„Schlag ins Gesicht jeder Lehrkraft“: Philologen kritisieren Hubigs „Schule der Zukunft“

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MAINZ. Die rheinland-pfälzische Landesregierung bereitet für den 12. November einen «Zukunftskongress» in Mainz vor. Dort soll nach den Worten von Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) darüber beraten werden, «in welche Richtungen die Schule der Zukunft entwickelt werden soll». Der Philologenverband ist von der Ankündigung befremdet. Einerseits über den Stil: Der Verband fühlt sich übergangen. Andererseits über den Inhalt: Landesvorsitzende Cornelia Schwartz zeigt sich in «Sorge, dass wir auf Irrwege geraten». Statt das Schulsystem komplett umzukrempeln, seien «sinnvolle Veränderungen im Schulalltag zu etablieren, die uns allen wirklich weiterhelfen».

Sorgt mit ihrem Vorstoß für Unmut: die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). Foto: Georg Banek / Bildungsministerium Rheinland-Pfalz

«Den Bildungsstandards bleiben wir verpflichtet, aber in ihrem Rahmen soll es mehr Freiheiten für neue Lernprozesse geben. Wir erkunden gezielt Wege zum selbstbestimmten Lernen», so hatte Hubig erklärt. Dazu könne auch eine Auflösung der klassischen Stundenpläne gehören und ihre Weiterentwicklung zu Arbeitsfenstern. Stundenplan und Noten seien kein Selbstzweck. «In der Schule der Zukunft geht es auch darum, Lehr- und Lernzeiten zu flexibilisieren und von den Stundentafeln ein Stück weit abzurücken», sagte die Ministerin.

«Es geht heute auch um Kreativität, kritisches Denken, Zusammenarbeit oder Kommunikationsfähigkeit»

Weiter erklärte sie: «Die Lehrkräfte stehen dann vielleicht nicht mehr vor einer Klasse, sondern den Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Räumen zu unterschiedlichen Fragen mit ihren jeweiligen Kompetenzen zur Seite.» Auch bauliche Veränderungen sollten für die Schule der Zukunft entwickelt werden. Tradition und Beständigkeit hätten in den Schulen zwar weiter ihre Berechtigung. «Aber die Kompetenzen, die heute benötigt werden, sind andere als noch vor 20 Jahren: Es geht heute auch um Kreativität, kritisches Denken, Zusammenarbeit oder Kommunikationsfähigkeit.»

„Eine solche Aussage ist ein Schlag ins Gesicht jeder Lehrkraft“, meint nun aber die Philologen-Landesvorsitzende Cornelia Schwartz. Die mangelnde Wertschätzung, die Hubig, („ihres Zeichens Juristin“), der Schule entgegenbringe, schmerze. „Die Bildungsministerin tut gerade so, als wäre das etwas ganz Neues und als hätten wir noch nie Kreativität, kritisches Denken, Zusammenarbeit oder Kommunikationsfähigkeit gefördert! Das Ministerium wäre gut beraten, sich einfach einmal in ganz gewöhnlichen Schulen im Land umzuschauen, um zu sehen, dass unser Unterricht eben nicht diesem sehr engen und karikaturenhaften Bild von Schule entspricht. Es genügt nicht, sich in Briefen an Lehrkräfte und Schulleitungen in Lobhudeleien zu ergehen, wenn man draußen gleichzeitig ein absolut rückständiges Bild einer Paukschule zeichnet.“

News4teachers hatte darüber berichtet, dass eine Modellschule – wie sie Hubig skizziert – bereits existiert: Die Alemannenschule im baden-württembergischen Wutöschingen, Preisträgerin beim Deutschen Schulpreis 2019, gilt als Vorzeige-Reformprojekt.

