Schule geschlossen: Wie sich Lehrer, Eltern und Schüler im Notstand einrichten

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HEINSBERG. Jetzt trifft es alle: Praktisch alle Schulen in Deutschland werden nächste Woche wegen des Coronavirus geschlossen. Im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg ist das schon Alltag. Schüler, Eltern und Lehrer müssen seit Wochen mit geschlossenenen Kitas und Schulen umgehen. Wie das funktioniert? Mehr schlecht als recht. Ein Ortsbesuch.

Deutschland im März 2020: Das Coronavirus wirbelt den Alltag von immer mehr Menschen durcheinander (hier ein Berliner Supermarkt nach Hamsterkäufen). Foto: Shutterstock

Gerade ist für Schulleiter Hans Münstermann nichts mehr selbstverständlich: Nicht das Gespräch mit seinen Lehrerkollegen, der Kontakt mit den Schülern, die Vorbereitung aufs Abi, der Unterricht. Das Schulleben im Kreis Heinsberg ist wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus seit gut zwei Wochen aus den Fugen – und damit eben auch im Carolus-Magnus-Gymnasium in Übach-Palenberg. Seit dem ersten Infektionsfall in NRW direkt nach Karneval sind die Schulen im Kreis dicht.

Seit Freitag ist nun klar: Die Schulen schließen in der kommenden Woche landesweit bis zu den Osterferien, um die Epidemie einzudämmen. Die Ferien beginnen am 6. April – damit sind die Einrichtungen im bevölkerungsreichsten Bundesland etwa fünf Wochen zu.

Berufstätige Eltern haben ein großes Problem

Im Kreis Heinsberg haben sich viele längst darauf eingestellt – auch Frank Reifenrath. Er ist Vater einer sechsjährigen Tochter, die in die erste Klasse der Grundschule in Heinsberg-Dremmen geht. «Eltern oder Alleinerziehende, die zu festen Zeiten an ihrem Arbeitsplatz erscheinen müssen – etwa in Pflegeberufen – haben zur Zeit ein richtiges Problem», sagt der 52-Jährige. Daran ändere die große Hilfsbereitschaft in dem ländlichen Gebiet kaum etwas.

Die Eltern der Grundschule sind ohnehin in WhatsApp-Gruppen organisiert. Seine Frau ist in der Obstgruppe, die den Kindern für die Pausen etwas zurechtmacht. Die Absprachen sind schnell und unkompliziert. «Heute kommt die beste Freundin meiner Tochter, und die Mutter geht dann eine Schicht arbeiten – vier, fünf Stunden», erzählt Reifenrath. In der Regel seien da ja auch noch Freunde und Verwandte, die mal einspringen.

Schwerer hätten es da die Zugezogenen, von denen sich Verwandte und Freunde nicht mehr in die Risikoregion trauten. Ohne die Hilfe vor Ort wäre so mancher richtig aufgeschmissen.

Restlicher Schulbetrieb läuft irgendwie weiter

Der Leiter des Carolus-Magnus-Gymnasiums steht vor ganz anderen Problemen: Er muss den restlichen Schulbetrieb irgendwie weiter am Laufen halten, wie Münstermann sagt. Nicht nur wegen der bevorstehenden Abiturprüfungen. Auch wegen der Lernmoral der rund 650 Schüler, die ohne jeglichen Impuls irgendwann ganz im Keller wäre. Was hilft? Nicht viel. «Die Kanäle in der Schule sind darauf ausgerichtet, dass man in Präsenz in der Schule ist. Gesprächsrunden macht man nicht einfach mal in einer Telefonkonferenz. Dafür haben wir privat keine Telefone», sagt Münstermann. Die Technik – nicht nur an dieser Stelle ein Problem. Zusammenkommen sollen die Lehrer ja nicht. Der Schulleiter muss sie einzeln zum Gespräch einbestellen.

Ausnahmesituation herrschte bei den Vor-Abi-Klausuren: Das ganze Kollegium war im Einsatz. Damit sich niemand ansteckt, waren rund 80 Schüler auf 14 Klassenräume verteilt – schön weit verstreut. Das Abitur ist ein Thema für sich: Bei den Abi-Vorbereitungen sind die Schüler so ziemlich auf sich gestellt, wie Münstermann deutlich macht. In einem passwortgeschützten Bereich finden sie zwar Übungsaufgaben. Doch auch das sei nicht unproblematisch: «Man darf sich nichts vormachen. 17- und 18-Jährige haben es ohne Lehrer und ohne Erklären sehr schwer.» Es sind eben noch Schüler – und keine Studenten.

