Hubig hält Schulstart für gelungen – Philologen: „Augenwischerei“

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MAINZ. Hunderttausende Schüler und Lehrer gehen seit Montag wieder in den Unterricht in Rheinland-Pfalz. Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) zieht ein positives Zwischenfazit, kritischer äußern sich Landeselternbeirat und Philologenverband. Die Vorsitzende der Gymnasiallehrer-Organisation erklärte, die Hygienepläne seien im Prinzip «Augenwischerei». Schon in den ersten Schultagen nach den Sommerferien war es in Rheinland-Pfalz wegen Corona-Infektionen zu mehreren Fällen von Massenquarantäne gekommen.

„Erfolgreich umgesetzt“: die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig. Foto: Bildungsministerium Rheinland-Pfalz/Georg Banek.

Wenige Tage nach dem Schulbeginn in Rheinland-Pfalz ohne Abstandsregel im Unterricht gehen die Meinungen über den bisherigen Schulbetrieb auseinander. Das Bildungsministerium zog trotz erster Quarantänefälle ein positives erstes Fazit. «Nach Rückmeldungen aus der Schullandschaft in Rheinland-Pfalz ist der Start von den Schulleitungen vor Ort sehr verantwortungsvoll und erfolgreich umgesetzt worden», hieß es. Der Philologenverband und der Landeselternbeirat beurteilten die Rückkehr an die Schulen kritischer. Vor allem der Schulbusverkehr bereitet Sorgen. Hier hat das Land Unterstützung angekündigt.

An Haltestellen stehen Schüler eng an eng

Der Landeselternbeirat nannte den Schulstart «durchwachsen». «Es gibt positive und negative Rückmeldungen», sagte Landeselternsprecher Reiner Schladweiler. Die Busse seien überfüllt, manchmal fehlten die Masken, an Haltestellen stünden Schüler eng an eng. Nun soll ein Elternbrief aufgesetzt werden, um die Kinder auch an den Orten an die Maskenpflicht zu erinnern, an denen diese niemand kontrollieren kann.

Das Land hatte am Donnerstag angekündigt, Kreise und Kommunen bei der Bestellung zusätzlicher Fahrzeuge für den Schülerverkehr zu unterstützen. Bis zu 250 zusätzliche Schulbusse sollen mit bis zu 90 Prozent mitfinanziert werden, um die Infektionsgefahr in vollen Bussen zu verringern. Außerdem will das Verkehrsministerium eine zentrale Bus-Börse einrichten, mit der freie Kapazitäten für die Schülerbeförderung vermittelt werden.

Elternvertreter: Verkleinerung der Klassen wäre gute Lösung

Schladweiler rechnet in den kommenden Wochen mit weiteren Quarantänefällen. «Nach und nach werden immer mehr Klassen in Quarantäne gehen. Das ist auch nicht das Gelbe vom Ei.» Für Schladweiler wäre letztlich nur eine Verkleinerung der Klassen eine gute Lösung.

So sieht es auch der Philologenverband in Rheinland-Pfalz. Die Vorsitzende Cornelia Schwartz hält kleinere Gruppengrößen für den wichtigsten Schritt zur Bekämpfung der Corona-Pandemie an den Schulen. Zumindest die weiterführenden Schulen seien «Großveranstaltungen», sagte sie. «Da darf man sich nichts vormachen.» In den Schulen sei es sehr eng, es herrsche «ziemliches Gedränge». Im Prinzip, sagte Schwartz, seien die Hygienepläne «Augenwischerei». Die Pläne würden auch zu leichtsinnigerem Verhalten führen – «auch im Schulbus».

Philologen fordern Lüftungssysteme für die Klassenräume

Der Philologenverband fordert zumindest mobile Lüftungssysteme in den Klassen. Diese Maßnahme sei auch schnell umzusetzen. Eine generelle Maskenpflicht sieht der Verband laut Schwartz kritisch. «Es gibt so viele Gründe, die dagegen und dafür sprechen.» Mit Lüftungssystemen und kleineren Klassen wäre aber auch das Maskenproblem gelöst: «Die braucht man dann nicht mehr.»

