BERLIN. Gestern abend überschlugen sich die Meldungen – erst hieß es: Kitas und Schulen in Deutschland bleiben weitgehend bis zum 31. Januar geschlossen. Dann wurde deutlich: Sooo war das wohl nicht gemeint. Jedes Bundesland macht nun mit seinen Bildungseinrichtungen, was es will. News4teachers-Leser “SB”, selbst Lehrer, hatte bereits in der Nacht vor dem Gipfel einen eindrucksvollen Kommentar geschrieben, den wir dann auch als Gastbeitrag veröffentlichten (hier nachzulesen). Am späten Abend, unter dem Eindruck des entstandenen Durcheinanders, legte er noch einmal nach. Auch diesen Beitrag möchten wir noch einmal einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.
SB am 05.01.2021 um 22:33 Uhr
Heute nacht um 1.25 Uhr hatte ich schon meinem Unmut kundgetan. Jetzt sitze ich wieder am Schreibtisch und bin wieder einmal in der Realität angekommen.
Irgendwie mag man es nicht mehr verstehen? Man setzt sich hin, schaut sich eine Pressekonferenz der Bundesregierung an und nimmt folgende Aussagen war.
Die Situation ist ernst. Wir haben keine Daten, die wir aktuell bewerten können. Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen, wo wir sein müssen um wieder sicherer agieren zu können. Wir haben Angst vor einer unbekannten Gefahr durch die Mutation des Virus. Wir behalten alle Maßnahmen bei und verschärfen teilweise noch einige Bereiche. Auch die Kitas und Schulen bleiben bis zum 31.1 geschlossen – hier besteht EINIGKEIT.
Kurz darauf wache ich in der Realität auf. Immer mehr Pressekonferenzen der Landesfürsten zeigen ein anderes Bild. NRW beschließt morgen, wie es weitergeht, RP sieht den 18.1 als Möglichkeit zu öffnen und mein MP Kretschmann spricht auch vom 18.1. „nach Überprüfung“.
Jetzt sitze ich hier und überlege mir, wie bewerten, wie wollen die das einschätzen?
Kretschmann sagt ganz klar: Wir müssen Familie und Beruf vereinbaren – sprich: Schulen werden primär zum Erhalt des Wirtschaftsstandorts geöffnet. Das ist im Kern für mich in Ordnung, da hier auch mein Wohlstand, meine soziale Sicherheit in gewisser Form davon abhängt. Ich frage mich aber, welche Maßstäbe werden an diese Wiederöffnung angelegt?
Welcher Erkenntnisgewinn im Bereich Infektionsschutz, im Bereich Organisation oder welches Umdenken ist denn dazu gekommen?
Die Devise in den Kultusministerien heißt: Zurück zum Alltag
Eigentlich hört es sich doch nach – zurück zum Alltag an. Erste Gespräche mit Studienkollegen, die mittlerweile im Kultusministerium sitzen, bestätigen mir das. Tief in mir weiß ich, dass ich gemeinsam mit meinem Chef und einigen Kollegen in wenigen Tagen wieder neue Pläne erstellen und umsetzen muss. Eigentlich kein Problem, aber blöd: Morgen ist Feiertag. Erste Infos kommen dann am Donnerstag (vielleicht?!) und dann geht es los.
