Berliner Lehrer treten mit einem Start-Up gegen IT-Giganten im Rennen um die Digitalisierung für Schulen an

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Obwohl eine Vielzahl von Schulen noch nicht an das schnelle Internet angebunden sind, werden zunehmend Mittel aus dem Digitalpakt für Tablets und Notebooks ausgegeben. Als Alternative dazu hat ein Berliner Start-Up eine neuartige und verblüffend einfache Lösung entwickelt, mit der sich private Mobilgeräte der Schüler*innen rechtssicher und sinnvoll im Unterricht einsetzen lassen.

Rückenwind erhält das junge Unternehmen durch einen Berliner Investor und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die das Projekt im Rahmen ihrer Kampagne ”nachhaltig.digital” seit 2019 fördert.[1] Welchen Beitrag Smartphones bei der Digitalisierung der Bildung leisten können, haben die Berliner Lehrerinnen und Lehrer nun eindrucksvoll gezeigt.

Smartphones –  Schlafende Riesen in der Bildungslandschaft

Smartphones sind auch im Schulalltag allgegenwärtig: 93% der Jugendlichen besitzen ein solches Gerät, 90% bringen es zur Schule mit.[2] Trotzdem werden Leistungsfähigkeit und Tauglichkeit der Geräte für den Unterricht weiterhin massiv unterschätzt. Wegen des anhaltenden Wettbewerbs mit Spielkonsolen verfügen Smartphones mittlerweile über sehr leistungsfähige Prozessoren. Zudem lassen sie sich über Bluetooth leicht mit einer vollwertigen Tastatur verbinden und über W-LAN an beliebige Displays anschließen. Auf ihrer Homepage zeigen die Berliner Lehrer*innen, wie man ein Smartphone für circa 60€ in ein Netbook verwandelt, um es so nahezu unbeschränkt im Unterricht einzusetzen.[3] Aber auch ohne Tastatur und externes Display lassen sich Smartphones in der Praxis gewinnbringend als grafischer Taschenrechner, Wörterbuch, Formelsammlung, Recherche- oder Quizz-Tool nutzen.

Der Einsatz von Privatgeräten ist ökonomisch wie ökologisch sinnvoll und sozial gerecht

Dabei hat der Einsatz privater Mobilgeräte zahlreiche positive Aspekte. Zunächst ist er aus ökonomischer Sicht sinnvoll, denn laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung kostet die Anschaffung von Schulgeräten den Steuerzahler jährlich rund 800 Millionen Euro.[4] Aber auch aus ökologischen Gesichtspunkten lohnt sich der Rückgriff auf Privatgeräte. „Wenn wir unser Ziel erreichen und in 30% aller Unterrichtsstunden Privatgeräte verwenden, sparen wir jährlich 30t Kupfer, 570kg Silber sowie 55kg seltene Erden“ schätzt Oliver Laux, Gründer des Projekts. Wohin der aktuell praktizierte Umgang mit Elektronik führt, lässt sich am Beispiel von Kobalt verdeutlichen.[5] Das für die Herstellung der Akkus benötigte Erz wird im Kongo unter katastrophalen Bedingungen und dem Einsatz von über 40.000 Kinderarbeitern gefördert. Aber auch die Entsorgung der kurzlebigen Endgeräte gestaltet sich schwierig. So fallen jährlich 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an, von denen sich nur circa 20% fachgerecht entsorgen lassen. [6,7,8]

Das eigene Smartphones im Unterricht ganz ohne Ablenkung nutzen – Bring Your Own Device

Der Ansatz, durch den Rückgriff auf Privatgeräte die Anschaffung zusätzlicher Hardware zu minimieren, ist somit äußerst vernünftig – aber längst nicht neu. Besser bekannt unter „BYOD“, der Abkürzung für den englischen Ausdruck “Bring Your Own Device”, wird diese Idee bereits seit längerem ins Visier genommen. In der Praxis erwies sich jedoch die Gefahr der Ablenkung als größte Hürde. Bereits 2015 haben die britischen Forscher Beland und Murphy den negativen Einfluss einer ungeregelten Nutzung von Smartphones auf den Lernerfolg belegt. [9]

Zusammen mit IT-Spezialisten haben sich die Berliner Lehrer*innen in den vergangenen zwei Jahren diesem Problem gewidmet und die BYOD-Plattform „Smart-Learn“ entwickelt. Lehrer*innen können innerhalb der Plattform festlegen welche Webseiten oder Apps sie in ihrem Unterricht verwenden möchten. Während des Unterrichts läuft auf den Privatgeräten der Schüler*innen die kostenlose Smart-Learn App. Sie meldet dem System unter Berücksichtigung des Datenschutzes, ob das jeweilige Smartphone im Rahmen der festgelegten Regel benutzt wird. Dadurch behalten die Lehrer*innen den Überblick und können die Privatgeräte sogar in Prüfungssituationen einsetzen. Das System wird pünktlich zum neuen Schuljahr an den Start gehen und vielen Schulen eine schnelle und einfache Möglichkeit bieten, die Digitalisierung für ihren Unterricht voranzubringen.

