Bestnoten-Inflation im Abitur: Warum dies die Corona-Folgen für die Schulen verharmlost – und letztlich der Bildung schadet

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BERLIN. Wie schön. Aus allen Bundesländern kommen Meldungen, nach denen die Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr besonders gut abgeschnitten haben. Trotz Corona. Oder wegen Corona? Sind die Superbilanzen wirklich schön – oder drücken sie nicht vielmehr aus, was schon seit langem zu beobachten ist: eine Geringschätzung von echter Bildung nämlich? Unser Gastautor, der Psychologe und Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase, beantwortet im folgenden Kommentar die Frage pointiert – für ihn steckt hinter dem Phänomen der Noteninflation ein grundsätzliches Problem.

Immer leichter, immer höher? Illustration: Shutterstock

Inflation der guten Noten trotz Pandemie – Warum das denn?

Von Prof. Dr. Rainer Dollase

Verquere Verhaltensweisen und Deutungen der Welt sind manches Menschen Reaktion auf Krisen – da werden Probleme geleugnet, von ihnen abgelenkt, tangentialisiert (Nebensächlichkeiten aufgebauscht) oder mit von Public-Relation-Experten entwickeltem Schönreden verzwergt. Alles halb so schlimm – eigentlich kein Problem. Oder – andere Deutung -: die Krise sagt uns ganz was anderes…

Ein schönes Beispiel für interpretativen Orientierungsverlust: Es gibt Supernoten zum Gymnasialabschluss trotz Pandemie

Von besonderem Interesse für irrationale Reaktionen auf die Pandemie sind Fakten zu denjenigen Folgen, die so niemand erwartet hat. Ein paar Beispiele. In Hessen hört man: „Durchschnittsnote in der Pandemie 2,25 vorher 2,33. 4,2 Prozent erreichen die Traumnote 1,0. Oder – in einem anderen Bundesland „Die meisten von Euch haben eine 1 vor dem Komma.“ Oder in Bayern: „Das Penzberger Gymnasium hat am Freitag einen Rekord-Abiturjahrgang verabschiedet. Der Notenschnitt lag bei 1,99. Der Jahrgang toppte damit sogar das Ergebnis des vergangenen Jahres, das bei 2,09 lag. Alle 101 Jugendlichen haben die Abi-Prüfungen bestanden. 53 von ihnen sogar mit einer Eins vor dem Komma.“ Und so weiter… (Herzlichen Glückwunsch allen Schülern, Eltern und Lehrern zu dieser Leistung – diese zu schmälern ist nicht Gegenstand dieses Artikels.)

Fatal und gefährlich sind die pauschalisierenden Schlussfolgerungen beruflicher Schlauberger: „Der Kultusminister nimmt das als Beweis, dass Bildung auch in der Pandemie funktioniere“. Das verleitet – denkt man den Satz zu Ende – zu einem echten Schildbürgerstreich.

Wenn wochenlang der Unterricht nur verdünnt und nur per Distanz angeboten werden kann, wenn wichtige Themen nicht behandelt werden können – dann drängt sich der Eindruck bei so tollen Einsernoten auf: Schafft Teile der Lehrerschaft ab – wir schaffen es auch mit viel weniger Unterricht. Einfach Youtube-Videos ansehen und Arbeitsblätter in Zoom-Konferenzen  besprechen. Das reicht. Sollen wir die Hälfte der Lehrer entlassen?

Natürlich regt sich Widerstand gegen diese Verharmlosung der schulischen Pandemiefolgen – auch wegen des Sonderfalls der Abi-Klassen in verschiedenen Ländern. Selbst bei der OECD lautet es: „Eine große Zahl junger Menschen ist völlig durchs Raster gefallen. Denen hat die Krise sehr schwer zugesetzt“, sagt der Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Andreas Schleicher, dem MDR. Aber was interessiert uns die Bildungsgerechtigkeit – wenn es nicht gerade um Reklame für Gesamtschulen geht (..die nach Esser und Seuring, 2020, gerade nicht für gerechten Leistungszuwachs sorgen).

Die Einserinflation bei den Abschlussklassen verdeckt die dünnen Effektivitätswerte von distalem und digitalem Unterricht – auch die pomphaft gepriesene „flipped classroom“-Methode (erst Lernvideos ansehen und dann eine elektronische Zoomdiskussion) schwächelt mit d-Werten nah an der Bemerkbarkeitsschwelle oder darunter. Als Wundermethode für alle gibt es nichts, was den guten Unterricht (nämlich direct teaching) toppen könnte.

Empirie hin oder her – auch Schlauberger:innen müssen sich knallharten Fakten in der Krise beugen: Zur Sicherung der vollen Ausbildungs- und Studierfähigkeit unseres Nachwuchses muss das nachgeholt werden, was ausgefallen ist. Und es ist genug ausgefallen. Und alles denen erklärt werden, die durch Distanzlernen den Anschluss verloren haben. Das wäre gerecht und im Sinne der Leistungsfähigkeit unseres Gemeinwesens rational und effektiv.

Was wäre zu tun? Scheinlösungen und radikale Eingriffe

Naheliegende Idee: in Sommerschulen, Samstagskursen und Förderstunden das Ausgefallene nachholen. Reichen diese Maßnahmen? Man wird es sehen – falls jemand eine kritische Evaluation macht. Oder – moralisch gefragt – Ist es nicht diskriminierend, nur den Gescheiterten Nachhilfe anzubieten?

Den einfachsten Weg wollen natürlich die beruflichen Schlauberger:innen – fest im Schwitzkasten der Bildungsökonomie und anderer distaler Beobachter – nicht beschreiten: maßvolle Schulzeitverlängerung. Mit der Einführung von G8 hat der mehrfach benannte Personenkreis von Bescheidwisser:innen ja schon gezeigt, was sie von Schulzeit halten (Dennoch geben sie Leistungsunterschiede der Nationen bei PISA und Bundesländer bei IQB gerne in Zeiteinheiten an, z.B. „das Land x ist im Schnitt ein halbes Jahr schlechter“ – klar: Widersprüche erkennt ja ohnehin nur kleiner Teil der Leser:innen).

Vollends widersprüchlich handeln die Erleuchteten (m, w, d, lgbt) der Bildungspolitik auch mit der Einführung der Kompetenzorientierung, vulgo: „Du brauchst nichts mehr zu wissen, sondern nur die Kompetenz zeigen, die dir vorliegenden Fakten richtig zu ordnen und daraus Schlüsse zu ziehen“. Diese Kompetenz haben wir mit der jedem Menschen eigenen Intelligenz schon von Kindesbeinen an, also sind viele Schuljahre für einen kompetenten Menschen überflüssig. Hans Peter Klein ist z. B. für sein aufsehenerregendes Experiment mit einer Bio-Leistungsklausur nach Kompetenzorientierung berühmt geworden: Bereits Mittelstufenschüler konnten sie ohne Vorwissen fast alle (1 Ausnahme) erfolgreich bestehen. Also G5 möglich? Also ist der Unterrichtsausfall in der Pandemie kein Beinbruch – das macht nichts. Kompetenzorientierung ist unempfindlich gegen Schulzeitverkürzungen. Und eine Scheinlösung des Leistungsproblems.

