Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.
BERLIN. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat die Corona-Pandemie in Deutschlands Schulen für beendet erklärt: Schulschließungen werde es nicht mehr geben, so beschloss das höchste schulpolitische Gremium der Bundesrepublik Deutschland. Wow. Seit über einem Jahr nun staunt man als Beobachter über das Maß an Realitätsverweigerung durch die Bildungsminister (Bildung, sic!) in Deutschland – und immer wieder schafft es die KMK, noch einen draufzusetzen. Was kommt als nächstes? Wird bald der Sieg bei PISA verkündet?
Erst wurde behauptet, dass Kinder sich praktisch nicht anstecken und Infektionen nicht weitergeben. Dazu wurde der Slogan „Kinder sind keine Treiber der Pandemie“ erfunden, um damit zu rechtfertigen, dass für Schüler die Abstandsregel und für Schulen die RKI-Empfehlungen nicht gelten müssen. Zwischenzeitlich beteuerten Kultusminister allen Ernstes, Infektionen würden in Schulen „hineingetragen“ (was sonst? Fledermäuse werden selten in Schulküchen zubereitet). Lehrkräfte und Erzieher wurden zu Infektionsquellen ernannt, offene Fenster im Winter als „Lüftungskonzept“ verkauft. Gipfel des Unsinns: Einige Bildungsminister erklärten noch vor kurzem, dass weit offene Schulen – Simsalabim – die Corona-Epidemie in Deutschland sogar bremsen würden.
Das alles wäre auf eine groteske Art lustig, wenn die Folgen nicht so traurig wären: Das Beharren auf offene Kitas und Schulen im Herbst 2020, obwohl längst Hunderte von Ausbrüchen in den Bildungseinrichtungen registriert wurden, hat vermutlich Tausende von Menschen in Deutschland das Leben gekostet. In jedem Fall kam die zweite Welle so ins Rollen, stürzte kleine Betriebe aus Handel und Gastronomie, die Kultur und den Sport in Täler der Tränen (obwohl dort oftmals die AHA-L-Regeln penibel eingehalten wurden), während die Kitas und Schulen (ohne Einhaltung der AHA-L Regeln) für sicher erklärt wurden. Mittlerweile 34 Erzieher/Lehrkräfte starben nach offiziellen Angaben Corona-infiziert, wodurch sich noch kein Kultusminister zu einer Beileids- oder Respektsbekundung veranlasst sah.
Die trieben lieber den Irrsinn voran. Sachsen zum Beispiel hat im Mai 2020 als erstes Bundesland die Kitas und Schulen wieder weit geöffnet – und musste im Herbst aufgrund monströser Infektionszahlen als erstes seine Kitas und Schulen wieder schließen, bevor dasselbe Spiel in diesem Frühjahr von neuem begann. Das Resultat solcher Ignoranz: Der Freistaat verzeichnet fast fünfmal so viele Corona-Tote auf 100.000 Einwohner (244) wie Schleswig-Holstein (55). Wie Sachsen-Anhalt zeigt – immerhin nach Sachsen und Thüringen (200) auf Platz drei (154) der Horrorliste –, lassen sich trotz einer solch verheerenden Corona-Bilanz Wahlen gewinnen.
Die Notbremse des Bundes, die schließlich die dritte Welle gebrochen hat, geht mit Kanzlerin Angela Merkel in den Ruhestand
Das haben die Kultusminister, ansonsten eher lernunwillig, jetzt aber sofort aufgesogen. Und haben die Corona-Pandemie, ganz auf der Linie der ostdeutschen Ministerpräsidenten, für nebensächlich/beendet/nicht existent erklärt. Die gegen ihren ausdrücklichen Willen beschlossene Notbremse des Bundes, die schließlich die dritte Welle gebrochen und Deutschland damit vor einer noch viel größeren Katastrophe bewahrt hat, geht mit Kanzlerin Angela Merkel in den Ruhestand. Damit ist die Bahn endgültig frei für alle Corona-Folgen-Leugner unter den Regierenden. Das verheißt nichts Gutes für das nächste Schuljahr.
