BERLIN. Geschätzt mehrere Zehntausend Schüler und Lehrer in Deutschland sitzen derzeit in Quarantäne fest – und zwar offenbar immer mehr: Bayern meldet aktuell, dass im Freistaat 12.700 Schüler und Lehrer zu Hause bleiben müssen. In Rheinland-Pfalz sind wegen Corona-Verdachts knapp 2600 Schüler und rund 360 Lehrer mit einer Ausgangssperre belegt. Die „Bild“-Zeitung hatte unter Berufung auf eine eigene Umfrage unter den Kultusministerien der Länder vor sechs Tagen von bundesweit mittlerweile 50.000 Schülern geschrieben, die sich derzeit in Quarantäne befänden. Dazu kommen wohl Tausende betroffene Familien mit Kita-Kindern. Berichte von Betroffenen zeigen, wie hart die Situation betroffene Familien trifft.
„Morgen keine Schule“, so habe sein Sohn – ein 15-jähriger Gymnasiast – abends nach einem Blick auf sein Handy verkündet, so berichtet ein Vater aus Bayern gegenüber der “Süddeutschen Zeitung”. Ein Lächeln des Jungen aber blieb aus. Eine seiner Lehrkräfte wurde positiv auf das Coronavirus getestet; die Folge: 14-tägige Quarantäne für ihre rund 100 Schüler. „Der erste Rachenabstrich soll laut Robert-Koch-Institut am ersten Tag erfolgen. Doch das ist kaum umzusetzen, nicht wenn Reihenuntersuchungen wie in Schulen oder Kitas notwendig werden. Die müssen von den Gemeinden erst einmal organisiert werden, und die Verwaltung braucht dazu die Infos vom Gesundheitsamt“, so berichtet der Vater.
Und weiter: „Der angekündigte Anruf an Tag eins kam nicht. Eine E-Mail am Freitag informierte dann über den Testtermin für alle im Ortspark am Montag. Unterdessen die Anweisung, die Wohnung nicht zu verlassen, Abstand zu halten und möglichst eine räumliche Trennung von den anderen Familienmitgliedern vorzunehmen. In einer normalen Wohnung ist das schwierig. Wir essen in der Küche, unsere ‚Kontaktperson der Kategorie 1‘ im Wohnzimmer. Der Sohn findet: ‚Jetzt dürft ihr nichts anfassen, was ich berührt habe, zum Beispiel die Gummibärchentüte und das Tablet.‘ Der Unterricht läuft nun per Internetportal Mebis, das inzwischen anders ausschaut und der Sohn ‚viel schlechter als vorher‘ findet. Online-Unterricht nervt. Das digitale Quarantäne-Tagebuch, in dem wir eintragen müssen, ob das Kind Symptome zeigt, auch. Es funktioniert fast nie.“
Quarantäne bedeute vor allem Geduld. Mit dem Schüler, der motiviert werden müsse, mit den Behörden, die vieles anordneten, das nicht ausgereift sei, und dem Warten auf Tests und Testergebnisse. „Am Montag standen wir mit geschätzt 70 anderen Eltern im Auto auf dem Festplatz und bekamen nach zwei Stunden unseren Abstrich. Das Ergebnis ist zwei Tage später da. Negativ. Am Donnerstag kommt die zweite Runde.“
Mitschülerin des Sohnes positiv auf das Coronavirus getestet
Ortswechsel. Der Bayerische Rundfunk berichtet von einer Münchner Familie, die von Quarantäne betroffen ist, weil eine Mitschülerin des Sohnes positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die vierte Klasse wurde deshalb mit einer Ausgangssperre belegt. Die Mutter berichtet von einem Anruf bei der Corona-Hotline der Stadt München. Die habe erklärt: Sie solle sich 14 Tage getrennt von ihrem neunjährigen Sohn daheim aufhalten.
Die Eltern sollen ins Homeoffice wechseln. Bei der Mutter sei das weniger problematisch, weil sie im Öffentlichen Dienst tätig ist. Beim Vater sei das nicht so einfach, heißt es. Er wird nach dem Test wieder zurück zur Arbeit fahren müssen. Die Eltern: „Wie genau die Regeln einzuhalten sind, ist uns auch nicht ganz klar.“
Seit gestern sitze der Junge allein in seinem Zimmer. Der Neunjährige nutze jetzt ein eigenes Bad und eine eigene Toilette. „Das konnten wir bei uns so einrichten, aber unser Sohn kommt dennoch ab und zu mit seiner Maske aus dem Zimmer und will halt mal gedrückt werden. Anders geht das auch nicht. Wir nehmen jetzt gemeinsam die Mahlzeiten draußen ein. Wir versuchen ein vernünftiges Maß zu finden“, sagt die Mutter. Doch leicht sei das nicht.
Eine Lehrerin meint: Das Hygienekonzept des Mininsteriums besteht nur auf dem Papier
Dritter Fall: eine Lehrerin aus Norddeutschland, die News4teachers angeschrieben hat. Ihre Schilderung: „Bei meiner Arbeit hatte ich Kontakt mit einem Schüler, der positiv auf Corona getestet wurde. Das Gesundheitsamt schickte mich daraufhin in Quarantäne. Die Auflagen zur häuslichen Quarantäne sind jedoch massiv: So wurde die Quarantäne nur für mich erlassen mit der Auflage zur ‚Absonderung‘ von der Familie. Ich habe zwei kleine Kinder. Mein Jüngstes wird noch von mir gestillt. Meine Kinder sind mir durch die Quarantäne entrissen. Mein Mann ist in Elternzeit und versucht alles aufzufangen. Mein Baby soll ich nicht mehr anlegen, sondern abpumpen und die Milch weggießen. Denn nach dem Steckbrief zum Coronavirus des RKI vom 18.9.2020 kann eine Übertragbarkeit durch Muttermilch derzeit nicht ausgeschlossen werden. Der Mutterschutz greift nicht richtig.“
Weiter berichtet sie: „Hinzu kommt, dass es – aus meiner Sicht – sicher bald wieder zu einer Quarantäne (für mich) kommen wird. Ich unterrichte in mehreren Jahrgängen. Es besteht keine Maskenpflicht im Unterricht. Einen Teil meiner Unterrichtsstunden verbringe ich in Räumen, die sich überhaupt nicht lüften lassen. Wöchentlich gibt es Änderungen am Stundenplan, da es der Schulleitung kaum möglich ist, den Präsenzunterricht mit der dünnen Personaldecke zu gestalten. Das Hygienekonzept besteht nur auf dem Papier. Währenddessen spielen sich zu Hause schreckliche Szenen ab: Mein ‚großes‘ Kind merkt, dass ich zu Hause bin, ruft nach mir und klopft an die Türen. Ein schrecklicher Zustand für die ganze Familie.“ News4teachers
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