Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.
BERLIN. Seit Monaten macht eine Lobby von praktizierenden Ärzten politischen Druck, um möglichst vollständige Schulöffnungen zu erreichen. Sie geben konkrete Handlungsempfehlungen („keine Masken im Unterricht“) und werden dabei von Kultusministern gehört, wie Recherchen von News4teachers aufzeigen. Das Problem: Die Mediziner kennen offenbar weder die Schulpraxis, noch sind ihre Aussagen durch den aktuellen Forschungsstand gedeckt.
„Die Gefahr, dass Lehrer sich bei ihren Schülern anstecken, ist geringer als beim Einkaufen gehen“, behauptet Dr. med. Wolfgang Kölfen. Der Professor ist nicht irgendwer: Kölfen führt den Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD). In der „Rheinischen Post“ appelliert der Verbandschef aktuell an politische Entscheidungsträger, „nicht angstgesteuert zu handeln“ – und Schulen auch dann geöffnet zu lassen, wenn Infektionen mit dem Coronavirus aufträten. „Wir müssen eine gewisse Zahl von Neuinfektionen akzeptieren. Das ist sozusagen eingepreist, um das normale Leben aufrechtzuerhalten und gehört zum alltäglichen Risiko.“
Umgangssprachlich ausgedrückt bedeutet das wohl: Ein bisschen Schwund ist immer.
“Das Risiko von Lehrern ist nicht größer”
„Inzwischen gibt es auch in Deutschland eine gute Studienlage, etwa die aktuellen Studien aus Bochum, Leipzig und Dresden. Und gerade diese Studien zeigen, dass die Infektionsrate bei Kindern deutlich geringer ist als bei Erwachsenen. Das gilt insbesondere für Kinder, die unter zehn Jahren alt sind“, meint Dr. med. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Chefarzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück, in einem aktuellen Interview mit der „Zeit“.
Er betont: „Das Risiko von Lehrern, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, ist nicht größer als in anderen Teilen der Gesellschaft, die in regelmäßigem Kontakt zu anderen Bevölkerungsgruppen stehen. Es macht keinen Unterschied, ob man vor einer Klasse steht, in einem Supermarkt an der Kasse sitzt oder in einer Arztpraxis arbeitet.“ Dass an Supermarktkassen oder in Arztpraxen Plexiglasscheiben die Mitarbeiter schützen und eine strenge Maskenpflicht gilt, verschweigt er.
Im Unterricht hingegen lehnt Rodeck einen solch umfassenden Schutz ab. „Bei Kindern unter zehn Jahren ist die Maskenpflicht aus unserer Sicht beispielsweise nicht sinnvoll. Erst bei extrem hoher Prävalenz sollte sie auch für sie gelten. Bei Kindern über zehn Jahre sind wir generell, also auch bei niedriger Prävalenz, für eine Maskenpflicht in der Schule. Allerdings nur dort, wo die Kinder nicht den Mindestabstand einhalten können. Also auf Schulhöfen und auf den Gängen.“
“Wenn der Abstand in der Klasse sichergestellt ist…”
Ähnlich hat sich die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Dr. med. Susanne Johna, geäußert: „Sinnvoll ist die Maske dann, wenn es eng wird, etwa beim Verlassen der Klasse, vor dem Schulkiosk oder auf dem Pausenhof, wenn mehrere Klassen gleichzeitig Pause haben.“ Mit Blick auf die in Nordrhein-Westfalen erlassene Maskenpflicht im Unterricht sagt sie: „Wenn alle auf ihren Plätzen sitzen und Abstand sichergestellt ist, macht das Tragen von Masken während der Unterrichtsstunden überhaupt keinen Sinn und wäre eine überflüssige Behinderung.“
Wenn… Das Problem ist allerdings, dass der Abstand im Unterricht eben nicht sichergestellt ist. Die Kultusministerkonferenz hat für den Unterrichtsbeginn nach den Sommerferien die bis dato geltende Abstandsregel von 1,50 Metern mit einem Beschluss von Juni außer Kraft gesetzt, und die nun ins Schuljahr gestarteten Bundesländer haben ihren Schulbetrieb entsprechend wieder weitgehend auf den Stand vor Ausbruch der Corona-Pandemie normalisiert. Anders wäre ein Regelunterricht mit vollbesetzten Klassen auch gar nicht durchführbar.