Und die argumentative Oberflächlichkeit der Talkshows (für gründliches Denken – hat man ja keine Zeit) verdirbt zusammen mit der Kompetenzorientierung in der Schule ohnehin die soliden politischen und gesellschaftlichen Maßstäbe. Wo Empörung und Hysterie herrscht, kann Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterschieden werden.

Bis in die akademischen Berufe hinein ist konsequentes und logisches Denken oft unbekannt. Mit der rationalen Selbstaufklärung des Menschen haben sich viele nie auseinandergesetzt. Stattdessen grassiert das Dunning Kruger Syndrom: Je inkompetenter jemand ist, desto höher schätzt er die eigene Kompetenz. Und findet also die Traumnoten ganz normal.

Die Noteninflation hat viele Ursachen: Neben der Kompetenzorientierung sind es: die Transparenz der Leistungsanforderung, das Einüben und Trainieren der richtigen Antworten, die Erlaubnis von Hilfsmitteln, kollektive Prüfungsformate etc.(vgl. Dollase, R. 2016b).

Auch ich vergebe – da immer noch unterrichtend – vorwiegend gute und sehr gute Noten. Für Hausarbeiten. Die kann man zu Hause in aller Ruhe vorbereiten, das Weltwissen per Computer dazu nutzen, die neuesten seriösen Quellen zum Thema ruck-zuck finden und mit seinen Freund:innen gemeinsam den Text dutzendmal durchgehen und optimieren. Meine Studierenden wissen allerdings, dass eine ad hoc Fähigkeit ohne Hilfe einer Wissensressource wie dem Internet, ohne Vorbereitung der Klausur im Seminar, ohne jemanden, der auch mal was vorsagen kann – ohne Beratung und Rückmeldung des Dozenten – stets zu deutlich schlechteren Leistungen führen würde.

Kritisches Denken und Transfer – früher ein Kriterium für gute Leistungen – können angesichts der Megaressource Internet für vorbereitete Arbeiten (z. B. Hausarbeiten als Referat in der Klasse vorstellen) nicht mehr beurteilt werden. Natürlich steht die Kritik zu irgendeinem Thema auch schon im Internet. Kontroversen und unterschiedliche Meinungen werden tausendfach publiziert. Und Schüler und Studenten lernen diese Kritik wie Wissen auswendig – ist das noch Leistung, die über das Auswendiglernen hinausgeht?

Halten wir fest: Die Noteninflation guter und bester Noten ist ein Trend, der schon Jahre anhält. Er ist durch Schul- und Unterrichtsausfall nicht zu stoppen. Zahlreiche Ursachen füttern diesen Trend.

Wege zur ehrlichen Notengebung

Wenn im Gefolge der Pandemie trotz Unterrichtsausfall paradox exzellente Noten vergeben werden können, lenkt das den Blick auf die Frage „Wie könnte eine ehrliche Notengebung aussehen?“

Dazu zunächst ein Umfrageergebnis. In der erste Dekade des 21. Jahrhunderts (mittlerweile auch in der zweiten repliziert) haben rund 6.500 Bundesbürger die Frage beantwortet „Welche Art von Information ist für die Bewertung eines Menschen wichtig?“ (mittels Paarvergleich von 6 ausgewählten Kriterien). Die eindeutige Wichtigkeitsreihenfolge in 10 Replikationen (Berufsstichproben: Studenten, Schüler SI, Schüler SII, Lehrer, Erzieherinnen, Polizeibeamte, Arbeiter und Angestellte, Journalisten, Krankenpflegepersonal, Sozialpädagogen) lautet: 1. Platz: Schulabschluss, 2. Platz: Beruf, 3. Platz: Alter, 4. Platz: Geschlecht, 5. Platz: Nationalität und 6. Platz: Religion – also wenn schon Identitätspolitik, dann bitte Schulabschluss und Beruf als vorrangig. Stattdessen dröhnen uns Hysterien über nebensächliche Identitäten die Ohren voll.

Diese gesellschaftliche Orientierung baut einen enormen Druck im Bildungssystem auf (vgl. Dollase 2016a) und führt im Gefolge zu lebensfernen und dysfunktionalen Versuchen „Abi und Uni“ für jeden zu erreichen. Da wird mit klingenden Worten an den Prüfungsformaten gebastelt (= um „jedem gerecht zu werden“, d.h. im Klartext: damit es jeder schafft), da werden Manifeste geschrieben zum „Mythos der individuellen Leistung“ (d.h. es gibt nur gemeinschaftliche Leistungen, weshalb alle Uni und Abi gemeinsam schaffen können müssen etc.). Deshalb auch die extensiven Übungen von Klausuren. Deshalb die minimale Rezeption der Metaanalysen zum guten Unterricht von Hattie – dabei könnte der Leistungs- und Selektionsgedanke ja wieder belebt werden. (Ok – wir können gerne auf das Leistungsprinzip verzichten, wenn wir kollektiv in die wirtschaftliche Armut und Bedeutungslosigkeit verschwinden wollen – wenn die Mehrheit das will, machen wir doch gerne.)

Ein neues Zeugnis von Kita bis Uni müsste her (Dollase, 2005: ein mehrperspektivisches Zeugnis, oder individuelles Leistungsportfolio):

  1. Beschrieben wird jede relevante Tätigkeit und ihre Bewertung in kurzen Begriffen – also auch außerschulische Tätigkeiten (z.B. Praktikum Feuerwehr), aber auch Testergebnisse, Klassenarbeiten, Referate, Hausarbeiten etc. Dabei muss vermerkt werden, wie die Entstehungssituation war – alleine, in Gruppe, mit Hilfe etc.
  2. Es gibt weder für ein Fach, noch für mehrere Jahre eine Gesamtnote. Gesamtnoten werden abgeschafft. Der Abnehmer der Schüler muss sich schon die Mühe machen, das bisherige Portfolio zu durchforsten. Es lässt sich keine Schwäche irgendwo mit einer Stärke anderswo kompensieren. Schlechte Matheleistungen etwa durch Aufzählung der Nebenflüsse des Rheins…
  3. Der Abbruch von Schule und Uni, Schul- und Uniwechsel muss jederzeit möglich sein.
  4. Die Abnehmer der Schüler definieren, was sie als Zugangsberechtigung brauchen, z. B. Medizinstudium: alle naturwissenschaftlichen Fächer, dazu Latein, ein Praktikum in der Altenpflege etc.
  5. Das individuelle Leistungsportfolio wird lebenslang weitergeführt – es gibt kein Ende der Qualifizierung. Damit erübrigen sich auch weitere Diskussionen über die Durchlässigkeit von Bildungssystemen.