Informationen
Homepage: https://smart-learn.online
Video: https://youtu.be/H1PkH_YW_J8
Ansprechpartner: Oliver Laux
Tel.: +49 162 3029778
E-Mail: oliver.laux@eduroom.de
Spendenkampagne “Smartphones für die Bildung”: www.kaputt.de/schulspende

 

Nachweise
[1] Pressemitteilung DBU
[2] JIM Studie 2019 des MPFS
[3] Pressemitteilung Smart-Learn auf News4Teachers
[4] Pressemitteilung Bertelsmann-Stiftung „Finanzierung Schul-IT“
[5] Pressemitteilung BGR „Studie Kobaltabbau im Kongo“
[6] Statista „Erzeugung von Elektroschrott weltweit“
[7] http://ewastemonitor.info/
[8] https://globalewaste.org/
[9] Veröffentlichung der Studie von Beland und Murphy (2015)

 

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6 KOMMENTARE

  1. Nette Idee, welche sich hoffentlich nicht durchsetzt und höchstens als Zwischenlösung dient. Das ist wieder nur ein Weg um Gelder zu sparen. Ich setze jetzt schon an geeigneten Stellen, und aus Mangel an Alternativen, Smartphones ein. Dies ersetzt aber weder Computer, Laptops noch Tablets. Bin zudem auf die Erfahrungsberichte gespannt, wenn Lehrer dann bei Problemen mit den Geräten Experte für 100 Betriebssysteme sein sollen. Gerade bei Androidgeräten sieht alles anders aus. Zudem wäre es nett eine Korrektur am Text vorzunehmen. So heißt es dort, dass die Nutzung kostenlos sei. Das gilt aber nur für den Einsatz in einer Klasse. Laut Webseite muss man für mehr ein Abo abschließen.

    • Lieber PeterMa,

      zunächst danke für das Lob. Die Idee, einen ökologisch nachhaltigen Medienmix aus Schul- und Privatgeräten einzustetzen, ist leider unumgänglich. Es geht uns als Kolleg*innen vorderrangig nicht darum Geld zu sparen, sondern Ressourcen. Ein Blick auf die Entwicklung des Erdüberlastungstags zeigt, dass weltweit 1,7 und in Deutschland sogar 3 Planeten benötigen werden um die Ressourcen unseres aktuellen Konsums zu decken. Von daher ist es fast alternativlos. Bei der Verwendung der Gelder würden wir es begrüßen, wenn weniger Geld in kurzlebige Endgeräte und dafür deutlich mehr in langlebige Infrastruktur und vor allem Inhalte investiert wird.

      Was den Mangel an technischen Alternativen anbelangt, würden wir gerne auf unser Projekt Schulbank 2030 verweisen. Hier haben wir getestet, wie sich Smartphones per WLAN an ein Displays und per Bluetooth mit Tastaturen verbinden lassen. Insgesamt lässt sich ein Smartphone für deutlich unter 100€ in ein Netbook verwandeln. (Artikel hierzu haben wir auf news4teachers veröffentlicht) Darüber lohnt es sich im Zuge der Digitalisierung nachzudenken.

      Ein Problem mit einem heterogenen Gerätepool mit einem hohen Anteil von Android-Geräten kännen wir nicht bestätigen. Im Gegenteil, Privatgeräte kommen mit dem Admin zur Schule. Die Lösung technischer Probleme hat bislang nicht einmal unserer Hilfe bedurft, dafür kennen die Jugendliche ihre Geräte einfach zu gut. Offen gestanden führt nach unserer Erfahrung erst der Einsatz von BYOD dazu, dass mit Technik Mittel zum Zweck anstatt Gegenstand des Unterrichts wird und wir uns mehr auf die Inhalte konzentrieren können. Vorher mussten wir einer Vielzahl von Kindern die Bedienung eines Tablets oder das UX/UI eines unbekannten Betriebssystems erklären. Es ist aber nicht unsere Aufgabe Schüler*innen ein anderes/ungewohntes UX/UI in unserem Unterricht beizubringen. Dafür ist die Zeit viel zu kostbar.

      Schlussendlich würden wir noch gerne auf den Hinweis zur Textänderung eingehen. Das „kostenlos“ im Text bezieht sich auf die Schüler-App. Die ist und bleibt kostenlos. Der Zugang für eine Lehrkraft ist, wie Sie richtig gesagt haben, für eine Lerngruppe kostenlos.

