Gauck: Lehrkräfte müssen wissen, dass sie nicht für alles zuständig sind

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ROSTOCK. Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat die zwingende Notwendigkeit eines funktionierenden Netzwerks von Hilfeleistenden zur Unterstützung von Schülern mit Defiziten betont. In dieses Netzwerk gehörten neben den Lehrkräften Jugendämter, Sozialarbeiter oder Jugendgerichtshilfen. «Die Lehrkräfte sind es, die mit den Kindern und Jugendlichen jene Verlässlichkeit einüben, die sie von zu Hause aus (…) in vielen Fällen nicht kennen, die aber doch Grundlage allen Lernens sind», sagte Gauck am Samstag beim «Norddeutschen Lehrertag 2021» in Rostock.

Würdigte die Arbeit von Lehrkräften: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Shutterstock / Markus Wissmann

Ohne ein solches Netzwerk mit mehreren Institutionen werde die Struktur gefestigt, in der die Abgehängten in einer Parallelwelt leben. «All das muss ständig funktionieren und nicht nur dann mal abgerufen werden, wenn mal ein Notfall ist», betonte Gauck. Es müsse gleichzeitig weiter dafür gesorgt werden, dass Menschen einen zweiten oder dritten Anlauf unternehmen können.

Es treibe ihn die Sorge um, dass im fortschrittlichen Denken zu viel getan wird und Realitäten nicht wahrgenommen werden, betonte Gauck mit Blick auf Schüler, die zu manchen Leistungen gar nicht fähig sind. Auch dafür sei es wichtig, dass der Rücklauf an die Institutionen im Netzwerk der Hilfeleistenden funktioniert.

Gleichzeitig sei zu beobachten, dass sich Eltern von einem Teil ihrer grundlegenden Aufgaben zurückziehen und Dinge an die Lehrer übertragen, die eigentlich zuhause erledigt werden müssten. «Wir spüren, dass die Schulen in unserer Zeit eine Rolle einnehmen, als seien sie ein Reparaturbetrieb einer ganzen Gesellschaft.» Das sei eine Dauereinladung zur Überforderung, sagte Gauck. Die Lehrer müssten wissen, dass sie nicht für alles zuständig sind.

Gauck, der vor der Wende als Pfarrer in Rostock gearbeitet hatte, sprach direkt die Fähigkeit der Pädagogen an, sich um ausgegrenzte Kinder zu kümmern. Es mache zwar viel Freude, sich mit begabten Kindern zu unterhalten und sie zu fördern, aber dabei werde manchmal das «geschundene Ich eines kleinen Lebewesens» übersehen. Die betroffenen Kinder könnten Schritt für Schritt und durch Zuspruch und Lob gefördert werden. «Es ist unglaublich, was eine engagierte Frau und ein engagierter Mann an Stelle von nicht engagierten Eltern leisten können. Das ist eine Herzensangelegenheit. Deshalb gehört nicht nur Verstand, sondern auch Herz ins Zentrum dieses Berufes.»

Die Konferenz des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) richtet sich an Lehrer aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen. News4teachers

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9 KOMMENTARE

  1. „Die Lehrer müssten wissen, dass sie nicht für alles zuständig sind.“

    Viele Lehrer wissen das.
    Man versucht aber immer wieder, die „Geheimwaffe“ Druck + schlechtes Gewissen einzusetzen.

    Weiter oben ignoriert man Ihre Erkenntnis – also Herr Gauck:
    Bitte weitersagen und darauf achten, dass der „wind of change“ gute Thermik hat und die weisen Worte „nach oben“ trägt!
    Dann unbedingt täglich wiederholen, Lernen braucht viele Wiederholungen.

    Und – Herr Gauck – bitte auch an die „BILD“ durchstechen …
    😉

  2. Endlich!

    In den GS machen wir wirklich alles möglich, um Migrantenkinder und lernschwache SuS zu unterstützen.

    ABER:
    Frühstunde: dann müsste das Kind ja eine halbe Stunde früher aufstehen um in den Genuss der Förderung zu kommen!

    Förderung während der normalen Untertichtszeit: dann verpasst das Kind ja normalen Unterricht (Philosophie, Musik, Kunst) wo es sich profilieren könnte.

