Debatte um verkürzte Sommerferien läuft weiter: Zeit für Förderung nutzen?

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BOCHUM. Für den Vorschlag, die Sommerferien zu verkürzen, hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble heftige Kritik einstecken müssen. Doch auch Experten wie die Bochumer Familienforscherin Birgit Leyendecker können einer Ferienverkürzung etwas abgewinnen.

Kinder bestimmter Altersstufen werden nach den neuesten Beschlüssen der Regierung vielleicht erst wieder im August in die Schule zurückkehren. Dann sind seit Beginn der Coronakrise fünf Monate vergangen. Im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“ hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble angeregt, die Schulferien in der Sommerzeit „etwas“ zu verkürzen. Ein solcher Schritt böte nach Schäubles Ansicht Schülern die Gelegenheit, den durch die Corona-Pandemie versäumten Unterrichtsstoff nachzuholen.

Sommerferien scheinen vielen derzeit kaum vorstellbar. Bundestagspräsident Schäuble hat indes eine Debatte losgetreten. Foto: Pierre-Laurent Durantin / Pixabay (P. L.)

Nicht alle Kinder werden diese lange Zeit ohne Lerndefizite überstehen, sind sich auch Experten des wissenschaftlichen Beirats für Familienangelegenheiten des Bundesfamilienministeriums sicher.

Beiratsmitglied Birgit Leyendecker von der Ruhr-Universität Bochum etwa regt an, über eine Neugestaltung der Sommerferien nachzudenken. So könne man die üblichen sechs Wochen beispielsweise reduzieren, damit die Kinder und Jugendlichen ausreichend Zeit haben, um mithilfe von Unterstützungsangeboten eventuell entstandene Lerndefizite aufzuholen. Für Familien könnten so Handlungsspielräume geschaffen werden.

„Die Pandemie verstärkt sehr wahrscheinlich bestehende soziale Ungleichheiten in Deutschland und belastet Familien höchst unterschiedlich. Darum brauchen Kinder und Jugendliche in diesem Sommer vielfältige Angebote, damit sie gut in das neue Schuljahr starten können. Dies wäre ein notwendiger Beitrag nicht nur zur Bildungsgerechtigkeit, sondern auch zur Familiengerechtigkeit“, erklärt Leyendecker. Eine Diskussion zur kreativen Nutzung und Umgestaltung des Sommers 2020 solle deshalb kein Tabu sein.

Die Coronakrise habe somit bereits jetzt das Potenzial, sozial bedingte Unterschiede weiter zu verschärfen und die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen ungleich zu schwächen. Denn es sei nach den sogenannten Coronaferien die Verschärfung eines Effekts zu erwarten, der aus Bildungsforschung und Schulpraxis seit Langem bekannt ist: Die Bildungsschere zeigt sich nach den Sommerferien besonders drastisch.

Während Schüler aus Haushalten mit vergleichsweise wenig Ressourcen viel Zeit benötigen, um das vorher Gelernte zu aktivieren, können Kinder und Jugendliche aus ressourcenstarken Haushalten über die Ferien ihren Wissensstand halten oder sogar noch ausbauen. „Normalerweise reduzieren sich diese Unterschiede im Laufe des Schuljahres. Die unterschiedlichen Kapazitäten in den Familien werden jedoch dazu führen, dass Unterschiede durch die durch Corona hervorgerufene Zwangspause noch weiter verstärkt werden“, so Leyendecker. Die Familienforscherin empfiehlt daher: „Wir brauchen im Sommer und bis in den Herbst hinein ein breit angelegtes Bildungs- und Begleitungsangebot von guter Qualität und dafür eine breit angelegte gesellschaftliche Solidarität.“

Erholung ja, aber nicht unbedingt sechs Wochen lang

Alle Kinder und Jugendliche brauchen Zeit mit ihrer Familie, für Erholung und selbstbestimmte Aktivitäten, aber in diesem Jahr müssten es nach Meinung des Expertengremiums vielleicht nicht sechs Wochen sein. Viele Kinder und Jugendliche seien nach der abrupt eingeleiteten Phase des Homeschoolings angewiesen auf gezielte Lernangebote, auf Unterstützung in einzelnen Fächern, auf kreatives Üben und Wiederholen.

Auch Eltern seien in diesen Ferien auf andere Unterstützung angewiesen als sonst: So hätten viele von ihnen nicht mehr genügend Urlaubstage für gemeinsame freie Zeit. Mütter und Väter benötigten darüber hinaus eine Entlastung von der Sorge, dass ihr Kind im neuen Schuljahr den Anschluss nicht finden könnte, weil zu viel versäumt wurde. (zab, pm)

Schäuble tritt Debatte um verkürzte Sommerferien los – und erntet Widerspruch

 

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10 KOMMENTARE

  1. Ich will ja nicht meckern, aber erstens glaube ich nicht, dass Schäuble die Pädagogik im Sinn hatte, als er das sagte, eher die Wirtschaft & zweitens: Frau Prof. Leyendecker mag Expertin sein, dies ist aber eine Einzelmeinung. Eure Überschrift suggeriert mehrere Experten. Abgesehen davon ist Frau Prof. Leyendecker Familienforscherin – was sagen denn die Lehrer zu Herr Schäubles Vorschlag. Die Kolleginnen und Kollegen, die gerade hart arbeiten, sind das nicht die eigentlichen Experten?

    • Ist doch klasse. Dann nehme ich, wie der Staatssekretär in NRW für Bildung sagte, den Urlaub wann anders, da Ostern ja ausgefallen ist.