      Wenn Sie bereits Smartphones im Unterricht einsetzen und Ihre Erfahrungen gerne mit uns und den anderen Kolleg*innen teilen möchten, würden wir Ihnen hiermit gerne eine kostenlose Lizenz für das Online-Tool anbieten.

      Ihre BYOD-Kolleg*innen von Smart-Learn

      • Erstmal vielen Dank für die ausführliche und nette Antwort. Ich kenne den Artikel zum Netbook, auch wenn ich dies bis gerade nicht mit ihrer Plattform in Verbindung gebracht hatte. Auch da habe ich mir ehrlicherweise gedacht, wer auf diese Idee kommt. Es mag funktionieren, aber schön ist anders. Zudem sind auch unter 100 € für ein Provisorium nicht gerade wenig Geld.

        Ich finde den Aspekt der Ressourcennutzung aller Ehren wert, aber gerade Schule sollte sich als letztes dafür schämen.

        Ich habe ehrlich gesagt ganz andere Erfahrungen gemacht. Ja, es kostet Zeit Schüler die Einarbeitung eines Tablets zu erklären. Andererseits macht man es nur einmal und hat dann die volle Kontrolle. Dies ist auch nicht Teil des regulären Unterrichts. Meist sind die Schüler auch schneller fit, als die Kollegen…

        Um es mal ganz plump zu sagen: viele von uns genutzte Apps gibt es nicht für Android oder funktionieren darauf nicht so gut. Zudem ist die Android Version ein starkes Hindernis. Sie setzen voraus, dass Kinder über die neuesten Geräte verfügen. Was machen sie denn mit Kindern, deren Handys zum WhatsApp und telefonieren ausreichen, aber sonst zu nichts zu gebrauchen sind. Alleine eine simple Webseite wie Padlet führt bei Handys schon zu Problemen. Die Erfahrung musste ich selbst machen. Ein einheitliches System, welches auch immer, garantiert mir größtmögliche Sicherheit und die Schüler müssen sich nicht darum sorgen gegenüber finanziell gut ausgestatteten Elternhäuser und Mitschüler im Nachteil zu sein. Oder wollen sie mir weißmachen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Apple 11 Pro Max und einem Chinagerät von 2016 gibt, das seit 3 Jahren keine Updates mehr liefert?

        Schüler die Aufgabe des Admins zu übergeben finde ich auch sehr mutig. Solange alles funktioniert, ist alles gut. Wenn sich mal etwas aufhängt, das einloggen in WLAN nicht klappt oder was auch immer, steht man da schnell vor einem Problem.

        Mein Kommentar ist im übrigen nicht so böse zu lesen, wie er vielleicht klingt. Ich freue mich über jeden Kollegen, der sich Gedanken macht. Ich bin auch weit davon entfernt an unserer Schule ein zufriedenstellendes System aufgebaut zu haben.

  2. Hallo Dickebank,

    da müssen wir widersprechen. BYOD ist einfach der Wunsch bereits vorhandene Ressourcen zu nutzen. Im übrigen lässt sich mit BYOD der Lehrmitteletat zugunsten digitaler Inhalte entlasten. Und um die geht es doch eigentlich, oder nicht?

    Wir wissen, dass der Konsum von Technik gerade in Zeiten des Digital-Pakts eine heilige Kuh ist. Dennoch wagen wir hier die Stimme der Vernunft. Vorhandene Hardware (und private Smartphones sind nun mal in großem Maße vorhanden) nutzen und die wertvollen Mittel aus dem Digitalpakt nachhaltig und sinnvoll in langlebige Infrastruktur investieren. Das ist das Gebot der Stunde. Denn ob so schnell die nächsten Milliarden kommen, ist gerade angesichts der derzeitigen Lage mehr als fraglich.

    • Siehe Corona-Warn-App – einheitliche Ressourcen haben schon ihre Vorteile.

      Hätte man vor 5 bis 6 Jahren nicht unnötig Grlf für Smartboards ausgegeben und dafür Beamer in allen Räumen aufgehängt oder zumindest Dokumentenkameras zur Verfügung gestellt. wäre ausreichend Geld vorhanden.

      Alte Weisheit: Geld kann nicht weg sein, nur woanders! – Also geld, das mir fehlt, hat ein anderer, 10% der Bevölkerung hat eben die 50% aller Vermögenswerte, genauso wie die anderen 90% der Bevölkerung ebenfalls 50% haben. Die unteren Einkommensgruppen haben nicht einmal die Möglichkeit das FA zu hintergehen, die oberen fallen hingegen weniger bei der erschleichung von ALGII-Leistungen auf. So gleicht sich alles wieder aus.

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