Eine Zeugnisreform wie skizziert, könnte den fatalen Trend zu Abi und Uni, zu Facharbeitermangel und Bildungsdünkel stoppen helfen. Wer nur Gruppenarbeiten, mündliche Beteiligung im Unterricht und Hausarbeiten schaffen konnte – wird ehrlicherweise das zugeben müssen, weil es im Zeugnis so steht. Ein pandemiebedingter Unterrichtsausfall und der verstärkte Trend zu Hausarbeiten mit Ressourcen (also auch mit Pfuscherei 🙂 würde sich auch ehrlich abbilden. Und die Zensuren-Hysterie vergessen wir.

So etwas umzusetzen, würde in Deutschland mit seiner verkalkten Erneuerungskultur Jahrzehnte brauchen. Schneller ginge es, wenn man jedem Neugeborenen gleich die Uni Zugangsberechtigung schenken würde. Oder jedem Menschen  bei der Geburt die Zusatznamen „Profundus“ und „Drusus“ geben – so könnte er sich stets „Prof. Dr.“ nennen. Dann könnten wir endlich anfangen, systemrelevant zu lernen und zu arbeiten. Und Politiker müssen sich ihre Bücher nicht mehr von Hilfskräften abschreiben lassen.

Literatur:

  • Dollase, R. (2016a) Alle wollen „ABI“ und „UNI“. Über tabuisierte Ursachen von Bildungshysterie und Bildungsdünkel. In: Bodensteiner, P., Kraus, J. (Hrsg.) Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel. München: Hanns Seidel Stiftung, S.21 – 54
  • Dollase, R. (2016b) Folgerungen und Konsequenzen aus der Analyse von Prüfungsnoten in akademischen Abschlußprüfungen. In: Lin-Klitzing / Di Fuccia / Gaube (Hg.), Leistungsstandards und Leistungsbewertung an Gymnasien und Universitäten. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S.163 – 179
  • Dollase, R. (2005). Gegen die Arroganz der Beurteilungssicherheit – die mehrperspektivische Beurteilung. Schulverwaltung Bayern, 28 (11), 366 – 368.
Zur Person
Der Psychologie-Professor Rainer Dollase gehört zu den renommiertesten Bildungswissenschaftlern in Deutschland. Foto: privat
Der Psychologie-Professor Rainer Dollase gehört zu den renommiertesten Bildungswissenschaftlern in Deutschland. Foto: privat

Dr. Rainer Dollase war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor in der Abteilung Psychologie und am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Die Vorschulerziehung stellte dabei einen seiner Arbeits- und Veröffentlichungsschwerpunkte dar. Später hat er sich einen Namen in der G8/G9-Debatte gemacht – als wortgewaltiger Gegner des Turbo-Abiturs.

Gewinner ist: das gegliederte Schulsystem – ein Gastkommentar zur IQB-Studie

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48 KOMMENTARE

  1. Meine Tochter hatte im letzten Schuljahr in det Abschlussklasse fast durchgehend Präsenzunterricht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass da beim Abi was geschenkt wurde.
    Allerdings hatte ich schon vor Corona den Eindruck, dass die Anforderungen am Gymnasium grundsätzlich geringer sind als zu meiner Zeit vor über 40 Jahren.

  2. Bin ganz bei ihm!
    Habe dies auch schon in vielen Kommentaren in den letzten Monaten hier geschrieben!
    Gilt alles auch für sämtliche Schularten, welche bei mir, über 4 Jahrzehnte hinweg, total viel an dem damalig gültigen Wissensstandart eingebüßt haben!
    Vieles wird heute nur noch seeehr oberflächlich angetippt, nicht durchdacht und bearbeitet, dann aber als Wissen verkauft!
    Dies will aber keiner hören und schon gar keiner aus dem KM eingestehen!
    Bei der älteren Lehrerschaft ist das sehr wohl bekannt, die jüngere wissen es einfach nicht, da sie damals evtl. noch nicht einmal in der Schule waren!

    • @KARIN

      Das sehe ich genauso – seit mehr als 15 Jahren. Noteninflation bis dorthinaus.

      Meine damaligen Hauptschüler wären heute die Megaüberflieger – stipendiumverdächtig!

      Was die HS früher gelernt haben, schafft so mancher Abiturientnicht mehr.

      Und nie and will es hören. Wir haben ein Notenspektrum von 1 bis 4. Schließlich finden die meisten ohne Hilfe den weg in die Klasse….

      Wiederholung des Inhalts – laaaaaaaangweilig! Hauptsache, sie haben Spaß!

      Die neugierigen und lernwilligen Schüler werden ständig ausgebreitet – wenn einer nichts lernt, dürfen die anderen auch nicht – schließlich haben wir Chancengleichheit! Alle haben keine Chancen, kein gesichertes Wissen, aber schöne Zahlen.

      Ja, trifft nicht auf alle zu, aber auf viele.Eltern sind die Zahlen wichtig, unabhängig von den Leistungen der Sprösslinge. Dass sie später mit Knall und Fall scheitern – Schule schuld. Nicht das Nichtlernen des Sprösslings.

      Ich bin es so leid, so verdammt leid! Auch das kriegen die Bildungsminister:innen nicht auf die Reihe.

      Wozu sind die da?

      • @Riesenzwerg

        „Auch das kriegen die Bildungsminister:innen nicht auf die Reihe.
        Wozu sind die da?“

        Die wollen auch nur Spaß haben/machen.
        🙁

  3. Man könnte ganz einfach das Leistungsprinzip wieder einführen und der Einfachheit halber in ganz Deutschland mindestens das Niveau der Lehrpläne von Bayern 1990. Die erfahrenen Fachlehrer mit mindestens 30 Jahren Berufserfahrung oder reaktivierte Pensionäre können, ausgehend von den damaligen Lehrplänen, aktuelle Vorschläge konzipieren. Dazu zähle ich auch die Defizit- und Versetzungskriterien. Dann kann man auch wieder Notenzeugnisse bilden.

    • … und dann hätten wir wieder ein wunderbar strenges Selektionskriterium, das die Hochschulen leeren würde und am Bedarf der Wirtschaft an akademischen Fachkräften völlig vorbei ginge.

      Wofür bilden wir denn? Für den Dünkel alter Akademikerinnen und Akademiker, die sich wer weiß was auf ihr Abitur, auf ihr Latein und auf ihre Rechtschreibung einbilden und gerne ihre Besonderheit wiederhaben möchten – oder dafür, die ökonomischen, politischen und kulturellen Grundlagen dieser Gesellschaft zu legen? Für Letzteres taugt das Konzept der Exklusivität aber nicht.