Der Philologenverband betrachtet das dort praktizierte Konzept allerdings mit Skepsis. „Wutöschingen als Vorbild zu nehmen, bedeutet, dass demnächst Klassenzimmer zunehmend durch Lernlandschaften ersetzt werden, Lehrkräfte zu Lernbegleiterinnen und -begleitern werden und Kinder sich weithin nur noch mit den Fächern und Themen beschäftigen, auf die sie gerade Lust haben. Dass man aber auch als Lehrer Kinder für ein Fach begeistern kann, wird dabei ausgeblendet. Dass manche gerade über die Lehrerin einen Zugang zum Fach finden, wird ignoriert. Dass das gemeinsame Lernen im geschützten Raum des Klassenzimmers unendlich wertvoll sein kann, wird beiseitegeschoben“, so erklärt Schwartz.

Und weiter: „Bemerkt man dann in ein paar Jahren, dass ein derartiges Schulmodell vielleicht doch nicht das Richtige war für jeden Schüler und jede Schülerin oder jedes Themengebiet, lässt sich diese totale Umwälzung nur mit großer Mühe wieder rückgängig machen. Die Kinder, die bei diesem Versuch gescheitert sind, haben dann verloren. Daher gilt es jetzt, nicht in diese Einbahnstraße abzubiegen, sondern sinnvolle Veränderungen im Schulalltag zu etablieren, die uns allen wirklich weiterhelfen. Hierfür müsste man auf alle hören, nicht nur auf ausgewählte Strömungen, und eine Synthese finden. Sinnvoll Geld investieren hieße aus unserer Sicht, langfristig den Übergang zu kleineren Klassen und Kursen zu schaffen. Hier müsste dann nicht nur baulich, also von den Kommunen investiert werden, sondern auch die Landesregierung müsste sich bei der Verbesserung des Schulsystems finanziell beteiligen: mit der Einstellung von mehr Lehrkräften.“

Schwarz sprach sich dafür aus, neue Lernformate zunächst nur an einigen wenigen Schulen auszuprobieren, anstatt bis zu 100 Pilotschulen für die Schule der Zukunft zu benennen. Bauliche Verbesserungen wie eine lichtdurchflutete Architektur könne es gerne an allen Schulen geben, sagte Schwartz. Bei völlig neuen Schulmodellen wie der weitgehenden Auflösung von Klassengemeinschaften und der Einführung von Lernlandschaften müsse aber genau auf die jeweiligen Rahmenbedingungen der einzelnen Schulen geachtet werden.

„Dann geht man mit den Ergebnissen an die Presse und erwartet, dass die Lehrkräfte hinterher alles abnicken…“

Allerdings zeigen sich die Philologen auch von der Art der Ankündigung durch das Bildungsministerium befremdet. Der breit angelegte Beteiligungsprozess werde zusammen mit dem Landeselternbeirat (LEB) und der Landesvertretung der Schülerinnen und Schüler (LSV) auf den Weg gebracht, so hatte das erklärt. Die gesamte Schulgemeinschaft werde eingebunden.

Diese Ankündigung belegte, wie wenig man bereit zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Lehrkräften sei, meint nun der Philologenverband: Denn mit den Lehrerverbänden hat offenbar niemand aus dem Ministerium zuvor gesprochen, mit dem Philologenverband jedenfalls nicht. LEB und LSV würden zuvor ins Boot geholt, so kritisieren die Philologen, „dann geht man mit den Ergebnissen an die Presse und erwartet, dass die Lehrkräfte hinterher alles abnicken, damit man verkünden kann, man habe die ‚gesamte Schulgemeinschaft … eingebunden‘“.

