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KMK-Präsidentin Hubig lässt über Expertenanhörung die Unwahrheit verbreiten (schon wieder!) – Experten verlangen Richtigstellung

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MAINZ. Zum zweiten Mal hat die KMK-Präsidentin und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) eine Expertenanhörung zum Schulbetrieb in der Corona-Krise angesetzt – zum zweiten Mal lässt sie über die Ergebnisse offenbar Unwahrheiten verbreiten. Dem Philologenverband Rheinland-Pfalz liegen Stellungnahmen von Wissenschaftlern vor, die zur Veranstaltung am Montag eingeladen worden waren und sich nun empört über die im Anschluss von Hubigs Pressestelle herausgegebene Presseerklärung äußern. Sie verlangen eine Richtigstellung verfälschter Aussagen. Bereits nach einer Anhörung zum Thema Lüften am 23. September hatte die KMK-Präsidentin Falsches verkünden lassen.

“Schulen sind keine Treiber der Pandemie”: die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig, amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Foto: Bildungsministerium Rheinland-Pfalz/Georg Banek.

In der aktuellen Pressemitteilung des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums heißt es: „Am Montagabend hatte das Bildungsministerium gemeinsam mit dem Landeselternbeirat zu einer Expertenanhörung geladen. Im Anschluss an die Veranstaltung erklärte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig: ‚Die Expertenanhörung hat noch einmal verdeutlicht, welchen Stellenwert die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen genießt und genießen muss. Schulen sind keine Treiber der Pandemie – das Tragen der Maske sowie die Einhaltung der Hygiene- und Lüftungsregeln sind und bleiben zentral – hier war sich die Mehrheit der Expertinnen und Experten sehr einig.‘“

Als Beleg wird unter anderem der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, Prof. Alexander S. Kekulé, zitiert. „Auch Herr Professor Kekulé wies darauf hin, dass die in Schule geltenden Schutzmaßnahmen Wirkung zeigen und ein Wechselbetrieb insbesondere ab den oberen Klassenstufen in Betracht zu ziehen ist. Übertragungen, so Kekulé, fänden bei Jugendlichen eher im privaten als im schulischen Kontext statt, wo es Hygienemaßnahmen gäbe.“

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„Die beiden Sätze sind nicht von mir. Bitte nur zitieren, was ich tatsächlich gesagt habe.“

Kekulé hatte sich allerdings nur Tage zuvor ganz anders geäußert – wie News4teachers berichtete. An weiterführenden Schulen gebe es schwerste Ausbrüche. Jugendliche Schüler seien „ganz starke Treiber der Pandemie.  Das ist ohne Wenn und Aber erwiesen“, so erklärte er in einem Interview mit dem Sender Phoenix. Und tatsächlich, so berichtet nun der Philologenverband, schrieb er nun an das Bildungsministerium: „Die beiden Sätze sind nicht von mir. Bitte nur zitieren, was ich tatsächlich gesagt habe.“

Auf der Veranstaltung habe er erläutert, so berichten jetzt die Philologen, dass es eine „Divergenz zwischen virologischen und epidemiologischen Daten“ gebe: Aus virologischer Sicht gebe es keinen Grund dafür, warum nicht auch Kinder unter 14 Jahren genauso an der Verbreitung des Virus beteiligt sein sollten. Epidemiologisch gesehen fehlten Belege: Bisher seien schwere Ausbrüche schlicht „nicht sichtbar“, also nicht belegt. Kitas und Grundschulen, so Kekulé, könne man „unter starker Surveillance“ zwar offenlassen. Dort müsse dann aber „strengstens“ kontrolliert werden, indem man Abwasserproben entnehme, denn das Virus werde über den Stuhl ausgeschieden. In jedem Fall aber habe Kekulé für den Übergang in den Wechselbetrieb an den weiterführenden Schulen plädiert – was sich mit seinen Aussagen im Interview deckt.