      Dollase erkennt das durchaus – sein Vorschlag ist bemerkenswert nah am Konzept der Portfolios ohne Noten und damit ganz schön revolutionär. Weg mit den Zensuren (und mit dem Lernen im Gleichschritt), hin zu fixen fachlichen Leistungsanforderungen, die individuell abgelegt werden können und dann zertifiziert werden. Dass alle Schülerinnen und Schüler stets zum gleichen, von außen festgelegten Zeitpunkt getestet werden, fördert nur das Bulimie-Lernen. Mit echter Bildung hat das wenig zu tun.

      • Der Bedarf an akademischen Fachkräften ist nicht so hoch, wie Sie glauben. Erstens können viele Aufgaben von Bachelor-Absolventen auch durch Gesellen erledigt werden. Zweitens gibt es einen insbesondere durch die Überakademisierung mit verursachten Fachkräftemangel. Drittens würde man durch ein die Studierfähigkeit bescheinigendes Abitur die Abbrecherquote massiv senken.

        Was meinen Sie eigentlich mit „ökonomischen, politischen und kulturellen Grundlagen dieser Gesellschaft“? Diverse insbesondere geisteswissenschaftliche Bachelor-Absolventen finden keine Stelle in ihrem studierten Bereich und in der freien Wirtschaft und sind somit keine ökonomische Grundlage oder zumindest eine schlechtere als ein Handwerker oder eine Krankenschwester mit abgeschlossener Ausbildung. Wenn Sie unter „politische und kulturelle Grundlage“ irgendeine Art von universitär vermittelte Haltung verstehen, dann verkennen Sie den Sinn der Universitäten als Ort unpolitischer Wissenschaft.

        Als Konsequenz von Dollases vorgeschlagenem Modell befürchte ich Zulassungstests an den Hochschulen. Diese konzentrieren das Bullemie-Lernen auf noch kürzere Zeitspannen.

          • Ich habe Hochschulabsolventen als Akademiker aufgefasst. Dass Bachelors nur ein besseres Vordiplom haben, ist mir klar.

        • Der Bedarf ist nicht das, was Sie meinen – sondern das, was der Arbeitsmarkt ausdrückt. Es gibt praktisch keine arbeitslosen Akademiker in Deutschland.

          „Im Jahr 2018 lag ihre Arbeitslosenquote bei 2,2 Prozent. Dabei waren im Westen sogar nur 1,9 Prozent der Akademiker ohne Job, im Osten waren es 2,7 Prozent. Der Gesamtdurchschnitt lag dagegen bei 5,2 Prozent. Ein hoher Bildungsabschluss ist demnach eines der besten Mittel gegen eine (andauernde) Arbeitslosigkeit.“ Quelle: https://www.academics.de/ratgeber/arbeitslose-akademiker

          • Erstens: Wenn es mehr Akademiker gibt, gibt es auch einen höheren Anteil arbeitsloser Akademiker — gerade wenn es auch noch ohne Ende Schmalspurakademiker mit einem Bachelor in einem nutzlosen Fach gibt.
            Zweitens: Die Arbeitslosenquote bei Akademikern sollte man auf Berufsanfänger oder wegen mir alle unter 30 gesondert betrachten und nach Studienfach aufschlüsseln. Bei Journalisten ist die Quote mit Sicherheit erheblich höher als bei Informatikern.
            Drittens: Mit Ihrem Kommentar haben Sie die betriebliche Ausbildung als komplett wertlos gebrandmarkt.

          • „Es gibt praktisch keine arbeitslosen Akademiker in Deutschland“
            Aber in Spanien gibt’s jedenfalls jede Menge junge Akademiker, die absolut unterbezahlte Jobs annehmen müssen, wenn sie überhaupt was bekommen:
            https://www.tagesschau.de/ausland/europa/spanien-jugend-corona-arbeitslosigkeit-101.html
            Sowas kann durchaus die Folge einer gesteigerten Akademisierung sein. In Deutschland sind wir vor sowas auch nicht geschützt. Natürlich hängt das auch von der Konjunktur und der Wirtschaftspolitik ab. Aber letztlich soll doch Europa als ganzes gesehen werden, oder?
            Das Argument, dass mehr akademische Abschlüsse zu insgesamt höheren Einkommen führen, müsste volkswirtschaftlich erst noch begründet werden. Individuell stimmt es vielleicht, aber um den Preis einer wachsenden Konkurrenz mit den anderen. Und Konkurrenz im Bildungswesen, wird das nicht immer als „des Teufels“ gegeißelt?

      • Die Wirtschaft braucht Fachkräfte, auch Ingenieure von Hochschulen, aber nicht unbedingt so viele Absolventen geistes- und kulturwisssenschaftlicher Studiengänge. Außerdem müssen die was können und nicht nur ein Zertifikat vorweisen. Schwache Ingenieure will auch keiner haben. Mit dem Abitur alleine wird man jedenfalls nicht zu einer Fachkraft, das ist nicht das Ziel. Ein Mehr an Abiturienten führt eben zunächst mal zu schlechteren Chancen für Leute ohne Abitur. Und auch wenn jeder Abitur machte und wenn man allen Abiturienten die Note 1,0 zuordnen würde, wäre nichts gewonnen. Ebenso wäre nichts gewonnen, wenn die Hochschulen eine weitere Noteninflation praktizieren würden. Man sollte sich einfach ehrlich machen. Bei den Juristen ist ein Prädikatsexamen (voll befriedigend oder besser) nach wie vor schwer zu erreichen, nur etwa 20 % haben das. Und weil diese 20 % für die Positionen in Justiz und höherem Verwaltungsdienst nicht mehr ausreichen, stellt man einfach auch andere Juristen ein, von denen es aber wohl keinen Mangel gibt. Wenn aber praktisch jeder einen Hochschulabschluss erreicht (so etwa ist das wohl in Südkorea), dann gibt es einen gnadenlosen Wettbewerb um diejenigen Positionen, die wirklich einen Hochschulabschluss erfordern. Das ist dann doch die „Selektion“, die mancher grundsätzlich nicht haben will. Aber die Welt kann auch in Zukunft nicht nur aus Wissenschaftlern und Theoretikern bestehen, es muss auch Praktiker geben. Aber werden die in wissenschaftlichen Studiengängen ausgebildet?

      • „das die Hochschulen leeren würde und am Bedarf der Wirtschaft an akademischen Fachkräften völlig vorbei ginge.“

        Das ist aber genau Dollases Punkt: Die Studierenden, die an die Uni strömen, sind nicht wirklich studierfähig, und die akademischen Absolventen sind nicht die Akademiker, die die Wirtschaft braucht, denn die beschriebene Herangehensweise an Wissen und Bildung setzt sich in der Uni fort – abgesehen davon, dass eine Gesellschaft nicht nur Wirtschaft ist – ohne die Geisteswissenschaften, Kultur, Ethik, Verständnis der Geschichte, möchte ich mir unser Land (und die Politik) nicht vorstellen …

          • Das ist die Nummer „früher war alles besser“ – die implizite Behauptung nämlich, dass die eigene Bildung natürlich viel erlesener sei, als das, was die jungen Leute heute draufbekämen.