Schwartz: „Ein solches Vorgehen wäre nicht weiter schlimm, sondern ‚nur‘ ein Zeichen mangelnder Wertschätzung und mangelnden Vertrauens, solange man bei der Schule der Zukunft in eine Richtung einschlüge, von der alle überzeugt wären. Allerdings haben wir Sorge, dass wir auf Irrwege geraten.“ News4teachers

Lernzeiten flexibilisieren, Unterricht individualisieren – mehr Freiheit für Schüler und Lehrer: Bundesland plant Schule der Zukunft

 

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18 KOMMENTARE

  1. Frau Hubig hat die Notlage des Aunahmezustandes und der Schülerschaft nicht erkannt. Frau Hubig ist auf Selbstverwirklichung aus und die wahren Probleme der Schulen nicht erkannt die, durch Corona gewachsen sind. Es braucht keine neue Lernmethode in so einer schweren Krise, sondern es braucht eine faire Aufarbeitungszeit für alle Schularten. Alle Kinder und Jugendlichen sind auf der Stecke geblieben und haben eine große Last die angehäuften Lernrückstände aufzuarbeiten. Das Aufholprogramm liegt nicht auf dem Tisch und die Schüler warten in großer Erwartung auf tragbare Konzepte.

  2. Einerseits richtig, was der Lobbyverband der Gymnasien hier vorbringt – man möchte eben auch in Zukunft unter sich bleiben, was ich sogar verstehen kann, wenn man sich die lächerliche Simulation von Bildung (=trauriger Schulalltag unterhalb des GY) ansieht.

    Andererseits natürlich reine Besitzstandswahrung und Angst vor weniger vorselektierten Schülerschaften.

    Warum muss immer der olle Philologenverband solche Punkte setzen?

    Äußert sich der Grundschulverband vielleicht auch mal – immerhin ist der Lehrermangel, den die Philologen beklagen, hier ungleich größer.

    Oder der Verband der… wie auch immer die Schulen dazwischen in RP heißen… wo ist eure Stimme?

    • Vielleicht weil der PhV der einzige/letzte Verband ist, der seinen Bereich mit Zähnen und Klauen* verteidigt, wo andere schon lange nicht mehr stehen können? Mich wundert das auch.

      [*Liebe KuK, bitte legt die mitgenommenen Kreidestummel wieder zurück. Dieses Handlungsverständnis ist hier nicht angezeigt. Danke.]

  3. Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es diese Modellschule, eine Gemeinschaftsschule mit rund 500 Schülern ab Klasse 5, noch nicht so lange, die per Ausnahmegenehmigung eröffnete gymnasiale Oberstufe hat ihr erstes Abitur noch nicht abgelegt. Das Modell funktioniert nur, wenn die Abschlüsse signifikant besser sind als bei den Gymnasien im Umkreis.

    Wie gut das Konzept in den Großstädten wie Stuttgart oder Freiburg funktioniert, ist dann wieder eine andere Frage. Es setzt ja eine sehr bildungsaffine Klientel voraus.

  4. Der Philologenverband pflegt hier die sog. „Bewahrpädagogik“. Nur keine pädagogische Neuausrichtung! Statt dessen das alte Mantra von kleineren Klassen.
    Es ist durchaus positiv zu bewerten, wenn ein Ministerium das Bildungssystem auf den Prüfstand stellt und zum innovativen Neudenken einlädt. Dass die Einladung dazu taktisch unbedacht ohne Einbeziehung aller Beteiligten erfolgte, ist unbestritten.
    Übrigens: Hat mal jemand eruiert, wie viele SuS die Alemannenschule mit ihrem Konzept „verloren“ hat?

    • Wichtiger fände ich es, wenn bekannt würde, wie die SuS der Alemannenschule denn nun bei den empirischen Tests (PISA, VerA etc.) hinsichtlich der gemessenen „Kompetenzen“ abgeschnitten haben. Aber dazu schweigt sich Wikipedia jedenfalls aus. Dass dort privilegierte Bedingungen herrschen, ist ja ziemlich offensichtlich. Damit stellt sich die Frage, ob Erfolge auf das Konzept als solches oder auf die Privilegierung zurückzuführen sind. Und natürlich wüsste man auch gerne, ob die Zusammensetzung der Schülerschaft dort in Wutöschingen an der Schweizer Grenze typisch ist. In Großstädten könnte das anders aussehen.