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer (nochmal zur Erinnerung: 240 Corona-Tote auf 100.000 Einwohner – der Weltmeister in dieser Kategorie, Ungarn, schafft auch nur 300) verkündete bereits via „Bild“, „das Recht der Kinder auf Bildung war durch die überzogene Bundesnotbremse unter die Räder gekommen. Das darf nicht wieder passieren.“ Und genau das ist jetzt die Linie der Kultusministerkonferenz.
Wir wissen nicht, ob sich das Coronavirus in Kitas und Schulen ausbreiten wird, wenn die meisten Erwachsenen – die meisten Kinder und Jugendlichen aber nicht – geimpft sind. Wir wissen auch nicht, wie sich mögliche Mutationen auf das Infektionsgeschehen auswirken (in Großbritannien aktuell überaus ungünstig). Wir wissen ebenfalls wenig über Spätfolgen von Corona-Infektionen bei Kindern. Die KMK weiß das allerdings, anders als die Wissenschaft, schon: nein/gar nicht/vernachlässigbar, so lauten implizit die Antworten der höchsten bildungspolitischen Instanz in Deutschland auf diese Fragen. Im KMK-Beschluss liest sich das dann so: «Wir werden alle für einen dauerhaften Regelbetrieb und die Vermeidung weiterer Schulschließungen kämpfen.»
Nicht mal 100 Euro pro Kind, die Luftfilter in Schulen und Kitas kosten würden, ist der Gesundheitsschutz der Jüngsten wert
Wie gehabt: Von einem Kampf für die Gesundheit von Schülern und Lehrkräften, für Bildung – womöglich gar für die besondere Förderung der Kinder und Jugendlichen, die in der Pandemie unter die Räder gekommen sind – ist keine Rede. Nicht mal 100 Euro pro Kind, die Luftfilter in Schulen und Kitas kosten würden, ist den Landesregierungen der Gesundheitsschutz der Jüngsten wert, während für die Rettung der Lufthansa neun Milliarden Euro herausgehauen wurden. Was für ein Armutszeugnis.
Dafür hat die Kultusministerkonferenz im Lauf der Pandemie neue Maßstäbe gesetzt in Sachen „alternativer Fakten“ (ein Begriff, mit dem einst die Pressesprecherin von US-Präsident Donald Trump ihre Lügen verbrämte). Darauf lässt sich aufbauen. Wie wäre es denn, liebe Kultusminister? Unsere Vorschläge: „Die 16 Bundesländer – besser lässt sich Bildung nicht machen!“ „Deutsche Schulen – Digitalisierungsweltmeister!“ Oder: „Deutschland – endlich Sieger bei PISA!“ News4teachers
Der Journalist und Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek beschäftigt sich seit 25 Jahren professionell mit dem Thema Bildung. Er ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – eine auf den Bildungsbereich spezialisierte Kommunikationsagentur, die für renommierte Verlage sowie in eigener Verantwortung Medien im Bereich Bildung produziert und für ausgewählte Kunden Content Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen.
In eigener verlegerischer Verantwortung bringt die Agentur für Bildungsjournalismus tagesaktuell News4teachers heraus, die reichweitenstärkste Nachrichtenseite zur Bildung im deutschsprachigen Raum mit (nach Google Analytics) im Schnitt mehr als einer Million Lesern monatlich und einer starken Präsenz in den Sozialen Medien und auf Google. Die Redaktion von News4teachers besteht aus Lehrern und qualifizierten Journalisten. Neben News4teachers produziert die Agentur für Bildungsjournalismus die Zeitschriften „Schulmanager“ und „Kitaleitung“ (Wolters Kluwer) sowie „Die Grundschule“ (Westermann Verlag). Die Agentur für Bildungsjournalismus ist Mitglied im didacta-Verband der Bildungswirtschaft.
Hier geht es zur Seite der Agentur für Bildungsjournalismus.
Haarsträubende Behauptungen und windige Quellen: Was Kultusminister erzählen