            Das Phänomen ist so alt wie die Menschheit.

        • @Rabe (aus NRW)

          Es geht ja nicht erst um Schüler:innen als angehende Studierende, von denen immer weniger studierfähig sind.

          Es geht schon bei den Einschulung los -gefühlt die Hälfte der Kids ist nicht schulfreie oder nicht beschulbar.

          Diese Kids sitzen mit den anderen zusammen in einem Klassenzimmer. …

          Was sie gut können – Drama, Drama, Drama. Mit vier Erwachsenen (das war ein absoluter Ausnahmeglücksfall, der die Regel sein muss!) waren wir in einer ersten Klasse – Mathematik. Ich verbrachte etwas mehr als dreißig Minuten mit zwei Dramaqueens vor der Tür, auf Toilette – eine hatte sich wegen der Gemeinheit der Welt und des anderen Prinzesschens eingeschlossen und ließ andere Kinder nicht rein, während die andere türenknallend und stühletretend in der Aula unterwegs war. Ein weiteres Kind der Klasse packte seine Sachen und wollte nach Hause gehen – kein Bock auf Mathe, zu anstrengend.

          In der GS sollen Grundlagen gelernt werden. Findet den Fehler.

      • Stimme Bernd voll zu. Es ist schon bemerkenswert, dass häufig die eine Überakademisierung anprangern, deren Kinder selbstverständlich das Abitur und ein Studium anstreben sollen. Das nenne ich Bildungsdünkel.

        • Ist das nicht eine Übergeneralisierung – und Unterstellung, dass die, die sich um eine Veränderung der derzeitigen Missstände bemühen und Vorschläge machen, automatisch zu dieser Gruppe gehören? Oder heißt das indirekt, es gebe keine Missstände?

        • Die Kinder, deren Eltern beide etwas sinnvolles studiert haben in dem Sinne, dass sie im studierten Bereich arbeiten, erhöhen den Grad der Akademisierung selbst nicht. Falls diese keine Geschwister haben, senken sie den Schnitt sogar. Mit Bildungsdünkel hat das nichts zu tun.

        • Niemand hat behauptet, früher sei alles besser gewesen. Schon vor 50 Jahren konnten Kinder aus einfachen Verhältnissen Abitur machen, wenn sie halt nur die intellektuellen Bedingungen erfüllten, die die Gymnasien erwarteten, also Leistungen in den diversen Fächern. Das gab es durchaus. Ebenso beim Studium. Im Artikel von Dollase geht es darum, dass man diese Bedingungen neuerdings einfach herunterskalieren möchte, nur um mehr Absolventen zu haben. Das ist verfehlt. Man senkt ja auch nicht im Sport die Olympianorm, nur um mehr Olympiateilnehmer zu haben.

  4. Ich kann als Mutter und Pädagogin diesem Beitrag nur bei pflichten. Die Bildung an den Schulen hat sehr verloren und diese außergewöhnliche Lebensphase der Pandemie hat es verstärkt an das Tageslicht gebracht. Auch Herr Meidinger hat oft diesen Satz geäußert an die Politik und KM “ WELCHEN WERT HAT BILDUNG NOCH“ in dieser schweren Lebenszeit? Die Bilungszeit und persönliche Reifung hat durch die Corona Zeit die Defiziete veschärft und der Flickenteppich der Bildungsnot an Schulen gehört dringend entsorgt. In BW wird als Bundesland noch G8 an Schulen angeboten und in der Pandemie Zeit war G7 nochmals ein verkürztes Schuljahr. Frau Schopper als KM spricht von etwaigen Lernrückständen und untergräbt somit die Notlage der Schüler nach einer angemessenen Bildungszeit und persönliche Reifung an der Schule. Wie das Rückenwindprogramm für G8 Schüler bei einem verkürzten Schuljahr G8 und G7 die Rückstände schließen soll ist Schülern und Lehrer ein großes Rätsel. Frau Eisenmann hat von dem dringenden Wunsch nach G9 zurück von Schülern und Eltern mit Unwahrheiten belegt und kein Gehör eingeräumt. Nein sondern ein hoch auf die Gemeinschaftschulen immer nur verwiesen. Für Eltern und Schüler die täglich die Bildungsnot vorgehalten bekommen und durch diese lange Lebenskrise nochmals verstärkt zu spüren. Die Augenwischerei auf eine angemessen Bildungzeit an allen Schulformen ist man nicht bereit einen neuen Weg zu gehen. G8 hat ausgedient und die Schüler müssen ein stabiles Konzept zur Aufarbeitung bekommen um die Bildungsschere an der Schule unter fairen Lernprozessen zu erarbeiten. Das Schuljahr war ein über Wasser halten und irgendwie durch die Zeit zu kommen und echte Bildung hat gar nicht stattgefunden. Die Politik und KM sind gar nicht bereit sich nach der schweren Lebnskrise für Schüler sich neu aufzustellen. Die Bildungsschere ist im Klassenverband sehr groß und sehr unterschiedlich und wird im neuem Schuljahr erst richtig zum tragen kommen.https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/rueckkehr-g9-gefordert-100.html

  5. „Das individuelle Leistungsportfolio wird lebenslang weitergeführt – es gibt kein Ende der Qualifizierung“.

    Wenn ich solche Zeilen lese (…) wird mir übel! Können sie auch nur aus der Feder einer Person stammen, deren Weg durch’s Leben – wahrscheinlich auch ‚right from the start‘ – aus der Retroperspektive überdurchschnittlich gut verlaufen und zu bewerten ist – Elfenbeinturm (im wahrsten Sinne) lässt grüßen!

  6. Das Leistungsprinzip fehlt mir seit Jahren in den Schulen … Jeder hat etwas und bekommt einen Nachteilsausgleich . Jeder macht Abitur , selbst die , die ihren eigenen Namen falsch schreiben . Das ist dann LRS . Und die Schule macht sich eher Gedanken darüber , wie sie die Kinder mit Ausnahmeregelungen vor ihren eigenen Anforderungen bewahrt statt wie sie ihnen gerecht werden können . Das wird nicht gut gehen .

  7. @ Klaus Lehmkuhl

    Die Sache mit dem inflationären Nachteilsausgleich finde ich auch sehr fragwürdig. Häufig sind es nämlich nicht gleichwertige Leistungen, die da erbracht werden. Wenn Fritzchen nicht gut lesen und schreiben kann und deshalb seine Leistung mündlich darbieten darf, mag das in Erdkunde in Ordnung sein. In Deutsch aber ist das nicht zu akzeptieren, denn da ist das Lesen und Schreiben genau der Unterrichtsinhalt.