    Förderung in der 5. Stunde: das Kind hat Hunger und will, wie die Klassenkameraden, zu dieser Zeit und nicht später, am Mittagessen in der OGS oder zu Hause teilnehmen.

    Nachhilfegutscheine (30×45 Minuten): wie soll das Kind dahin kommen (1,5km)? Also Taxischein! Der Taxifahrer wartet, aber da er 3 Kinder abholen muss, ist es mindestens für ein Kind zu früh, es braucht noch Entspannung.

    Hausaufgaben ( Einmaleins-Reihen üben, 10 Wörter aufschreiben)? Das Kind macht zu Hause einen Aufstand und gefährdet den Familienfrieden! Ist es in der OGS, so kümmern sich die wenigen Mitarbeiter nicht genug!

    Klar gilt das nicht für alle „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) Kinder und nicht für alle lernschwache Kinder, aber inzwischen für mehr als 80%!

    Inzwischen heißt es immer öfter, „Fördern Sie mein Kind, aber bitte so, dass es nicht mit Anstrengung verbunden ist!“

    Die immer wieder propagierte Agenda, dass alles anstrengungslos und spielerisch möglich ist, geht leider an der Realität vorbei!
    Die Kinder, die ihre Hausaufgaben machen und üben, müssen eingebremst werden, damit „keiner zurückbleibt“.
    Die Eltern, die sich um das Fortkommen ihrer Kinder kümmern, sind die Schädlinge der Gesellschaft, da ihnen die Integration aufgrund ihres Einsatzes offenbar am A…. vorbeigeht und sie ihre Kinder bevorteilen!

    Aber Hauptsache, man kann die Schuldigen – Schule , engagierte Eltern, – ausmachen!

    • Du magst zwar valide Punkte haben, trotzdem haben normale Fächer wie Musik, Kunst und Philosophie nicht für Fördermaßnahmen hinten anzusehen. Diese Fächer sind extrem wichtig.

      • @Gümnasiallehrer a.D.

        Das auch diese Fächer wichtig sind, hat niemand in Frage gestellt.

        Und was GENAU soll getan werden, wenn das Kind NICHT an 2 Orten zur gleichen Zeit sein kann?!
        Was GENAU würden Sie denn empfehlen oder gar tun, wenn Sie nicht „a.D.“ wären, sondern mitten im Geschehen an einer Grundschule?

        Wären Sie nicht „a.D.“, müssten Sie davon ausgehen, dass Kinder mit mehr Lücken als irgendwelche „Kompetenzen“ um die Lücken herum ab der 5. Klasse bei Ihnen im Unterricht sitzen.
        Was wäre dann Ihr Plan bzw. Ihr Vorgehen?

  3. Er hat damit vollkommen recht, aber wo bleiben die multiprofessionellen Teams an den Schulen, um die Lehrer zu entlasten (ausreichend Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden, Schulhelfer, Schulkrankenschwestern und und und…). An meiner Schule wären wir schon froh, wenn wir 100% Lehrerausstattung hätten, von einer Vertretungsreserve ganz zu schweigen. Bei den Erziehern sieht es nicht besser aus, von Integrationserziehern ganz zu schweigen. Ich wünsche Herrn Gauck weiter schöne Träume!

  4. “ Die Lehrer müssten wissen, dass sie nicht für alles zuständig sind.”
    Natürlich wissen das die Lehrer. Aber nicht die Eltern, KMs, die Bildungspolitik, die Schüler.

    Es heisst von allen Seiten: die Schulen sollen das machen. Neben einem eng gestrickten Lehrplan, mit immer mehr verhaltensauffälligen Schülern, immer mehr Ansprüchen…

    Und wie sollen sich die Lehrkräfte ihrer extremen Weisungsgebundenheit wehren?

  5. Ein Herr Gauck spuckt plötzlich mutige Töne! Offenbar braucht ht er wieder etwas Publicity. Ist schon immer komisch, dass Politiker erst dann die richtigen Worte finden, wenn sie nicht mehr im Amt sind, gefahrlos aus der Deckung sozusagen. Er soll doch bitte seine Pension, Ehrensold und Sonstiges genießen und Ruhe geben. Dieses Problem wurde von den Lehrern schon zigfach thematisiert, auch bereits zu seinen Amtszeiten. Und jetzt auf einmal soll es über Herrn Gauck Gehör finden? Selten so gelacht, obwohl es eigentlich traurig ist.

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