Nicht nur, was die Schulpraxis betrifft, demonstrieren die Ärztelobbyisten eine bemerkenswerte Unkenntnis. Auch der Stand der Forschung ist keineswegs so eindeutig, wie er von den Funktionären dargestellt wird.
Leopoldina: Das Risiko von unbemerkten Infektionen ist in Schulen groß
In einer am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina, an der unter anderem der Charité-Virologe Prof. Christian Drosten und der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Prof. Lothar Wieler, mitgearbeitet haben, heißt es: „Nach heutigem Erkenntnisstand ist davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche sich grundsätzlich mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und es auch weitergeben können – wenngleich manches darauf hinweist, dass dies jüngere Kinder weniger betrifft als ältere Kinder und Jugendliche. Vor diesem Hintergrund ist es entscheidend, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um das Risiko einer Ausbreitung innerhalb von Bildungseinrichtungen so gering wie möglich zu halten.“ (News4teachers berichtet ausführlich über die Stellungnahme – hier geht es zu dem Beitrag.)
Wenn Kinder und Jugendliche infiziert seien, zeigten sie zwar häufiger als Erwachsene keine oder nur milde Krankheitssymptome; nur selten träten schwere Symptome auf, und die Letalität – also die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben – sei bei ihnen äußerst gering. Aber: „Für die Kontrolle des Infektionsgeschehens stellt der oftmals asymptomatische bzw. sehr milde unspezifische Verlauf eine besondere Herausforderung dar, weil sich Infektionen so unbemerkt ausbreiten können.“ Von einem geringeren Risiko für Lehrer, sich im Unterricht als beim Einkaufen anzustecken, wie von Ärzte-Funktionär Kölfen behauptet, kann also überhaupt keine Rede sein.
Grundsätzlich könne es auch in Bildungseinrichtungen zur Verbreitung von SARS-CoV-2 kommen, heißt es deshalb auch bei der Leopoldina: „So ist zu erwarten, dass es auch im kommenden Schuljahr in Abhängigkeit vom lokalen Infektionsgeschehen zu Coronavirus-Eintragungen und Ausbrüchen der COVID-19-Erkrankung in Bildungseinrichtungen kommt.“
Kurz darauf entschied die KMK, auf die Abstandsregel kann verzichtet werden
Die aktuellen öffentlichen Statements sind nicht das erste Mal, dass die Ärztevertreter politischen Druck machen. Bereits im Juni hatte es eine Videokonferenz aller SPD-Bildungsminister mit „namhaften Experten“ gegeben, die zu bemerkenswerten Ergebnissen kam: Das Infektionsgeschehen unter Kindern und Jugendlichen sei „deutlich geringer und ungefährlicher“ als bei Erwachsenen, wusste Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe hinterher – was ihn zu der Schlussfolgerung führte, dass zumindest die Grundschulen nach den Sommerferien normal öffnen könnten. Mehr noch: Er stellte anschließend sogar den Sinn von Schulschließungen öffentlich infrage. Kurz darauf kam es dann tatsächlich zu dem KMK-Beschluss, dass nach den Sommerferien auf die Abstandsregel verzichtet werden kann. KMK-Präsidentin Stefanie Hubig, Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, hatte ebenfalls an der dreistündigen Veranstaltung teilgenommen.
Wer waren denn nun die „namhaften Experten“, die dort einen sorgloseren Umgang mit der Pandemie in den Schulen empfahlen? Recherchen von News4teachers zeigten: Es waren Vertreter von Ärzteverbänden, die schon drei Wochen zuvor versucht hatten, mit einer politischen Stellungnahme Druck hin zu schnellen und weitgehenden Schulöffnungen zu machen – darunter auch die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, der wiederum Kölfens VLKKD und Rodecks Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin angehören. (News4teachers berichtete seinerzeit groß über das Treffen, hier ist der Bericht abrufbar.)