    Wenn jemand etwas nicht leisten kann, soll ihm das nicht als seine „Schuld“ vorgeworfen werden. Aber es ist auch nicht ehrlich, wenn man diese mangelnde Leistungsfähigkeit nicht bewertet.

    • Hier noch mein absoluter Lieblingsnachteilsausgleich , beschlossen von der Zeugniskonferenz auf Wunsch des Abteilungsleiters : Ein Mädchen , angeblich psychisch labil – was mir in sechs Jahren Klassen – und Kursunterricht nie aufgefallen ist – , konnte unmittelbar vor jeder Arbeit entscheiden , ob sie mitschreiben wollte oder nicht . Glücklicherweise war sie vernünftiger als die Lehrer und hat nie davon Gebrauch gemacht . Und einmal hatte ich einen Englisch Grundkurs , in dem alle Schüler einen Nachteilsausgleich hatten – bis auf einen . Der hatte leider nichts : Kein ADS , kein ADHS , kein LRS , kein Tourette . Und der hatte am Ende die schlechtesten Noten , obwohl er die einzig ehrliche Leistung erbracht hatte . Das ist bizarr .

      • @Klaus Lehmkuhl

        „Und der hatte am Ende die schlechtesten Noten , obwohl er die einzig ehrliche Leistung erbracht hatte .“
        Ich frage mich gerade, was dieser Schüler am Ende tatsächlich (fürs Leben) gelernt hat und wie er es selbst in Worte fassen würde.
        🙁

        • Er hat eine Ausbildung zum Sanitärinstallateur gemacht und sie erfolgreich beendet . Seine Mitschüler mit Nachteilsausgleich hangeln sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten . Plus freiwilligem sozialen Jahr . Er dürfte gelernt haben , dass Schule anders ist als “ das Leben “ . Aber er hat das ständige Bein stellen durch die moderne Pädagogik schadlos überstanden .

          • @Klaus Lehmkuhl

            „Aber er hat das ständige Bein stellen durch die moderne Pädagogik schadlos überstanden .“
            Das finde ich klasse und ich freue mich sehr für den jungen Mann!

    • @Heide Blum

      „Wenn jemand etwas nicht leisten kann, soll ihm das nicht als seine „Schuld“ vorgeworfen werden. Aber es ist auch nicht ehrlich, wenn man diese mangelnde Leistungsfähigkeit nicht bewertet.“

      Absolute Zustimmung!

      Wird aber leider gemacht – denn er/sie kann es ja nicht! Also bekommt er/sie im schlimmsten Fall ein Ausreichend. Grammatik, Rechtschreibung und Leseverstehen werden aus der Wertung herausgenommen – Nachteilsausgleich – und tada! Schon gibt es eine 2.

      Das wirkt sich nicht gut auf das Kind aus. Meist lehnt es sich noch mehr zurück und kassiert – weil es ja nicht kann – gute Noten.

      Für den Abschluss ist das auch gar nicht soooo wichtig. Jeder mit der Vornote 4 besteht die Abschlussprüfung.

      Das wäre – auch – mal etwas zum Denken für unsere KuMis.

      Allerdings weiß ich nicht, ob ich wissen möchte, was dabei herauskommt

  8. Wir müssen uns auf den Leistungsgedanken rückbesinnen.

    Die Metafunktion von Schule ist die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu eigenverantwortlichen (d.h. mündigen, selbstreflexiven, integren etc.) und gemeinschaftsfähigen (d.h. kooperations- und partizipationsfähigen etc.) demokratischen Staatsbürgern – die Existenzberechtigung des Schulsystems insg. und jedes einzelnen Unterrichtsfachs ist nicht arbiträr, gewiss keine autotelische, sondern eine autopoiesische Berechtigung. Mithin soll jede schulische Bildung diesem Ziel dienen, denn nur der gebildete Bürger ist wirklich partizipationsfähig, mündig, selbstreflexiv, integer etc. (alles Attribute in reziproker Interdependenz).

    Um es wenig diplomatisch auszudrücken (und mir empörte Reaktionen zu garantieren):
    Bürger – und damit am Ende ihres schulischen Bildungsweges auch Kinder resp. Jugendliche – müssen gewissermaßen funktionieren! Und hierbei geht es nicht um „Gehorsamkeit oder Gefügigkeit“, wie hier eine anonyme Mutter am 04. April in einem von kontraproduktiver Gefühligkeit geprägten Kommentar unterstellte, basierend auf einer hyperindividualisierenden Freiheitsillusion, die den Pflichtanteil jeden Bürgers am Funktionieren von Gesellschaft negierte, zumindest ignorierte und glaubte, Freiheit sei ein Zustand, der nicht der konstanten Erarbeitung bedürfe (s. „‚Liebes Schulsystem, wir müssen reden!‘ Eine Mutter tritt eine Grundsatzdebatte los“), ganz im Gegenteil:

    Der Rahmen dieser Funktionstüchtigkeit der Bürger ist ein enorm weiter, aber abermals nicht arbiträrer. Der Rahmen wird durch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und ihre immensen Freiheiten gesteckt. Um im Rahmen dieser Grundordnung navigieren zu können, Gesellschaft zu erhalten und Bürger zu befähigen, an dieser partizipieren zu können, muss man (a) diese Grundordnung und ihre Reglements kennen und verstehen und (b) entsprechende Kompetenzen vermitteln, damit die Bürger auch partizipieren können. Und „Kompetenzen“ meint hier ein Zusammenspiel aus konkreten Inhalten einerseits und Methoden und Techniken zur Realisierung der hier skizzierten Bildungs-, Gesellschaftserhaltungs- und Partizipationsziele andererseits.

    Selektion und Allokation sind aus den skizzierten Gründen Kernaufgaben von Schule: Schule soll Menschen auf eine mögliche Rolle in dieser pluralistischen, freiheitlich-demokratischen Grundordnung als eigenverantwortliche und gemeinschaftsfähige demokratische Staatsbürger vorbereiten, der gesellschaftlichen Nichtpartizipationsfähigkeit von Bürgern (die diese Bezeichnung dann nicht mehr verdient hätten) einerseits und damit anomischen Gesellschaftstendenzen andererseits vorbeugen. Deshalb geschieht all das auch „ungefragt“ – es ist systemrelevant, kann nicht zur Disposition stehen. Aus dem Unverständnis dieser Funktion ggü. entstammt mglw. auch der naive Ansatz zur Demokratieerziehung, wie er in schulsystemkritischeren Kommentaren oft durchscheint.