  5. Im Wesentlichen zeigt der Standpunkt des Philologenverbands dieselbe Kritik wie sie schon von etlichen Foristen ( z.B. @Schattenläufer, @Pit2020, @Lera, @Lisa S., @Dieter Schmeer, @Micky, @kanndochnichtwahrsein, …) unter dem Artikel https://www.news4teachers.de/2021/11/lehr-und-lernzeiten-flexibilisieren-unterricht-individualisieren-mehr-freiheit-fuer-schueler-und-lehrer-bundesland-plant-schule-der-zukunft/ angebracht wurde.

    Die Erfahrungen dieser Leute sind ihren Schilderungen nach langjährig ähnlich und ähnlich kritisch.
    Das sagt viel aus.
    Diese Leute ( = Lehrer an ganz „gewöhnlichen“ Schulen ) kommen mitten aus der ungeschönten und vielfältigen Praxis im Bereich Schule.
    Vielleicht wurden sie darum nicht von Anfang an eingeBUNDEN? ( Nicht als „Tagesgäste“ anmelden und dann brav Beifall klatschen. Und Einwände bringen in dieser Phase nichts mehr, Stichwort „abnicken“. ) Denn dann hätten auch von Anfang an diese Punkte zur Debatte gestanden, die der Philologenverband ebenfalls anführt.
    Aber diese Punkte würden mehr Geld kosten als das Projekt „Nebelkerze“.
    Kritische sachkundige Begleitung von Anfang an durch die Fachleute „ganz vorne“ am Ort des Geschehens ( = Lehrer vor den Klassen ) ist offenbar überhaupt nicht gewünscht, so viel ist jetzt klar.
    Es gibt offensichtlich immer weniger Lehrkräfte, die noch nach Jahren immer wieder auf die leeren Versprechungen hereinfallen und sich im wahrsten Sinne des Wortes abspeisen lassen dem „Bonus“: ein paar Tässchen Tagungskaffee plus angeblicher Wertschätzung.
    Darauf haben die seit Jahren ( Jahrzehnten? ) gegen offensichtlich alle Warnungen und viele Widerstände und Misskredit anarbeitenden Lehrer offensichtlich keine Lust mehr, denn sie mussten das lernen und wissen jetzt, dass das verschenkte Zeit ist und ihnen DAS nicht helfen wird: „das gesellige anschließende Weinchen mit den Referenten des BM im Mainzer Weinlokal zu unterbrechen ;-)) Der (Frei-)Tag ist nicht ohne Grund gewählt.“ ( Julia 2. November 2021 um 14:01 ) unter dem Artikel, den ich oben verlinkt habe.
    Ehrlich hereinfallen und mit Begeisterung und Hoffnung heimfahren können bei so etwas nur noch Berufsanfänger.
    Vielleicht gibt es noch einige Opportunisten, die für sich selbst gewinnbringend den „Ausstieg“ suchen. Es wäre nicht mehr die erste „Branche“, der die Leute weglaufen um weg zu bleiben. ( Ähnliche deutlich erkennbare Erfahrungen macht derzeit das Hotel- und Gaststättengewerbe. Nachwuchsprobleme inbegriffen. )
    Nofalls lässt es sich verschmerzen, wenn man nicht spontan in ein Café oder Restaurant gehen kann, weil wegen Personalmangel nicht alle Gäste aufgenommen werden können.
    Bei Personalmangel an den Schulen sieht das anders aus.
    Es wird sich genau so auch in den Kitas auswirken.