Virologen warnen davor, Rolle von Kindern in der Pandemie zu unterschätzen
Den Stand der Forschung vertreten diese Ärzte-Funktionäre nicht. „Wir warnen vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen“, so heißt in einer aktuellen Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie, der die führenden Fachwissenschaftler im deutschsprachigen Raum angehören, darunter Charité-Institutsleiter Drosten, Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg und Prof. Isabella Eckerle vom Centre for Emerging Viral Diseases des Universitätsklinikums Genf. Und weiter: „Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen und konkrete Beobachtungen in einigen Ländern deuten darauf hin, dass die initial teilweise angenommene, minimale Rolle von Kindern in Frage gestellt werden muss.“
Die Studien, auf die sich die Ärzte-Lobbyisten berufen, sind demnach ungeeignet, um daraus konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten. „Die Mehrheit der frühen Studien wurden unter den (Ausnahme-)Bedingungen weitgreifender kontaktreduzierender Regelungen (sogenannter ‘Lockdown’) mit Schulschließungen oder in der Zeit der niedrigen Grundinzidenz unmittelbar nach dem Lockdown in Deutschland durchgeführt. Sie haben somit als Entscheidungsgrundlage nur einen eingeschränkten Aussagewert für die in naher Zukunft zu erwartende Situation in Deutschland. Unter bestimmten Umständen kann es sein, dass Kinder einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Infektionen mit SARS-CoV-2 ausmachen. Inzwischen liegt der prozentuale Anteil von Kindern an der Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland in einer Größenordnung, die dem Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung entspricht.“
Im Klartext: Die Ärztevertreter liegen womöglich falsch, weil die von ihnen zitierten Studien nur die Auswirkungen der Schul- und Kitaschließungen beschreiben. Wenn es im Herbst zu einem verstärkten Infektionsgeschehen kommt, kann das Bild deshalb völlig anders aussehen.
“Natürlich kann ein Kleinkind auch seinen Opa anstecken, aber…”
Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Lobbyarbeit mögen die Ärzte offenbar auch gar nicht übernehmen. So schränkt Rodeck in der „Zeit“, nachdem er für weite Schulöffnungen geworben hat, durchaus ein: „Man muss auch vor falschen Erwartungen warnen. Covid-19 ist eine reelle Bedrohung. Selbstverständlich können auch Kinder das Virus übertragen. Und natürlich kann ein Kleinkind auch seinen Opa anstecken, der dann an den Folgen stirbt. Aber allein die Befürchtung, dass das passieren könnte, rechtfertigt nicht, das Leben der Kinder wirklich stark einzuschränken, indem man sie weiter grundsätzlich von der Kita oder der Schule fernhält.“
Umgangssprachlich ausgedrückt bedeutet das wohl: Ein bisschen Schwund ist immer. News4teachers
Der Journalist und Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek beschäftigt sich seit 25 Jahren professionell mit dem Thema Bildung. Er ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – eine auf den Bildungsbereich spezialisierte Kommunikationsagentur, die für renommierte Verlage sowie in eigener Verantwortung Medien im Bereich Bildung produziert und für ausgewählte Kunden Content Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen.
In eigener verlegerischer Verantwortung bringt die Agentur für Bildungsjournalismus tagesaktuell News4teachers heraus, die reichweitenstärkste Nachrichtenseite zur Bildung im deutschsprachigen Raum mit (nach Google Analytics) im Schnitt jeweils mehr als 1.000.000 Leserinnen und Lesern monatlich und einer starken Präsenz in den Sozialen Medien und auf Google. Die Redaktion von News4teachers besteht aus Lehrern und qualifizierten Journalisten. Neben News4teachers produziert die Agentur für Bildungsjournalismus die Zeitschriften „Schulmanager“ und „Kitaleitung“ (Wolters Kluwer) sowie „Die Grundschule“ (Westermann Verlag). Die Agentur für Bildungsjournalismus ist Mitglied im didacta-Verband der Bildungswirtschaft.
Hier geht es zur Seite der Agentur für Bildungsjournalismus.
Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.