Die größte Frechheit ist, dass die Kritik an der fehlenden Planung in Baden-Württemberg abgetan wird, dass man behauptet, die Schulen am 21.12 über den Weg nach dem 11.1 informiert zu haben. Äääääh – Moment, gut dass das Schreiben auf der KuMi Seite ist. Da steht was von geändertem Zeugnisdatum, Versetzungsentscheidungen, Anzahl schriftlicher Leistungsfeststellung, Aufnahmeverfahren GS, Außerunterrichtlicher Veranstaltungen, Tage der offenen Tür (waren übrigens vorher schon untersagt), und dann kommt endlich die weitere Perspektive und die spricht für sich:
Zitat: „Wir wollen wieder zu einem Unterricht in der Präsenz zurückzukehren, sobald dies verantwortbar ist. Leider kann ich lhnen aber heute noch keine konkreteren lnformationen
geben. Wir müssen die weitere Entwicklung des Pandemiegeschehens in den Weihnachtsferien abwarten. Grundlage werden dann die Entscheidungen beim nächsten Treffen der Bundeskanzlerin mít den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 5. Januar sein. Vor diesem Hintergrund müssen wir wieder innerhalb eines sehr kleinen Zeitfensters den Schulbetrieb nach den Weihnachtsferien regeln und auf dieser Grundlage organisieren.“ Hä? Das KuMi sagte doch, die Schulen wären am 21.12 über die verschiedenen Möglichkeiten und Schritte informiert worden.
Also entweder erhalten wir nicht alle Emails?! Oder ich stehe auf der Leitung.
Oder es ist so wie immer – intern wird was anderes kommuniziert als nach außen.
Das ist wie ein Kapitän, der sagt, die Lage ist im Griff und gleichzeitig dem ersten Offizier befiehlt, machen Sie die Rettungsboote bereit. Es soll Ruhe ausstrahlen, bewirkt aber genau das Gegenteil. Jetzt sitzt man wieder da – ratlos, verwirrt, vielleicht verärgert. Man fragt sich, was sind solch harte Aussagen wert, wenn sie nicht mal mehr 2 Stunden halten? Wenn sie trotz angeblicher Einigkeit kassiert werden?
Meine Schüler fragen mich: Warum sagen Politiker erst das EINE und machen dann das ANDERE?
Ich unterrichte auch Gemeinschaftskunde. Meine 7er haben mich da mittlerweile schon des Öfteren in die Enge getrieben, wenn es genau darum ging: Warum sagen Politiker erst das EINE und machen dann das ANDERE? Was sagt man da als Lehrer? Wie erklärt man das?
Mein Lieblingssatz von meinem Politik-Professor an der PH: „Das ist Politik – das verstehen wir nicht…“ Nein ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, warum man nicht in Ruhe und Geduld agiert.
Ich verstehe, dass es einen Druck gibt. Von Seiten der Wirtschaft, der Eltern, der Schulen, der Politik. Ich bin für Präsenzunterricht – aber nicht ohne Plan. Nicht nach dem Motto, alles wie gehabt. Ich hab es schonmal geschrieben: Ich bin für Mut, endlich mal die Wahrheit auszusprechen, dass es kein normales Schuljahr ist. Dass Prüfungsvorbereitungen nicht optimal gelaufen sind, dass man mit dem Stoff vom letzten Jahr noch hinterher hängt. Dass man mit viel individueller Förderung aktuell Lücken aufholt, dass man sich von Problem zu Problem hangelt.
Ich bewundere mich und alle meinen Kollegen, die ich täglich treffe, dafür, wie wir das meistern. Wie wir das mit Galgenhumor durchstehen. Wie wir den Kids jeden Tag versuchen, unser Bestes zu geben. Wie man eigenes Geld in die Hand nimmt, weil der Staat nicht hinterherkommt. Wie man Material persönlich durch die Gegend fährt, weil ein Teil der Klasse zu Hause sitzt. Wie man sich täglich motivieren kann…
Führt dieses Chaos in den Schulen nicht dazu, dass die Menschen in Gesundheitsberufen noch mehr Arbeit haben?
Dann treffe ich Menschen die in der Pflege, im Krankenhaus, auf Intensiv arbeiten oder die mit mir im DRK sind. Die noch viel mehr auf dem Zahnfleisch gehen, die täglich die traurige stille Seite von Covid mitbekommen. Die wirklich wissen, was die Krankheit bedeutet.