    Ungenommen dieser Einwände ist es natürlich legitim und angemessen, bspw. über konkrete Lehrinhalte zu diskutieren.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    Nicht die Kompetenzorientierung ist das Problem, vorausgesetzt man realisiert, dass pragmatisches Wissen, Methoden und Techniken, dass das „know how“ nicht isoliert von inhaltlichem Fachwissen (Daten, Fakten etc.) existiert. Das eigtl. Problem ist die Orientierung an Lern- statt an Lehrzielen.

    Man ist zu sehr darauf bedacht, dass am Ende bei allen auch alle Lernziele zwingend ankommen, da gibt es dann scaffolding, wird über die Schwelle getragen, wird das Niveau gesenkt, als sei jeder zu allem in der Lage, würde er nur entsprechend unterstützt, geleitet etc. – eine an Naivität kaum zu überbietende Idee: Jeder Lehrer dürfte (eine Variante) einer sehr bekannten Karikatur kennen, in der eine Reihe von Tieren (Vogel, Affe, Elephant etc.) vor einem Lehrer aufgereiht steht und letzterer instruiert: „Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf dem Baum!“ Hier wird genau das gerade Kritisierte insinuiert, alle müssten auf die Spitze des Baumes befördert werden, ansonsten wäre die Aufgabe ungerecht… dabei hat der karikaturist ja shcon unbedacht selbst das problem dargestellt: Es sind nicht alle gleich, es haben nicht alle die selben Fähigkeiten und auch nicht dieselben Potenziale, dieselben Ziele zu erreichen. Deshalb ja die Selektion und Allokation…

    Wichtig wäre damit also eine Rückbesinnung auf Lehrziele: Der Lehrer vermittelt Kompetenzen (im oben skizzierten Sinne)… und die die Schüler kommen damit zurecht oder nicht (d.h. nicht, dass es nicht Hilfestellung etc. gibt, wir dürfen ja auch nciht in das Extrem verfallen zu glauben, jeder könnte alles auf Anhieb richtig oder eben nicht), denn nur darauf kann Selektion und Allokation überhaupt basieren.

    • „„Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf dem Baum!“ Hier wird genau das gerade Kritisierte insinuiert, alle müssten auf die Spitze des Baumes befördert werden, ansonsten wäre die Aufgabe ungerecht… dabei hat der karikaturist ja shcon unbedacht selbst das problem dargestellt: Es sind nicht alle gleich, es haben nicht alle die selben Fähigkeiten und auch nicht dieselben Potenziale, dieselben Ziele zu erreichen. Deshalb ja die Selektion und Allokation…

      Wichtig wäre damit also eine Rückbesinnung auf Lehrziele: Der Lehrer vermittelt Kompetenzen (im oben skizzierten Sinne)… und die die Schüler kommen damit zurecht oder nicht (d.h. nicht, dass es nicht Hilfestellung etc. gibt, wir dürfen ja auch nciht in das Extrem verfallen zu glauben, jeder könnte alles auf Anhieb richtig oder eben nicht), denn nur darauf kann Selektion und Allokation überhaupt basieren.“
      Das ist m.E. eine sehr einseitige Interpretation der Karikatur. Meine Interpretation:
      Viele Kinder aus Elternhäusern, die wenig zur Förderung (Sozialisation) ihrer Kinder beitragen Können oder wollen, haben nicht die gleichen Chancen in der Schule erfolgreich zu lernen. Diese Kinder haben aber keine Schuld. Dies sollten eigentlich auch Lehrkräfte wissen. Nur die Schule hat die Möglichkeit, die Benachteiligungen auszugleichen. Hier aber versagt das deutsche Schulsystem durch rigorose Selektion.

      • Ganztagsschulen ermöglichen den Kindern von Beginn an, in der Schule so viel zu lernen, dass sie gut durchkommen, selbst wenn sie zuhause nicht mehr arbeiten können. Die schulischen Anforderungen sind gering genug gemacht worden. Auf einer Einheitsschule wird das nicht anders werden, auch wenn Sie das anders sehen.

      • Das Dumme ist nur, dass immer unreflektiert der TESTERFOLG in der Statistik dann als CHANCEN interpretiert wird. Wenn 15-Jährige bei PISA getestet werden, dann ist es gar nicht möglich zu entscheiden, ob sie als 7-Jährige mal Chancen hatten oder nicht. Kann ja sein, dass die Chancen nicht genutzt wurden. Im übrigen: wieso ist das ein Versagen des Schulsystems? Es ist doch eher ein Versagen der Eltern bzw. ein Versagen desjenigen althergebrachten (!) Systems, das den Eltern das alleinige Recht an ihren Kindern gibt, wohl wissend, dass es halt bildungsferne Eltern gibt, die dann eben bildungsferne Kinder heranziehen. Ob ein Versagen der Eltern in den ersten Lebensjahren von der Schule überhaupt ausgeglichen werden kann, ist nirgends nachgewiesen worden. Man schiebt diese Aufgabe der Schule einfach zu, weil es bequem ist und weil man damit Schulreformen rechtfertigen kann.

  9. Hier nun eine kleine Anekdote zum Schmunzeln.

    Wir bekommen Sek2 – Lehramt- Kanditaten als Praktikanten an die GS. Dem jungen Mann, sehr nett und beflissen, mit einer 1 vor dem Komma in der Abinote, gab ich die Aufgabe, für das nächste Thema „Stromkreise“ im 4. Schuljahr die kleinen Glühlämpchen mit Hilfe einer 4,5 Volt Flachbatteriezu prüfen und kaputte auszusortieren. Er verstand sehr schnell, wie eine solche Prüfung durchzuführen ist und machte sich an die Arbeit.
    (Es handelt sich um Taschenlampen-Glühbirnchen, die bei einer ungefährlichen Batteriespannung von 4,5 Volt leuchten.)

    Nach 15 Minuten hatte er seine Aufgabe erledigt und nur eine „kaputte“ Glühlampe gefunden, ausgerechnet die große Birne, die wir benutzen, um den Kindern den Stromfluss durch diesen Verbraucher zu verdeutlichen.

    Ich schaute mir die Birne an, Glühwendel ok, kein Schaden zu sehen.

    Ich fragte ihn verwundert, wie er diese Glühbirne überprüft habe. Nun ja, er hätte sie, wie auch die kleinen, mit Hilfe der Flachbatterie getestet.

    „Wie sag ich’s meinem Kinde?“ Ich bat ihn, den Aufdruck auf der Batterie (4,5V) und den auf der Birne (220V) zu vergleichen. Als angehendem Mathelehrer fiel ihm sofort die Diskrepanz zwischen diesen beiden Zahlen auf. Super!
    Und dann fiel ihm, nach kurzem Nachdenken und einigen gezielten Fragen meinerseits ein, dass die Batterie(Spannung) wohl zu schwach sein könnte, um die große Glühbirne zum Leuchten zu bringen! Klasse!

