Von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek
MÜNCHEN. “Schulen sind keine Infektionstreiber – Entwarnung” – “Corona-Gefahr an Schulen wird überschätzt” – “Infektionsrisiko auf SARS-CoV-2 in Kitas und Schulen gering”: So lauten aktuelle Schlagzeilen. Der Anlass: Im Vorfeld des Gipfels der Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Süddeutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin massiv Stimmung gegen Einschränkungen beim Schulbetrieb gemacht. Dass die Kinderärzte damit medial eine bundesweite Resonanz erreichten, ist für uns Grund genug, die präsentierten Befunde mal genauer zu betrachten. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Das Infektionsrisiko von Kindern in Kita und Schule ist vergleichsweise gering – behaupten jedenfalls Ärzte nach einer Datenerhebung an bundesweit mehr als 100 Kinderkliniken. Bis Mitte November seien rund 116.000 Kinder und Jugendliche in den Krankenhäusern teils routinemäßig auf Sars-CoV-2 getestet worden, bei 0,53 Prozent fiel der Test positiv aus, wie Kinder- und Jugendmediziner bei einer Online-Pressekonferenz berichten. Eine Studie sei das nicht, so räumen die Mediziner ein. Wissenschaftlichen Krititerien entsprechen die Erhebung und insbesondere die vorgetragene Interpretation also keineswegs.
Die Kinderärzte sprechen sich dafür aus, die Schulen offen zu halten – obwohl Schulschließungen gar nicht erwogen werden
Macht aber nichts: Die Initiatoren sprechen sich aufgrund ihrer Ergebnisse eindringlich dafür aus, die Schulen offen zu halten (…obwohl tatsächlich Schulschließungen in der Fläche politisch gar nicht erwogen werden. Es geht beim anstehenden Bund-Länder-Gipfel um kleinere Lerngruppen im Wechselunterricht, wie sie das Robert-Koch-Institut empfiehlt. Entweder die Ärzte haben das nicht verstanden – oder sie wollen bewusst polarisieren.)
Eine Dunkelziffer von infizierten Kindern halten die Kinderärzte aufgrund der erhobenen Stichprobe für unwahrscheinlich. Dabei war eine Studie des Helmholtz Zentrums München erst vor wenigen Wochen zu dem Ergebnis gekommen, dass sechsmal mehr Kinder in Bayern mit dem Coronavirus infiziert waren als offiziell gemeldet. (News4teachers berichtete groß über die Studie zur Dunkelziffer von Corona-Infektionen bei Kindern.)
Zwischen Januar 2020 und Juli 2020 hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungszentrums knapp 12.000 Blutproben von Kindern in Bayern im Alter zwischen 1 und 18 Jahren (Teilnehmende der Fr1da-Studie) auf SARS-CoV-2-Antikörper. Zwischen April und Juli wiesen im Schnitt 0,87 Prozent der Kinder Antikörper auf (zweifach-positiv). Im Vergleich zu den vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung (LGL) gemeldeten Fällen von Kindern in Bayern (zwischen 0 und 18 Jahren), die zwischen April und Juli positiv auf das Virus getestet wurden, war die Antikörperhäufigkeit damit sechsmal höher.
«Die Hauptquelle der Infektion bei Kindern und Jugendlichen ist außerhalb der Schule»
Wie erklären die Kinderärzte den Widerspruch zu ihrer Behauptung? Das Testverhalten Kindern und Jugendlichen gegenüber habe sich verändert, beteuern sie. Werden Schüler also seit August so umfangreich in Deutschland getestet, dass eine Dunkelziffer nicht mehr zu erwarten ist? Die Nationalakademie Leopoldina sieht dafür keine Hinweise. „Bei Schülerinnen und Schülern hat die Inzidenz in allen Altersgruppen in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Der Schwellenwert von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen ist deutlich überschritten, besonders deutlich bei den 10-19jährigen. Selbst die Inzidenz der Grundschülerinnen und Grundschüler ist mit einem Wert von 88,8 in Kalenderwoche 45 überaus hoch. Dabei ist eine hohe Dunkelziffer zu beachten, d.h., de facto dürften die Inzidenzen deutlich höher sein“, so heißt es in einer aktuellen Stellungnahme.