An den ersten Schultagen waren in Rheinland-Pfalz wegen einzelner Corona-Fälle bereits weit mehr als 100 Schüler und Lehrer in Quarantäne geschickt worden. Ein Gymnasium im Westerwald etwa hatte 60 Schüler und vier Lehrer wegen einer bestätigten Ansteckung nach Hause schicken müssen. Günther Schartz (CDU), Landrat des Kreises Trier-Saarburg, erklärte: «Man sieht, wie sensibel die Situation ist und deshalb appelliere ich an alle Schülerinnen und Schüler, und natürlich auch an die Eltern, auf die Einhaltung der Corona-Regeln zu achten.» News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu einer Deutschland-Karte, auf der nach den Sommerferien von Infektionen betroffene Kitas und Schulen, über die in Medien berichtet wurde, markiert sind. 

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Nach 72 Stunden über 6.000 Quarantäne-Betroffene an Schulen – „Schulstart gelungen“

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9 KOMMENTARE

  1. Eine Studie der Harvard Universität zeigt, dass Kinder sehr hohe SARS-CoV-2 Virenmenge entwickeln.

    https://www.jpeds.com/article/S0022-3476(20)31023-4/fulltext

    Schön, dass man am normalen Regelbetrieb weiterhin festhält und die Schüler*innen und Lehrer*innen über mehrere Stunden gemeinsam in kleine Räume schickt – ohne Abstand und meist ohne Maske. Ach ja, ich vergaß die vollen Busse. (irony off)
    Möchte mir die Situation im Herbst nicht vorstellen, wenn es draußen frischer wird und die Fenster wieder geschlossen werden sollen … sofern sie denn vorher überhaupt zu öffnen waren.

    Unfassbar unverantwortlich!

    • Wie dies verhindert werden soll zeichnet sich doch schon ab. Die Schüler werden irgendwann nicht mehr getestet (bei der Einreise aus Risikogebieten ist es ja schon so), und wenn dies doch auf eigene Veranlassung gemacht wird, werden sie trotzdem in die Schule geschickt. Und wenn sich Lehrer dann infizieren sind sie selber schuld, haben sich nicht an die Regeln gehalten und Abstand zu ihren Kollegen gehalten (wie in Berlin ja schon geschehen).
      So lange es nicht eine Vielzahl an schwer erkrankten Schülern und Lehrern geben wird, die man nicht mehr vertuschen kann wird es leider so sein.

  2. Wie schaffen das eigentlich die ganzen anderen europäischen Länder, die ohne Maske in der Schule – oder gar in Geschäften – auskommen? Weder in Dänemark, den Niederlanden oder Skandinavien gibt oder gab es Hotspots in Schulen.

    Und wieso fluppt es in Schleswig-Holstein so wie erwartet?

    Wo sind die kindlichen Superspreader?

  3. Ach Gott, hat jemand etwas anderes erwartet?
    Das Wahrheitsminsterium würde doch nicht über das eigene Versagen sprechen!

    Indes Eltern und Lehrer hätten es in der Hand. Eltern verweigern geschlossen den Schulbesuch unter diesen Bedingungen. 1 x die Woche gehen dann alle hin und demonstrieren auf dem Pausenhof – die Lehrkräfte beaufsichtigen das… Kein Dienst ergehen!
    Das dauert vielleicht 2 – 3 Wochen aber das macht ja keiner…

    Selbstverständlich ist das alles eine Farce:
    Drinnen kein Abstand keine Maske
    Draußen Abstand und Maske

    Nur ist es so, dass die Politiker uns längst alle weich gekocht haben. Dieser Hygieneplan liegt seit Wochen vor, aber keiner wehrt sich. Bekommt man in der Schule auch so beigebracht: wehren geht gar nicht! Und die Politiker wissen das doch – sie wissen ganz genau, was sie uns zumuten können.
    Darum machen sie es.

    Und alle werden sehen – diese Politiker werden wieder gewählt. Wir machen das seit 70 Jahren so! Spielt auch keine Rolle ob nun SPD oder CDU (alle Bundesländer machen es ähnlich).
    Es gibt ab und an mal einen formellen Wechsel der jeweiligen Regierung. Heißt dann nicht mehr schwarz/gelb sondern rot/grün etc. Das geht aber NIE mit einem Politikwechsel einher. Das große Ganze bleibt stets gleicht.

