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KMK-Studie zeigt auf: Lehrkräfte trugen in weiten Teilen der Pandemie ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko

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BERLIN. Nach langem Zögern hat die Kultusministerkonferenz endlich eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zum Infektionsgeschehen an Schulen veröffentlicht – kommentarlos. Das Schweigen der Kultusminister liegt offenbar darin begründet, dass die Ergebnisse der Untersuchung dem Postulat der angeblich „sicheren Schulen“ in der Pandemie deutlich widersprechen: Lehrkräfte haben über weite Zeiträume der Corona-Krise ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber der übrigen Bevölkerung getragen. Bei Schülern scheint das zunehmend auch der Fall zu sein. Und: Schulschließungen sind ein effektives Instrument in der Pandemiebekämpfung. News4teachers fasst die Ergebnisse der Studie der Universität Köln und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in zwei Teilen zusammen. Im Folgenden: Teil 1.

Die Schulen sind sicher? Diese Behauptung der Kultusminister lässt sich nach der Studie nicht mehr halten. Das Foto zeigt Coronaviren unter dem Elektronenmikroskop (gelb eingefärbt). Foto: NIAID, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Die Studie mit dem so schlichten wie bezeichnenden Titel „Covid-Schulen“ basiert nicht auf eigenen Datenerhebungen der (unbenannten) Autoren, sondern trägt auf 226 Seiten den Stand der Forschung zusammen – kann also als verifiziertes Wissen gelten. Allerdings: „Unter Vorbehalt“, wie die beteiligten Wissenschaftler betonen. Die Datenlage ist unsicher, weil insbesondere in den Spitzen viele Infektionen von den Gesundheitsämtern nicht mehr nachvollzogen werden konnten. Stichproben in Schulen wurden nicht eigens genommen. Als Erscheinungsdatum der Studie wird der Oktober 2021 genannt. Ein erster Zwischenbericht war bereits im August von der KMK veröffentlicht worden – allerdings erst, nachdem Journalisten nach dem Papier recherchiert hatten, wie News4teachers berichtete.

Zum Infektionsrisiko von Lehrkräften heißt es in dem Bericht: „Im Verlauf der 2. Welle und auch zu Beginn der 3. Welle war das Infektionsrisiko von LehrerInnen in vielen Bundesländern deutlich höher als das der Bevölkerung in der vergleichbaren Altersgruppe. Das Infektionsrisiko der LehrerInnen im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung ist dann in den meisten Bundesländern im Rahmen der 3. Welle im Vergleich zur 2. Welle gesunken und lag in der Folge auf ähnlichem Niveau wie das allgemeine Bevölkerungsrisiko. Diese Trends sind grundsätzlich sowohl durch erhöhte Testung auch schon vor der Impfkampagne, verbesserte Umsetzung von Hygieneregeln in den Schulen als auch durch die einsetzende Impfkampagne zu erklären.“ Das Infektionsrisiko für Lehrkräfte verdreifachte sich, nachdem von Distanz- auf Präsenzunterricht umgestellt wurde.

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Infektionsrisiko der Schüler: „Das Infektionsrisiko von SchülerInnen sowohl aus den Landkreis- und Bundeslanddaten der KMK als auch aus den im Arbeitspaket 3 erhobenen Daten lag eher selten (z. B. im Rahmen der 2. Welle) oberhalb des Bevölkerungsrisikos. Im Rahmen der 3. Welle ist das Infektionsrisiko von SchülerInnen im Vergleich zur zweiten Welle deutlich zurückgegangen. Dies kehrt sich ab Sommer 2021 um, vermutlich weil die Impfabdeckung bei SchülerInnen niedriger und die Testerfassung besser war als bei der übrigen Bevölkerung.“ Unerwähnt bleibt: Davor war die Testerfassung wahrscheinlich deutlich schlechter, weil Kinder bei Infektionen seltener Symptome zeigen.

Das könnte auch einen weiteren Effekt erklären: „SchülerInnen in Grundschulen haben ein geringeres Übertragungsrisiko als SchülerInnen an weiterführenden Schulen. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter.“

Zusammenfassend erklären die Autoren – „unter Vorbehalt“ unsicherer Datenlage: „Die Übertragung von SARS-CoV-2 in Schulen findet statt, sowohl von Personal auf Personal, von Personal auf SchülerInnen, von SchülerInnen auf Personal als auch von SchülerInnen auf SchülerInnen. Das Risiko einer Übertragung für das Personal ist höher als für SchülerInnen. Schulpersonal übertragt das Virus eher auf SchülerInnen als umgekehrt. Sowohl das stattgehabte als auch das Infektionsrisiko nach Ausbrüchen oder Einzelfällen beim Schulpersonal in Schulen ist abhängig vom Infektionsgeschehen in der Bevölkerung sowie von Maßnahmen, die in Schulen zur Senkung des Infektionsrisikos stattfinden.“