    Da sag noch einer, dass unsere Einserabiturienten nichts auf dem Kasten haben!

    Man muss nur die richtigen Methoden anwenden, dann schaffen die das schon!

  10. Tolle Geschichte . Es geht aber noch wilder : An meiner Schule gab es eine vollständig examinierte Kollegin , die in einem Englischkurs in der Oberstufe versuchte , den Namen William Shakespeare anzuschreiben . Sie schaffte 12 Versionen , alle falsch . Dann hatten die Schüler Mitleid und haben es ihr diktiert .

  11. Ich beobachte diese Entwicklung (schon vor Corona, und während Corona weiter…) auch mit Bauchschmerzen. Ich habe bisher da nicht mitgemacht und wirklich die Leistung in meinen Fächern bewertet, die mir geboten wurde und niemandem Noten hinterhergeworfen, obwohl meine Schnitte aufgrund der Regeln und der Notengebung der aktuellen Oberstufe in BY dennoch ziemlich gut sind in der Oberstufe. Immer wieder höre ich von SchülerInnen, die „enttäuscht“ sind, wenn sie im Referat „nur“ 11 oder 12 Punkte haben, manchmal schalten sich (bei solchen Noten!) sogar die Eltern ein. Es geht nur noch um die 1 vor dem Komma, die bitteschön jeder haben muss. SchülerInnen kommen mit Note 4 aus Klasse 10 zu mir in die Oberstufe und meckern, dass sie keine 2 bekommen. Es ist ein einziger Kampf!!

  12. Die berufliche Duale Ausbildung ist europaweit einmalig. Und deshalb sind die Berufsabschlüsse schlecht in den europäischen Referenzrahmen einzuordnen. Die beruflichen Abschlüsse „Meister“ und „staatlich geprüfter XY“ oder „Techniker“ oder „Fachwirt“ sind gegenüber dem „Bachelor“ deutlich abgewertet. Der grundlegende Unterschied ist dabei aber lediglich die um ein Semester kürzere Ausbildung und die fehlende Thesis, die ja durch ein entsprechendes Meisterstück im Prinzip kompensiert sein müsste. Am schlimmsten trifft es aber die Gesell*innen, die werden im europäischen Referenzrahmen lediglich als angelernte Arbeiter eingestuft, da ihr höchster allgemeinbildender Schulabschluss maximal ein FOR ist.

    Am deutlichsten wird das Dargestellte bei den jeweiligen Eingruppierungen in die Tarifstrukturen des ÖD an den Beispielen staatlich examinierte Krankenschwester und einer „studierten“ Krankenschwester mit BA. Gleiches gilt für Erzieher*innen wie Techniker*innen und Fachwirt*innen im vergleich zu Hochschulabsolvent*innen der gleichen Berufsgruppe.

    Wenn man die Gehaltsunterschiede sieht, die da lebenslang drohen, kann ich jede(n) verstehen, der/die die berufliche Ausbildung meidet wie der Teufel das Weihwasser und den Weg ins Berufsleben über eine Hochschule nimmt.

  13. Das Niveau, das diese Abiturnoten hervorbringt, ist nicht erst seit der Pandemie gesunken. Als ich vor 30 Jahren Abitur machte, gab es an jeder Schule immer nur einige wenige mit einem Einser-Abitur. Heute befindet man sich mit 1,3 schon gar nicht mehr unter den besten zehn Abiturienten des Jahrgangs. Dies ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass der heutigen Schülergeneration die notwendigen Information oder Erklärungen via Internet schneller zur Verfügung stehen als uns, die wir alles noch von Hand zu Fuß mit Arbeitsheften und in Lerngruppen erarbeiten mussten. Als Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule kann ich nur bestätigen, dass das Niveau in den letzten zwei Jahrzehnten für alle Abschlüsse massiv gesunken ist und das liegt m. E. auch daran, dass versucht wird, allen Schülern den Weg zum Abitur oder MBA zu ermöglichen. Aber wie heißt es so schön: Man kann aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen. Und das liegt nicht etwa immer nur an den stets angeführten mangelnden Bildungschancen aufgrund fehlender Unterstützung durch das Elternhaus, sondern schlichtweg an mangelnder Intelligenz.

    • „… dass versucht wird, allen Schülern den Weg zum Abitur oder MSA (?) zu ermöglichen.“
      Genau das ist ein wichtiger Punkt, wenn mehr Abschlüsse als politisches Ziel (!) propagiert werden. Früher hat man schwache Schüler gar nicht in die Oberstufe gelassen, heute gibt es politischen Druck auf die Schulleitungen, möglichst viele Oberstufenschüler zu haben, denn an Gemeinschaftsschulen und Sekundarschulen hängt die Existenz der Oberstufe an der Zahl der Schüler. So werden eben die Kriterien für den Übergang in die Oberstufe aufgeweicht, gerade in Berlin hat man das konsequent gemacht. Man hält das Ergebnis dann für ein Zeichen von Gerechtigkeit.

      • “ So werden eben die Kriterien für den Übergang in die Oberstufe aufgeweicht,…“.
        Das ist eine ideologisch bedingte Leerformel, die rein garnichts aussagt.
        Warum schreiben Sie nicht, was aufgeweicht wurde?

        • Aufgeweicht wurden in Berlin eben die Bedingungen für den Übertritt von Klasse 10 in die gymn. Oberstufe an der ISS (Sekundarschule). Man hat einfach die geforderten „Grenznoten“ abgesenkt sowie die Zahl der zulässigen „Fünfen“ erhöht. Das hat sogar die Köller-Kommission in ihrem Bericht angemerkt. Und im Bericht zur „Berlin-Studie“ steht explizit drin, dass das Ziel der ganzen Einführung des Zwei-Säulen-Modells in Berlin die Steigerung der Zahl der Abiturienten war. Das sind dann diejenigen Berichtsteile aus der empirischen Bildungswissenschaft, die von SPD- und anderen Genossen nicht zur Kenntnis genommen werden.
          Wenn Sie ideologisch bedingte Leerformeln suchen, werden Sie am ehesten in den Parteiprogrammen von SPD, Grünen und Linken sowie auf der Homepage der GEW fündig. Und in Schriften von Joachim Lohmann.

  14. Was bitte hat Abi mit Nivea(u) zu tun? Hat die Führerscheinprüfung ja auch nicht. Die einen bestehen, die anderen später oder endgültig nicht. – so what, die Erde dreht sich weiter. Und für das Abhaken von Checklisten innerhalb enger und bindend vorgegebener Routinen reicht auch das Abi heutiger Ausprägung.

    Und für wissenschaftliche Karrieren bedarf es weniger einer exzellenten Abinote bzw. eines umfassenden Wissens sondern eher enormer Leidensfähigkeit unterhalb der Armutsgrenze innerhalb prekärer Arbeitsabhängigkeit am Wissenschaftstandort D.

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