    Ich meine ja nur: wir hätten es doch in der Hand – nur Mut!

  4. Schule muss sein. Mit wirksamen Maßnahmen gegen die Verbreitung von C. Wer sie wiederholt nicht einhält, muss bestraft werden, der muss 3 Tage zu Hause bleiben. Dagegen steht das Recht auf Schule? Dann, gute Nacht. Dann endet alles in Blabla, Nervenflattern, Ansteckungen. Und dann geht’s erst richtig los. Bin Lehrer, 32 Jahre Unterricht.

    • „ Mit wirksamen Maßnahmen gegen die Verbreitung von C. “ Genau das ist ja das Problem, von wirksamen Maßnahmen kann im Regelbetrieb keine Rede mehr sein. Wo sind denn Abstand und Kontaktbeschränkungen?? In Schulen jedenfalls nicht.

  5. Es wird immer das Recht auf Bildung mit der Schulpflicht verwechselt oder gleichgesetzt.

    ABER: das sind 2 verschiedene Dinge.

    In Deutschland geht es fast immer nur um die Durchsetzung der Schulpflicht.

    Es wäre so schön, wenn es anders wäre!
    Man stelle sich einen „Laden“ vor, in dem nur Menschen arbeiten, die gerne mit jungen Menschen arbeiten wollen (mindestens doppelt so viele wie jetzt). Der „Laden“ ist gut ausgestattet, es mangelt an nichts (und falls etwas fehlt, wird es in der AmazonPrime Lieferzeit besorgt – also am nächsten Tag) – genauso verfahren wir mit neuer Technik. Der Hausmeister hat ein eigenes Budget – wenn ein Fenster defekt ist, ruft er einen Techniker und 2 Tage später ist das Fenster gerichtet. Die Räume können im Sommer klimatisiert werden und sind im Winter warm genug. Es gibt kleine Lerngruppen (max. 15 Schüler). Alle behandeln sich mit Respekt.
    Es ginge um die Kinder und nicht um einen verknöcherten Lehrplan.
    Etc.

    Bräuchten wir dann noch eine Schulpflicht, oder kämen die absolut allermeisten nicht gerne und freiwillig…?

    Das ist der Unterschied und der Grund für die Schulpflicht.
    Das System, die Ausstattung und die Bedienungen sind so schlecht, dass man die Kinder zwingen „muss“ dort hin zu gehen (jedenfalls was das Lernen betrifft).

    Ich wünschte mir für Schüler und Lehrer es wäre besser!

  6. Gibt es eine offizielle Abstimmung zu Plan B für die Beteiligten? Ich möchte gerne wissen, wie die Meinung so ist über die Zeit vor den Ferien. Mein Sohn Klasse 8 und ich, wir waren sehr zufrieden. Entspanntes lernen zu selbsgewählten Zeiten, Unterstützung am Wochenende von mir in Naturwissenschaften. Kein Schulstress wie sonst üblich. Unsere Beziehung hat sich stark verbessert. Er ist erwachsen geworden, übernimmt Verantwortung, entschuldigt sich, hat Zeit für seinen Vater und dessen Hobbys etc… O. K. Ich verstehe natürlich Eltern mit kleinen Kindern in der Grundschule. Oder mit mehreren Kindern. Aber ich hätte eben gerne mal Rückmeldung aus der Gruppe der Oberschüler.

  7. Zum Kommentar von Everdiena:
    Habe auch einen Sohn, Kl.8 , und habe identische Erfahrungen gemacht! Insbesondere das Lernen zu den selbst bestimmten Zeiten hat in unserer Familie vieles sehr entzerrt.
    Habe noch 3 weitere Schulkinder- von Grundschule bis Schulabschluss. Wichtig wäre mir nur eine stärkere Rückmeldung durch die Lehrkräfte gewesen- je länger das homeschooling dauert um so wichtiger werden regelmäßiger online- Unterricht und konkrete Rückmeldungen zu den Aufgaben, wenn man das Interesse der SuS am Lernen wachhalten will!

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