Hyperaktivität, emotionale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten – aktuelle Studie weist auf mehr psychische Probleme bei Kindern in der Corona-Krise hin

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HAMBURG/BERLIN. Kein normaler Schulbetrieb, wenig persönlicher Kontakt zu Freunden: Die Corona-Pandemie hat das Leben von Kindern und Jugendlichen in Deutschland wochenlang völlig verändert. Welche Spuren hinterlässt das? Eine neue Studie gibt Antwort.

Die Corona-Krise hat einer Studie zufolge die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland stark belastet. Foto: Gerd Altmann / Pixabay (P. L.)

Sie sind häufiger gereizt, niedergeschlagen oder können schlecht einschlafen: Die Corona-Krise hat die Lebensqualität und psychische Gesundheit von vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland einer neuen Studie zufolge verschlechtert. Betroffen seien vor allem Kinder aus ökonomisch schwächeren Familien, sagt die Leiterin der sogenannten Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Ulrike Ravens-Sieberer. „Die meisten Kinder und Jugendlichen fühlen sich belastet, machen sich vermehrt Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit und beklagen häufiger Streit in der Familie.“ Bei jedem zweiten Kind habe das Verhältnis zu seinen Freunden durch den mangelnden physischen Kontakt gelitten.

Die Copsy-Studie war laut UKE die erste bundesweite Studie ihrer Art. Die Wissenschaftler befragten in Zusammenarbeit mit infratest dimap zwischen dem 26. Mai und 10. Juni mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren per Online-Fragebogen zu ihrer aktuellen Situation. Auch mehr als 1.500 Eltern von Kindern zwischen sieben und 17 Jahren nahmen teil. Um herauszufinden, wie sich die Werte verändert haben, verglichen sie die UKE-Forscher mit vor der Corona-Krise erhobenen Daten bundesweiter Studien.

Konzepte zur Unterstützung von Eltern gefordert

Die Ergebnisse sollen Handlungsempfehlungen für die Prävention liefern. „Wir brauchen dringend Konzepte, wie wir die Familien in belasteten Phasen besser unterstützen können“, so Ravens-Sieberer. Im März 2020 habe sich das Leben für die Kinder und Jugendlichen schlagartig verändert. Auch die Stimmung in den Familien habe sich verschlechtert, es habe mehr Streit gegeben. 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen spürten der Studie zufolge im Zuge der Pandemie seelische Belastungen. Zwei Drittel der Befragten sehen ihre Lebensqualität als niedrig an – vor der Krise waren es laut UKE nur ein Drittel. „Wir haben mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens in der Krise gerechnet. Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht“, sagt Ravens-Sieberer.

Das Risiko für psychische Auffälligkeiten steige von rund 18 Prozent vor Corona auf 31 Prozent während der Krise. Hyperaktivität, emotionale Probleme und Auffälligkeiten im Verhalten gab es laut Studie häufiger. Auch psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Einschlaf-Schwierigkeiten seien vermehrt aufgetreten. „Fehlende finanzielle Ressourcen und ein beengter Wohnraum führen ebenfalls zu einem hohen Risiko für psychische Auffälligkeiten“, erklärt die Leiterin der Studie.

Ihr Fazit: „Also es gibt eine deutliche Zunahme an seelischer Belastung im Vergleich zu der Zeit vor Corona.“ Das müsse man sicherlich ernst nehmen. „Aber ich würde davor warnen, das zu dramatisieren“, sagte Ravens-Sieberer. Andere Befragungen hätten bereits gezeigt, dass die Belastungen mit zunehmenden Lockerungen abgenommen hätten. „Um das allerdings wissenschaftlich abzusichern, brauchen wir natürlich Daten im Zeitverlauf.“ Deshalb seien weitere Untersuchungen geplant, dabei solle es auch einen Vergleich mit anderen europäischen Ländern geben.

Bundesfamilienministerin Giffey: Kita- und Schulschließungen waren richtig

Unabhängig davon hat sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey aktuell dagegen ausgesprochen, das öffentliche Leben im Fall einer zweiten Corona-Welle erneut auf breiter Front einzuschränken. „Stattdessen müssen wir punktuell und regional auf die jeweilige Entwicklung reagieren», sagt die SPD-Politikerin dem „Focus“. Die Kita- und Schulschließungen zu Beginn der Pandemie bezeichnet sie rückblickend allerdings als richtig: „Wir mussten ein Szenario wie in Italien verhindern und dafür sorgen, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird.“ Das sei gelungen.

Mit Blick auf das neue Schuljahr fordert Giffey Verhaltens- und Hygieneregeln sowie Teststrategien, damit Schulen und Kitas so gut wie möglich im Regelbetrieb laufen könnten. „Kitakinder und Schulkinder sollten möglichst immer in ihren Gruppen und Klassenverbänden bleiben, damit sie sich nicht so sehr durchmischen. So können wir die Infektionswege begrenzen“, sagt sie. „Zudem müssen wir uns auf hybriden Unterricht vorbereiten. Präsenzunterricht und digitales Lernen sollten mehr verbunden werden.“

Währenddessen setzt sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für mehr bundesweite Abstimmung bei der Teststrategie und beim Thema Schulen ein. „Wir haben tatsächlich keine nationale Teststrategie. Das ist ein Manko aus meiner Sicht, weil das müsste vorbereitet werden für den Herbst“, sagte Lauterbach im ARD-„Morgenmagazin“. „So was Ähnliches bräuchten wir auch bei den Schulen. Wir bräuchten eine nationale Schulstrategie. Denn bisher weiß ja niemand, was wird an den Schulen passieren, wenn wir dort Ausbrüche sehen.“ In anderen Ländern habe man gesehen, dass Kinder sich anstecken und die Infektion auch weitergeben könnten. „Somit müssen wir uns überlegen, wie gehen wir damit um? Wir können ja nicht ständig die Schulen anfahren und wieder zurückfahren.“ (dpa)

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