Überlastung und Lehrermangel: Immer mehr Grundschulen streichen Klassenfahrten

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LÜNEBURG. Immer mehr Grundschulen streichen Klassenfahrten aus ihrem pädagogischen Programm – wegen zu viel Arbeit einerseits, einem ausufernden Lehrermangel andererseits. Aktuell haben laut GEW 17 Grundschulen in und um Lündeburg einen Brief an die Eltern geschrieben, in dem sie das Ende von mehrtägigen Exkursionen ankündigen, wie NDR 1 Niedersachsen berichtet. Die Lehrer seien durch viele zusätzliche Aufgaben mittlerweile so überlastet, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sähen, heißt es bei der Gewerkschaft. Es sei ein Hilfeschrei.

Immer mehr (Grund-)Schulen bieten keine Klassenfahrten mehr an. Foto: Shutterstock

An deutschen Schulen fehlen Tausende von Lehrern, vor allem an Grundschulen. Auch Niedersachsen ist vom Lehrermangel betroffen. Zum Start des zweiten Halbjahrs am vergangenen Mittwoch gelang es den Behörden lediglich, 1164 der rund 1350 ausgeschriebenen Stellen zu besetzen.

Dabei steigt die Schülerzahl; allein durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren gibt es im Sommer auf einen Schlag 20.000 Schüler zusätzlich im System. Das reißt Lücken bis in die Grundschulen hinein, deren Personalbestand bislang auch durch Abordnungen von Lehrern aus den Gymnasien aufgefüllt wurde. Das wird im kommenden Schuljahr kaum mehr möglich sein. Dabei spricht der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte VNL/VDR schon jetzt von „einer enormen Arbeitsbelastung unserer Lehrkräfte, auch bedingt durch die Umsetzung der Inklusion und der Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund“.

Heterogenität, Inklusion, Digitalisierung – und mehr

Um das Pflichtprogramm aufrecht erhalten zu können, streichen (Grund-)Schulen offenbar zunehmend ihre freiwilligen Angebote. Und dazu gehören Ausflüge und Klassenfahrten. Bereits im November sorgte eine Grundschule in Stadthagen bei Hannover für Schlagzeilen, weil sie ein – vorläufiges – Aus für mehrtägige Exkursionen angekündigt hatte. Auf Anfrage der „Schaumburger Nachrichten“ begründete die Schulleitung dies mit einer seit Jahren gestiegenen Belastung für das Kollegium. Ursachen seien die wachsende Heterogenität unter den Schülern, die Inklusion, die Digitalisierung und ein erhöhter Verwaltungsaufwand. Und dazu komme jetzt noch der Lehrermangel.

„Wir mussten nach Möglichkeiten suchen, den Mehraufwand zu reduzieren.“ Eine viertägige Klassenfahrt bedeute eine 24-stündige Verantwortungssituation, aber auch viel Vorbereitung im Vorfeld. Klassenfahrten seien durch die Inklusion besonders arbeitsintensiv geworden. So koste es viel Vorbereitungszeit, einen Ausflug mit einem Kind zu planen, das im Rollstuhl sitzt. Außerdem müssten sich die Kollegen damit auseinandersetzen, Kinder mit emotionalen und sozialen Störungen auf eine Schulfahrt vorzubereiten. Da die Klassenfahrten keine Pflicht für die Schulen darstellten, habe man sich nun entschieden, sie erst einmal ausfallen zu lassen, so heißt es in dem Bericht. Zusatzangebote seien derzeit schlicht nicht möglich.

Schulleitung fordert mehr Unterstützung

Die Schulleitung betont gegenüber der Zeitung, sie wisse um die Bedeutung von Klassenfahrten – darum, dass sie für Kinder zu Höhepunkten ihrer Schulzeit gehören können, Anlässe für viele schöne und abenteuerliche Erinnerungen. Sie wolle nicht ausschließen, dass die Schule Klassenfahrten künftig wieder zum Teil des Schulprogramms mache. Aber dafür müsse sich zunächst strukturell etwas verändern. Vor allem externe Unterstützungen seien notwendig, um die Abläufe in der Schule zu regulieren. Der Lehrermangel wirke sich mittlerweile deutlich aus. Immerhin, so heißt es: „Das Ministerium hat die Probleme ein Stück weit erkannt und bringt Maßnahmen auf den Weg.“ News4teachers

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2 KOMMENTARE

  1. Ich kann es irgendwie verstehen, dass viele Lehrer und Schulen sich diese zusätzliche Belastung nicht auch noch antun wollen. Gleichzeitig finde ich es aber auch eine total wichtige Erfahrung für Grundschüler, mindestens einmal vor dem Wechsel zum Gymnasium, zur Gesamtschule, zur Hauptschule etc., eine Klassenfahrt über mehrere Tage mitgemacht zu haben. Solche Ereignisse stärken die Klassengemeinschaft ungemein.
    Aber das gesamte politische Versagen von Herrn Tonne kann eben auch die Lehrerschaft nicht auffangen.

  2. Traurig, aber nachvollziehbar. Wann wird sich das deutsche Schulsystem ändern, so dass eine Regelschule egal welcher Schulart ein Ort zum Lernen und zum Wohlfühlen wird? Nur dann werden Kinder in gut vorbereiteter Lernumgebung (Personal, Material, Mittel) ihr Potenzial entfalten können und Lehrer inhaltlich gute Arbeit leisten können. Und mit Energie auch Klassenfahrten und Exkursionen durchführen. Schwierige Schüler wird es immer geben, aber das Ausmaß, wie es sich in der Überforderung und Überlastung an den Schulen zeigt, spiegelt unsere Gesellschaft wieder. Schaut man sich um, wundert es mich nicht: die Menschen rackern sich ab, um über die Runden zu kommen oder materiellen Dingen nach zu jagen. Zeit und Kraft für Familie und Kinder bleibt wenig. Als Vollzeitarbeitnehmerin mit zwei Kindern kann ich behaupten, dass ich weiß, wovon ich spreche.

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