Und dann frage ich mich oft, jammere ich jetzt zu viel? Vielleicht ein bisschen – anderseits frage ich mich: Führt dieses Chaos in den Schulen nicht dazu, dass diese Menschen noch mehr Arbeit haben? Dass die noch mehr ans Limit geführt werden? Das ganze Land haben wir ausgebremst, damit genau das nicht passiert. Damit unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht, damit wir nicht unglaubliche Zahlen wie im Ausland bekommen. Und jetzt eiern wir wieder herum. Selbst wenn die aktuellen Infektionszahlen kein realistisches Bild liefern, wir sind noch mind. bei 10 000 Neuinfektionen am Tag. Wir haben eine neue Mutation, die noch keiner abschätzen kann. Und wir überlegen weiterhin von Woche zu Woche.
Fazit von heute: Ich hab gerade in den Spiegel geschaut und mit der Schulter gezuckt und mir gesagt, war ja klar. Was hast du denn gedacht was passiert? Und dann hab ich mir selber geantwortet, ich hatte Hoffnung…
Ich bin für Schule. Ich habe Schüler, bei denen weiß ich, dass es zu Hause schlimm ist. Die mich die letzten Tage bereits angerufen und gefragt haben, wie es weitergeht. Die mir schon vor den Ferien gesagt haben, sie gehen lieber in die Schule – auch wenn man da Mathe lernen muss. Ich mag meine Kids, ich bin gerne mit ihnen im Klassenzimmer, lache mit ihnen, kämpfe mit ihnen mit Brüchen und Zahlen, Adjektiven und Pronomen und bin oft genauso chaotisch wie sie. Aber genau darum, weil ich sie mag, will ich auch, dass sie sicher sind – dass wir als Schule sicher sind.
Jetzt haben wir Zahlen, von denen wir im Frühjahr gewarnt haben – und schaffen es nicht mehr, der Sicherheit Vorrang zu geben
Gemeinsam gesund bleiben, ist unser Motto seit 10 Monaten. Seit 10 Monaten ist es eine Berg- und Talfahrt. Wir haben aber vor etwas weniger als 10 Monaten etwas mehr Mut gehabt und radikal alles dichtgehalten bei niedrigen Zahlen und mit großem Erfolg, weil wir danach sicherer langsam aufmachen konnten. Jetzt haben wir Zahlen, von denen wir im Frühjahr 2020 gewarnt haben und schaffen es nicht mehr, Sicherheit den Vorrang zu geben. Sicherheit ist nicht nur eine Organisationsform, nicht nur ein Konzept, nicht nur Hygieneanweisungen. Sicherheit ist auch ein Gefühl. Ein Gefühl von Vertrauen, von Gelassenheit, von Ruhe.
Als ausgebildeter Erlebnispädagoge habe ich immer so gearbeitet, dass ich nur ein Risiko eingegangen bin, das ich auch beherrschen konnte – und selbst dann habe ich noch 200 Prozent Puffer oben drauf gesetzt, damit definitiv nichts passiert. So ein bisserl wünsche ich mir diese Philosophie zurück….
Bleibt gesund und passt auf euch auf!
News4teachers ist mit im Schnitt mehr als einer Million Lesern monatlich Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin für die Bildung – und es versteht sich auch als Diskussionsmedium. Wir freuen uns über jeden Leserbeitrag, der dazu beiträgt, unterschiedliche Perspektiven zu den Themen unserer Beiträge darzustellen.
Für die Veröffentlichung gelten ein paar Regeln, die sich im Grundsatz nicht von denen unterscheiden, die im normalen menschlichen Miteinander gelten – hier sind sie nachzulesen. Besonders interessante Posts – wie den oben stehenden – veröffentlichen wir dann gerne auch als Gastbeitrag im redaktionellen Teil von News4teachers. Jeder und jede, der oder die sich für die Bildung engagiert, ist herzlich eingeladen, sich (auch anoynm) an den Debatten zu beteiligen. Jeder Beitrag auf News4teachers ist frei zur Diskussion. Natürlich auch dieser.
Klartext eines Lehrers: „Ich habe Kollegen mit Tränen in den Augen gesehen“
