„Kollege positiv getestet“: Das Coronavirus erreicht den Schulalltag

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HANNOVER. Klassenfahrten werden abgebrochen, Schulkinder müssen zur Sicherheit zuhause bleiben, in Stade ist der erste Lehrer infiziert – das neuartige Coronavirus hat endgültig den Alltag vieler Schulen erreicht. Wie gehen die Einrichtungen damit um? Von Panik kann keine Rede sein. Nervosität ist allerdings zu spüren.

Ein Konvoi von Rettungskräften fuhr nach Südtirol, um Schüler von der Skifreizeit abzuholen. Foto: Martin Jäger / pixelio.de

Von Corona-Panik ist bei Schulleiterin Elfriede Schöning nicht viel zu merken. Die Rektorin des Vincent-Lübeck-Gymnasiums in Stade sitzt am Donnerstag in ihrem Büro und erzählt mit ruhiger Stimme, wie sie die letzten Stunden erlebt hat: «Gestern Abend um halb Acht kam der Anruf eines Kollegen, dass er positiv getestet sei und das Coronavirus hat.»

Sie habe daraufhin mit dem Gesundheitsamt des Landkreises Rücksprache gehalten. Die Entscheidung: Der Unterricht findet trotzdem statt, Eltern können frei wählen, ob sie ihre Kinder zuhause lassen. Da der betroffene Lehrer seit Freitag nicht mehr in der Schule war und er erst am Montag erste Symptome zeigte, bestehe für die Schüler keine Ansteckungsgefahr, sagt Amtsärztin Ilka Hedicke. Dementsprechend sei auch nur jeder zehnte Schüler am Donnerstag zuhause geblieben.

Schüler hatten Kontakt mit einer infizierten Person

Während sich Stade in Normalität übt, hat das Coronavirus andernorts stärkere Auswirkungen. Im Landkreis Celle blieb am Donnerstag eine Grundschule den zweiten Tag in Folge geschlossen. Hier hatten zwei Schüler Kontakt mit einer infizierten Person. Testergebnisse lägen noch keine vor, sagt ein Sprecher. In Uetze, wo am Wochenende der erste niedersächsische Corona-Fall bestätigt wurde, blieben am Montag zwei Grundschulen vorsorglich geschlossen.

Dramatisch mutet hingegen eine Rückholaktion der Stadt Osnabrück an: Hier wurde am frühen Donnerstagmorgen ein Konvoi mit zwei Ärzten, Rettungsassistenten und Eltern auf den Weg geschickt, um 55 Kinder von der Skifreizeit in Südtirol zurückzuholen. Der Grund: Ein Kind hatte während der Schulfreizeit Fieber bekommen, inzwischen seien zwei weitere Kinder erkrankt. «Wir können nicht ausschließen, dass es Corona ist», begründete ein Sprecher der Stadt die Aktion. Einen Beitrag zur Panikmache sieht er darin nicht: Die Rückholung sei mit Ärzten abgesprochen und die einzig sinnvolle Entscheidung.

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Schulleiter hätten gerne einheitliche Richtlinien

Eine übergeordnete Regelung, wann der Unterricht wegen des Coronavirus abgesagt wird oder welche Klassenfahrten vertretbar sind, gibt es derzeit nicht. Letztlich bewerten die Gesundheitsämter vor Ort das jeweilige Gesundheitsrisiko und veranlassen notfalls den Ausschluss einzelner Schulen vom Unterricht, wie ein Sprecher der Kultusministerkonferenz mitteilte. Weder von dort, noch aus dem niedersächsischen Kultus- und dem Gesundheitsministerium gibt es Anzeichen, dass sich dieses Vorgehen in nächster Zeit ändern wird.

Kritik kommt vom Deutschen Schulleitungsverband: «Es wäre schon gut, wenn es da einheitliche Richtlinien gäbe», sagt die Vorsitzende Gudrun Wolters-Vogeler. Sie wünscht sich mehr Rechtssicherheit für die Schulleitungen – und Antworten auf konkrete Herausforderungen. «Was passiert denn mit den Kindern, wenn die Schulen geschlossen bleiben? Wer betreut die? Da brauchen wir eine Lösung wie in Italien.» In Italien, wo derzeit landesweit die Schulen geschlossen sind, erwägt die Regierung Hilfen für Eltern, die nicht zur Arbeit gehen können.

Von italienischen Zuständen ist Niedersachsen noch weit entfernt, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums betont. «Dort zirkuliert das Virus weitgehend unkontrolliert.» In Deutschland und Niedersachsen könne man bisher alle Kontaktpersonen von Infizierten ermitteln und die Ausbreitung somit eindämmen. Man müsse sich aber schon überlegen, ob jede Klassenfahrt nach Südtirol derzeit unbedingt sein müsse.

Kinder sind durch das Coronavirus nicht sonderlich gefährdet

Und bei all den Debatten gilt: Für die allermeisten Kinder ist das neuartige Coronavirus keine große Gefahr. Komplizierte Verläufe gebe es insbesondere bei älteren Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, sagt die Kinderärztin Tanja Brunnert.

In Stade wird die Schule weiterhin geöffnet bleiben, größere Einschränkungen für den Unterricht erwarten die Verantwortlichen nicht. «Die Stimmung ist schon ein bisschen angespannt», sagt hingegen Zehntklässler Tom. Von den 26 Schülern in der betroffenen Klasse seien am Donnerstag nur 8 in der Schule erschienen. Zu wissen, dass Corona jetzt die eigene Schule erreicht hat, sei ein komisches Gefühl. Von David Hutzler und Sina Schuldt, dpa

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