Wo sich Schüler und Lehrkräfte anstecken: „Ansteckungen durch Infektionen von SchülerInnen und LehrerInnen sind sowohl in der Schule als auch im Haushaltskontext relevant Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Exposition als Kontaktperson zu einem Fall zu werden, liegt bei unter 4% für Kontakte im schulischen Umfeld verglichen mit über 15% bei Kontakten im Haushalt. Dies ist weitgehend unabhängig davon, ob es sich bei den infizierten Menschen um SchülerInnen oder LehrerInnen handelt. Das Risiko für Kontakte aus dem Haushalt, zu einem vom Gesundheitsamt erfassten Fall zu werden, hat sich im Verlauf der Pandemie erhöht, während dieses Risiko für Kontakte in der Schule sich nur wenig geändert hat, auch zu Zeitpunkten, in denen Teststrategien eingeführt wurden und neue Varianten dominant wurden. Der Großteil der sekundären Infektionen nach einer Infektion im Schulkontext erfolgt dabei in den Haushalten der infizierten SchülerInnen oder LehrerInnen. Andererseits findet aber der Großteil der Kontakte von infizierten SchülerInnen und LehrerInnen in den Zeiten, in denen die Schulen geöffnet sind, in der Schule statt.“

Maßnahmen zur Senkung des Infektionsrisikos in Schulen: „Eine Maskenpflicht ist einer der Faktoren, die mit einer deutlichen absoluten sowie (im Vergleich zur Bevölkerung) relativen Infektionsrisikoreduktion sowohl bei SchülerInnen als auch bei LehrerInnen im Landkreis einhergeht. Dieses Ergebnis besteht in unserer Analyse auch fort, wenn weitere Parameter, wie die Impfquote, die Auslastung der Schulen, Teststrategien, Urbanität des Landkreises sowie Deprivation des Landkreises einbezogen werden. Weiterhin spielt auch die Impfquote unter Erwachsenen für Reduktion des Infektionsrisikos in Schulen eine relevante Rolle. So haben Landkreise mit hoher Impfquote in der allgemeinen Bevölkerung ebenfalls verringerte Infektionsrisiken bei SchülerInnen und bei LehrerInnen.

Die von evidenzbasierten Leitlinien empfohlenen Maßnahmen wurden von Seiten der Länder nach Veröffentlichung unterschiedlich umgesetzt. Es zeigt sich eine deutliche Variation in der Interpretation und Umsetzung der von der S3-Leitlinie empfohlenen Maßnahmen. Diese Variabilität in der Umsetzung der Leitlinie hat sich in den Monaten September und Oktober noch verschärft.“

Weiter heißt es: „Wir fanden zwei Übersichtsarbeiten zu den Auswirkungen von schulischen Maßnahmen auf die SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen und in der Bevölkerung. Nicht-pharmazeutische Maßnahmen in Schulen wie das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, Händehygiene, Abstandhalten und Lüften sind in Deutschland und international bereits weit verbreitet und effektiv. In Bezug auf organisatorische Maßnahmen wurde insbesondere gezeigt, dass Gesichtsmasken, Handhygiene und allgemeine physische Distanzierung die Übertragung von SARS-CoV-2 reduzieren.

Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten, wie z. B. gestaffelte Ankunft, schrittweise Wiedereröffnung und Wechselunterricht, zeigten in Modellierungsstudien ebenfalls Wirkung auf die effektive Reproduktionszahl und die Anzahl der Infektionen. Strukturelle Maßnahmen umfassten Veränderungen, die die physische Distanzierung erleichterten, wie z. B. die Aufteilung des Schulhofs, der Abstand zwischen den Schulbänken sowie unterschiedliche Belüftungssysteme. Hier wurde ebenfalls festgestellt, dass die Übertragung von SARS-CoV-2 in der Schule reduziert wurde. Drittens wurden Überwachungsmaßnahmen in Bezug auf Tests und Rückverfolgung von Fällen und Kontakten bewertet. (…) Ein häufiges Screening auf SARS-CoV-2 in Schulen kann dazu beitragen, Schulen offen zu halten und über das aktuelle Infektionsrisiko bei SchülerInnen und Personal zu informieren.“

Welche Rolle spielen Schulen im gesamten Infektionsgeschehen? „Der Beitrag der Kontakte in der Schule zur Übertragung in der Gesamtbevölkerung ist keine statische Größe und schwankt im Rahmen der Pandemie Der Beitrag, den Kontakte mit in der Schule infizierten Menschen am Gesamtgeschehen in der allgemeinen Bevölkerung haben, hat sich über die Zeit verändert. Dies galt auch innerhalb der 3. Welle, in der wir den Beitrag in Infektionsmodellierungen zwischen 5 und 12% schätzen. Dieser Beitrag steigt seit KW 33 deutlich an und wird in den nächsten Wochen vermutlich über das Maximum der 3. Welle steigen.“

Was die Wissenschaftler empfehlen: „Schulen sollten Teststrategien beibehalten und Hygienemaßnahmen entsprechend der S3-Leitlinie in Abhängigkeit von der lokalen Infektionssituation zumindest bis Ende Frühjahr 2022 aufrechterhalten, inklusive Maskenpflicht und wie in der S3-Leitlinie empfohlen bei sehr hoher infektionsepidemiologischer Lage auch inklusive Verkleinerung von Lerngruppen.“ News4teachers

Hier geht es zu Teil 2 des Berichts.

Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.

Die KMK schweigt zum Skandal um vertuschte Studienergebnisse – und erklärt stattdessen die Schulen für sicher

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