Wissenschaftlicher Streit hin oder her: «Bildung ist die Zukunft für unsere Kinder», unterstreicht der Generalsekretär des Verbands der leitenden Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands, Prof. Dr. Wolfgang Kölfen, lieber. (Man möchte ergänzen: Gesundheit auch.) «Die Hauptquelle der Infektion bei Kindern und Jugendlichen ist außerhalb der Schule», behauptet Prof. Dr. Matthias Keller vom Vorstand der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (ohne dies allerdings belegen zu können).
Nur acht von mehr als 600 infizierten Kindern und Jugendlichen hätten sich in der Schule angesteckt, sagt Michael Kabesch von der Universitätskinderklinik Regensburg. Seine Beweisführung: In der Schule würden Corona-Maßnahmen eingehalten – während dies im privaten Umfeld nicht unbedingt der Fall sei. (Welche Corona-Maßnahmen, so möchte man zurückfragen: Im Klassenraum gilt keine Abstandsregel, die Maskenpflicht nur sporadisch und mit der Hygiene ist es allzu oft auch nicht weit her. Zu Hause sitzen dagegen äußerst selten 30 Kinder in einem Raum über Stunden zusammen.)
Die Sicherheit, mit der die Ärzte die Ansteckungsorte identifiziert haben wollen, verblüfft auch noch aus einem anderen Grund: Seit Oktober ist bekannt, dass die Gesundheitsämter in Deutschland drei von vier Infektionsketten gar nicht mehr nachvollziehen können. Erstaunlich, dass dies von den Krankenhäusern aus besser gelingen soll.
Seit Oktober stellen die Ärzte einen Anstieg der Infektionen unter Kinder und Jugendlichen fest
Wie in der Gesamtbevölkerung seien die Infektionen bei den Kindern in den Kliniken seit Oktober allerdings deutlich angestiegen auf 1,3 Prozent, so müssen die Mediziner einräumen. Warum wohl? Alles deute darauf hin, dass sich bei den steigenden Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen der Anstieg der allgemeinen Zahlen spiegele, sagt Prof. Dr. Johannes Hübner von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (Aha). Es müsse gelingen, die Ausbreitung des Virus insgesamt einzudämmen – damit sei auch Schulproblematik in den Griff zu bekommen (Ach so).
Könnte nicht der Schulbetrieb selbst womöglich ursächlich für den drastischen Anstieg der Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen sein, den auch das Robert-Koch-Institut beobachtet? «Es gibt einen internationalen Konsens, dass Schulen nicht das Hauptrisiko bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 sind», behauptet Hübner. Den gibt es keineswegs: Deutschlands Nachbarn Polen und Österreich beispielsweise haben ihren Schulbetrieb mittlerweile wieder komplett auf Fernunterricht umgestellt.
Tatsächlich werden auch in Deutschland immer mehr Corona-Ausbrüche an Kitas und Schulen festgestellt (News4teachers berichtet ausführlich über die großen Ausbrüche in Schulen der vergangenen Tage). Die bisherige Haltung der Bundesländer, dass Schulen generell keine Treiber der Pandemie seien, sei «nicht mehr haltbar», hatte deshalb auch der Direktor des virologischen Universitätsinstituts in Düsseldorf, Prof. Dr. Jörg Timm, am Wochenende festgestellt. Kleinere Kinder steckten sich zwar seltener mit dem Virus an, könnten es aber weitergeben. Kinder ab zwölf seien «genauso ansteckungsfähig wie Erwachsene.» Timm: «Daher spielen Schulkinder definitiv eine Rolle.»
