didacta: VDR-Chef Böhm fordert eine digitale Grundausbildung für alle Lehrkräfte

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STUTTGART. Bis morgen noch läuft Europas größte Bildungsmesse didacta – erstmals (coronabedingt) als reine Online-Veranstaltung. Mit dabei: Jürgen Böhm, der Bundesvorsitzende des Deutschen Realschullehrerverbands (VDR). Am Rande der Messe sprachen wir mit ihm über verfehlte und wankelmütige Corona-Schulpolitik, Probleme der Digitalisierung des Unterrichts und die Alltagsschwierigkeiten deutscher Lehrkräfte.

„Die Bewegung jetzt mitnehmen“: Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des VDR. Foto: Marco Urban / VDR

Herr Böhm, als Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer und Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbandes stehen Sie in Kontakt mit Schulen in ganz Deutschland. Wie beurteilen Sie die Entwicklung im deutschen Bildungssystem, wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken?

Böhm: Nach dem Schock der ersten Schulschließungen haben die Schulen sehr schnell versucht, auf digitale Formate umzustellen. Was nicht heißt, dass es keine Schwachstellen mehr gibt. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir in den nächsten Jahren in den Fragen der Digitalisierung weiterkommen. Im Großen und Ganzen muss ich den Kolleginnen und Kollegen ein großes Kompliment machen, denn sie mussten Unterricht auf verschiedenen Wegen durchführen, ob Distanz-, Wechsel- oder Präsenzunterricht.

Kostenlose Teilnahme

Erfolgreich ist Europas größtes Bildungsevent, die Bildungsmesse didacta, gestartet. Sie findet aufgrund der Corona-Pandemie bis Mittwoch, 12. Mai, erstmals als rein digitale Veranstaltung statt.

Die didacta sollte eigentlich in Stuttgart stattfinden – jetzt digital. Foto: Koelnmesse

Das Interesse des Fachpublikums ist hoch, „bislang haben sich mehr als 25.000 Gäste für das Vortragsprogramm mit rund 200 Veranstaltungen in den verschiedenen Internet-Foren registriert“, freute sich Stefan Lohnert, Geschäftsführer der Messe Stuttgart.

Auf sechs Aussteller- und Partnerbühnen präsentieren BranchenvertreterInnen informative Vorträge, inspirierende Live-Talks und Diskussionsrunden zu den Themen „Frühe Bildung“, „Schule und Hochschule“, „Berufliche Bildung“ und „Weiterbildung“ sowie „digitales Lernen“. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Infos hier.
Kostenlose Besucherregistrierung.

In den vergangenen Monaten haben Sie sich immer wieder kritisch zu den Maßnahmen und Beschlüssen der Bundesregierung und der Kultusministerien geäußert. Worin besteht ihre Hauptkritik?

Böhm: Der Hauptkritikpunkt war für mich das wankelmütige, unklare Verhalten mit den Inzidenzwerten an Schulen. Es wurde zu lange gezögert, klare Maßnahmen umzusetzen. Mir hat der harte Lockdown gefehlt, denn die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen wurde so gefährdet. Jetzt sind wir auf einem guten Weg, denn die Lehrkräfte werden priorisiert geimpft.

Die Corona-Krise hat das föderale System in Deutschland vor große Herausforderungen gestellt. Das hat sich auch in den harten Verhandlungen der Ministerkonferenzen in den vergangenen Monaten gezeigt. Halten Sie im Bildungsbereich die föderale Lösung noch immer für angemessen, gerade vor dem Hintergrund einer Krise wie der Corona-Pandemie?

Böhm: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die föderalen Bildungsstrukturen in Deutschland gut sind. Was oftmals fehlt, sind gemeinsame Beschlüsse, etwa zur Qualität von Abschlüssen und grundlegende Handlungsstrategien. Gerade in der Pandemie wäre ein einheitlicher Umgang mit dem Infektionsgeschehen wichtig gewesen. Aber die föderale Bildungsstruktur grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen, halte ich für völlig falsch und populistisch. Es ist ein Unterschied, ob ich in Schleswig-Holstein oder in Bayern in der Bildung tätig bin. Wir brauchen einen differenzierten Blick auf Bildung und deshalb brauchen wir differenzierte Bildungsangebote.

Schauen wir in die Zukunft der Schule: Wie sieht für Sie die ideale digitale Unterrichtsgestaltung aus?

