Wenn leseschwache Schüler Katzen vorlesen, haben beide Seiten etwas davon

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BERLIN. Im Berliner Tierheim können Kinder lesen üben und damit auch scheuen Miezen helfen. Das Projekt richtet sich speziell an Grundschüler mit Leseschwierigkeiten. Nun geht es auch um einen Preis.

Katzen sind geduldige Zuhörer. Foto: Shutterstock

Horst hat Besuch. Der pechschwarze Kater im Berliner Tierheim spitzt seine Ohren. Grundschülerin Fiona aus Lichtenberg ist mit ihrem Lieblingsbuch, in dem sich alles um Einhörner dreht, vorbeigekommen. Nun liest sie Horst laut daraus vor. Der sanfte und anhängliche Kater schmust sich ran. Das Ganze ist wohl das, was man eine «Win-win-Situation» nennt.

Denn lautes Lesen ist nicht gerade Fionas Lieblingsbeschäftigung. Das Tierheim-Projekt richtet sich gezielt an Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahre, die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. Horst, der erst seit diesem Sommer im Tierheim lebt, hat gern Gesellschaft. Nur bitte nicht zu wild.

Die ungewöhnliche Berliner Nachhilfe «Kinder lesen Katzen vor» gibt es seit August 2019. Die Idee dafür stamme aus den USA, sagt Tierheimsprecherin Annette Rost. Die Idee des Projekts: Kinder können laut lesen üben, ohne dass sie von ihrer Umgebung eingeschüchtert werden. Die Miezen sind dann auch weniger einsam. Das Tierheim hat für sein Leseprojekt bereits zwei Preise erhalten und ist nun für den Deutschen Engagementpreis für bürgerschaftliches Engagement nominiert. Die Abstimmung über die Sieger hat schon begonnen.

«Sie mögen es, wenn ihnen mit ruhiger Stimme vorgelesen wird»

460 Katzen leben zurzeit im Berliner Tierheim. Einige hätten weniger gute Erfahrungen mit Menschen gemacht, sagt Rost. Das Vorlesen habe auch die Vermittlung der Tiere vereinfacht. «Man merkt, welche Katzen gut mit Kindern klarkommen.» Generell seien die Lesestunden eine gute Erfahrung für Kind und Katz‘. Wahrscheinlich verstehen Miezen keine Geschichten über Einhörner. «Aber sie mögen es, wenn ihnen mit ruhiger Stimme vorgelesen wird», berichtet Rost.

Neben Fiona sind auch ihr Bruder Finn und Grundschüler Jan aus dem Stadtteil Marzahn mit ins Tierheim gekommen. Jan hat ein Buch von einem Youtuber dabei. Die beiden rotgetigerten Kater Archibald und Theobald umstreichen beim Vorlesen seine Beine oder räkeln sich entspannt in ihrer Box.

Annette Rost sagt, dass viele Kinder vorher üben, um den Katzen ganz besonders gut vorzulesen. Von den Miezen würden sie ja auch nicht dauernd korrigiert. Fiona ist schon das dritte Mal ins Tierheim gekommen.

Zu viele Kinder in Deutschland haben nach Einschätzung der Stiftung Lesen Probleme beim Lesen. Nach einer Studie könne rund jeder fünfte Grundschüler am Ende der vierten Klasse nur einzelne Wörter lesen und sei nicht in der Lage, einen zusammenhängenden Text zu verstehen. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 2016. Neuere Zahlen soll es nächstes Jahr geben.

In Berlin erreichten 20 Prozent der Kinder den Mindeststandard beim Lesen nicht. Die Folgen machten sich im weiterführenden Unterricht bemerkbar, sagte Stiftungssprecherin Franziska Hedrich. Das Problem entstehe aber schon vor dem Lesenlernen in der Schule. Noch immer lese ein Drittel aller Eltern ihren Kindern zu wenig oder gar nicht vor. Die Stiftung rät, mit Kindern regelmäßig Bücher, Zeitschriften und Geschichten-Apps zu nutzen und mit ihnen darüber zu sprechen.

Der Berliner Senat hat die Stundenzahl im Fach Deutsch bereits um eine Stunde pro Woche von sieben auf acht erhöht, um mehr Zeit für zielgerichtete Lesetrainings zu geben. Auch sei das Tandem-Lesen, ein Lautlese-Training für zwei Kinder als Partner, sehr verbreitet, berichtet ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Für die Motivation der Kinder sei es wichtig, sich selbst als gute Leser zu empfinden. «Kinder lesen Katzen vor» könne dabei auch einen wertvollen Beitrag leisten.

Nach einer längeren Corona-Pause finden die Lesestunden wieder zweimal die Woche am Mittwoch und am Donnerstag statt. Wer mitmachen möchte, muss sich vorher anmelden. Bis zu 28 Kinder können bei einer Session mitmachen, sagt Sprecherin Rost. Finn war schon mehr als zehn Mal dabei. Macht das Lesen nun mehr Spaß? «Ja», sagt der Schüler. «Aber nur mit den Katzen». News4teachers / mit Material der dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Eigentlich eine wirklich tolle Idee!
    Wir haben einen ausgebildeten „Schulhund“, der auch ein sehr geduldiger Zuhörer ist!
    Trotzdem finde ich es schade, dass zu Hause offenbar keine Zeit zum Vorlesen bleibt.
    Ist doch auch gemütlich und kuschelig!

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