Schüler müssen sich selbstständig die Themen erarbeiten

Grundsätzlich findet Abiturient Maximilian Kubicki gut, dass in dieser Ausnahmesituation konsequenz Schulen geschlossen werden.  Aber was das für sein Abi bedeutet, bereitet nicht nur ihm Kopfzerbrechen. «Es ist nicht Sinn von Schule, dass Schüler sich selbstständig die Themen erarbeiten müssen», meint er. Ob die notgedrungen weitgehend autodidaktische Vorbereitung dann für die zentralen Abiklausuren reicht, bei denen der Stoff ja als bekannt vorausgesetzt wird, weiß niemand. Das müsse doch bei den Prüfungen berücksichtigt werden, hofft der Schüler.

Auch wenn das Abi absolute Priorität für die Schule hat, jetzt geht es auch um Lösungen für die anderen Schüler. «Wenn die Kinder jetzt bis Ostern, seit Karneval überhaupt keinen Unterricht haben und nichts von uns zu hören bekommen, dann ist das für die Arbeitsmoral nicht besonders gut», sagt der Schulleiter. Die Schule sucht eine technische Möglichkeit für den Unterricht übers Netz: «Damit wir es haben, wenn die Situation länger dauert.» Live-Unterricht werde wohl nicht gehen – bei der geringen Datenleistung, die der Schule zur Verfügung stehe. Von Elke Silberer, dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Jetzt rächt sich die immer nur bröckchenweise Investitionen die Schulen. Was andere Länder lange können, ist in Deutschland einfach undenkbar, das Internet, fehlende Einverständniserklärungen oder der Datenschutz machen im Zweifel einen Strich durch die Rechnung.
    Im Normalfall dürfte ein Lehrer (wenn er es sich nicht hat genehmigen lassen, und dann gleichzeitig auch quasi die Haftung für alle Eventualiäten tägt) nicht mal die Namen oder ne Emailadresse der Schüler in seinem PC haben. Ich glaube sowas gibt es auch nur bei uns….. kann man sich ja jetzt mal überlegen, ob einem da jetzt ein Overheadprojektor weiterhilft, denn auf dem Stand sind viele Schulen noch.

  2. Zum Thema Hamsterkäufe auf dem Photo:
    Der Amerikaner kauft Medizin und Waffen.
    Der Italiener deckt sich mit Grappa und Zigaretten ein.
    Der Franzose versorgt sich mit Rotwein und Kondomen.
    Der Holländer kauft Käse und Haschisch.
    Der Deutsche kauft Klopapier und Mehl.
    Ich bin im falschen Land.

  3. Lehrer und Lehrerinnen: Informiert euch doch mal im Internet über die modernen Möglichkeiten der KREATIVEN Wissensvermittlung. Seid mal innovativ, denkt um die Ecke, lasst euch mal was einfallen. Ich erwarte, dass ihr Lehrer und Lehrerinnen euren Bildingsauftrag an meinem Kind erfüllt! Auch in der Coronakrise. Dafür werdet ihr gut bezahlt! Ideen gefällig?Schaut doch mal bei YouTube rein…. Lehrerschmidt gibt da zahlreiche Ideen. Auch für Lehrer.

    • Nee, ich mache das, was vorgegeben ist. Das betrifft die technichen Möglichkeiten, die ich in der Schule habe, die Software, deren Lizenzen ich nicht privat finanzieren muss, die rechtlichen Vorgaben bezüglich des Datenschutzes etc.
      Dazu gehört, dass viele Admins der Kommunalverwaltungen, die für die Schulen zuständig sind, Youtube auf den Schulnetzen gesperrt haben.

      In Zeiten wie diesen, in denen suS ihre Aufgaben per Email über das Internet erhalten, merkt man recht schnell, dass in einigen ländlichen Bereichen die Übertragung von Datenpaketen recht mühselig ist. Hinzukommt die Frage, waru, ich, wenn ich zu Home-office verpflichtet werden, nicht wie in der freien Wirtschaft Diensthandy und Labtop vom Arbeitgeber gestellt bekomme, sondern meine privaten Ressourcen nutzen soll.

      Im übrigen habe ich keinen Bildungsauftrag – weder Ihrem noch einem anderen Kind gegenüber. Den Bildungsauftrag – also die Vermittlung von Kompetenzen – liegt bei den Ländern. Als Angestellter des Landes muss ich nur das machen, was in meinem Arbeitsvertrag steht und das, wozu ich angewiesen werden. Alles Andere ist wünschenswert, wird aber nicht bezahlt und fällt somit aus. Kreativität kann im übrigen nicht dienstlich angeordnet werden!

      Btw Sie vergessen, dass der schulische Auftrag sich nicht nur auf die Bildung bezieht, sonden ebenfalls die Verpflichtung zur Erziehung umfasst.

    • Ich denke an ihrer Antwort erkannt man nur eine Sache: man sieht, dass Eltern bereits nach einer Woche überfordert mit ihrer Brut sind und deshalb sollten insbesondere Sie sich in Zukunft wie viele andere auch zurücknehmen, wenn es wieder heißt, seinen Senf bei schulischen Angelegenheiten als Laie dazugeben zu wollen.

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