  6. Es ist schon bezeichnend, wenn ein Verband „sinnvolle Veränderungen im Schulalltag“ anmahnt. Veränderungen, die nicht sinnvoll sind, hat es offenbar reichlich gegeben. Und wer bitte hat die mal aufgearbeitet? Es ist ja viel leichter, die nächsten Veränderungen vorzuschlagen, womit sich Parteipolitiker profilieren können. Veränderungen sind aber kein Selbstzweck, das wird gern übersehen. Und außerdem könnte man ja mal die Lehrer in einer gewissen Breite befragen, was die eigentlich an Veränderungen für sinnvoll halten, nicht immer nur abgehobene und schwafelnde Theoretiker.

      • Nein, auch Politiker. Und Sie, Herr Möller, gehen auf kein Argument mehr ein, sondern schmollen beleidigt.
        Z.B. das Argument: „Erst Schulversuche, dann eine flächendeckende Einführung.“ Zur 6-jährigen Grundschule gibt es einen 70-jährigen Schulversuch in Berlin (der nur nicht so heißt, aber noch andauert). Irgendeine Auswertung in Richtung auf „Erfolg oder Misserfolg“ ? Vergleich mit Hamburg? Fehlanzeige. Niemand will’s wissen. Die Befürworter der längeren gemeinsamen Lernens haben Schiss in den Hosen, es könnte dabei was herauskommen, was nicht in ihrem Sinne ist. Also lieber weiter die Platte der Bildungsungerechtigkeit auflegen mit den postulierten hehren Zielen ohne irgendeinen Nachweis für die Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen in Richtung von mehr Bildungsgerechtigkeit (gegen die ja wohl niemand was hätte). Nicht die idealistischen Fernziele sind falsch, sondern die verfehlten Wege, sie zu erreichen, insbesondere die hektischen Reformen, deren Einzelwirkung nie erkannt werden kann, weil sie einander überlagern und teilweise in Schaum übergehen wie die Wellen am Strand.
        M.a.W.: Wir brauchen keine Leute, die uns idealistische Ziele predigen, sondern praktische Vorschläge, die dann nachweislich zu Erfolgen führen und nicht sofort wieder durch die nächste Reform überlagert werden, um den Misserfolg zu übertünchen..

  7. Hm. Das gibt es / gab es alles schon – „Summerhill“ und wurde sogar in D. gestartet. Das klappt bestimmt hervorragend mit bestimmten Kindern.
    Die Frage des Abschlusses stellt sich vielleicht. Bestimmte Kinder werden das grandios meistern – andere vielleicht dann gar nicht mehr.
    Hm die Frage, wie wichtig ist ein Abschluss, heute, in D.?
    .. im Gegensatz zu damals in England? Oder auch jetzt, in England .. bei wem? Welche Kinder gehen auch heute nach Summerhill?
    .. vielleicht kann man sich das einmal ansehen.

    • @guteIdeen
      „Die Frage des Abschlusses stellt sich vielleicht. Bestimmte Kinder werden das grandios meistern – andere vielleicht dann gar nicht mehr.“

