„Lernen mit Herz und Hand“: 100 Jahre Gartenarbeitsschulen in Berlin

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BERLIN. Große Gewächshäuser in Pankow, eine Binnendüne in Wedding und eine Schafherde in Neukölln: Die Berliner Gartenarbeitsschulen bieten ihren jungen Besuchern neben klassischer Beetarbeit auch viele Besonderheiten. Die älteste Schule wird jetzt 100 Jahre alt. Doch die Feier muss verschoben werden.

„Gefeiert wird später“: Das Jubiläum der Berliner Gartenarbeitsschulen muss in diesen Wochen im Stillen begangen werden. Foto: Shutterstock

Auf den Wiesen weiden Schafe, darunter munter umherspringende Lämmer. Im Gewächshaus setzen Gärtner Jungpflanzen um und auf der Obstwiese werden alte Apfelbäume zurechtgestutzt. Ein Natur-Idyll auf mehr als drei Hektar mitten in der Großstadt: Die August-Heyn-Gartenarbeitsschule in Berlin-Neukölln wird Ostern 100 Jahre alt und ist damit laut Leiterin Yasmin Mosler-Kolbe nicht nur die größte, sondern auch die älteste in Berlin.

Vom Reformpädagogen August Heyn gegründet

Normalerweise gärtnern, forschen, basteln, kochen, backen und werken hier Kindergartenkinder und Schüler. Auch für Erwachsene gibt es Angebote. Doch wegen der Coronakrise fällt das alles vorerst aus. Auch die 100-Jahr-Feier muss verschoben werden. «Statt am 15. Mai wollen wir nun am 4. September feiern», so Mosler-Kolbe. Der einzige junge Gast in der Schule ist zur Zeit ihre zweijährige Enkelin Ida, die vorsichtig auf Tuchfühlung mit den Lämmern geht.

Die vom Reformpädagogen August Heyn gegründete Gartenarbeitsschule ist eine von zwölf Einrichtungen in Berlin, die laut Bildungsverwaltung 2019 von rund 192.000 Nutzern besucht wurden. Allein Neukölln hatte 27.000 Schüler zu Gast.

«Hier können die Kinder mit Herz und Hand lernen», sagt die Leiterin Mosler-Kolbe. Gerade für Stadtkinder sei der Kontakt mit der Natur so wichtig. Oft erlebe sie bei ihnen Berührungsängste, etwa bei der Untersuchung von Bodenlebewesen. Doch im Laufe der Zeit verfliege die Angst meist.

«Das Beobachten und Beschreiben von Naturphänomenen bildet die Grundlage für späteres Verstehen von komplexen ökologischen Zusammenhängen», betont auch die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten, Dorothee Benkowitz. Doch längst nicht jede Schule könne ihren Kindern entsprechende Möglichkeiten bieten.

In der DDR gab es obligatorischen Schulgartenunterricht

«Vorsichtig geschätzt haben bundesweit etwa 30 Prozent der Schulen einen Schulgarten oder ein naturnah gestaltetes Schulgelände», sagt Benkowitz. In der DDR war die Arbeit in Schulgärten üblich, es gab obligatorischen Schulgartenunterricht. «Außer Thüringen haben das Fach aber alle inzwischen abgeschafft», sagt Benkowitz. Oftmals würden heute Arbeitsgemeinschaften angeboten.

Die Gartenarbeitsschulen in Berlin ergänzen das Netz der Berliner Schulgärten. Laut Isabell Simonsmeier von der Bildungsverwaltung haben die Einrichtungen den gemeinsamen Auftrag, Aspekte zu den Themen Biodiversität, Boden, Klima, Ernährung und Bewegung zu vermitteln. Jeder Standort habe seine eigenen Besonderheiten.

So werden demnach zum Beispiel in Friedrichshain-Kreuzberg Schüler mit sonderpädagogischem besonders eng eingebunden. In Lichtenberg können Kinder einen Ernährungsführerschein machen. Pankow hat große Gewächshäuser und die Spandauer Einrichtung eine Permakultur. Mit der einzigen erhaltenen innerstädtischen eiszeitlichen Binnendüne wiederum punktet Mitte.

Durch Themen wie Urban Gardening, Gesunde Ernährung-Slow Food und Insektensterben seien Schulgärten als Lernorte wieder populär geworden. «Allerdings klagen viele Lehrer über Zeitmangel und sehr wenig Anerkennung», so Benkowitz, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

„Wir könnten 20 Klassen am Tag betreuuen, aber…“

Ein Personalproblem hat auch die Neuköllner Gartenarbeitsschule.  Die Nachfrage nach dem Programm mit 80 verschiedenen Angeboten sei sehr groß. «Doch uns fehlt leider das Personal, um alle Wünsche erfüllen zu können», sagt Mosler-Kolbe, deren Team mit sechs Gärtnern von MAE-Kräften unterstützt wird. Im Hauptgebäude der Schule gibt es fünf Arbeitsräume. «Dort könnten wir eigentlich 20 Klassen am Tag betreuen, es sind aber faktisch nur 4 bis 6 Klassen täglich».

Laut Simonsmeier wurden die Gartenarbeitsschulen seit 2016 mit zusätzlichem Geld gestärkt. Leiterin Mosler-Kolbe berichtet aber von einem Rückgang der Zahl der vom Jobcenter finanzierten MAE-Kräfte, die die Gruppen betreuen. Daher könnten weniger Schüler betreut werden als noch vor einigen Jahren.

Die Kosten für die Gartenarbeitsschulen lagen laut Verwaltung 2019 bei 6,3 Millionen Euro. Von Verdrängung sind diese grünen Oasen in der Großstadt nicht bedroht. «Über Wohnungsbauvorhaben, die einen Standort bedrohen, liegen der Senatsverwaltung keine Informationen vor», so Simonsmeier. Von Anja Sokolow, dpa

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