Böhm: Der ideale Unterricht der Zukunft muss digitale Elemente ganz selbstverständlich beinhalten. Wir müssen die Bewegung jetzt mitnehmen und auch einen – wie sagt man so schön – digital gestützten Präsenzunterricht in allen Fächern pflegen. Die Schüler haben sich daran gewöhnt und es hat sich auch bewährt. Und ich glaube, dass gerade die Eltern den Vorteil der digitalen Informationswege nicht missen wollen.

Sie sagen, die Lehrkräfte sollten diese digitale Entwicklung mitnehmen. Welche Lehren sollten Lehrkräfte darüber hinaus aus der Pandemie ziehen?

Böhm: Es muss ein Austausch über die erarbeiteten Unterrichtskonzepte einsetzen. Es sind sehr gute digitale Unterrichtseinheiten entstanden, die man jetzt nutzen kann. Auch die digitalen Informationsmöglichkeiten müssen wir mitnehmen. Die Kommunikation untereinander, mit Kollegen, mit Schulleitungen, mit Eltern und mit Schülern muss auf ein neues Niveau gehoben werden. Hier spielen digitale Medien eine große Rolle. Ich denke, es ist durchaus möglich, Videokonferenzen auch mal zwischendurch durchzuführen, ohne dass man sich in der Schule in Präsenz trifft. Solche Möglichkeiten muss man nutzen und da haben sich meines Erachtens Wege eröffnet, für die wir sonst Jahre gebraucht hätten.

Schauen wir uns abschließend noch an, was für Sie eine Lehrkraft in der Zukunft mitbringen muss, um ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin zu sein?

Böhm: Der Lehrberuf wird einer der herausforderndsten in der Zukunft sein. Fachliches Wissen bleibt die Grundvoraussetzung. Viel wichtiger sind aber in Zukunft auch die kommunikativen Fähigkeiten, das heißt: Sprachliche Kommunikation, aber auch die Kommunikation mit modernen Medien müssen beherrscht werden. Ich fordere seit Jahren schon eine digitale Grundausbildung für Lehrkräfte, auch an den Universitäten. Lehrkräfte brauchen zudem Fähigkeiten im Umgang mit Diversität. Wir brauchen gestählte Persönlichkeiten, die klar wissen, was sie wollen und wie sie mit Kindern und Jugendlichen umgehen wollen. News4teachers

Didacta-Vizepräsident Jürgens: Mehr Pragmatismus bei der Digitalisierung der Schulen, bitte!

 

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3 KOMMENTARE

  1. „Ich fordere seit Jahren schon eine digitale Grundausbildung für Lehrkräfte, auch an den Universitäten.“

    Das ist wirklich absolut albern. Wo Unterricht noch wenig digitale Formate einbeziehen kann, liegt das bestimmt nicht an einer fehlenden „digitalen Grundausbildung der Lehrer“, sondern an den fehlenden minimalen Ressourcen.

  2. Ein halbes Jahr vor der Pandemie hatten wir eine „Fortbildung“ im Rahmen der Erstellung unseres Digitalkonzepts.
    Finanziert wurde das ganze unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

    Der Tenor der Veranstaltung war: „haltet die Kinder möglichst von allen digitalen Geräten fern.“

    Jegliche digitale Eigeninitiative im Rahmen der Pandemie wurde unterbunden und es musste schlecht funktionierende Software genutzt werden während die Geräte für die Schüler erst fast ein Jahr nach Pandemiebeginn geliefert wurden obwohl das Konzept schon lange davor eingereicht war. Auf Vieles warten wir noch immer.

    Die Vorgaben des Landes waren, den Videounterricht so kurz wie möglich, am besten ohne Kamera und Bildschirmübertragung zu nutzen, wegen den schwachen Servern.

    Da bringt eine Fortbildung wenig, wenn die Rahmenbedingungen einfach nicht gegeben sind.

    Vielleicht statt engem Korsett Angebote machen und den Schulen unkompliziert verschiedene Landeslizenzen sinnvoller Software bereitstellen, Geräte bereitstellen, die Wartung und Instandhaltung in professionelle Hände geben und dann das Ganze in den Schulen ankommen lassen.

    Und nicht alles muss man überregulieren. Statt Softwareangeboten gab es nur endlos viele Softwareverbote.
    Da müsste man meiner Meinung nach ansetzen.

  3. Ist dieser Mensch noch zu retten?!

    „digital gestützten Präsenzunterricht in allen Fächern pflegen.“

    Dieser Unsinn muss nach der Pandemie DRINGEND aufhören und nur noch in Einzelfällen eine absolute Ausnahne bleiben. Präsenzunterricht ist wichtig für die Kinder.

    Und was idt für den Typen ein „modernes“ Medium?

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