      Vermutlich gilt dieser Satz für jedes Schulsystem, nur wird es sich, bedingt durch die sehr unterschiedlichen Lern- bzw. Lehransätze, um jeweils andere Kinder handeln. Wer das alte, aus meiner rein persönlichen Sicht und Erfahrung veraltete Schulsystem grandios meistert, scheitert möglicherweise an einer wie auch immer gearteten Zukunftsschule und umgekehrt.
      Als Beispiel ein „ganz normales“ Gymnasium im herkömmlichen Schulsystem, denn nur davon kann ich anhand meiner eigenen Schulerfahrungen nebst damaligem familiärem Umfeld (NRW) sprechen sowie als Mutter zweier Jungs, einer hat gerade Abi gemacht, der andere steht kurz davor (RLP).
      Übrigens erschreckend, wie wenig sich gegenüber Schule (Gymnasium damals) geändert hat, während sich gesamtgesellschaftlich in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten enorm viel getan hat, aber das nur am Rande.
      Am besten kommen durch solch ein Gymnasium solche Kinder, die durchschnittlich sind, und das meine ich hier nicht wertend, sondern rein mathematisch vor dem Hintergrund einer anzunehmenden Normalverteilungskurve (auf Gymnasiumsniveau).
      Wer irgendwie mittel schnell in der Auffassungsgabe ist, eine durchschnittliche Menge an Übungsaufgaben, meist in Form von Hausaufgaben braucht und in einem mittleren Bereich Druck von außen (Ansagen der Lehrer, Noten oder andere Sanktionen) benötigt, um zu arbeiten, ist hier prima aufgehoben.
      Da es sich, so sind Normalverteilungskurven nun mal, um eine breite Mitte handelt, werden die (meisten )Lehrer ihre ohnehin stets zu knapp bemessene Zeit darauf fokussieren müssen, mit ihrem Unterricht vorrangig diese Schüler zu erreichen.
      Schüler, die zu sehr von diesem mittleren Standardbereich nach unten abweichen, kommen selbst bei dieser sehr altbackenen Schulversion mit straffer Taktung und Begleitstruktur kaum noch hinterher und wären auf einer „neuen“ Schule, wo sie gar keiner mehr fest am Händchen nimmt, vermutlich völlig aufgeschmissen.
      Wer hingegen von Natur aus wenig Übung braucht, um einen neuen Stoff zu verstehen, sich von innen (intrinsische Motivation) selbst genügend Druck macht und zusätzlichen von außen als behindernd empfindet, wer sich gern mal stundenlang tief in ein Thema einarbeitet, statt mehrmals am Tag nach 45, längstens 90 Minuten zwangsumzuschalten, der könnte sich auf einer der angesprochenen Pilotschulen pudelwohl fühlen.
      Im Gegensatz zu manchen Schülern vom unteren Kurvenbereich sind die meisten aus dem oberen Bereich durchaus in der Lage, sich zur Mitte hin nach unten anzupassen, zu funktionieren und im optimalen Fall sogar noch ordentliche Noten hinzubekommen, so dass sie ar nicht auffällig werden
      Selbstverständlich ist das aber nicht. Anpassung nach unten kostet nämlich vermutlich genauso viel Kraft wie die nach oben. Unterforderung oder falsch gefordert zu werden ist auf jeden Fall weit entfernt davon, sein Potential auszuschöpfen. Grandioses Meistern der Schule sähe anders aus.
      Meine Jungs haben den Lockdown mit seinen ungeahnten Freiheiten sehr genossen, ungeliebte Fächer „nach Vorschrift“ erledigt, sich in ihre Lieblingsfächer richtig tief eingearbeitet, wozu sonst durch die vollgestopften Oberstufenstundenpläne keine Zeit geblieben wäre und haben bei mindestens gleichem wenn nicht eher größerem Lernoutput wesentlich weniger Zeit für Schule verwendet, als in einer ganz normalen Präsenzphase. Für uns als Familie war Schule noch nie so entspannt!
      Einige ihrer Mitschüler, wir sprechen hier von fortgeschrittener Oberstufe, hätten, so berichteten meine Jungs, hingegen in der Zeit fast gar nichts mehr getan und mussten bzw. müssen erst mühsam wieder ins Boot geholt werden. Das ist dann wiederum bremsen für den Rest, der gut durch den Lockdown kam.
      Es kommt einem vor wie die Quadratur des Kreises, denn es gibt bei den Schülern solche und solche, zudem noch ganz unterschiedliche Lehrertypen.
      Die vermutlich größte Herausforderung einer Zukunftsschule wird es sein, möglichst allen unterschiedlichen Schülertypen ein auf sie zugeschnittenes Angebot zu machen, damit sich keiner durch zu viel Freiheit im Nichtstun ausruhen kann, aber auch kein anderer durch zu starre Vorgaben in seinen Möglichkeiten beschränkt und ausgebremst wird. Die und wahre Kunst dürfte darin bestehen, Schüler und Lehrer passend miteinander zu kombinieren. Ach, welch weit entfernter Traum.
      Als Argument kommt übrigens gern, wenn man die Fächer nicht mehr verbindlich vorgibt, lernen die nur noch, was ihnen Spaß macht. Mag je nach Schüler sein, da würde man einiges abfangen müssen, aber nicht alle derzeitigen verbindlichen Vorgaben erscheinen sinnvoll.
      Nur ein Negativbeispiel aus der jetzigen Oberstufe RLP: Deutsch muss bis zum Abi beibehalten werden. Da meine beiden Jungs eher naturwissenschaftlich ausgerichtet sind, haben sie, voller Stundenplan, nur Englisch als einzige Fremdsprache behalten und Französisch abgewählt. Jedoch nur, weil sie systembedingt Deutsch behalten mussten, wo sie halt noch ein paar weitere Lektüren lesen. Das hätten sie in Französisch auch gemacht. Wo der Zugewinn größer ist, Fortführung von Deutsch oder Französisch in der Oberstufe, stellt sich höchstens als rhetorische Frage.
      Wir sehen, bevor Frau Dr. Hubig das gesamte Schulsystem umkrempelt, sollte man auf dem langen Weg dorthin gern schon mal bei den zulässigen Fächerkombinationen und Wahl- / Pflichtberreichen in der Oberstufe anfangen.
      Und, liebe Deutschlehrer, bitte jetzt keine bösen oder beleidigten Kommentare, denn es war von mir nicht beleidigend gemeint. Deutsch hat genauso seine Berechtigung wie jedes andere Fach auch, aber bei einer ehrlichen Kosten- / Nutzenrechnung, also wieviele Stunden investiere ich und welch echter Mehrwert im Sinne von tatsächlichem Lernzuwachs kommt dabei heraus, gehört meiner Meinung nach, siehe Beispiel oben, Deutsch nicht zwangsweise bis zum Abi mitgeschleppt.

