Psychologen Markus Kiefer und die Biologin Petra Arndt hatte untersucht, wie sich das Schreibwerkzeug auf den Lernerfolg bei der Alphabetisierung von Vorschulkindern auswirkt. In einer Interventionsstudie (bei der im Unterschied zur Beobachtungsstudie gezielt bestimmte Faktoren verändert werden) mit 147 Kindergartenkindern aus Ulm und Umgebung haben sie die Wirkung analoger und digitaler Schreibwerkzeuge untersucht.

„Verglichen haben wir drei Gruppen“, berichtet Markus Kiefer den Aufbau der Studie. Eine Gruppe habe mit Papier und Bleistift gearbeitet, die Gruppen zwei und drei hätten einen Tablet-Computer genutzt. „Während die zweite Kinder-Gruppe auf eine virtuelle Tastatur zurückgriff, nutzte die dritte Gruppe für das Lese- und Schreibtraining mit dem Tablet-Computer einen digitalen Stift“, so der Ulmer Psychologe. Um sicherzustellen, dass die an der Studie teilnehmenden Kinder vergleichbare körperliche, kognitive und sprachliche Voraussetzungen haben, wurden im Vorfeld umfangreiche Voruntersuchungen durchgeführt. Alle Kinder waren im letzten Kindergartenjahr vor dem geplanten Schuleintritt.

Handschreiben hilft, die Welt zu begreifen

„Handbewegungen helfen uns im wahrsten Sinne des Wortes dabei, die Welt zu begreifen. Wenn wir mit der Hand schreiben, wird die visuelle Gedächtnisspur von der motorischen Gedächtnisspur unterstützt, weil es einen direkten Zusammenhang zwischen der Form der Buchstaben und der ausgeführten Bewegung gibt“, erklärt Kiefer, zu dessen Fachgebiet das manuelle Schreiben (Chirografie) gehört. Speziell geht es um die Frage, wie sich unterschiedliche Modalitäten des Schreibens auf das Denken – insbesondere auf das Lernen, Erinnern und Verstehen – auswirken. Aus anderen Studien aus diesem Gebiet wisse man allerdings auch, dass die Verwendung einer Tastatur besonders für Kinder mit motorischen Defiziten von Vorteil sein kann, um Lesen und Schreiben zu lernen, gerade weil das Schreiben mit der Hand eben sehr anspruchsvoll ist.

Welches Schreibzeug hat denn nun in der Studie den Lernerfolg beim Lesen und Schreiben Lernen am besten unterstützen? „Die Ergebnisse haben uns in Teilen auf jeden Fall überrascht“,so Carmen Mayer, Erstautorin der Studie. Für die Studie wurden die Jungen und Mädchen der drei Vergleichsgruppen spielerisch trainiert, 16 Buchstaben zu lernen und daraus gebildete kurze Wörter zu lesen und schreiben.

Während die Stift & Papier-Gruppe insbesondere bei der Buchstabenerkennung vorne lag und die visuell-räumlichen Fähigkeiten stärker verbesserte, schnitt die Tastatur-Gruppe beim Lesen und Schreiben ganzer Worte besser ab, vor allem im Vergleich zu dem Training mit dem digitalen Stift auf dem Tablet Touchscreen. Was den Einsatz des digitalen Stiftes angeht, hätten die Forscher eigentlich erwartet, dass diese Gruppe besser abschneidet, als dies faktisch der Fall war.

Rutschige Bildschirmoberfläche führte zu Problemen

„Wir vermuten, dass die rutschige Bildschirmoberfläche den Kindern zu viel Aufmerksamkeit abverlangte und damit den Lernerfolg geschmälert hat“, vermutet Kiefer. Und auch wenn die Studie klare Unterschiede zwischen den Gruppen finden konnte, waren diese klein und nicht immer statistisch signifikant. Das Fazit: „Man kann auf jeden Fall sagen, dass das Schreiben mit Stift und Papier mit den meisten Vorteilen und den wenigstens Nachteilen verbunden ist. Außerdem ist dieses klassische Schreibwerkzeug im Vergleich zu digitalen Schreibgeräten günstiger und technisch weniger störanfällig“, stellt Kiefer fest.

Möglicherweise werden zukünftig Tablet-Oberflächen entwickelt, die eine ähnliche Reibung wie Papier haben, und damit das Schreiben mit der Hand auf digitalen Geräten erleichtern. Dann wäre zu erwarten, dass sich die Effekte analoger und digitaler Handschrift annähern, glauben die Ulmer Forscher. Und auch die Verwendung von Tastaturen habe ihr Gutes, was das Erlernen von Lese- und Schreibkompetenzen auf der Wortebene angeht. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es weder sinnvoll ist, digitale Hilfsmittel kategorisch zu verteufeln, noch dass es ratsam ist, die klassischen Schreibwerkzeuge aus dem Schulzimmer zu verdammen“, sind sich Kiefer und Arndt einig. Wie so oft liege hier der beste Weg wohl irgendwo in der Mitte. (pm)

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6 KOMMENTARE

  1. Die Studie ist mit 147 untersuchten Schülern in drei Gruppen sehr klein und sollte deshalb auf 3000 Schüler ausgedehnt werden, da sonst einzelne Schüler das Ergebnis schon stark beeinflussen können. Hier macht ein Schüler ca. 2 % aus.
    Das Ergebnis habe ich allerdings erwartet. Das Erlernen des Schreibens sollte erst in den weiterführenden Schulen erfolgen, dann wenn die Schreibautomatisierung sicher ist und Texte eventuell umgestellt werden müssen. Allerdings sollte die Schüler einen Kurs zum Erlernen der Tastaturschrift lernen, ähnlich dem der früheren Schreibmaschinenkurse.

    • Ichmeinte natürlich, dass das Erlernen des Schreibens an der Tastatur erst in den weiterführenden Schulen erfolgen sollte wegen der noch nicht ausgeprägten bis fehlenden Schreibautomatik.

  2. „Das Erlernen des Schreibens sollte erst in den weiterführenden Schulen erfolgen, dann wenn die Schreibautomatisierung sicher ist und Texte eventuell umgestellt werden müssen.“

    Im Ernst???? Ich hoffe Sie haben sich vertippt!

    Der Leseschreiblernprozess sollte meiner Meinung nach schon in der Kita spielerisch erfolgen. Hier: Graphem-Phonem Zuordnung!!!
    Leider üben viele Kitas lieber das ABC-Lied ;(.
    Das macht so wenig Sinn!

    • Danke für den Hinweis.
      Ich sollte meine Kommentare vor der Veröffentlichung jedes mal noch auf erforderliche Korrekturen überprüfen.

  3. Da stimme ich Ihnen voll zu, liebe/r SR500. Das zu frühe Lernen des Abc ist kontraproduktiv, da hier die Buchstabennamen Aa, Be, Ce und nur Langvokale gelernt werden. Noch etwas anderes. Leider gibt es fast nie mehr ein Bild mit einer guten Stifthaltung. Das ist schon auffällig! Auf dem oben gezeigten Bild liegt viel zu viel Druck auf den Zeigefinger (erkennbar am durchgedrückten Finger)!

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