„So funktioniert das also in der Politik – Sie wollen offenbar beraten werden, aber nicht zuhören“

Auch andere empörte Schreiben der einbezogenen Wissenschaftler gingen an KMK-Präsidentin Hubig. „Gerade erhalte ich Ihre Pressemitteilung und frage mich, ob Sie in einer anderen Konferenz waren als ich? Gleichwohl steht mein Name darunter“, so schreibt Dr. Jana Schroeder, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie & Infektionsepidemiologie und Infektiologin. „So funktioniert das also in der Politik – Sie wollen offenbar beraten werden, aber nicht zuhören. Dass ‚die Mehrheit‘ der Experten sich in dem untenstehenden Statement einig war, ist schlichtweg falsch und konnte diesem Format alleine schon formal gar nicht entnommen werden. Da Ihre Presseerklärung suggeriert, ich hätte dieser als Expertin inhaltlich zugestimmt, was nicht der Fall war und ist, erwarte ich, dass Sie dies entweder richtigstellen oder meinen Namen unter Ihrem Statement entfernen.“

Markus Scholz, Professor am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig, zeigt sich dem Philologenverband zufolge ebenfalls negativ überrascht von der Darstellung des Ministeriums. „Die unten genannte Pressemitteilung ist mit mir weder abgestimmt noch wurde mir diese direkt zugestellt noch kann ich diese inhaltlich nachvollziehen bzw. unterstützen. Die Erklärung suggeriert eine Einigkeit, die dem tatsächlichen Diskussionsverlauf nicht entspricht, und ist mehr oder weniger reine Propaganda statt ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung mit dieser Problematik. In Anbetracht der aktuellen äußerst besorgniserregenden Lage für unser Land finde ich das sehr bedauerlich und protestiere hiermit gegen dieses Vorgehen und diese Art der Vereinnahmung und Verfälschung. Ich bitte um Streichung meines Namens unter der Erklärung, da ich diese in dieser Form nicht unterstützen kann, eben dies aber durch die Darstellung suggeriert wird.“

Der Philologenverband fordert nun die Veröffentlichung des ungekürzten Mitschnitts der Veranstaltung, damit „hier auf objektiver Grundlage die Gelegenheit zur Meinungsbildung gegeben werden kann“.

Bereits nach einer Expertenanhörung der KMK zum Thema Lüften in Schulen hatte Hubig die Unwahrheit verbreiten lassen

Tatsächlich ist das nicht der erste Fall dieser Art, der Hubig betrifft. Die Kultusministerkonferenz hatte am 23. September mit einer Expertenanhörung auf Forderungen reagiert, Klassenräume gegen womöglich Corona-belastete Aerosole mit mobilen Luftfilteranlagen auszustatten. Das – angebliche – Ergebnis, verkündet per anschließender Pressemitteilung: „Die Wissenschaftler kamen überein, dass der Einsatz solcher Geräte grundsätzlich nicht nötig sei.“

Diese Darstellung ist nach Recherchen von News4teachers allerdings falsch (News4teachers berichtete ausführlich über den Fall). Der einzige anwesende Wissenschaftler, der zum Thema geforscht hat, hält den Einsatz von Luftfiltern in Schulen sehr wohl für erforderlich – und hat das den Kultusministern in der Runde auch so erklärt.

„Ich teile die in der Pressemitteilung aufgeführte Meinung nicht, weil meine experimentellen Analysen diese Meinung nicht stützen“, so erklärte seinerzeit Prof. Dr. Christian J. Kähler, Leiter des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München, auf Anfrage von News4teachers. „Gemäß unserer wissenschaftlichen Analysen bieten Raumluftreiniger, die eine Luftwechselzahl von mindestens 6 pro Stunde schaffen, einen Filter der Klasse H14 nutzen und hinreichend leise sind, so dass sie nicht abgeschaltet werden, ein viel höheres Maß an Sicherheit vor einer indirekten Infektion, als die freie Lüftung.“ Und dies habe er in der Expertenrunde mit den Kultusministern auch so dargestellt; die Pressemitteilung der KMK sei nicht mit ihm abgestimmt worden.

Darin bedankt sich KMK-Präsidentin Hubig „im Namen aller KMK-Mitglieder für die fundierte und sehr konstruktive Diskussion bei allen Beteiligten“. News4teachers

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