      • „… sich zur Mitte hin nach unten anzupassen.“
        Genau das wird aber von den Befürwortern der „inklusiven einen Schule für alle“ immer bestritten, diesen Effekt einer Nivellierung zur Mitte hin darf es einfach nicht geben. Aber es gibt ihn eben offenbar doch, das ist sogar in Skandinavien so (PISA stellte dort in Mathematik eine schmalere Leistungsspitze vor als in Deutschland). Und dass die schwächeren SuS mit dem individuellen selbstbestimmten Lernen ihre Schwierigkeiten haben dürften, das darf es nach Meinung der Schulreformer auch nicht geben. Aber in der Corona-Krise hieß es dann plötzlich: manche können das halt nicht, und die werden dann benachteiligt, wie schrecklich ungerecht. Dabei hätte man genau das vorher wissen können.

  8. Das Problem ist doch nicht neu. Leitungspositionen in der Landesschulaufsicht und im KuMi werden bevorzugt mit Beamtinnen aus dem höheren Dienst besetzt. Diese kommen in der Regel eben nicht von Grundschulen und Schulen der Sek I, da es ja keine Sprungbeförderungen geben darf und Laufbahnwechsel schwierig sind. Folglich führt der Weg vom StD über den RSD zum LRSD. Der Weg vom GeD oder Rektor zum LRSD ist weitaus langwieriger. Gilt auch für die weiblichen Funktionsstelleninhaberinnen (mit gleicher Amtsbezeichnung plus ‚) trotz Quotierung – die im Bereich Schule ohnehin eher der männlichen Minderheit dienen müsste.

  9. Diese ganzen Modelle blenden gleich mehrere Punkte völlig aus:

    1. Schülerinnen und Schüler werden niemals „Lernlandschaften“ (oder wie man dies auch immer nennt) nach ihrem ganz eigenen Interesse auswählen. Ihnen ist die soziale Gruppe, die Klasse wichtiger als alles andere. Eine ahnungslose Juristin auf ihrem gepolsterten Kabinettssessel weiß das halt nicht.