«Das Schließen von Schulen hat katastrophale Langzeitfolgen»
Die Kinderärzte ficht das nicht an. Schulschließungen seien für Kinder schwerwiegend, warnt nun Hübner. «Das Schließen von Schulen hat katastrophale Langzeitfolgen.» Etwa habe sich gezeigt, dass häusliche Gewalt steige. Richtig ist: Die häusliche Gewalt hat Studien zufolge während des Lockdowns im Frühjahr tatsächlich zugenommen. Dass die Schulschließungen dafür ursächlich sind, dafür gibt es allerdings keine Belege. Eine wesentliche Ursache könnte auch darin liegen, dass die Jugendämter in Deutschland die Besuche von Familien in prekären Situationen während der ersten Welle der Pandemie eingestellt hatten.
Die Mediziner verweisen auf Daten aus Österreich, nach denen die Infektionszahlen in einer bestimmten Altersgruppe junger Menschen bei Schulschließungen sogar eher angestiegen seien. (Der angebliche Befund hat Kanzler Sebastian Kurz am vorvergangenen Wochenende nicht daran gehindert, die erneuten Schulschließungen in Österreich zu verkünden.) In den Niederlanden gebe es wiederum Zahlen, nach denen sich Lehrer seltener infiziert hätten als der Durchschnitt der Bevölkerung, behauptet Keller. Fakt ist: In Deutschland sind nach Daten des Robert-Koch-Instituts mittlerweile zehn Erzieher/Lehrer an Covid-19 verstorben. Einen wissenschaftlich fundierten Vergleich von Corona-Risiken verschiedener Berufsgruppen gibt es bislang nicht.
Die Mediziner sehen auch die Behauptung bestätigt, dass Kinder und Jugendliche sich weniger leicht anstecken als Erwachsene. Die Gründe dafür seien nicht vollständig geklärt, wahrscheinlich seien es mehrere Faktoren verantwortlich, sagt Hübner. Vielleicht würde ein Blick in den Covid-19-Steckbrief des Robert-Koch-Instituts helfen: „In Studien, in denen Kontaktpersonen von infektiösen Personen untersucht wurden, zeigte sich bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen meist eine geringere Empfänglichkeit“, so heißt es dort. Aber: „Die Ansteckungsrate durch Kinder war in Studien ähnlich hoch wie bei erwachsenen Primärfällen. Studien zur Viruslast bei Kindern zeigen keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen.“
«Lieber Maske auf als Schule zu», meint Dominik Ewald, Vorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Bayerns. Es müsse in der Schule Abstands- und Hygieneregeln geben (die es aber eben nicht gibt). Wichtig sei auch, dass die Regeln ebenfalls auf dem Schulweg eingehalten würden (was in den überfüllten Schulbussen eben nicht geschieht).
Ein andere Kinderärzte-Organisation fordert die Einhaltung der AHA-L-Regeln in der Schule
Am vergangenen Freitag hatte sich die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) in einer Stellungnahme dafür stark gemacht, Abstandsregel und eine generelle Maskenpflicht im Unterricht einzuführen – in den angeblich sicheren Schulen also. „Auch unter hohen SARS-CoV-2 Infektionszahlen können Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche geöffnet bleiben, wenn die Hygieneregeln (AHA-L) eingehalten werden“, so heißt es wörtlich.
Dass das in der Praxis nicht der Fall ist, haben die in der DAKJ organisierten Kinderärzte – anders offenbar als ihre oben zitierten Kollegen – mittlerweile wahrgenommen. „Wenn im Sekundarschulbereich wegen Platzmangel nicht alle Schüler gleichzeitig unter Einhaltung der AHA-L-Regeln unterrichtet werden können, ist es dennoch wichtig, dass alle Schüler jeden Schultag in der Schule sind, damit der Tag strukturiert wird und kontinuierlich persönliche Kontakte gepflegt werden“, so stellt die DAKJ fest.
Heißt: Wenn Unterricht in kleinen Lerngruppen in Schichten stattfinden muss – wie das Robert-Koch-Institut empfiehlt -, dann bitte so, dass der Wechsel am gleichen Tag stattfindet. Darüber lässt sich wenigstens diskutieren. News4teachers / mit Material der dpa
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