      Als Beamter habe ich ja 30 Urlaubstage, die nehme ich dann im September oder November, wenn eigentlich Unterricht wäre…

      • Was ist mit den Parlamentsferien? In en letzten Sitzungswochen habe ich auch nur wenige Abgeordnete in den Plenarsälen gesehen – also können die nicht gearbeitet haben. Folglich braucht es auch keine Parlamentsferien.

  2. Wer glaubt eigentlich, dass die Spezies Schüler, die die letzten Wochen komplett untergetaucht und auf keinem Kommunikationsweg zu erreichen war, dann freiwillig in den Ferien in die Schule kommt, um gefördert zu werden? Selten so gelacht…

  3. An der Stelle könnten Politiker ja auch Mal sagen, welch großartigen Job die Lehrer hier seit Jahren leisten. Nach jeder Pisa Studie heisst es immer, dass die Kinder von bildungsbenachtiligten Familien in Deutschland besonder schlecht da stehen im Schulsystem.

    Ich glaube an der Stelle merkt man einmal, wie schlimm dieses Drama wäre, wenn die Schulen nicht schon alles in ihrer Macht stehende tun würden, um diesen Kindern eine Chance zu bieten, aber einfach an ihre Grenzen stoßen, wenn im Elternhaus etwas anderes vorgelebt wird und die nötige Unterstützung der Schule fehlt.
    Vll. sollte man in Zukunft einmal darüber nachdenken, wie man diese Familien grundsätzlich eher in unsere Gesellschaft intergrieren kann, weil dadurch automatisch diese Benachteiligung deren Kinder abnehmen wird.

  4. Traurig dieser Vorschlag. Erstens haben die Kinder keine Corona Ferien. Nein, sie müssen sich selbständig Unterrichtsstoff erarbeiten. Zweitens finde ich es eine Frechheit jetzt auch noch über meinen Urlaub zu bestimmen. Wir haben die letzten 2 Wochen in den Sommerferien Urlaub. Sollen wir den ohne unserem Kind machen.
    Setzt euch lieber hin und macht Hausaufgaben, schreibt die Lehrpläne um damit versäumtes im nächsten Schuljahr nachgeholt werden kann. Aber bestraft nicht die Kinder und uns.

    • Nee, die lehrpläne schreiben die, die jetzt die verschiebung oder Verkürzung der Sommerferien einforden, bestimmt nicht um. Das geht wie immer, das wird angeordnet und muss dann von den lehrkräften erledigt werden. Also vormittags Unterricht nzw. bis 16:00 Uhr im Ganztag, nebenbei die Lerngruppen, die auf Distanz lernen – also zuhause, mit Material versorgen und anschließend – der Virus ist ja noch da – in Kleinstgruppen die schulinternen Curricula überarbeiten. Die Umsetzung erfolgt selbstverständlich ab Juli im laufenden Betrieb. Bis Weihnachten 2020 müssen dann die Ergebnisse evaluiert sein, damit bis zum Beginn des zweiten Halbjahres des Schuljahres 2020/21 mit der überarbeitung begonnen werden kann. Wegen der Reibungsverluste im Schuljahr 2020/21 und dem immer noch nicht zur Verfügung stehenden Impfstoffes und der weltweiten Reisewarnung, werden dann die Sommerferien 2021 verlegt bzw. ersatzlos gestrichen. Endlich müssen die „faulen Säcke“ auch ‚mal arbeiten!

  5. Das finde ich unverschämt von den Herren da ich im Krankenhaus arbeite da ich meine Familie nicht besuchen kann und da ich meinen Urlaub nicht im nächsten Jahr nehmen kann. Wenn sich das gesetzt endet das wir 4 Wochen Urlaub nehmen können wehre es gut aber sich immer das so zu lägen wie er will sollte er langsam aus der Politik austreten weil er nicht mehr richtig denken kann. Wir sind alle Menschen keine Esel die nur arbeiten dürfen.

  6. Das ist wirklich mehr als frech und dreist !
    Unsere Kinder hatten keine Ferien. 6-8 Stunden pauken pro Tag inklusive Wochenende und Osterferien. Dazu Ausgangssperre und Kontaktverbot.
    Was wollt ihr den Kids noch alles auf die Schultern laden ?
    Unsere gehen sicher nicht in die Schule. Bei 30-35 Grad in überhitzten Klassenzimmern zu sitzen als Belohnung für Wochenlange sSchinderei. i. Das ist mehr als unsolidarisch.
    Sollen doch bitte die Kinder schwitzen, die die letzten Wochen frei hatten. Und am besten dürfen nur die Eltern dann die drei freien Wochen haben, die keine Betreuung haben. Und alle, die unter Einsatz ihrer Gesundheit doppelt und dreifach gearbeitet haben, gucken in die Röhre. So sieht wirkliche Solidarität aus. Soviel Respektlosigkeit auf einen Haufen hab ich noch nicht gesehen.
    Als ob die Schüler, die jetzt nichts gemacht haben dann im Sommer in die Schule gehen würden. Das ist so lächerlich.
    Und wer entscheidet dann, wer getrennt von seinen Kids Urlaub machen darf ?

  7. Kinder haben einen gesetzlichen Anspruch auf 75 Ferientage.
    Wäre Coronafrei Ferien gewesen, hätte die Regierung das vorher festlegen müssen.
    So sind die vollen Ferien einklagbar.

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