    2. Hier soll eine Ermäßigungs- und Spaßpädagogik betrieben werden: Alles, was anstrengend und schwer ist, wird in den Hintergrund gedrängt. Gleiches gilt für Leistungsnachweise.

    3. Lehrkräfte wurden allesamt darin ausgebildet, gute Unterrichtsstunden zu geben. Dies war und ist Kern des Referendariats. Danach haben wir versucht, unser Können immer weiter zu verbessern. Ein ganz wesentliches Qualitätsmerkmal eines guten Lehrers ist die Erfahrung! Baut man nun dieses Lehrermodell radikal um, wird ein erheblicher Teil der Lehrerschaft seiner Stärke beraubt (natürlich nicht alle!).

    Und natürlich sind die Unterstellungen und auch die Nichtbeachtung der Lehrkräfte eine Frechheit. Insgeheim wird der PhV über diese Ansätze, die nachher sowieso scheitern, gar nicht so unglücklich sein, schließlich wird es zu vielen Neueintritten in den Verband kommen. Offenkundig unfähige Bildungsminister lassen Mitgliederzahlen in die Höhe schnellen.

  10. Selbstbestimmtes Lernen mag für ältere SuS sehr gut funktionieren und motivierend sein, dennoch bin ich skeptisch, was jüngere SuS angeht. In der GS meines ältesten Kindes gab es damals das Konzept der „freien stillen Arbeit“ – selbstbestimmt. Das Ende vom Lied war, dass wir Eltern alles am Nachmittag nachholen mussten, was unser Kind „selbstbestimmt“ morgens nicht gemacht hatte, weil es lieber spielen wollte. Offiziell exisistierte die von uns und den meisten anderen Familien durchgeführte Praxis jedoch nicht, denn man durfte die Arbeiten offiziell nicht mit nach Hause nehmen. Tatsächlich war dies aber bei allen die Realität. Gespräche mit der Klassenlehrerin über das verlogene Konzept brachten nichts – es musste ja Erfolg haben. Unser zweites Kind hat dann bewusst keine Reformschule mehr besucht. Das war für alle viel stressfreier, weil man sich nichts mehr vormachen musste.

    • Mit anderen Worten: das neue Reform-Konzept dieser „freien stillen Arbeit“ ist eher für Kinder aus gebildeten Familien geeignet als für Kinder aus bildungsfernem Milieu. Und dennoch werden von den „Zukunfts-Pädagogen“ alle solchen Reformen als der Inbegriff der sozialen Gerechtigkeit angepriesen. Frontalunterricht wirkt besser gerade bei Kindern aus bildungsfernem Milieu, wer es aber praktiziert und damit Erfolg hat, hört den Vorwurf der „Steinzeitpädagogik“:
      https://www.nd-aktuell.de/artikel/1138095.schule-in-berlin-mit-steinzeitpaedagogik-zum-erfolg.html
      Im obigen Artikel gibt es in diesem Sinne das Wort vom „rückständigen Bild einer Paukschule“. Manche Schulreformer scheinen halt im Wolkenkuckucksheim zu leben.

      • Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass bildungsferner aufgewachsene SuS kategorisch schlechter „frei“ arbeiten. Sie brauchen aber am Anfang meist mehr Ermutigung und Unterstützung bei der Lernbegleitung, weil ihnen das in ihrem Leben oft selten zugetraut wurde. Dass Frontalunterricht besser „wirkt“, halte ich so allgemein behauptet für unhaltbar und im Zweifel für eine Illusion von Lehrenden, die glauben, ein „Stoff“ sei verstanden, wenn sie ihn in der Klasse „gemacht“ hätten. Frontale Impulse zu Beginn eines freien Lernens sind doch aber gar nicht mehr umstritten, lediglich das frontal geführte Lernen im Gleichschritt für die Dauer des gesamten Unterrichts.

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